BLKÖ:Magyar, Ladislaus

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 16 (1867), ab Seite: 273. (Quelle)
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Magyar, Ladislaus (ungarischer Reisender, geb. zu Theresiopel in Ungarn im Jahre 1817). Die Jugendgeschichte dieses merkwürdigen Reisenden hüllt sich in einen geheimnißvollen Schleier. Wenigstens melden die über ihn lautgewordenen Nachrichten, daß er aus Familienrücksichten unter dem Namen Horváth in Pesth erzogen worden sei, ohne jedoch hinzuzufügen, welcherlei Art diese Familienrücksichten gewesen seien, daß eine Verhüllung seines wahren Namens nöthig geworden. Von einem unstillbaren Drange, die Welt zu sehen, getrieben, begab er sich im Jahre 1842 nach Fiume und bereitete sich in der dortigen Marineschule für den Seedienst vor. Zwei Jahre später trat er bereits als Schiffscapitän in nordamerikanische Dienste und bereiste in dieser Eigenschaft einen großen Theil der Welt, vornehmlich aber Indien. Nachdem er auf diese Weise zwei Jahre zugebracht und auf den südamerikanischen Inseln der Krieg ausgebrochen war, nahm er 1844 als Seeofficier brasilianische Dienste und machte die Kämpfe zwischen Rosas und der Republik Uraguay mit. Bekanntlich mischten sich England und Frankreich in jenen Streit, Magyar gerieth in Gefangenschaft und wurde durch ein englisches Kriegsgericht zum Tode verurtheilt. Einem höheren französischen Officier gelang es mit schwerer Mühe, ihn zu retten, und dieß geschah nur unter der Bedingung, daß M. gelobte, niemals in amerikanische, französische oder englische Dienste zu treten. Hierdurch genöthigt, begab er sich 1847 in die portugiesischen Colonien an der Westküste von Afrika und wurde Obercommandant der Flotte des an der Küste von Calabar herrschenden Negerkönigs. Aber das Klima der Aequatorgegenden sagte ihm wenig zu und er war genöthigt, [274] seinen Dienst aufzugeben. Da kam ihm in den Sinn, Entdeckungsreisen zu machen. Die Lage von Calabar an dem Meerbusen von Guinea und durch den von den Portugiesen getriebenen Sklavenhandel in steter Verbindung mit den Hinterländern des südlichen afrikanischen Continents, ließ ihm diesen Ort als einen günstigen Ausgangspunct erscheinen, um von hier aus Reisen in das Innere zu unternehmen und das über diesen Gegenden schwebende geheimnißvolle Dunkel allmälig zu lüften. Er hatte sich bald über sein Vorhaben einen Plan gemacht und ging nun mit bewundernswerther Consequenz, allen Hindernissen, die sich ihm etwa entgegenstellten, Trotz bietend, an dessen Ausführung. Vorerst erlernte er mehrere Sprachen und Dialekte der Neger, dann begab er sich nach Benguela und im Jänner 1849 nach Bihé, einer portugiesischen, 60 deutsche Meilen von Benguela im Innern des Landes gelegenen Handelsstation. Aber seine Hilfsquellen waren erschöpft und er sah ein, daß er ohne besondere Unterstützung seine Aufgabe nicht lösen könne. Bald war sein Entschluß gefaßt. Er suchte und fand die Gunst der schwarzen Majestät, und heirathete die Tochter des Herrschers von Bihé, Innakuluozaru, eine schwarze Prinzessin von hoher schlanker Gestalt und mit schönen weißen Zähnen. Das Kostbarste für ihn, den man nun Ingomego nannte, war die Aussteuer, sie bestand aus 300 bewaffneten Kriegern, mit denen er frei verfügen konnte. Sie waren ihm sehr willkommen, denn nun konnte er sich furchtlos seiner Reiselust hingeben. Da selbst in jenen culturlosen Gegenden die Nachrichten durch Hörensagen sich rasch verbreiten, so wußte man weit und breit von ihm und nur so konnte er in Gegenden dringen, die noch nie der Fuß eines Europäers berührt hatte. Am 20. Februar 1850 trat er von Bihé aus seine Entdeckungsreisen an, und zwar in Begleitung seiner Gemalin und der oberwähnten bewaffneten Krieger, und begann nun ganz Südafrika nach allen Richtungen zu durchforschen. Die Quelle seines geringen Einkommens war das Elfenbein, das er von Bihé aus nach Europa und Nordamerika verhandelte. Mehrere Jahre war er nach diesem Zeitpuncte für seine Angehörigen verschollen, bis eine vom 23. December 1853 datirte Mittheilung von ihm an die Seinigen gelangte. Sie kam aus Central-Ohila, einem bis dahin unbekannten Orte im Innern Südafrikas (16° südl. Br., 15° 20′ östl. L. v. Gr.), und aus derselben ergab sich, daß er erschöpft von Beschwerden, an einer hartnäckigen Augenkrankheit leidend, schwer krank darniederlag. Seine Gesundheit war zerrüttet und er in Folge klimatischer Verhältnisse stark gealtert. Er hatte das Innere von Südafrika vom 4.° bis 22.° südlicher Breite und vom 12.° bis 34.° östlicher Länge, also gerade diejenigen Länder durchreist, welche in Europa fast gänzlich unbekannt sind. Er hatte dort viele große und bevölkerte Länder gefunden, deren Namen auch noch nirgends verzeichnet standen; er hatte Alles durchforscht, Gebirge und Flüsse aufgenommen und seine Forschungen auf einer Karte verzeichnet, die, wenngleich nicht auf astronomische Beobachtungen basirt – dazu fehlten ihm die nöthigen Instrumente – so doch nach dem Urtheile der Londoner geographischen Gesellschaft über die ihr vorgelegten Bruchstücke, an Echtheit und Zuverlässigkeit jedenfalls ähnliche Arbeiten der Missionäre übertrifft. Magyar schrieb damals um Geld zur Heimreise, um dann eine Beschreibung seiner Reisen herauszugeben. Leider [275] ist die Beschreibung seiner Congoreise ihm verloren gegangen. Aber die an seine Angehörigen in Theresiopel gerichteten Briefe enthalten manche Schilderungen, welche nothdürftig den Inhalt des verlorenen Manuscriptes ersetzten. Eine Karawane, welche jährlich von Bihé aus nach den am Meere liegenden portugiesischen Besitzungen abgeht, hatte immer seine Briefe mitgenommen und von dort gelangten sie über Lissabon an die Seinen. Er schrieb diese Briefe wie auch die wissenschaftliche Darstellung seiner Reisen in magyarischer Sprache, in welcher auch ihre Veröffentlichung stattfinden sollte. Er schildert eingehend die Einzelnheiten im Innern Afrika’s, besonders jenen mysteriösen See, der sich beinahe in der Mitte jenes ungeheuren Tafellandes befinden soll. das als eine Hochebene das Innerste Afrika’s bildet. Dieser See ist, wie er ihn schildert, mit dem überraschendsten und fremdartigsten Pflanzenwuchse bedeckt, und mehrere Flüsse verbreiten sich daraus nach verschiedenen Richtungen und befruchten die angrenzenden Länder. Jedoch ist das Klima ihm, dem Europäer, so feindlich, daß er, obgleich erst 35 Jahre alt, ganz ergraut ist und ein bejahrter Greis zu sein scheint. Des häuslichen Glückes jedoch scheint er nicht zu ermangeln, denn er hat – in seiner neuen Heimat ist die Vielweiberei zu Hause – von seinen verschiedenen Frauen bereits über 50 Kinder. Seine oberwähnte Absicht, in die Heimat zu reisen, hatte M. später geändert. Bei seiner damaligen Rückkehr nach Bihé war er in Loando mit den portugiesischen Behörden in nähere Beziehungen getreten. Das portugiesische Gouvernement, von der Wichtigkeit seiner Entdeckungen überzeugt, hatte ihm einen höheren Beamtenposten mit dem Range eines Majors und einer entsprechenden Besoldung gegeben. Magyar aber übernahm dafür seinerseits die Verpflichtung, ausführliche Berichte seiner Reisen, mit Karten begleitet, abzufassen und nächstdem der portugiesischen Regierung den besten Weg anzugeben, durch den die portugiesischen Besitzungen an der West- und Ostküste Afrika’s in Verbindung gesetzt werden könnten. Bereitwillig hat ihm die Regierung die officielle Publicirung des Werkes und zwei Drittheile des Reinertrages zugesichert. M. ist auch seiner Verpflichtung nachgekommen und hat im Jahre 1859 den ersten Theil seines Werkes geliefert. Ursprünglich, wie schon oben gemeldet, in magyarischer Sprache verfaßt, wurde zugleich eine deutsche Ausgabe veranstaltet, welche unter dem Titel: „Reisen in Süd-Afrika in den Jahren 1849–1857, von Ladislaus Magyar. Aus dem Ungarischen von Johann Hunfalvy“, erster Band (Pesth und Leipzig 1859, mit 1 Landkarte u. 8 Lithographien, XII u. 450 S. 8°.) erschienen ist. Nach dem ersten Bekanntwerden der von Magyar gemachten Entdeckungen hatten sich Zweifel an deren Echtheit und Richtigkeit erhoben; jedoch alle Zweifel schwanden sofort, sobald die ersten Bruchstücke seiner Reise von der Londoner geographischen Gesellschaft und den bekannten Petermann’schen „geographischen Mittheilungen“ veröffentlicht wurden. Seine Mittheilungen fesselten ebenso durch Reiz und Gewandtheit der Darstellungen, als wie durch eine Fülle wissenschaftlicher Ergebnisse. In England, wo an dergleichen Arbeiten der Maßstab strengster Kritik gelegt zu werden pflegt, gestand man dem Werke Wahrheit, Genauigkeit der Angaben und den Reiz der Neuheit zu. M. ist bedeutend weiter als irgend einer seiner Vorgänger, Livingstone, [276] Paillard, nach den unfern der Ostküste und südlich des Aequators gelegenen großen Seen in das Innere vorgedrungen. Er selbst gruppirt seine Entdeckungsreisen folgendermaßen: 1) in die Kimbundaländer zwischen dem 8.° und 18.° südlicher Breite und dem 11.° und 19.° östlicher Länge; 2) in die Mun-gan-guellaländer zwischen dem 3.° und 11.° südlicher Breite und 19.° und 27.° östlicher Länge (v. Gr.); 3) in die verschiedenen Mambuellaländer zwischen den vorerwähnten Längegraden bis zum 20.° südlicher Breite. Die von Magyar in seiner Beschreibung festgehaltenen Gesichtspuncte sind die physische, politische, ethnographische und statistische Beschreibung dieser Länder. Diese letztere ist, wie ein Fachmann von Bedeutung schreibt, „einfach, anspruchslos und augenscheinlich getreu, in den Schilderungen der Landschaft und der Bewohner sehr detaillirt, dabei in mehr populärer Weise gehalten. Aber auch die höheren Ansprüche des Geographen bleiben nicht unbefriedigt, seine Mittheilungen enthalten eine Fülle des Interessanten und Neuen. Die Energie eines Mannes aber, der jahrelanges Streben, die Genüsse der Civilisation, Gesundheit und Familienglück zum Opfer brachte, um seinen Namen unter die großen Entdecker der Neuzeit einzureihen, verdient gewiß Bewunderung. Uebrigens theilte Magyar mit allen „Propheten im Vaterlande“ das gleiche Los“. Von seinen Reisen, den bedeutendsten seit Rußegger, die ein Oesterreicher gemacht, nahm man gerade in Oesterreich kaum Notiz, während englische, französische und portugiesische Journale über den kühnen Erforscher Congo’s zahlreiche Nachrichten brachten. Was den naturgeschichtlichen Theil seiner Beschreibung betrifft, so muß hier zur Vermeidung von Irrungen auf einen Umstand besonders aufmerksam gemacht werden. Magyar ist kein Naturforscher, er hat also die Thiere und Pflanzen Congo’s mit jenen Namen bezeichnet, die in Brasilien solche Gegenstände erhalten, die ihm am ähnlichsten schienen. Es wäre sonach nicht rathsam, hieraus auf die Identität der Pflanzen und Thiere beider Länder zu schließen. M. hatte die Absicht, Europa zu besuchen, doch mag er dieses Vorhaben aufgegeben haben, da er neue Verpflichtungen mit dem portugiesischen Gouvernement eingegangen. Auch trägt sich sein ruheloser Geist mit neuen Entdeckungsreisen, wobei seine in Afrika gegründeten Familienverhältnisse, seine zahlreiche abgerichtete Dienerschaft ihm nicht wenig zu Statten kommen und ihm die Ausführung seiner Absichten wesentlich erleichtern. Auch ist er nicht müssig, die ihm noch nöthigen Kenntnisse sich anzueignen. Begabt mit seltenen Talenten, hat er viele der in Afrika gesprochenen Dialekte sich angeeignet, was ihm auf seinen Reisen wohl von großem Nutzen war. Um die ihm fehlenden Kenntnisse in der Astronomie sich anzueignen, begab er sich nach der afrikanischen Capstadt und nahm dort einen Cursus in dieser Wissenschaft. Seit Jahren bereits fehlen Nachrichten von dem kühnen Reisenden und auch der in Aussicht gestellte 2. und 3. Band seiner Reisen, womit das Werk geschlossen wäre, lassen auf sich warten. Der letzte an die ungarische Akademie gerichtete Brief war vom 28. December 1861 datirt, M. gibt darin Nachricht, daß er, nachdem der erste Band seiner Reisen im Drucke bereits fertig sei, die zwei folgenden demnächst schicken wolle. Auch schickte er Mittheilungen über die Länder Munda-Erambo, Lungo und Kabota.

Triester Zeitung 1855, Nr. 84 und 1856, Nr. 30. – Abendblatt der Wiener Zeitung [277] 1857, Nr. 247: „Ladislaus Magyar, der ungarische Reisende“. – Transylvania (Hermannstädter Zeitung, gr. 4°.) 1856, Nr. 19: „Erforschung Inner-Afrikas durch L. Magyar“. – Pesth-Ofner Zeitung 1860, Nr. 204, 208 u. 210: „Ladislaus Magyar’s Entdeckungen und Erlebnisse im westlichen Südafrika“ (1849–1857). – Pesther Lloyd 1856, Nr. 28 u. 84. – Pesth-Ofner Zeitung 1857, Nr. 275. – Didaskalia (Frankfurter Blatt, 4°. ) 1859, Nr. 91: „L. Magyar’s Reisen in Afrika“. – Weser Zeitung 1857, Nr. 4264. – Wiener Courier 1856, Nr. 161. – Wanderer (Wiener politisches Blatt. Fol.) 1856, Nr. 52. – Das Ausland (Stuttgart, Cotta) 1856, Nr. 96. – Männer der Zeit. Biographisches Lexikon der Gegenwart (Leipzig 1860, Karl B. Lorck, 4°.) I. Serie, Sp. 776. – Bohemia (Prager Blatt, 4°.) 1856, Nr. 31. – Du Chaillu-Magyar-Andersson. Die neuesten Entdeckungsreisen an der Westküste Afrika’s. Bearbeitet von Hermann Wagner (Leipzig 1863, Spamer, mit 100 Abbildungen im Texte, 5 Tonbilder und 2 Karten). – Erdelyi Muzeum, d. i. Siebenbürgisches Museum 1856, Nr. 8: „Magyar László“, – Unsere Zeit (Leipzig, Brockhaus, Lex. 8°.) Bd. V, Sp. 721. – Nagy (Iván), Magyarország családai czimerekkel és nemzékrendi táblákkal, d. i. Die Familien Ungarns mit Wappen und Stammtafeln (Pesth 1860, Moriz Ráth, 8°.) Bd. VII, S. 240 u. f. [Nagy gibt noch über mehrere andere ungarische Adelsfamilien, welche den Namen Magyar führen, Nachrichten.] – Petermann’s Geographische Mittheilungen (Gotha, Justus Perthes, 4°.) Jahrg. 1856, S. 36: „Erforschung Inner-Afrika’s“; 1857, S. 184: „Magyar’s Reise auf dem Congo 1848“; S. 191: „Magyar’s Reise nach Kámba und dem mittleren Kunene 1852“; S. 439: „M.’s beabsichtigte Rückkehr und sein Reisewerk“; S. 149 u. 540: „Nachrichten über Ladislaus Magyar“; 1858, S. 169: „M.’s beabsichtigte Rückkehr und sein Reisewerk“; 1859, S. 276: „M.’s Reisen in Süd-Afrika“; 1869, S. 227: „Erforschung von Moluwa, Moropu und Lobal; S. 44: „Neue Nachrichten und Mittheilungen von Magyar; S. 114: „Magyar über die Seen und Flüsse Süd-Afrika’s“; S. 234; „Vokabulare des Moluwa und Ka-lobar“; 1862, S. 482: „Neue Nachrichten und Mittheilungen von Magyar“.