BLKÖ:Natterer, Johann (II.)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Natterer, Johann (I.)
Band: 20 (1869), ab Seite: 101. (Quelle)
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Natterer, Johann (II.) (Arzt und Naturforscher, geb. zu Wien 13. October 1821). Ein Neffe des berühmten gleichnamigen Reisenden [s. d. Vorigen]. [Da sich die Taufnamen in dieser Naturforscherfamilie wiederholen, wird in der Anmerkung zum leichteren Verständnisse eine kleine Stammtafel[1] mitgetheilt.] Sein Vater Joseph, ein Bruder des Reisenden, machte mit diesem gemeinschaftlich die Studien, wurde nach deren Vollendung im Jahre 1804 Aufsehers-Adjunct im kais. Naturaliencabinete, 1806 Aufseher und 1810 Custos. Auch er war wie sein Bruder ein erfahrener Ornitholog, ein geschickter Präparator und vortrefflicher Jäger. Sein älterer Sohn Johann besuchte die Schulen in Wien, widmete sich dann dem Studium der Medicin, erlangte die medicinische Doctorwürde und begann darauf in Wien die ärztliche Praxis. Seit 1851 lebt Dr. N. als praktischer Arzt im Bezirke Leopoldstadt und beschäftigt sich neben seiner Praxis mit theoretischen Untersuchungen über die Natur der verschiedenen Luftarten. Bald, nachdem die merkwürdige Erfindung Daguerre’s aufgehört hatte, Geheimniß des Einzelnen sein, unternahm auch N. im Jahre 1841 zugleich mit seinem Bruder Joseph Versuche, und es gelang beiden eine Erfindung, durch welche sie die Empfänglichkeit der Silberplatten – die Photographie, d. i. die Aufnahme der Lichtbilder auf Papier, kam erst[WS 1] später auf – auf den höchsten Grad zu steigern im Stande waren, so daß mit den von ihnen präparirten Platten bei gewöhnlichem Lampenlichte reflectirte Bilder erzeugt werden konnten, daß bei trübem Wetter die Aufnahme eines Objectes in fünf bis sechs Secunden, bei hellem Tage im Schatten in zwei Secunden und im Sonnenschein augenblicklich erfolgte. Im J. 1844 gelang es ihm nach mannigfachen Versuchen, Kohlensäure in flüssigem Zustande darzustellen, eine Erfindung, die nur nach seiner Methode allgemein angewendet wird. Von seinen interessanten Untersuchungen über die Compression der permanenten Gase und das Mariotte’sche Gesetz hat er in den Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, mathem. naturwissensch. Classe (Bd. V, S. 351 u. f.; Bd. VI, S. 557, u. Bd. XII, S. 109 u. f.), ausführlichen Bericht erstattet. Außerdem veröffentlichte er in Poggendorff’s „Annalen der [102] Chemie und Physik“: „Leichte Methode, Kohlensäure und Stickgasoxydul in den flüssigen Zustand zu versetzen“ (Bd. LXII, 1844), und in Böttger’s „Polytechnischem Notizblatte“: „Neues photographisches Verfahren“ (1852, Nr. 3). Als im Jahre 1861 nach dem Umschwunge der durch das Kriegsjahr 1859 angebahnten inneren politischen Verhältnisse des Kaiserstaates das Selbstbestimmungsrecht der Gemeinde durch Vertreter aus freier Wahl zur Geltung kam und sich auch die Großcommune Wien in solcher Weise constituirte, wurde N. im zweiten Wahlbezirke der Stadt Wien (Leopoldstadt) zum Gemeinderathe gewählt. – Sein Bruder Joseph, der auch die in der ganzen Familie Natterer vorherrschende[WS 2] Liebe für Naturwissenschaften besaß, trat in die Fußtapfen seines verewigten Oheims Johann und machte Reisen. Früher arbeitete er mit seinem vorerwähnten Bruder Johann gemeinschaftlich in Versuchen in der Daguerreotypie. Im denkwürdigen Jahre 1848 erwarb er sich das Anrecht auf bleibende Erinnerung, indem er durch sein energisches Auftreten gegen den fanatisirten und durch Emissäre verführten Pöbel Wiens die Franzensstatue auf dem inneren Burgplatze sowie das naturhistorische Museum vor Vernichtung rettete. Im September 1855 ging er auf Reisen, und zwar ging diese erste Reise nach Nubien und Central-Afrika. Im Jahre 1858 kehrte er von derselben zurück in Begleitung mehrerer für die kais. Menagerie in Schönbrunn erworbener Thiere, von denen außer einer Menge seltener Affen und Vögel vier prachtvolle Löwen, zwei Gueparde, eine Antilope, ein paar wilde Esel lebend an ihren Bestimmungsort gelangten. Eine große Boa Constrictor starb auf der Ueberfahrt von Alexandrien nach Triest. In einiger Zeit kehrte er wieder in den Orient zurück und versah zuletzt die Stelle eines Consulatsverwesers zu Chartum in Mittel-Afrika. Dort war es ihm gelungen, wie er an seine Angehörigen nach Wien berichtete, durch eine glückliche Speculation ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwerben, mit dem er nach Europa zurückzukehren und dort ausschließlich der Wissenschaft zu leben gedachte. Aber seit längerer Zeit von einem schleichenden Fieber ergriffen, wurde er zuletzt ein Opfer desselben. Er starb zu Chartum am 17. December 1862 in den besten Jahren. Einige Jahre später, im September 1867, wurde ihm auf dem Friedhofe der Missionsstation zu Chartum von seinem Bruder Johann ein Denkmal errichtet. Dasselbe, in der Salm’schen Gießerei zu Blansko gegossen, wurde am 26. September g. J. feierlich aufgestellt und bildet den Gegenstand abergläubischen Staunens der Eingebornen. Der auf der Höhe des Denkmals befindliche geflügelte Engel erscheint ihnen als ein Götzen, und von der Ferne kommen die Eingebornen zu dem Grabe gezogen, von dessen Denkmal sie erwarten, es werde Wunder thun.

Die Väter der Großcommune Wien, hervorgegangen aus der freien Wahl und dem Vertrauen ihrer Mitbürger im Jahre 1861. Von Moriz Bermann und Franz Evenbach (Wien 1861, Keck u. Comp., 8°.) S. 24. – Poggendorff (J. C.), Biographisch-literarisches Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften (Leipzig 1859, Barth, gr. 8°.) Bd. II. Sp. 255. – Theater-Zeitung, herausg. von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) 51. Jahrg. (1858), Nr. 157: „Dr. Natterer“. – Neu-Wien (Wiener Localblatt, 4°.) 1858, Nr. 25. – Fremden-Blatt von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1863, Nr. 36; 1867, Nr. 307. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1867, Nr. 1146. – Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1867, [103] Nr. 307. –

  1. Natterer † [S. 96, im Texte],
    kais. Falkenier in Laxenburg.
    Joseph (I.) [S. 101, im Texte]
    geb. 7. October 1786, †
    Johann (I.) [S. 96]
    geb. 9. November 1787,
    † 17. Juni 1843.
    Maria do Rego †.
    Johann (II.) [S. 101]
    geb. 13. October 1821,
    Arzt und Gemeinderath
    in Wien.
    Joseph (II.)
    [S. 102, i. T.],
    kais. Consulats-Verweser
    in Chartum,
    † 17. December
    1862.
    Gertrude
    vm. Julius Schröckinger
    Ritter von Neudenberg.
    Noch zwei
    Kinder
    jung †.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: er.
  2. Vorlage: vorherschende.