BLKÖ:Pfizmaier, August

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Pflauder, Peter
Band: 22 (1870), ab Seite: 193. (Quelle)
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Pfizmaier, öfter auch Pfitzmayer, August (Sinolog, geb. zu Karlsbad in Böhmen 16. März 1808). Sein Vater, ehemals in Diensten des Lord Findlater, dem Karlsbald seine ersten Verschönerungen verdankt, war später Gastwirth daselbst. Der Sohn besuchte die Stadtschule, mußte aber frühzeitig seinem Vater in den Geschäften des Hotels an die Hand gehen. Im Alter von eilf Jahren wurde er endlich nach Dresden geschickt, um dort seine Studien – als Koch – zu vollenden. Nach Anderen wäre er dort in das Privat-Institut des Hofraths Philippi gekommen, wo seine Liebe zu den Wissenschaften erwachte und er den Entschluß faßte, sich fortan denselben zu widmen. Nach einem dreijährigen Aufenthalte in Dresden kehrte er in seine Heimat zurück und kam zuerst nach Pilsen, wo er das Gymnasium besuchte und wo zuerst jenes erstaunliche Talent für Sprachen sich entwickelte, welches bei ihm später zu einer förmlichen Leidenschaft wurde. Durch Selbststudium eignete er sich die genaue Kenntniß der englischen, französischen und italienischen Sprache an, ging dann zum Dänischen und Russischen über und studirte mit großer Vorliebe Altgriechisch. So hatte er schon damals, mit Ausnahme des Ungarischen und der slavischen Dialekte die übrigen europäischen Sprachen so weit inne, um die in denselben geschriebenen wissenschaftlichen und literarischen Werke verstehen zu können. Im Jahre 1827 begann er nach Viegnier’s veralteter (aus dem Jahre 1790) und ziemlich unvollständiger Grammatik das Studium des Türkischen, wobei ihm nur die Benützung jener türkischen Bücher offen stand, welche eben die daran nicht zu reiche Prager Universitäts-Bibliothek besaß. Diese gelehrten linguistischen Beschäftigungen erschienen aber dem auf’s Praktische gerichteten Vater nichts weniger als erbaulich, da von einem Gelderwerbe dabei keine Rede sein konnte. Dazu gesellte sich noch der Umstand, daß Pfizmaier’s Versuch, Aufnahme in der Wiener orientalischen Akademie, auf die er gehofft, zu erwirken, erfolglos geblieben war. Da nun der Vater auf Ergreifung einer Brotwissenschaft drang, entschied sich P. für das Studium der Rechte, mit dem es aber auch nicht recht vorwärts wollte, worauf er es endlich mit der Medicin versuchte, die er denn auch im Jahre 1845 an der Prager Hochschule glücklich beendete. Nun kehrte er nach Karlsbad zurück, angeblich, um dort seine ärztliche Praxis anzutreten, in Wahrheit, um mit allem Eifer den Sprachstudien obzuliegen. Er trieb nun zunächst Arabisch, später auch Koptisch, worauf ihn der Verkehr mit einigen damals in Karlsbad weilenden Egyptiern hinleitete. Endlich war es ihm gelungen, auch den letzten Zwang bezüglich seiner medicinischen Praxis abzuschütteln und im J. 1838 übersiedelte er nach Wien, wo er sich in die orientalischen Schätze der kaiserlichen Bibliothek vergrub und schon nach einem Jahre mit der Uebersetzung eines türkischen Manuscriptes: „Die Verherrlichung der Stadt Bursa“ öffentlich auftrat. [Die Titel seiner Werke und wichtigeren linguistischen Abhandlungen folgen S. 194 u. 195.] Seine Absicht, ein Journal: „Das literarische Morgen- und Abendblatt“, zu gründen, zu dessen Herausgabe er im Jahre 1840 von der Regierung die Bewilligung erhalten hatte, [194] scheiterte an der Theilnahmslosigkeit des Publicums, wohl aber noch mehr an dem Mangel geeigneter Mitarbeiter, deren ein solches, auf gediegener Sprachkenntniß beruhendes Unternehmen zunächst benöthigte. Er setzte somit unablässig seine sprachlichen Studien fort und betrieb nun in der nächsten Zeit das Schwedische und Holländische und ging dann zu den asiatischen Sprachen über, von denen Chinesisch, Mandschu und Japanesisch vorerst an die Reihe kamen. Seit der Zeit hat er das Studium dieser Sprachen mit einem Eifer und einer Ausdauer verfolgt, welchen die Wissenschaft eine Reihe der wichtigsten Aufschlüsse über die Geschichte und Culturgeschichte China’s und Japans und der mit denselben in unmittelbarer Verbindung stehenden Völker verdankt. Gefördert wurde P. in seinen Bestrebungen auch dadurch, daß es ihm gelang, die Regierung zu bewegen, in der Staatsdruckerei diejenigen Buchstaben des Tyrokana-Alphabets, die allgemein im Gebrauche sind, ausführen zu lassen, so daß es möglich wurde, in der Staatsdruckerei japanesische Werke mit beweglichen Typen zu drucken. Pfizmaier zeichnet sich von den meisten anderen Sprachkennern dadurch aus, daß er die verschiedenen Sprachen nicht nur liest, sondern auch in Prosa und Versen tadellos schreibt. Ein glänzendes Beispiel dieser außerordentlichen Fähigkeit gab er dadurch, daß er für de Carro, als dieser im Jahre 1829 eine Polyglotte: „Ode latine sur Carlsbad par le Baron Bohuslav Hassenstein de Lobkowitz“ in zwanzig Uebersetzungen herausgab, die türkische, welche selbst der berühmte Orientalist Hofrath von Hammer auszuführen abgelehnt hatte, in so vortrefflicher Weise besorgte, daß Hammer seine Bewunderung darüber äußerte. Der größte Theil von Pfizmaier’s sprachlichen und meist sinologischen Arbeiten ist in den Denkschriften und Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften phil. hist. Classe abgedruckt. Hier folgt eine Uebersicht seiner selbstständig erschienenen Werke und wichtigeren Abhandlungen, die in den vorbenannten akademischen Sammelwerken abgedruckt erscheinen. Für jene, welche die vollständige Uebersicht der in den akademischen Schriften abgedruckten Abhandlungen Pfizmaier’s wünschen, wird auf das jüngst erschienene „Verzeichniß sämmtlicher von der kais. Akademie der Wissenschaften seit ihrer Gründung bis letzten October 1868 veröffentlichten Druckschriften“ (Wien 1869, Druck und Verlag von Karl Gerold’s Sohn, 8°.), S. 204 bis 209, hingewiesen. Selbstständig sind von Pfizmaier bisher erschienen: „Lamy’y, die Verherrlichung der Stadt Bursa. Eine Reihe türkischer Gedichte. In’s Deutsche übertragen von – –“ (Wien 1839, Gerold, gr. 12°.); – „Grammaire Turque ou develloppement separé et methodique de 3 genres de style usités savoir l’Arabe, le Persan et le Tartare“ (Vienne 1847, Gerold, gr. 8°.); – „Sechs Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt. Ein japanischer Roman, im Originaltexte sammt den Facsimiles von 25 japanischen Holzschnitten übersetzt und herausgegeben“ (Wien 1847), eine englische Uebersetzung von W. G. Snethon Esq. erschien in „Literary world“, New-York Februar 1851; – „Wörterbuch der japanischen Sprache“, 1. Liefg. (Wien 1851, Fol.), bisher nicht fortgesetzt. In den Sitzungsberichten und Denkschriften phil. hist. Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften waren abgedruckt [195] und sind auch in Separatabdrücken erschienen: „Das Li-Sao und die neun Gesänge. Zwei chinesische Dichtungen aus dem dritten Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung“ (D.); – „Vocabularium“ der Aino-Sprache (D.); – „Die Geschichte des Reiches U“ (D.); – „Die ergänzte japanische Sage“. Zwei Abtheilungen (D.); – „Die chinesische Lehre von den Kreisläufen und Luftarten“ (D.); – „Erklärungen zu den Nachrichten von der Ankunft Fiko-fo-no-ni-ni-gi-no Mikoto’s in Japan“ (D.); – „Der Almanach der kleinbambusfarbigen Schalen. Ein Beitrag zur Kenntniß der Mundart von Jedo“ (D.); – „Beitrag zur Kenntniß der älteren japanischen Poesie“ (S.); – „Ueber den nichtslavischen Ursprung der etruskischen Sprache“ (S.); – „Beitrag zur Kenntniß der Aino-Poesie“. I., II., III. (S.); – „Untersuchungen über den Bau der Aino-Sprache“ (S.); – „Kritische Durchsicht der von Davidow verfaßten Wörtersammlung der Sprache der Ainos“ (S.); – „Der Redner Tschang-I und einige seiner Zeitgenossen“ (S.); – „Das Ereigniß des Wurmfraßes der Beschwörer“ (S.); – „Die Theogonie der Japaner“. I., II. (S.);– „Die Beherrscher Japans in dem Sagenzeitalter“, I., II. (S.); – „Die Auslegung zu den Nachrichten von den Söhnen des Gottes I-za-nagi“ (S.); – „Die Erklärung einer alten chinesischen Semiotik“ (S.); – „Die Erklärung der Sonnennachfolge in Japan“ (S.); – „Die Toxicologie der chinesischen Nahrungsmittel“ (S.); – „Die Sprache in den botanischen Werken der Japaner“ (S.); – „Die Pulslehre Tschang-ki’s“ (S.); – „Die chinesische Lehre von den regelmäßigen Pulsen“ (S.); – „Nachrichten von einigen alterthümlichen Gegenständen Japans“ (S.); – „Analecta aus der chinesischen Pathologie“ (S.); – „Zu der Sage von Fo-wo-de-mi-no Mikoto“ (S.); – „Die neuesten Leistungen der englischen Missionäre auf dem Gebiete der chinesischen Grammatik und Lexikographie“ (S.); – „Nachrichten von den alten Bewohnern des heutigen Corea“ (S.); – „Beiträge zur Geschichte der Perlen“ (S.); – „Reichthum und Armuth in dem alten China“ (S.); – „Beiträge zur Geschichte der Edelsteine und des Goldes“ (S.); – „Geschichtliches über einige Seelenzustände und Leidenschaften“ (S.). Außerdem eine ansehnliche Reihe von Notizen und Darstellungen zur Geschichte der chinesischen Reiche, einzelner Dynastien, Kaiser, Prinzen und Feldherren. Pfizmaier, der seit dem Jahre 1838 beständig in Wien lebt, ist am 1. Februar 1848 zum wirklichen Mitgliede der kais. Akademie phil. hist. Classe ernannt worden.

Carro (Jean de), Le docteur A. Pfitzmayer de Carlsbad, savant linguiste, professeur des langues turque et chinoise à Vienne (s. l. et a. ind. [Bruxelles 1850], 8°.). – Carro (Jean Chevalier de), Almanach de Carlsbad ou mélanges medicaux, scientifiques et litteraires, relatifs a ces thèrmes et an pays, 2de Année. – Frankl (Ludw. Aug.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) V. Jahrg. (1846), Nr. 23, S. 530: „August Pfitzmayer“. – Steger (Fr. Dr.), Ergänzungsblätter zu allen Conversations-Lexiken (Leipzig und Meißen 1850 u. f., Oscar Fr. Goedsche, gr. 8°.) Bd. I, S. 731. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Zweite Abthlg. Bd. III, S. 742. – Eduard Maria Oettinger gibt in seiner „Bibliographie biographique““ und in seinem „Moniteur des Dates“ den 10. März 1808 als P.’s Geburtsdatum an, während alle übrigen Quellen im 16. März d. J. übereinstimmen.