BLKÖ:Carro, Johann Ritter de

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Carriera, Rosalba
Band: 2 (1857), ab Seite: 295. (Quelle)
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Carro, Johann Ritter de (Arzt, geb. zu Genf 8. Aug. 1770, gest. 12. März 1857). Entstammt einem alten Patrizier-Geschlechte der Republick Genf, dessen Sprossen höhere bürgerliche und militärische Würden in der Heimat und Fremde bekleideten. Die Medicin studirte Carro[WS 1] in Edinburgh, wo er 1793 und drei Jahre später (1796) in Wien graduirt wurde. Dann kehrte er in seine Vaterstadt zurück, begab sich aber, um sich noch mehr in seiner Wissenschaft auszubilden, nach Wien, wo er Mitglied der medicinischen Facultät wurde. Im steten Verkehr mit England erfuhr er kaum Jenners Entdeckung, als er 1799 der erste, nicht nur in Oesterreich, sondern auf dem ganzen europäischen Continent die Vaccination einführte, und im nämlichen Jahre 10. Mai an seinen zwei ältesten Söhnen die ersten Impfversuche anstellte und zwei Monate später mit Menschenblatternstoffe die Gegenimpfung vornahm. Doch nicht Europa allein verdankt C. die Vaccination, die Türkei, Griechenland, die brittischen Niederlassungen in Ostindien und Persien u. s. w. erfreuen sich durch ihn dieser Wohlthat; die ostindische Compagnie und die Hospodare der Moldau und Wallachei ehrten Carro für [296] diesen wichtigen Dienst durch Uebersendung kostbarer Geschenke. Jenner im dritten Theile seines Werkes: „Continuation of facts ec. ec.“ (London 1800); erklärt selbst Carro als seinen ersten Apostel und würdigsten Jünger, und sandte ihm eine einfache silberne Dose mit der Inschrift: „Edward Jenner to Jean de Carro“. Als die Versuche der Engländer, den Impfstoff über See zu verpflanzen, fehlschlugen, schickte C. denselben zu Lande über Wien nach Bagdad, Bassora, Bombay, und that aus diesem Anlaß den Ausspruch: „L’Europe a été vaccinée et l’Asie equinée“, denn er hatte die ihm von Sacco mitgetheilte Pferdemauke dahin geschickt und günstigen Erfolg erfahren. Im J. 1805 erhielt er aus China eine Sendung Bergreis, ihm zu Ehren „Oryza mutica de Carro“ benannt, wovon die Anbauversuche in den dürren Gegenden Ungarns und der Lombardie vollkommen gelangen, die aber später ungeachtet der entsprechenden Resultate nicht fortgesetzt wurden. C. war es auch, der das im Jahre 1815 in England erfundene chirurgische Instrument der künstlichen Blutegel, welches, als echte Blutegel sehr selten geworden, mit Erfolg angewendet wurde, bei uns in Anwendung brachte. Im Jahre 1816 verpflanzte Carro die von Gales und d’Arcet in Paris erfundenen, bei Hautkrankheiten anwendbaren Räucherungskästen nach Oesterreich, wodurch er den Impuls zu den später an mehreren Orten entstandenen Dampfbad-Anstalten u. ganz vorzüglich zu jenen in Karlsbad gab; und im J. 1820 kam durch ihn die von Dr. Coindet zu Genf gegen den Kropf erfolgreich angewendete Jodine zu uns. Im J. 1826 mußte C. nach 33 Jahren med. Praxis aus Gesundheitsrücksichten seinen bisherigen Aufenthalt Wien aufgeben und in Karlsbad Linderung seiner Leiden suchen. Dort verblieb er nun und wirkte als Arzt, Badearzt und Schriftsteller unermüdet bis an sein Lebensende. Dr. Carro’s Thätigkeit in seiner neuen Stellung war eine vielseitige. Wir wählen nur einige Momente derselben. Das Vorurtheil, welches an eine schädliche Einwirkung des Karlsbader Wasser auf die Zähne glauben ließ, beseitigte de Carro, indem er 14 Tage lang Menschenzähne im Sprudel selbst versintern ließ, ohne daß ihr Schmelz an Weiße und Härte gelitten hätte. Im nämlichen Jahre erneuerte er mittelst eines auf einer lombardischen Kuh natürlich entstandenen Cow pox den Impfstoff in ganz Böhmen. Als im Jahr 1832 – C. zählte damals 62 Jahre – die Cholera in Prag wüthete, leistete er als Choleraarzt Dienste. Eine nicht minder ehrenvolle Stelle behauptete er damals als Topograph und Historiograph des Kurortes Karlsbad, der in ihm einen Forscher, Beobachter und Mittheiler gefunden, dessen sich kein zweiter Kurort zu erfreuen hat. – Unter seinen literarischen Arbeiten sind mit Uebergehung der in Zeitschriften u. z. in den Jahrbüchern des böhm. vaterl. Museums und in andern enthaltenen, welche Weitenwebers Biographie aufzählt, anzuführen: „De hydrocephalo acuto“ (Edinburgh 1793); – „Ueber das Einimpfen der Kuhpocken“ (Wien 1801); – „Observations et expériences sur la vaccination“ (Wien 1801, 2. Aufl. 1804; mit 1 Taf., gr. 8 °.). Deutsch übersetzt von Portenschlag (Wien 1802 [Landshut, Krüll], gr. 8°.); – „Histoire de la vaccination en Turquie, en Grèce et aux Indes orientales“ (Wien 1804; Geistinger gr. 8°., mit 1 Taf.). Uebersetzt von Dr. Friese (Liegnitz 1804, gr. 8°. mit de Carros Porträt); – „Observations sur les fumigations sulfureuses en 1818“ (Wien 1819, Gerold 8°.); übersetzt von J. Wächter (Ebenda); – „Carlsbad, ses [297] eaux minérales et ses nouveaux bains a vapeur“ (Karlsbad 1827); – „Guide des Etrangers à Carlsbad“ (Ebenda 1842); – „Almanach de Carlsbad ou mélanges médicaux, scientifiques et littéraires relatifs à ces thermes et au pays“ (Ebenda, Jahrg. 1831–1856, 32°.). Eine Fülle der mannigfaltigsten Aufsätze medicinischen, statistischen Inhalts und schätzbare Beiträge zur Memoiren-Literatur. – „Mes 28 ans d’observation et d’expérience à Carlsbad“ (Ebenda 1854); – „Mes Mémoires“ (Ebenda 1855; 8°. mit Portr.). Ferner übersetzte C. den „Plutarch“ Hormayrs in’s Französische und mehrere andere medicinische Abhandlungen. Die berühmte Ode des Bohuslaw Lobkowitz von Hassenstein (gest. 1510) „In thermas Caroli IV. gab C. unter dem Titel: „Ode latine sur Carlsbad ecc. ecc. avec une tradition polyglotte ecc.“ (Prag 1829) heraus. Diese Polyglotte bestand aus 22 Uebersetzungen. Aus seinen 1855 erschienenen Memoiren erfahren wir, das C. im Besitze der Memoiren des berühmten Peter Frank, und seines Sohnes Joseph ist, die beiläufig 4–5 Bände stark, in französischer Sprache geschrieben zur Herausgabe vollends vorbereitet sind. Mehrere Auszeichnungen wurden dem vielverdienten Arzte zu Theil; der König von Griechenland verlieh ihm das Ritterkreuz des Erlöserordens.

Mémoires du Chevalier Jean de Carro ec. (Carlsbad 1855, Gebr. Franiek, 106 S., 8°.) [mit Porträt; eine Selbstbiographie, abgefordert anläßlich der Verleihung des Ehrenbürgerrechts von der Stadt Karlsbad, und in Folge der Statuten der kön. böhm. Gesellschaft der Wissenschaften, deren corresp. Mitglied de Carro war]. – Ost und West. Blätter für Kunst, Literatur und geselliges Leben (Prag, 4°.) 1841, Nr. 9: „Johann Ritter de Carro, Med. Dr.“ von Dr. W. R. Weitenweber (auch besonders abgedruckt Prag 1844, 8°.). – Archiv für Geographie, Hist., Staats- und Kriegskunst. Jahrg. 1816 (Wien) Nr. 103 u. 104; „Biogr. Skizze.“ – Mannl (Rudolph), Die am 23. und 24. Juni 1843 abgehaltene Feier des 50jährigen Doctor-Jubiläums des Herrn Dr. Ritters J. de Carro etc. (Prag s. d. (1843), 8°.). – „Almanach de Carlsbad par Carro. 1855. 25 Année. S. 78: „Mes mémoires mis au jour“ und S. 95: „Catalogue complet de mes oeuvres.“ – Annalen der Literatur und Kunst in den österr. Staaten (Wien 1803, Degen, 8°.) II. Jahrg. I. Bd. Intelligenzbl. Sp. 131. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für gebildete Stände (Hildburghausen 1845, Bibl. Inst., Lex. 8°.) VII. Bd. 1. Abtheil. S. 537. – Oestr. National-Encyklopädie (von Gräffer u. Czikann), (Wien 1837, 6 Bde.) I. Bd. S. 477. – (Brockhaus) Conversations-Lexikon (10. Aufl.) III. Bd. S. 679. – Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur. In vier Bänden (Leipzig 1832, Brockhaus, gr. 8°.) I. Bd. S. 380. – Biographie des hommes vivants (Paris 1816, L. G. Michaud, 8°.) II. Bd. S. 61. – Prager Zeitung 1857, Nr. 66.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Carrer.