BLKÖ:Casanova de Seingalt, Johann Jakob

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Casanova, Franz
Band: 2 (1857), ab Seite: 297. (Quelle)
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Casanova de Seingalt, Johann Jakob[BN 1][BN 2] (Abenteurer, geb. zu Venedig 2. April 1725, gest. zu Wien im Juni 1803). C.’s Familie ist spanischen Ursprungs und schon in seinen Vorfahren gibt sich ein eigenthümlicher Hang zu abenteuerlichen Leben kund, der in Johann Jakob seinen Höhenpunkt erreichte. Casanova’s Vater[WS 1] war aus Liebe zu einer Tänzerin, der schönen Zanella Faruzi[WS 2] Schauspieler geworden, mit der er das Wanderleben dieses Künstlerstandes führte. Mit 9 Jahren kam sein Sohn in eine Unterrichtsanstalt nach Padua, wo er bald seine Collegen in der Kenntniß der lateinischen Sprache und in den anderen Unterrichtsgegenständen übertraf. Im Alter von 16 Jahren schrieb er zur Erlangung der juridischen Doctorswürde die Dissertation: „De testamentis“ und „Utrum Hebraei possint construere novas synagogas“. Seltsamer Weise beschloß C. in den geistlichen Stand zu treten, wozu ihn höchstens eine wirklich glänzende Beredsamkeit geeignet machte. Er erhielt die niederen Weihen; sein wüstes Leben [298] hatte aber bald die Vertreibung aus dem Seminar zu Folge; er begab sich nun nach Calabrien, dann nach Rom, wo er als Secretär in die Dienste des Cardinals Aquaviva trat. Dort bot er zur Flucht eines Mädchens die Hand und die Folge davon war seine Entlassung aus den Diensten des Cardinals, der ihm jedoch gewogen blieb und als C. nach Konstantinopel zu reisen beschloß, ihm Empfehlungsbriefe an Achmet Pascha [Grafen Bonneval, siehe diesen Band S. 54] mitgab. Nach mannigfaltigen Abenteuern trat er in venetianische Kriegsdienste, kam mit seinem Regimente nach Corfu, wo er sein wüstes Leben so lange fortsetzte, bis er voll Schulden die Insel verlassen mußte. Nach Venedig zurückgekehrt, nahm er seinen Abschied und wurde nun Geiger im Orchester des Theaters St. Samuel. – Durch ein glückliches Zusammentreffen von Umständen kam er mit dem Senator Bagradio zusammen, der ihn lieb gewann und zu seinem Adoptivsohn machte. Aber seinem abenteuerlichen Hange folgend, verließ er bald Venedig, reiste mit einer Französin, die er aus einem schmachvollen Verhältniß befreite, nach Parma, dann nach Genf, wo sie beide schieden und C. wieder nach Venedig zurückkehrte. Dort warf ihn der Rath der Zehn nur angedeuteter Verbrechen halber in die Bleikammern. Diese Episode aus C.’s vielbewegtem Leben ist der Glanzpunct desselben. Der Bericht, den er über seine Flucht aus diesem furchtbaren Gefängnisse niederschrieb, wetteifert nur noch mit zwei andern ähnlichen Inhalts, dem Berichte Benven. Cellini’s, über seine Flucht aus S. Angelo und de Latude’s aus der Bastille. Unbeugsamkeit in Kraft, im Leiden, unüberwindliche Zuversicht, glühendes Streben und Ringen nach Freiheit und eine bewunderungswürdige Thatkraft offenbart sich in diesen zwei Jahren eines beständigen Kampfes mit fast unbesiegbar erscheinenden Hindernissen. Entflohen begab er sich nach Paris (Jänner 1757), wo die mittlerweile erschienene Beschreibung seiner Flucht ihn zum Helden des Tages gemacht. Hier in diesem modernen Babel, zu einer Zeit, in welcher die im Gährungsprocesse begriffenen Zustände der gesellschaftlichen Fäulniß dem Genie, das C. besaß, mehr als Einen Anlaß boten, sich zur Geltung zu bringen, verkehrte C. mit allen Ständen: Staatsmännern und Comödianten, Finanziers und Schriftstellern: er geht bei der Pompadour und dem Herzog von Choiseul, bei Crebillon und Duverney aus und ein; spielt, arrangirt Staatslotterien, zaubert, verführt Weiber, contrahirt Staatsanlehen, übernimmt politische Agentschaften, bis er dieses Treibens müde, sich nach Wechsel sehnt und eine Abenteurerfahrt ausführt, auf welcher er Stuttgart, Zürich, Lausanne, Nizza, Genua, Livorno, Pisa und Florenz bereiste. Auf seinem Zuge durch die Schweiz besuchte er Haller, mit dem er in brieflichen Verkehr trat, und im August 1760 Voltaire. Das Zusammentreffen mit Letzterem ließ weder beim Besucher noch beim Besuchten eine angenehme Empfindung zurück. Während man ihm in Florenz den Aufenthalt verweigerte, schlug ihn der Papst zum Ritter der goldenen Sporen. Nun kehrte er wieder nach Paris zurück, das er eines unglücklichen Duells wegen bald und plötzlich verlassen muß. Er begibt sich nach Augsburg, wo der Bürgermeister von Augsburg das Prädicat seines Namens Seingalt, das nicht im Passe steht, beanständet. Auf die Frage des Hochgestrengen, woher er diesen Namen habe? antwortete C. unumwunden: „aus den 24 Buchstaben des Alphabets, aus denen er sich denselben zusammengesetzt und, nachdem diesen Namen noch Niemand vor ihm gehabt und er ihn der Erste [299] trage, habe Niemand ein Recht, ihm denselben zu bestreiten, noch weniger sich ihn ohne seine Zustimmung anzueignen.“ – Aus Süddeutschland reist er wieder nach der Schweiz und dann nach England, wo aber sein wüstes und verschwenderisches Leben mit schleuniger Flucht endigte, denn ein falscher Wechsel, in dessen Besitz er gekommen und für dessen Verfertiger er gehalten wurde, nöthigte ihn die Freiheit einer längeren Untersuchungshaft vorzuziehen, und dazu als nächstes Mittel: die Flucht zu wählen. Nun besuchte er Berlin, welches er auf seinen Irrfahrten noch nicht berührt. Sein Zusammentreffen mit dem großen Friedrich II., der ihm im Garten von Sans-Souci eine Audienz gab, ist hier der interessanteste Moment; den Antrag, die Leitung eines Cadetteninstitutes in Pommern zu übernehmen, schlug C. aus. Nun wanderte er nach Rußland, wo er mit der Kaiserin Katharina II. im Sommergarten zusammentraf. Die Erwartungen C.’s, die er an dieses Zusammentreffen knüpfte, erfüllten sich nicht und C. reiste nach Warschau, wo er die Gunst des Königs Stanislaus Poniatowski in solchem Grade erwarb, daß C.’s Stellung am Hofe des Polenkönigs sehr glänzend zu werden versprach; das berühmte Pistolenduell mit dem Kronmarschall Branicki aber vereitelte alle Hoffnungen. Auch hier kam ihm endlich der Befehl zu, Warschau zu verlassen; und als er erwiederte, er könne doch nicht weiter gehen, bis er alle seine Schulden bezahlt, schickte ihm der König 1000 Stück Dukaten und C. begann von Neuem seine abenteuerliche Fahrt. Er ging nach Dresden, wo seine Mutter als Schauspielerin lebte, von dort nach Wien, wo ihm die Polizei seinen Aufenthalt beanständete, bis es ihm gelang, den Schutz des Fürsten Kaunitz zu gewinnen, der ihm von der Kaiserin Gnade erwirkte; doch der Ruf, der dem Abenteurer vorausgegangen, war für seinen Aufenthalt in der Kaiserstadt nicht günstig und er kehrte nach Paris zurück, welches er aber auch bereits nach 24 Stunden wieder verlassen mußte. Noch blieb ihm ein schönes Land übrig, wo er sein Glück versuchen und sich für die Unduldsamkeit der übrigen Hauptstädte Europa’s entschädigen konnte: Spanien, und er reiste nach Madrid. Sein Aufenthalt in Spanien ist nur eine neue Kette von Abenteuern, die bald fröhlich bald traurig enden; in Barcellona wurde er nach einer verunglückten Affaire verhaftet und während seiner 43tägigen Gefangenschaft schrieb er seine Widerlegung der Geschichte Venedigs von Amelot und Houssaye. Am 31. Dec. 1768 verläßt er Spanien, begibt sich nach Aix und nach einer mehrjährigen Wanderung durch mehrere Städte des Continents Rom, Florenz, Bologna, Ancona, Triest, zum letzten Male (1782) nach Paris. Dort traf er bei einer Mahlzeit, welche der venetianische Gesandte gab, und wozu auch C. geladen worden, mit dem Grafen Waldstein zusammen, der an C.’s Geist, Wissen und Unterhaltungsgabe Gefallen fand, und ihm in der Eigenschaft eines Bibliothekars sein Schloß Dux in Böhmen zum Aufenthalte anbot. C. nahm diesen Antrag an und brachte die letzten 14 Jahre seines vielbewegten Lebens in Dux zu, wo er seine Memoiren schrieb und in seiner Grämlichkeit die Humanität seines Wohlthäters nicht immer mit Dankbarkeit erwiederte. Eine interessante Episode dieser letzten Lebensepoche C.’s ist seine Reise nach Weimar, wo ihn der Herzog huldvoll aufnahm. Nach Einigen starb C. in Dux, nach Anderen in Wien. „Edel und anständig gegen den Himmel und gegen die Menschen verließ er das Leben“, schreibt Prinz de Ligne , dem wir in obiger Skizze in den Hauptzügen gefolgt; er empfing die h. Sterbesacramente und [300] seine letzten Worte waren: „Großer Gott und ihr übrigen Zeugen meines Todes, ich habe als Philosoph gelebt und sterbe als ein Christ“. – Als Schriftsteller, worin nicht die geringsten Verdienste C.’s bestehen, schrieb er außer den unten in den Quellen angegebenen Memoiren u. seiner Flucht aus den Bleikammern Venedigs: „Confutazione della Storia del governo veneto d’Amelot et de la Houssaye“ (Amsterdam 1769); – „Istoria delle turbulenze della Polonia dalla morte di Elisabette Petrowna sino alla pace fra la Rusica o la porta ottomana“ (1774 3 Thle.); – „Dell’ Iliade d’ Omero y tradotto in ottave rime“ (Venedig 1778); – „Icosameron ou histoire d’Edouard e d’Elisabeth, qui passèrent quatre vingt ans chez les Megameikes, habitans aborigines de Protocosme dans l’intérieur de notre Globe“, 5 Bde. (Prag 1788, u. f.); – „Solution du problème deliaque“ (Dresden 1790, 4°.)„Corollaire à la duplication de l’Hexaèdre“ (Prag 1790); – „Au Snethlage sur son dictionnaire des nouveaux mots français“ (Dresden 1797). – Das 600 Bogen starke französische Original-Manuscript seiner Memoiren erschien zuerst in Paris; die deutsche Bearbeitung (Leipzig 1822–28, 12 Bde.) ist ein mit Geist und Gewandtheit von Wilhelm von Schütz bewerkstelligter Auszug. Im Manuscripte ist ein „Essai de philosophie et de critique“ verblieben. C. ist einer der geistreichsten Abenteurer, der Odysseus der modernen Welt; in seinem vielbewegten Leben, in seinen Kreuz- und Querfahrten spiegelt sich die Sittenlosigkeit und Frivolität der Zeit und des Landes, in welchem er am öftesten und gewöhnlich am längsten weilte. Die Geschichte seines Lebens ist der Beweis, wie weit es großer Verstand, vielfältige Kenntnisse, ein feiner gut geschulter Geist der Intrigue und seltene Kenntniß der Menschen und Verhältnisse bringen können. Er ergreift alle Stände und sagt sich von allen wieder los; er erreicht ein Ziel um das andere und hält keines fest; die Gelegenheit zu einem glänzenden, sorgenlosen Dasein ist für ihn nicht so verlockend, daß er demselben seinen Hang nach Abenteuern zum Opfer bringen könnte. Ein Proteus, nimmt er alle Gestalten an; bezaubert mit seinem verführerischen Wesen Alt und Jung und ergreift den rechten Moment, sich innerhalb der vier Wände eines Büchersaales zurückzuziehen, wo er seine Memoiren schreibt, die trotz aller Unzukömmlichkeiten eine immer noch sehr interessante und auch belehrende Lecture bilden; sein „Icosameron“ aber gibt für seinen philosophischen Geist ein schönes Zeugniß.

Aus den Memoiren des J. Casanova de Seingalt, oder sein Leben, wie er es zu Dux in Böhmen niederschrieb, nach dem Original-Manuscripte bearbeitet von Wilhelm von Schuetz. 12 Bde. (Leipzig 1822–1828, 8°.). – Dieselben in’s Französische übersetzt von Aubert de Vitry (Paris 1825 u. f., 11 Bde., 12°. u. Leipzig 1826 u. f., Brockhaus, 8 Bde., 8°.). – Casanova de Seingalt (Jacob), Histoire de ma fuite des prisons de la république de Venise qu’en appelle les Plombs (Leipzig 1788, Prag 1788, Halle 1823, 8°.). Deutsch übersetzt (ebenda). – Casanoviana, oder Auswahl aus J. Casanovas Memoiren (Leipzig 1828, 8°.). – Barthold (F. W.), Die geschichtlichen Persönlichkeiten in Jakob Casanova’s Memoiren. 2 Bde. (Berlin 1845, 8°.). – Die Biene. Schönwissenschaftliches Unterhaltungsblatt. Redacteur: L. Kruse und F. G. Zimmermann (Hamburg, 4°.) 1826, Nr. 68–78: „Fragment über Casanova, Bruder des berühmten Malers.“ [Aus den Werken des Prinzen von Ligne; ist bemerkenswerth durch die Abweichung in verschiedenen Umständen von Casanova’s eigenen Berichten. In de Ligne’s vermischten Skizzen bezieht sich die über Einen, Namens Aventuro, geschriebene Charakterskizze auf Casanova.] – Triester Zeitung 1856, Nr. 10–23: „Italienische Memoiren-Literatur.“ [Auszug dessen aus C.’s Memoiren, was gerade in engerer Beziehung zur Triester Geschichte steht.] – Originalien aus dem Gebiete der Wahrheit, Kunst, Laune und Phantasie. Red. von G. Lotz. 1825, Nr. 83–88: [301] „Jakob Casanova von Seingalt. Ein Beitrag zur Schilderung seines Geistes.“ [Enthält eine Uebersicht seines Romans: „Icosameron, ou histoire d’Edouard et d’Elisabeth“ aus Casanova’s Zueignung dieses Werkes an den Grafen Waldstein.] – Flora. Ein Unterhaltungsblatt (München, 4°.) 1822, Nr. 184–206: „Casanova’s Flucht aus den Bleikammern zu Venedig.“ – 1823, Nr. 20–43: „Casanova in London.“ – Janin (Jules), Revue de Paris (1833) XLIII. Bd.La démocratie littéraire 1829, S. 195. – Gräffer (Franz), Historisch-bibliograph. Bunterlei (Brünn 1824, 8°.) S. 201: „Graf Waldstein und Casanova.“ – Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst (Wien 1822, 4°.) XIII. Jahrg. Nr. 123, 124: „Graf Waldstein und Casanova.“ – Morelli de Schönfeld (Carlo), Istoria della Contea di Gorizia (Görz 1856, Paternolli) IV. Bd. S. 205. – Gräffer (Franz), Kleine Wiener Memoiren (Wien 1845, Fr. Beck, 8°.) S. 21: „Letzte Flucht.“ – Allg. Encyklopädie der Wissenschaften und Künste. Herausgeg. von J. S. Ersch und J. G. Gruber (Leipzig 1822 u. f., Gleditsch, 4°.) I. Sect. 21. Bd. S. 102. – (Brockhaus) Conversations-Lexikon (10. Aufl.) III. Bd. S. 688. – Oestr. National-Encyklopädie (von Gräffer u. Czikann), (Wien 1835, 6 Bde.) I. Bd. S. 480.

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Casanova de Seingalt, Johann Jacob [Bd. II, S. 297]. Mikowec [372] stellte das bisher auf das Jahr 1803 festgesetzte Todesdatum nach den Matriken auf das Jahr 1798 und den 4. Juni fest.
    Bohemia 1861, Nr. 2, S. 15. – Lumír, čechisches Unterhaltungsblatt, schm. 4“,) 1860, Nr. 51 u. f.: „Jakub Casanova v Čechach“. Dieser auf neuen, in Böhmen gefundenen Quellen gearbeitete größere Aufsatz von Ferdinand Mikovec bringt manches Neue und wenig Bekannte über Casanova. – Neue Zeit (Olmützer polit. Blatt) 1868, Nr. 140 u. f.: „Der Abenteurer Casanova in Wien“. [Bd. 23, S. 371 f.]
  2. E Casanova de Seingalt, Johann Jacob [Bd. II, S. 297; Bd. XXIII, S. 371].
    Presse (Wiener polit. Blatt) 1870, Nr. 347, im Feuilleton: „Aus den Papieren meines Großvaters. III. Prinz von Ligne und Casanova“. Von Alfred Meißner. [Bd. 24, S. 380.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gaetano Casanova (Wikipedia).
  2. Giovanna Maria Farussi (Wikipedia).