BLKÖ:Kaunitz-Rietberg, Wenzel Anton Fürst

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 11 (1864), ab Seite: 70. (Quelle)
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Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg in der Wikipedia
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Kaunitz-Rietberg, Wenzel Anton Fürst (Staatsmann, Ritter des goldenen Vließes, geb. 2. Februar 1711, gest. zu Wien 27. Juni 1794). Sohn des Grafen und goldenen Vließritters Maximilian Ulrich K. aus dessen Ehe mit Maria Ernestine Gräfin Rietberg, mit dessen Erbe Graf Maximilian Ulrich und seine Familie den Beinamen Rietberg – auch Rittberg geschrieben – annahmen. Von 16 Geschwistern – nach Hormayr irrig von 19 – und zwar von 11 Söhnen und 5 Töchtern, der 6., ward er zum geistlichen Stande bestimmt und schon in seiner Jugend Domicellar zu Münster. Durch den Tod seiner älteren Brüder wurde aber seine Laufbahn verändert. Er studirte die Rechte zuerst in Wien, bezog dann die zwei protestantischen Universitäten Leipzig und Leyden, machte dann Reisen nach England, in die Niederlande, nach Frankreich und Italien, besah aber weniger die Aeußerlichkeiten der Länder und Gegenden, welche er besuchte, als er Menschen studirte und namentlich bemüht war, die großen, bei gutem Lichte besehen oft ganz kleinen, Männer des Staates und Rathes in Sachen des Krieges und Friedens kennen zu lernen, mit ihnen Verbindungen anzuknüpfen und sich so für die große Aufgabe zu bilden, zu deren Uebernahme er durch die Gunst der Geburt, die Ungewöhnlichkeit seiner Talente und die Wahl seiner Regenten – unter deren Sechs er diente – bestimmt war. Nach seiner Rückkehr von den Reisen wurde er 1737 – damals 26 Jahre alt – Reichshofrath, zwei Jahre später zweiter Concommissarius bei der ständigen allgemeinen Reichsversammlung in Regensburg, von welcher Stelle er jedoch nach des Kaisers Karl VI. bald erfolgtem Ableben abberufen wurde. Kaunitz hatte sich auf einige Zeit in’s Privatleben zurückgezogen, indessen hatte Maria Theresia, wie es schien, durch die mit so großen Opfern erkaufte pragmatische Sanction gegen die Angriffe von Außen geschützt, das alte Erbe des Habsburgischen Hauses angetreten. Nun fielen die Masken. Gegen das wehrlose Weib, dessen Mannesgeist keiner der fürstlichen Unholde ihrer Zeit ahnte, schien Verrath und Treulosigkeit erlaubt. Karl Albrecht von Bayern, der Gemal von Maria Theresia’s Nichte, der sich schon zu Linz als Herzog von Oesterreich hatte huldigen lassen – trifft doch ihn minder die Schmach als Jene, die ihm huldigten – war auch nach Böhmen gegangen, um sich dort als König ausrufen zu lassen, als allen diesen Verräthereien von [71] Fürst und Völkern eines edlen Volkes Begeisterung ein Ende machte: jene der Magyaren, welche die von ihren Gegnern bereits spottweise „Großherzogin von Toskana“ genannte Kaiserin und Königin als ihre rechtmäßige Königin (sehr bezeichnend als ihren König) anerkannten, und auf dem denkwürdigen Reichstage zu Preßburg (11. September 1741) das historisch gewordene „moriamur pro rege nostro“ riefen. Kaunitz, so jung er damals war, hatte sich durch seine treffliche Erziehung und seine Reisen so bemerkbar gemacht, daß alsbald die Kaiserin auf ihn ihr Augenmerk richtete und ihn schon im ersten Jahre ihrer Regierung mit einer Sendung nach Italien betraute, wo er zuvörderst den Papst gewinnen, Toscana gegen die befürchtete französisch-spanische Landung schützen und namentlich sich über die Verhältnisse des Turiner Hofes, der schon damals mit jenen Vergrößerungsgelüsten schwanger ging, die er durch die Hebammenkünste Frankreichs in unserer Zeit befriedigte, genau unterrichten sollte. Während eines dreijährigen Aufenthaltes in Italien, hatte sich K. mit den dortigen Verhältnissen genau vertraut gemacht und entsprechende Erfolge erzielt. Als Maria Theresiens einzige Schwester sich mit dem Bruder ihres Gemals Karl Alexander, Herzog von Lothringen [Bd. VI, S. 386, Nr. 139], vermälte und beiden das Gouvernement der Niederlande anvertraut wurde, erhielt der aus Italien zurückgekehrte Kaunitz den Posten eines Obersthofmeisters der Erzherzogin und eines bevollmächtigten Ministers an ihrem Hofe zu Brüssel. Kaunitz trat diesen Posten zu einer Zeit an, als Ludwig XV., dem es eben in einer unheilvollen Stunde eingefallen war, König zu spielen, sich nicht mehr begnügte, wie bisher, Karl Albrecht’s von Bayern, damals schon Kaiser Karl VII., Bundesgenosse zu sein, sondern keinen Anstand nahm, der Kaiserin Maria Theresia den Krieg zu erklären und gleich mit drei Heeren, mit einem gegen den Rhein und Main, mit dem zweiten gegen Piemont und die Lombardie, mit dem dritten gegen die Niederlande zu marschiren, während der auf die Vergrößerung seiner Hausmacht bedachte preußische Fürst Friedrich II., dieser französische Deutsche, in dessen Verhimmelung sich die armseligen Träumer eines preußisch-deutschen Kaiserthums sosehr überbieten, in Böhmen und Mähren einfiel. Die Erfolge der Franzosen bei Fontenay und Rocoux hatten nicht nur Kaunitz alsbald seiner Functionen enthoben, da die Niederlande französisch geworden, statt österreichisch geblieben waren, sondern es ward ihm, nachdem er die Zustände im Heere des Prinzen Karl Alexander, den Hader zwischen ihm, dem Herzoge von Cumberland und dem Fürsten Waldeck kennen gelernt, die Lust verleidet, ferner noch in diesen Verhältnissen zu verbleiben. Kaunitz bat um seine Entlassung, die er zwar nicht erhielt; aber den ihm ertheilten Urlaub benützte er zu einem Besuche der Bäder von Aachen. Dort als unbeschäftigter, beobachtender Diplomat hatte er bald Gelegenheit zu entdecken, daß die Fäden der Geschicke Europa’s in den sammtweichen Händen einer Maitresse lagen. Die Pompadour, welche mit den Geschicken ihrer Sorte von Weibsbildern ziemlich vertraut war, wollte unter keiner Bedingung ihren lüsternen und geistesarmen König von ihrer Seite lassen. Diese ihre Absicht war aber sehr gefährdet, wenn ein neuer Krieg ausbrach und der König [72] zum Heere sich begab. Also „Frieden um jeden Preis“ war die Instruction, welche der auf den Aachener allgemeinen Pacifications-Congreß abgehende Gesandte mitnahm. Von diesem Stande der Dinge unterrichtet, wußte Kaunitz mehr als genug. Da berief die Kaiserin den beurlaubten Grafen nach Wien zurück, und übertrug ihm eine Sendung nach London, welche er im December 1747 antrat. Nun war wohl England bisher Oesterreichs Alliirter, dessen Bestreben aber unter der Maske bundesgenossenschaftlicher Freundschaft weniger auf Oesterreichs Schutz als vielmehr auf dessen Schwächung gerichtet. Es ist hier nicht der Platz, diese Krämerpolitik darzulegen, kurz, Kaunitz hatte bald einen tiefen Blick in die Verhältnisse und Absichten Englands gegenüber dem Auslande gethan und war zur Ueberzeugung gekommen, ein Bündniß Oesterreichs mit seinem langjährigen Feinde, mit Frankreich, sei weniger bedenklich, als die zweideutige, auf Oesterreichs Ausbeutung berechnete und nur den langsamen Ruin der Monarchie fördernde Freundschaft mit England. Der Aachener Friede hatte, wenn Kaunitz je in seinen Ansichten zweifelhaft werden konnte, das letzte Bedenken in seiner Seele zerstört und in kleinen Dingen bahnte Kaunitz jene Annäherung an Frankreich an, welche alsbald eine vollendete Thatsache werden sollte. Es gibt – und nicht wenig – Politiker, welche diese That Kaunitzens als im hohen Grade verwerflich bezeichnen und von daher alles Unheil ableiten, welches über Oesterreich vom Westen gekommen. Es ist nicht unsere Aufgabe, über diese Ansicht zu streiten, wir haben hier einfach die Thatsache anzuführen und die Motive, welche den Staatsmann zu diesem Schritte drängten. Im Aachener Frieden hatte Oesterreich – und vornehmlich durch die versteckten Intriguen Englands und Hollands – manchen Verlust erlitten und hatte Kaunitz zunächst den Entschluß gefaßt, was durch die Friedensunterhandlungen auf der einen Seite verloren gehen mußte, durch andere Unterhandlungen auf der andern Seite einzubringen. Interessant ist es nun zu beobachten, wie K. schon in Aachen und nach dem Frieden in Paris als Botschafter, 1750–1752, den in seiner stillen verschlossenen Seele längst erwogenen Umschwung der österreichischen Verhältnisse allmälig vorbereitete. „Er wurde äußerlich ganz Franzose. Alle seine Handlungen und Aufmerksamkeiten bezeugten es. Ungesucht, gewandt, verbindlich, unaufhörlich, immer in neuer Art und Wendung, wies er darauf hin, wie es für Oesterreich und Frankreich nur eine Gewohnheit, gleichsam nur eine alte Unart sei, einander beständig entgegenzuwirken, sich zu trennen und zu schlagen, anstatt sich zu vereinen und zu herrschen; wie die Kleinen nur frohlockten über den Zwist der Großen, denen sie sonst unbedingt gehorchen müßten; wie insonderheit König Friedrich Frankreich wohl benützt, aber nicht unterstützt und so oft er sein Schäfchen im Trockenen gehabt, hinter Frankreichs Rücken Frieden geschlossen habe.“ Schon hatte die öffentliche Meinung sich mit den bevorstehenden Veränderungen zu beschäftigen begonnen; dem französischen Hofe wurde eine Annäherung an den Wiener Hof von Tag zu Tag weniger fremd, ja noch mehr, zwischen den Höfen von Versailles und Berlin trat eine merkliche Kälte ein. Was Kaunitz als Botschafter in Aachen so leise und schonend vorbereitet, was er in Paris so klug und sicher eingeleitet, sollte er in der neuen Stellung, die ihm in Wien [73] zugedacht war, vollenden. In Wien, wo nach Sinzendorf’s Tode (1742) Graf Uhlefeld die auswärtigen Angelegenheiten leitete, und neben ihm Freiherr von Bartenstein als Hofrath und Staatssecretär [Bd. I, S. 163] die inneren Angelegenheiten verwaltete, machte sich in Folge der Nebenbuhlerschaft und des daraus entstandenen Zwiespaltes der beiden Staatsmänner der Mangel einheitlichen Vorgehens in Staatsgeschäften immer fühlbarer. Die Kaiserin, welche einen Umschwung in den bisherigen Verhältnissen durchzuführen beschlossen hatte, berief den Grafen Kaunitz von seinem Posten in Paris nach Wien, wo er den außerordentlichen Berathungen beiwohnte. Der Staatsrath versammelte sich in Gegenwart der Kaiserin, welche persönlich den Sitzungen präsidirte. Uhlefeld, Königseck, Harrach, Bartenstein und Kaunitz, der Jüngste unter ihnen, waren bei den Berathungen. In einer derselben kam auch die Frage wegen des alten Bundes mit den Seemächten zur Sprache. Alle waren entschieden für die Aufrechthaltung des bisherigen Bündnisses. Kaunitz, an den, als den Jüngsten, zuletzt die Reihe zu sprechen kam, wohnte ganz theilnahmslos der Verhandlung bei und gab so auffällige Zeichen seiner Theilnahmslosigkeit, so zum Beispiel schnitt er Federn, ließ seine Uhr repetiren u. dgl. m., daß selbst die Kaiserin nur mühsam ihren Unwillen unterdrückte. Nun kam an ihn die Reihe zu sprechen. Und er, der theilnahmslos geschienen, widerlegte aus seinen, an Ort und Stelle geschöpften Erfahrungen mit solcher Gewandtheit und mit siegenden Gründen die Ansichten und Rathschläge seiner Vorredner, daß auf der Stelle für seine Meinung entschieden wurde. Der Graf kehrte nicht wieder nach Paris auf seinen Posten zurück, auf welchem ihm Georg Adam Graf Starhemberg nachfolgte, sondern wurde in wenigen Wochen, 1753, zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten, bald darauf zum geheimen Haus-, Hof- und Staatskanzler ernannt, während Uhlefeld Obersthofmeister, Bartenstein aber böhmisch-österreichischer Vicekanzler wurde. Bisher war das auswärtige Amt in Oesterreich bald nur eine Abtheilung der böhmisch-österreichischen Hofkanzlei, bald wurde es wegen der entscheidend wichtigen Mitwirkung des Reiches von Reichshofräthen geführt. Kaunitz gab dieser Stelle der Erste jene Bedeutung, welche sie zu jener Zeit bereits in England und Frankreich besaß, und als welche sie bei einer Macht ersten Ranges in allen Dingen von Wichtigkeit die Initiative und das letzte Wort haben muß. Wie wenig rosig dieses Unternehmen für den Grafen sein mochte, entnehmen wir einer Darstellung Sir Charles Hanbury William’s, welcher die Art und Weise schildert, wie Bartenstein, dieser übrigens durch seine Talente ausgezeichnete Staatsmann, dem neuen Günstling der Kaiserin sich entgegenstellte. Bartenstein erklärte ganz offen: „daß er nach wie vor die Noten und Aufsätze abfassen, ja daß, wenn irgend ein Minister sich eine Aenderung darin erlauben sollte, er das Ganze sogleich umändern würde, indem er nicht gesonnen sei, zuzugeben, daß man das, was er vollendet habe, meistere“. Diese Anmaßung ward von Kaunitz gebührend bestraft. Als Bartenstein dem neuen Minister seine Aufwartung machen wollte, ward er drei Tage nacheinander nicht angenommen; er ließ deßwegen am dritten Tage eine Karte zurück mit den, seinem ursprünglichen [74] Vorsatze wenig entsprechenden Worten: „H. Bartenstein war drei Tage nacheinander da, um dem Grafen Kaunitz seine Ergebenheit zu bezeigen“. Mit der Begründung der geheimen Haus-, Hof- und Staatskanzlei übernahm K. zugleich die niederländischen und lombardischen Geschäfte aus den Händen des Grafen Taroucca und der Giunta, weil die Verwaltung dieser entlegenen Provinzen bei ihren ungemein verwickelten Verhältnissen gegen Frankreich, Holland, Sardinien, Genua, Modena, Parma, Venedig und den Kirchenstaat ihre Hauptrichtung mehr von politischen als administrativen Rücksichten empfing. Der enge Zusammenhang, der in monarchischen Staaten zwischen dem Regentenhause und den Regierten besteht und die daraus erwachsende öffentliche Meinung über die Gesetze, Nachfolgeordnung der Dynastie, ihre Titel, Rechte und Ansprüche nach Außen und ihre Souverainetät in weltlichen und geistlichen Dingen im Innern, veranlaßten ihn, die Staatskanzlei mit der Hauskanzlei zu vereinigen, und dieser das Staats-, Haus- und Hof-Archiv zu unterordnen. Dieses letztere durch den tüchtigen Rosenthal aus den Archiven aller Provinzen zusammengetragen, wurde später nicht im Geiste dieses großen Gedankens fortgeführt, weil man sonst die schätzbarsten Materialien nicht darin vermissen dürfte, die in den einzelnen Provinzen haufenweise liegen und nun weniger oder mehr die Honigwaben der von Particularitätsgelüsten großgesäugten Dorfpolitiker bilden. Mit nach dem Osten gerichteten Blicke sah der Graf im Geiste, welche Rolle dem österreichischen Großstaate nach dieser Richtung in nicht zu ferner Zeit vorbehalten war, und er legte der Monarchin den Plan einer Akademie der orientalischen Sprache vor, aus welcher bis vor den letzten drei Decennien Männer, wie: Dombay [Bd. III, S. 353], Hammer [Bd. VII, S. 267], Herbert [Bd. VIII, S. 352), Jenisch [Bd. X, S. 163], Stürmer, Thugut u. A. hervorgegangen sind. Nach diesen wichtigen Reformen und Neugestaltungen im Innern richtete K. auch auf die äußeren Verhältnisse sein Augenmerk, mit der nächsten Absicht dem zweideutigen England einen Strich durch die Quere zu ziehen, und den kriegslustigen Friedrich von Preußen im Schach zu halten. Zwischen England und Preußen war im Jänner 1756 ein förmlicher, jedoch sorgfältig verheimlichter Bund zu Stande gekommen. Kaunitz antwortete auf dieses Intriguenspiel mit dem Neutralitäts- und Freundschaftsvertrage zwischen Oesterreich und Frankreich vom 1. Mai 1756, welcher durch den neuen vom 30./31. December 1758 nur noch mehr befestigt wurde. Mit der Marquise von Pompadour unterhielt er einen fortwährenden Briefwechsel, und um den Faden der politischen Verhältnisse in seiner Hand zu festigen, unternahm er es, die Kaiserin dahin zu bringen, daß sie dieses, den französischen König und den Hof beherrschende Weib in einem halb scherz-, halb ernsthaften Briefe „Madame ma très chere soeur“ betitelte. Es galt, durch einen Act höflichster Herablassung einen Sieg von weittragender Bedeutung zu erringen. Und Kaunitz errang ihn. Die große Maria Theresia hatte nach und nach den Verrath und die Gesinnungslosigkeit aller europäischen Groß- und Kleinmächte erfahren. Dieselben entweder zu isoliren, oder aber gegen den nächsten Nachbar Oesterreichs, den Räuber Schlesiens zu vereinigen, war sein Hauptstreben, und in der That, es [75] war ihm gelungen, Frankreich, Rußland, die deutschen Staaten und Schweden gegen Friedrich II. zu bewaffnen, ja das eben nicht mehr ganz zeitgemäße Mittel einer Achterklärung gegen ihn zu erwirken. Friedrich war in Sachsen eingefallen und an die Grenze Böhmens vorgedrungen. 1758 stand der König in Mähren, aber Olmütz wurde von Loudon und Daun entsetzt, und die Schlacht von Hochkirchen fiel zu Friedrich’s Nachtheil aus. Bei Kunersdorf verlor er bereits den Kopf, um ihn durch die Ungeschicklichkeit oder Böswilligkeit Soltykow’s, welcher die Verfolgung des Feindes untersagte, und welche Daun nicht energisch genug ausführen ließ, wieder zu finden. Doch errangen die Oesterreicher noch mannigfache Vortheile, welche aber durch die Siege der Preußen wieder verloren gingen, bis der Rückmarsch der Russen über die Oder den Vortheil auf Friedrich’s Seite neigte, der jedoch durch die von Loudon im Sturme bewerkstelligte Einnahme von Schweidnitz einigermaßen geschmälert wurde. Das siebenjährige Kriegsdrangsal war endlich den Fürsten und Völkern an den Hals gewachsen, und der wiederholte Thronwechsel in Rußland, wo nach Elisabeth Czar Peter III., nach diesem Katharina den Thron bestieg, hatte die Sachlage so gestellt, daß der Friede, obgleich keiner der streitenden Theile einen Vortheil davon hatte, am gerathensten schien. Kaunitz, dessen Scharfblick es bald herausgefunden, daß die übrigen europäischen Verhältnisse für die nächste Zukunft nichts Ernstliches besorgen ließen, richtete nun sein Augenmerk auf die Reformen im Innern, für die er bei der großen Kaiserin immer geneigtes Gehör fand. Diese Reformen, mit Kraft und Plan durchgeführt, festigten Oesterreich mehr als die trügerischen Bündnisse nach Außen und machten es eben den übrigen Mächten ebenso wünschenswerth, Oesterreich zum Bundesgenossen zu haben, als Oesterreich in seiner früheren Isolirtheit deren suchte. Bei den Reformen im Innern gingen Initiative und Ausführung, wie sie bald von Seite der erhabenen Monarchin ergriffen, von jener des Staatskanzlers bewerkstelligt oder aber von dessen Seite angeregt und durch die Beschlüsse Maria Theresiens verwirklicht wurden, Hand in Hand. Im Folgenden ist nur eine Andeutung aller dieser Thaten – denn das waren die Unternehmungen Maria Theresiens und ihres Staatskanzlers– möglich. Kaunitz, der wahres Talent und Freimuth über Alles liebte, zog das Talent, die Wissenschaft und Kunst in seine unmittelbare Nähe; den Gehilfen der allgemeinen Abstumpfung und Verfinsterung, den Jesuiten, hatte er Zeitlebens die Fehde angekündigt und nicht mehr nachgegeben, bis er deren Aufhebung erzielte; in Kirchensachen machte er seinen preiswürdigen Einfluß geltend: beschränkte den Wirkungskreis der Nuntien auf seine diplomatischen Zwecke, gestattete den Verkehr mit Rom nur mehr durch das Ministerium des Auswärtigen; zog fest die Grenzmarken zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, machte der Geldverschleppung nach Rom in Form von Sammlungen, Erwerbungen zur todten Hand u. dgl. m. ein Ende; wahrte bei Besetzung der geistlichen Stellen und Pfründen die Rechte der weltlichen Herren, hinderte in Glaubenssachen die Einmischung unberufener Eiferer, und seine Mittheilung des berühmten Briefes von Lazar Schwendi, der schon 1582 die Gewissensfreiheit in beredter Weise plaidirt hatte, an die gottesfürchtige, aber milde und in Glaubenssachen sich den Ansichten [76] ihrer bewährten Rathgeber fügende Kaiserin ist einer der vielen schönen Züge, an denen das Leben des Fürsten und seiner erhabenen Gebieterin so reich sind. Schon gleich nach dem Aachner Frieden hatte K. Hand angelegt an strenge Ordnung im Staatsschatze, an die Regelung der Steuern und Abgaben, an die Trennung der Administration in engster Bedeutung von den Finanzen und der Justiz. Das neue Steuersystem, welches gewöhnlich dem Grafen Friedrich Wilhelm von Haugwitz [Bd. VIII, S. 68] zugeschrieben wird und dessen Hauptverdienst jedoch darin besteht, daß er eine musterhafte Ordnung in Publicis et Cameralibus in alle ihm untergebene Geschäftszweige brachte, ist eigentlich das gemeinschaftliche Werk der Grafen Ferdinand Bonaventura Harrach [Bd. VII, S. 377][WS 1] und Kaunitz. Der Erfolg dieser Reformen war in mancher Hinsicht hochwichtig. Bis dahin wurden nämlich die Steuern und Abgaben auf den Provinzial-Landtagen durch die Landstände bewilligt und auch eingetrieben. Der Kaiser war somit, in Absicht auf die Führung der Kriege, zum Theile von der Willkür der Stände abhängig, da diese das Recht behaupteten, die von der Regierung begehrten jährlichen Subsidien entweder zu bewilligen oder nach ihrem Gutdünken zu ermäßigen. Die Erhaltung eines stehenden Heeres, wie solches in einem Staate wie Oesterreich unerläßlich war, wurde dadurch, wenn nicht geradezu in Frage gestellt, so doch bedeutend erschwert. Durch die Reform des Grafen aber wurde ein immerwährender, den Kräften der Provinzen und der einzelnen Besitzer genau angemessener Steuerfuß festgesetzt, und die Steuer unabhängig von den Landständen der einzelnen Provinzen durch die Regierung selbst hereingebracht. Wohl mögen dadurch alte Rechte der ständischen Corporationen, welche übrigens in Folge von Satzungen, die sich überlebt hatten, zur Regierung in einem dieselbe mehr störenden als fördernden Verhältnisse standen, gekränkt worden sein, aber indem bei dem Ausmaße Schonung des Einzelnen beobachtet wurde, so rechtfertigten die höheren Staatszwecke diese, die Erhaltung des Ganzen sichernde Reform. Sein scharfsehendes Auge durchdrang alle Theile der innerlichen Staatsverwaltung. Die in den Finanzen eingerissenen Unordnungen wurden beseitigt, ein bündiger und strenger Rechnungsfuß eingeführt, das ganze Finanzwesen wurde der neu errichteten allgemeinen Rechnungskammer untergeordnet, wodurch dem Staate jährlich viele Millionen zuwuchsen und zugleich der Vortheil verschafft wurde, daß man den Finanzstand der Monarchie, dessen Abnahme oder Zuwachs, die jährlichen Einkünfte und Ausgaben in einer Tabelle leicht übersehen konnte. Das allgemeine Urbarium, die Zertheilung der Gründe und die Kreisämter (1748–1752), die Errichtung von Hofstellen in Wien (in der Art des preußischen Generaldirectoriums, alle Provinzial-Ansichten und Interessen abschleifend), gaben der alten Feudalaristokratie den letzten Stoß. Auf den durch den Druck und Hunger herbeigeführten böhmischen Bauernaufstand folgte die große Umgestaltung der Leibeigenschaft 1772, ihre gänzliche Aufhebung durch Joseph 1781. Der Staatsrath (bloß dirigirend und informativ, nicht mit Detail, sondern mit Uebersicht, mit Abschaffung der Gebrechen und Stockungen beschäftigt, durchaus nicht vollstreckend) gehört zu Kaunitzens und Binder’s [Bd. I, S. 399] schönsten Entwürfen (1771). Die Milderung der peinlichen und [77] die Beschleunigung und Verbesserung der bürgerlichen Rechtspflege ließ er sich angelegen sein. Die Studien und Schulen wurden allgemein verbessert, Künste und Wissenschaft beschützt; überall neue Manufacturen und Fabriken angelegt, der innerliche Fleiß geweckt und vermehrt, der Handel – noch von Genua und Livorno, von des Fürsten Aufenthalte in Holland und England her eine Lieblingssorge des Staatskanzlers – nach allen Seiten gefördert, gehoben, die Seehäfen Triest, Fiume, Carlopago und Zengg erweitert, Straßen und Canäle angelegt. Der Kriegsetat und die Armeen bekamen eine neue Gestalt und wurden auf einen achtunggebietenden Fuß gesetzt. Mit einem Worte unter Kaunitzens Leitung schwangen sich die inneren Kräfte Oesterreichs zu einer Größe hinan, welche die Eifersucht der auswärtigen Mächte rege machte. Wenn wir nach der nur in den kürzesten Umrissen dargestellten Wirksamkeit des Staatskanzlers im Innern des Reiches noch einen Blick auf die äußeren Verhältnisse Oesterreichs werfen und auf die Lage des Staates, in welche ihn K. gebracht, so zeigt sich uns nicht minder gewaltig sein Einfluß und sein Wirken, und zwar „in den polnischen Angelegenheiten, während des siegreichen Krieges der Russen mit den Türken; in dem bayerischen Erbfolgestreite; dann als eine neue Fehde, veranlaßt durch die gewaltsame Losreißung der nordamerikanischen Provinzen, Großbritannien und Frankreich entzweite; in der Verfolgung des Austausches von Bayern, in den Bewegungen des Fürstenbundes, und als die Holländer ihrer Ohnmacht minder gedachten, als des künftigen Unheiles für ihren Handel durch Eröffnung der Schelde; bei Rußlands neuen Vergrößerungen über die Pforte; bei dem Kriege Joseph’s mit dieser letzteren nach 50jährigem Frieden und als endlich, wie ein weltzerstörender Komet, die französische Revolution die Achse des europäischen Gleichgewichts zu durchschneiden begann“. Es würde uns zu weit führen, seine ganze Thätigkeit nach dieser Seite hin, von Periode zu Periode, von Tractat zu Tractat zu verfolgen; nur noch in Kürze wollen wir seines Wirkens als Minister des kaiserlichen Hauses gedenken, das er so liebte, wie das Vaterland selbst: „er hat alle Bourbons durch die zartesten Bande an Habsburgs-Lothringen geknüpft; in Versailles, Madrid, Neapel und Parma Verbindungen gestiftet; Modena, Massa, Carrara durch Heirath an das Haus gebracht; Theresiens jüngstem Sohne die erhabene Stelle unter den ersten Fürsten Deutschlands durch den Churhut von Cöln, durch das Hoch- und Deutschmeisterthum errungen; durch die unblutige Erwerbung Galiziens und Lodomeriens, der Bukowina und des Innviertels den Kaiserstaat gegen das Ende der Regierung Maria Theresiens, welcher man bei ihrem Antritte Alles rauben wollte, viel größer und stärker gemacht, als er im Anfange derselben gewesen. Oesterreich über Alles war sein Glaubensbekenntniß. Darum trachtete er vor Allem Ruhe von Außen, Ordnung und Kraft von Innen herzustellen, weil daraus Achtung und vortheilhafte Bündnisse unmittelbar und von selbst folgten. Freilich muß hier, um den objectiven Standpunct des Werkes zu wahren, auch zweier arger Uebelstände gedacht werden, welche sich unter K.’s Leitung, ja auf seine Anregung in der Monarchie eingeschlichen und deren einer später einen gewiß von ihm weder geahnten noch gewünschten und keineswegs segensvollen Aufschwung genommen [78] hat. Auf des Fürsten unmittelbare Aufforderung schrieb Lenoir das Memoire „Detail sur quelques etablissements de la ville de Paris, demandé par S. M. J. la Reine de Hongrie“, auf dessen Grundlage die geheime Polizei in Oesterreich eingeführt wurde, und die Treulosigkeit der europäische Mächte, welche planvoll auf Oesterreich Ruin arbeiteten, hatten den Staatskanzler genöthigt, eine planvolle Verletzung des Briefgeheimnisses zu organisiren die abzuleugnen in Fällen, wenn Andere dahinter kamen, K. unter seiner Würde fand, wofür die Thatsache einen interessanten Beleg gibt, als sich der französische Gesandte über einen, durch Ungeschicklichkeit bei der Eröffnung geschehene Verwechslung der Actenstücke bei Kaunitz beschwerte. Der Fürst hörte den entrüsteten Botschafter ruhig an und bemerkte nur, er werde den Beamten, der sich die Ungeschicklichkeit der Verwechselung habe zu schulden kommen lassen, zu Verantwortung ziehen. Und damit war die Sache abgethan. Kaunitz war bis an sein Lebensende in Activität geblieben, aber nur unter Maria Theresia glänzte sein Stern am hellsten. Unter Joseph war sein Einfluß und Rath wohl noch maßgebend, aber letzterer ward doch nur ausnahmsweise eingeholt. Aber Joseph’s II. auf dem Todtenbette an den Fürsten gerichteter Abschiedsbrief gibt Zeugniß, was ihm Kaunitz galt: „Ich bedauere, schreibt der Kaiser, daß ich Ihren klugen Rath nicht länger nützen kann. Ich umarme Sie und empfehle Ihnen in diesem Augenblicke der Gefahr mein Land, welches mir immer das Theuerste gewesen ist.“ Wohl erfuhr auch K. das bei alternden Größen – war es ja dem Prinzen Eugen nicht besser ergangen – so häufig wiederkehrende bittere Los, von erbärmlichen Intriguanten und naseweisen Knaben geneckt und verspottet zu werden. So hatte man lange schon das Wichtigste ohne ihn gethan, ja soll man unter, seiner Sinnesart ganz entgegenstrebende Depeschen seine Unterschrift gesetzt haben, und diese unwürdige Behandlung zu Kaunitz’ unwidersprechlichen Kenntniß gekommen sein. Ungeachtet einer fast schwächlichen und höchst empfindlichen Leibesbeschaffenheit hatte K. das hohe Alter von 83 Jahren erreicht und war an dem Tage verschieden, an welchem durch die Schlacht bei Fleurus Belgiens Verlust für immer entschieden wurde. Der Fürst war, wie vor ihm schon Vater und Großvater und wie zwei seiner Söhne, Ritter des goldenen Vließes; außerdem Großkreuz des St. Stephan-Ordens und seit der Stiftung des Maria Theresien-Ordens Kanzler desselben, also sein erster Kanzler; überdieß Curator der Akademie der bildenden Künste und jener der orientalischen Sprachen. Er war seit 6. Mai 1736 mit Maria Ernestine Gräfin Starhemberg (geb. 10. October 1718, gest. 6. September 1749) vermält. In einer dreizehnjährigen Ehe gebar sie ihm sieben Kinder, und zwar sechs Söhne und eine Tochter, letztere, Maria Antoinette, mit Joh. Christoph Wilhelm Grafen von Thürheim vermält; von Ersteren starben Moriz Quirin und Maximilian Ulrich in jungen Jahren, von den übrigen: Ernst Christoph [siehe: Hervoragende Sproßen des Fürsten- und Grafenhauses Kaunitz, S. 64, N. 6.], Dominik Andreas [S. 63, Nr. 4], Franz Wenzel und Joseph Clemens [S. 65, Nr. 13], ward Ersterer, der den Vater um drei Jahre überlebte, durch Heirath seiner Tochter Maria Eleonora, [79] Erbin der Herrschaft von Kojetein, mit Clemens Grafen, nachmaligen Fürsten Metternich, Schwiegervater des berühmten Staatskanzlers; Graf, nachmals Fürst Dominik Andreas, pflanzte sein Geschlecht fort; Franz Wenzel frischte als Soldat die Erinnerung an die alten Heldenthaten des Kaunitz’schen Hauses auf; Joseph Clemens aber, der Liebling des Vaters, betrat dessen Laufbahn, starb in der Vollkraft seiner Jahre, erst 42 Jahre alt, auf der Rückreise von seinem Gesandtschaftsposten in Madrid auf dem Meere und liegt in Barcellona begraben. Als Freund der Künstler und der Kunst, besaß der Fürst viele kostbare Kunstwerke; aber was er gesammelt, zerstob zum Theile wie Spreu im Winde. Die Kunstwerke von Austerlitz sind meist Zierden fremder Gallerien; ein Schatz antiker Kaiser- und Porträtbüsten bildet, wie Hormayr berichtet, den Hauptschmuck der vom Könige Ludwig gegründeten Glyptothek in München. Ueber des Fürsten originelle Charakteristik als Privatmann und Mensch vergleiche die Quellen.

I. Quellen zur Biographie des Fürsten Anton Wenzel Kaunitz. a) Handschriftliche. Reichsfürstenstands-Diplom de dato Wien 5. Jänner 1764 für den Hof- und Staatskanzler Wenzel Anton Grafen Kaunitz-Rietberg und für den jedesmaligen Erstgebornen und Besitzer der unmittelbaren Grafschaft Rietberg. – b) Gedruckte (in alphabetischer Ordnung). Blätter für literarische Unterhaltung (Leipzig, Brockhaus, 4°.) Jahrg. 1840, Nr. 267 [in der Anzeige von Raumer’s Buch: „Beiträge zur neueren Geschichte ....“]. – Bote für Tirol und Vorarlberg (Innsbruck, Fol.) 1856, Nr. 26 [aus des Fürsten Leben]. – Bülau, Geheime Geschichten und räthselhafte Menschen (Leipzig, 8°.) Bd. II, S. 223: „Kaunitz und Choiseul“. – Denkwürdigkeiten des Baron v. Gleichen (Leipzig 1847, 8°.) S. 198 u. f. [enthält eine interessante Schilderung des Fürsten]. – Frankl (L. A. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) I. Jahrg. (1842), S. 731: „Der Gesandte“ [Zug aus des Fürsten Leben]; – III. Jahrg. (1844), Nr. 10, S. 217: „Ein Lever“, von Franz Gräffer. [Gräffer in seiner bekannten höchst anschaulichen Weise schildert ein Lever des Fürsten Kaunitz, bei welchem er den Schriftsteller Nicolai aus Berlin durch Freiherrn von Gebler einführen läßt]; – IV. Jahrg (1845), S. 986: „Hof- und Staatskanzler Kaunitz“, mitgetheilt von C..tée (Gräffer’s Pseudonym). – Gräffer (Franz). Nebenstunden geschichtlichen und literarischen Inhalts (Wien 1828, 8°.) S. 27. – „Hof- und Staatskanzler Kaunitz“; S. 222: „Kaunitzens Verdienste“. – Derselbe, Kleine Wiener Memoiren (Wien 1848, Fr. Beck, 8°.) Bd. II, S. 134: „Kaunitz zu Pferde“. – Derselbe, Wiener Dosenstücke (Wien 1846, 8°.) Theil I, S. 73: „Sonderbarkeiten eines berühmten Mannes“. – Gratzer Tagespost (polit. Journal). 1856, Nr. 20 [aus des Fürsten Leben]. – Hormayr (Joseph Freiherr von), Oesterreichischer Plutarch (Wien, kl. 8°.) Bd. XII, S. 231–283 [auch in dem bei Klang erschienenen Kalender „Austria“, Jahrgang 1846, S. 83]. – (Hormayr’s) Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst (Wien, 4°.) VIII. Jahrgang (1817), Nr. 149 u. 150: „Kaunitz als Staatsmann“. – Innsbrucker Tageblatt 1860, Nr. 52, 58, 64, und 69 in der Beilage: „Fürst Kaunitz und die Juden“, [Eine Erzählung aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Dieselbe Geschichte aber unter anderem Titel und ungleich ausgedehnter (mit sichtlicher Benützung von Gräffer’s lebensvollen Charakteristiken des Fürsten) brachte fünf Jahre früher das „Wiener Neuigkeitsblatt“ 1855, Nr. 294 und in der Beilage unter dem Titel: „Das Schweigen des Fürsten Kaunitz“, von Ant. Langer.] – Journal des Debats, Nr. du 7 Juin 1855. – Kunitsch (Michael), Biographien merkwürdiger Männer der österreichischen Monarchie (Gratz 1805, Gebr. Tanzer, kl. 8°.) Bdchn. IV, S. 44–72 [wörtlicher Abdruck aus Schlichtegroll’s Nekrolog ohne Angabe der Quelle]. – Mailáth (Johann Graf), Geschichte des österreichischen Kaiserstaates (Hamburg 1850, Friedrich Perthes, gr. 8°.) Bd. V, S. 1–34; 39, 42, 52, 56, 73, 80, 95 (Kaunitz und die Jesuiten), 95, 101 (K. und Friedrich II.), 108, 153 (Sperrung der Schelde), 174, 187, 202. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliograph. Institut, gr. 8°.) Erste [80] Ausgabe, Bd. XVII, S. 913. – Neu-Wien (politisches Journal, welches nur wenige Nummern erlebte), 1858, Nr. 21: „Gedenktafeln“. – Nouvelle Biographie générale ... publiée par MM. Firmin Didot frères, sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris, 1850 et seq., 8°.) Tome XXVII, p. 487. [in einer Anmerkung zu diesem Artikel wird eine Stelle aus des M. Véron „Mémoires d’un Bourgeois de Paris“, tome III, p. 31, mitgetheilt, in welcher Véron eines Kaunitz gedenkt, der in Paris ein sehr ausschweifendes Leben geführt und in tiefer moralischer Versunkenheit geendet hat]. – Novellen-Zeitung (Leipzig, schm. 4°.) 1856, Nr. 12: „Graf Torre Palma und Fürst Kaunitz“. – Obermayer (Franz), Trauer am Grabe des etc. etc. W. A. Fürsten von Kaunitz (Wien 1794, Fol.). – Oesterreichisches Archiv für Geschichte u. s. w. (Fortsetzung von Hormayr’s Archiv), herausgegeben von Johann Ridler und Carl Veith, 1831, Nr. 153: „Ein Zug aus dem Leben des Fürsten K.“; – 1833, Nr. 156: „Kaunitz kann das Wort Tod nicht hören“. – Oesterreichische Biedermanns-Chronik. Ein Gegenstück zum Fantasten- und Prediger-Almanach (Freiheitsburg [Akademie in Linz] 1785, kl. 8°.) S. 112. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. III, S. 163. – Der österreichische Volksbote (ein Volkskalender, Wien, bei Pichler, gr. 8°.) III. Jahrg. (1855), S. 116 bis 126. – Oesterreichischer Zuschauer, herausg. von J. S. Ebersberg (Wien, 8°.) 1836, S. 144: „Rückblick in die Vergangenheit“ [erzählt einen Zug aus des Fürsten Leben]. – Politisches Journal, Jahrg. 1794, S. 929, 1258; Jahrg. 1795, S. 25 [enthält Vieles über den Fürsten Kaunitz]. – Schlichtegroll (Friedrich), Nekrolog (Gotha, Justus Perthes, kl. 8°.) V. Jahrg. (1794), Bd. I, S. 129–162. – Schlosser (F. C.), Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts und des neunzehnten bis zum Sturze des französischen Kaiserreichs (Heidelberg 1846, Mohr, 8°.) 2. Auflage, Bd. I, S. 541; Bd. III a, S. 351 (seine Eigenschaften); Bd. II, S. 135 (Abgeordneter in Aachen); Bd. II, S. 244 (seine Stellung zur Kaiserin); Bd. II, S. 226, 228, 287 (Haltung am Hofe von Versailles); Bd. II, S. 289 (Staatskanzler); Bd. II, S. 292 (sein Charakter); Bd. III a, S. 37 (seine Reformen), Bd. III a, S. 230 (seine Stellung bei der Theilung Polens); Bd. III a, S. 263 (sein Widerwille gegen die Jesuiten); Bd. III a, S. 351 u. 363 (Verhalten bei Joseph’s II. Tauschprojecten); Bd. III b, S. 402 (unterstützt Joseph’s II. kirchliche Reformen); Bd. III b, S. 412 (Verhalten gegen den Nuntius); Bd. III b, S. 413 (gegen den Papst in Wien); Bd. III b, S. 429 (Haltung bei Joseph’s Streit in Holland); Bd. IV, S. 198 (Verhalten gegen Frankreich); Bd. IV, S. 321, 382, 384 (Benehmen gegen die französischen Minister); Bd. V, S. 625 (tritt ab). – Vehse (Eduard Dr.), Geschichte des österreichischen Hofs und Adels und der österreichischen Diplomatie (Hamburg, Campe, 8°.) Bd. VIII, S. 183; Bd. IX, S. 77. – Wiener Theater-Zeitung, herausgegeben von Adolph Bäuerle (Wien, kl. Fol.) Jahrg. 1856, Nr. 105, S. 418: „Charakteristik des Fürsten Kaunitz“ [oft abgedruckt, und zwar in der Leipziger Modezeitung 1856, Nr. 18; im Pesth-Ofner Localblatt 1856, Nr. 140; in den Rheinischen Blättern (Beil. d. Mainzer Journals) 1856, Nr. 106]. – Wiener Wochenblatt, herausgegeben von Bernh. Friedmann (Wien, 4°.) 1858, Nr. 99, S. 471: „Die Ernennung des Fürsten Kaunitz zum Staatsminister“ [aus Adam Wolff’s „Hofleben Maria Theresia’s“, 8°.). – Zeitung für die elegante Welt 1843, S. 31 [aus K.’s Leben). – Vergleiche auch die Geschichtswerke Alfred’s von Arneth, Adam Wolf’s u. A. über die Kaiserin „Maria Theresia“.
II. Porträte. 1) Unterschrift: Kaunitz. J. Blaschke sc. – 2) Gest. v. Engelhart (Darmstadt, Beyerle, kl. 4°.). – 3) M. Meytens p., J. G. Haid sc. (1755, gr. Fol.), Kniestück, sitzend [von diesem Blatte gibt es auch Abdrücke vor den acht, durch das von zwei Engeln gestützte Wappen getrennten Zeilen des Titels. Auf dem Säulen-Piedestale zur rechten Seite des Blattes steht: Pellit Candore Tenebras. – 4) In Boor’s und Höfel’s Werke: Oesterreichs Ehrentempel. Reliefstich nach Boehm’s Modell. – 5) I. Unterberger inv., L. Maillard sc., Büste in allegorischer Umgebung (Blatt in Fol. und eine Copie von Unterberger sc., 8°.). – 6) Quirin Marck sc. (8°.), in Büstenform. – 7) Im Medaillon: Wenceslaus S. R. J. Princeps A. Kaunitz Rittberg Austriae Supremus Status Administer. Auf dem Steine, auf welchem das Medaillonbild ruht: Insomni volventem publica cura fata Virum. [81] Lucanus (Vinazer fec., J. E. Mansfeld sc. Viennae, apud Artariam Societ.). – 8) Nach der Bronze von Hagenauer J. Schmuzer sc. 1786 (gr. Fol.), schönes Blatt. – 9) J. Steiner p., J. Schmuzer sc. 1765 (gr. Fol.), Kniestück. – 10) Büste auf einem Quader-Piedestale, umgeben von allegorischen Personen. Der Stein trägt die Inschrift: Immortali Principi. Venceslao. Kaunitz. A. Rietberg. Cujus. Consilio. Provido. Justo. Sapienti. Libertas. Jura. Legesque. Pannoniae. Redditae Grati. Comitatus. Soproniensis. Ordines
D. D. D.
CIƆ . IƆCC . XC.
Am unteren Rande des Piedestales:

Ign. Unterberger
inv: et sculp. Viennae
(Fol.).

III. Medaille. Sie ist im Jahre 1773 von Krafft ausgeführt. Die Kopfseite mit seinem Bildnisse, die Rückseite zeigt den Genius des Lichtes unter den Strahlen der Morgensonne, Künste, Wissenschaft und Gewerbe befreiend. Die Umschrift besteht aus der Jahrzahl 1773 und den Worten „nascitur ordo“. Da aber gerade in diesem Jahre die von Kaunitz energisch betriebene Aufhebung des Jesuitenordens stattfand, hintertrieb K. selbst die Ausgabe dieser Denkmünze, denn sie sollte nicht ausschließend auf dieses Ereigniß gedeutet werden. Daher ist diese Denkmünze ziemlich selten anzutreffen.
IV. Charakteristik des Fürsten Kaunitz. Der Baron von Gleichen, der Baron Fürst und viele Andere bis auf Hormayr (dieser im „Taschenbuch für vaterländische Geschichte“, 1831, S. 93–102) haben den Fürsten charakterisirt und dabei eine Menge pikanter und bekannter Anekdoten erzählt, die ihn jedoch nach dieser Seite hin mehr kleinlich erscheinen lassen als ein treues Abbild seines Ichs geben. Herausgeber folgt hier einer anderen Quelle, welche den handschriftlichen Nachrichten eines 46jährigen Hausgenossen des Fürsten, die unmittelbar nach dessen Tode erschienen, und unmittelbar nach seinem Tode veröffentlicht worden, entnommen ist. Weniger pikant und mit weniger amusanten Bagatellen ausgestattet, tragen diese Mittheilungen das Gepräge der Wahrheit an sich, und vollenden mit dem oben Mitgetheilten das Bild eines Mannes, der längst seinen Biographen verdiente und ihn wohl auch finden wird, wenn die Zeit der in Hast entworfenen und ausgeführten historischen Gelegenheitsbücher überwunden, und jene der ruhigen unbefangenen, wahrheitsgetreuen Geschichtsforschung gekommen sein wird. „Diesen Staatsmann, schreibt unsere Quelle, dem ein so langes und ruhmvolles Leben zu Theil ward, hielt das Volk in Oesterreich in der That für seinen Freund. Der gemeine Mann in Wien nannte ihn nur den alten Fürsten, und in den Gesellschaften aus den höheren Ständen wurde ihm der Beiname des Großen selten versagt. Wenn auch in den Cirkeln des hohen Adels seine Mitwerber in Würden, Kenntnissen und Talenten häufig über seine Sonderbarkeiten und Derbheiten spöttelten, und sich darüber eine Menge Anekdoten zu erzählen hatten, so kam doch die Stimme dieser Oppositionspartei gegen den allgemeinen Ruf in keinen Betracht. Fürst Kaunitz hatte eine ausgebildete Vernunft, ohne, wie es sich leicht denken läßt, gerade einem bestimmten philosophischen Systeme mit aller Genauigkeit der Schule anzugehören. Wenn er gleich ehemals in Leipzig Vorlesungen über Philosophie gehört hatte, so fand er doch keinen Geschmack an eigentlich metaphysischen Untersuchungen. Aber die wichtigsten Lehren der Metaphysik, die Ideen von der Gottheit und der Natur des Menschen, sein Verhältniß zu den ersteren, und seine muthmaßliche künftige Bestimmung hatte er praktisch inne, und diese Sätze mögen wohl die Grundlage in dem Katechismus seiner Glaubenslehre gewesen sein. Dennoch versäumte er die äußeren Gebräuche seiner Kirche nicht; er ließ in seinem Palaste an Sonn- und Fasttagen Messe lesen und betrug sich überhaupt als katholischer Christ. Seine Duldsamkeit gegenüber den anderen Confessionen, ja nicht bloß Duldsamkeit, sondern seine aufgeklärte Denkweise über diesen Gegenstand gab sich bei allen Anlässen kund. Als er nach der von dem Churfürsten Friedrich August von Sachsen angenommenen Erbhuldigung aus diesem Anlaß eine diplomatische Mahlzeit gab, bei welcher Cardinal Migazzi, Erzbischof von Wien, und der russische Botschafter mit vielen anderen Gästen geladen waren, wurde bei Tische erzählt, daß der Churfürst von Sachsen dem lutherischen Cultus seiner Unterthanen so viel Wohlwollen bezeige, daß man katholischer Seits zu fürchten anfange, er möchte von der katholischen zur lutherischen Religion übergehen. Da bemerkte Fürst Kaunitz in seiner ruhig sarkastischen Weise: „Um seine arme Seele sollte es mich dauern, aber sonst wäre es wahrlich sehr gescheidt“, dabei blickte [82] der Fürst scharf den Cardinal Migazzi an, dessen Stirne sich in Runzeln verzog, der aber nichts erwiderte. Des Fürsten Kaunitz Beurtheilung war langsam, aber desto reifer und daher sein endlicher Ausspruch immer richtig. „Wenn ich mit Anderen unterhandle, sagte er, so denke ich mich immer genau in ihre Lage, und darnach verfahre ich mit ihnen oder gegen sie.“ Er sagte oft sehr sinnreiche Sachen, ohne eben witzig zu sein, oder ein vorzügliches Wohlgefallen an schönen Geistern und den Werken der Einbildungskraft zu haben. Voltaire war freilich einer seiner Lieblingsschriftsteller, aber auch an ihm bewunderte er am meisten den schnellen Gang seiner Ideen, die mannigfaltigen Combinationen, mit denen er überrascht, das Eigenthümliche seines glücklichen Ausdruckes und die magische Kraft, mit welcher er sich aus einem Welttheile in den andern fortzubringen weiß. Rousseau, der einige Zeit lang in Paris Kaunitzens Secretär gewesen, wurde zwar auch von ihm gelesen und geschätzt, aber Voltaire behielt auch bei diesem Großen die Oberhand. Seinem Geschmacke an französischen Theaterstücken blieb Kaunitz bis an sein Ende treu; noch wenige Monate vor seinem Tode ergötzte den alten erfahrenen Staats- und Weltmann Molière’s Laune und Salz. Alles Bessere, was für die französische Bühne etwa bis um das Jahr 1750 geschrieben worden ist, hatte er gelesen; Vieles davon befand sich in seiner Bibliothek. Die deutsche schöne Literatur kannte er weniger, ob er gleich in den neueren Zeiten, da Wieland der Mittelsmann war, dessen Schriften ihn aufmerksam machten, viele Aufmerksamkeit gegen sie bezeigte. So schätzte er unter andern Platner’n in Leipzig sehr und dieser wurde bei seinem Besuche in Wien von Kaunitz sehr ehrenvoll und unterscheidend behandelt. Der deutschen Sprache war er kundig, seine Aussprache war ziemlich frei von den Eigenheiten Oesterreichs, und lief je einmal etwas dieser Art mit unter, so kam es daher, weil er gewöhnlich nur mit Leuten aus den niederen Classen deutsch zu reden gewohnt war. Die französische Sprache war seine rechte Hand, und man merkte gar bald, daß, wenn er über wissenschaftliche oder historische Gegenstände deutsch sprach, er etwas ihm ungewohntes that, und daher das Französische oft zu Hilfe nehmen mußte. Ueberhaupt ließ er sich bei seinem mündlichen Vortrage Zeit; dafür beobachtete er aber auch immer den genauesten Zusammenhang und sagte kein Wort zu viel oder an der unrechten Stelle. Er sprach französisch, italienisch, deutsch; das Lateinische las und verstand er; auch war ihm in seiner Jugend die englische Sprache nicht fremd. Die große Encyklopädie wurde häufig von ihm gebraucht, um Stoff daraus für seine gesellschaftlichen Unterhaltungen zu holen, und besonders um einen Faden zu haben, an dem er seine und seiner Freunde Ideen anreihen könnte. Nützliche Erfindungen aller Art, besonders aus der Mechanik und allgemeinen Naturlehre, hat er mit großer Theilnahme unterstützt und befördert, vieles selbst versucht. Sein Talent für ausübende Mechanik zeigt sich in allen Anordnungen, er hatte verschiedene Handwerker in seinen Diensten, er verstand ihre Arbeiten, gab an, und veranlaßte manche Einrichtung, Vorkehrung u. s. w., durch welche alle die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten befördert, aber auch die Bedürfnisse derjenigen vermehrt werden, welche sich daran gewöhnen. Neue Ideen in der Land- und Stadt-Wirthschaft, wenn sie wahrhafte Vortheile versprachen und auf Erfahrung gegründet waren, hielt er seiner Aufmerksamkeit werth und sprach gerne darüber mit Sachverständigen. Kaunitz hinterließ den Ruhm, daß er ein entschiedener Freund der Wissenschaften und der Gelehrten war. Seit Leibnitzens Zeit, der auf Karl’s VI. Geheiß an dem Plane einer in Wien zu errichtenden Akademie arbeitete, sind dort alle weiteren Versuche dieser Art mißlungen; Kaunitz erschuf in den seiner Verwaltung anvertrauten Provinzen, in den Niederlanden und in der Lombardie, sehr ansehnliche Akademien. Die meisten fremden Gelehrten von einigem Ruhme, die nach Wien kamen, zog er an seine Tafel. Er verpflanzte den verdienstvollen Geschichtschreiber der Deutschen, den Würzburgischen Hofrath Schmit nach Wien, und setzte ihn ganz eigentlich in den Tempel der Muse, der er sich gewidmet hatte, indem er ihn am Hof-Archive anstellte, wo derselbe für die Geschichte Deutschlands neue und reiche Quellen fand. Unter seinen Privatvorlesern waren einige auch als Schriftsteller bekannt, als: Riedel aus Erfurt; der mit Recht allgemein geschätzte Pezzl, u. A. Noch entschiedener war sein Hang für die schönen Künste und die Künstler. Die vortrefflich eingerichtete Kunstschule zu Wien ist fast ganz durch ihn geschaffen. Er trug das meiste dazu bei, daß der so berühmte Kupferstecher Schmutzer durch Wille in Paris gebildet, und, nach seiner Zurückkunft [83] der Stifter und Director einer Lehrschule der Kupferstechkunst wurde, aus welcher seitdem so viele schätzbare Künstler hervorgegangen sind. Mit Mecheln aus Basel, der lange Zeit in Wien war und die Bildergallerie ordnete, besonders aber mit dem Historienmaler Casanova, lebte Kaunitz, bei ihrem Aufenthalte in Wien, in einem täglichen, fast vertrauten Umgange. Diese Auszeichnung hatten sie indeß wohl mehr noch ihrer feinen Lebensart, als ihren Kunstfähigkeiten zu verdanken. Der größte Künstler, wenn er nicht die Geschmeidigkeit des Hofmanns hatte, galt nicht viel bei Kaunitz; daher klagten die meisten über ihn, theils weil er sie oft Stunden lang in seinen Vorzimmern warten ließ, indessen er sich vielleicht mit einem Handwerker unterhielt, theils weil nicht alle sich mit der Ehre, ihre Kunstwerke in des Fürsten Gallerien aufgestellt zu sehen, genügsam bezahlt glaubten, welches Kaunitz höchst unbescheiden, eigennützig und unartig nannte [1]. Ein berühmter Künstler zu Wien rächte sich dafür an dem Fürsten, indem er ihm eine selbstverfertigte schlechte Copie für einen Original Correggio um vieles Geld anbieten ließ. Der Fürst ließ sich täuschen, erfuhr zwar nachmals den Betrug, schämte sich jedoch, darüber zu klagen. Kaunitz war überall als ein großer Reiter bekannt, und diese Liebhaberei machte einen Hauptzug in seiner Lebensweise aus. Er selbst hielt seine Reitbahn für die erste in Deutschland, und wenn das auch gleich nicht alle Pferdeverständige mit ihm glaubten, so bewunderten sie doch die Gewandtheit und Geschicklichkeit dieses Greises, der in seinem hohen Alter junge muthige Hengste abritt. Zu Pferde saß er als Greis noch mit natürlichem Anstande, er führte es leicht, obgleich nicht mit fester Hand, und tummelte es noch manchmal. Gerne zeigte er sich Anderen zu Pferde; auch war es Jedermann erlaubt, in seine Reitbahn zu kommen. Befand er sich wohl, so ritt er fast täglich Nachmittags, indeß noch vor seinem Mittage zwei bis drei Pferde, und ließ im Winter die Bahn mit argantischen Lampen beleuchten. Er hatte die meisten Pferde- und Reitbücher in seiner Bibliothek und zeigte öfter, daß er sie fleißig gelesen habe. Was der Italiener Borelli über den Gang der vierfüßigen Thiere, und andere französische Mechaniker von dem Sitze und der Zäumung gelehrt haben, beurtheilte er sehr richtig. Daß er seine Stallmeister selbst unterrichtet und erzogen habe, das wußten viele von Wiens Einwohnern bisher durch Tradition, nach seinem Tode ist es sogar ausdrücklich in seinem Testamente der Welt bekannt gemacht worden. Daß Kaunitz in seinen jungen Jahren ein schöner Mann gewesen war, und eine von den Physiognomien hatte, die Ehrfurcht einprägen und den edlen Mann gleich bei dem ersten Anblicke ankündigen, wußte man auch an zwei großen Höfen dießseits und jenseits des Rheins; selbst in seinem Alter sah man noch Ueberreste davon. Man hat sich vielfältig erzählt, daß er das Geschäft seines Anzuges und Putzes mit der eitelsten Pünktlichkeit besorge, wie man sie sonst nur den Weibern verzeiht; allein Andere behaupten, seine Toilette sei mehr langsam, als gekünstelt gewesen und der Methodismus, nicht aber die Vielfältigkeit der Geschäfte, habe ihren Gang verzögert. Sein ganzer Anzug war in Absicht auf die Stoffe mit ungemeiner Vorsicht gewählt, wozu die große Sorgfalt für Erhaltung seiner Gesundheit unstreitig mit beitrug, denn er liebte das Leben und mochte von Krankheiten nicht einmal gerne hören, obgleich er mit Kranken nach seiner natürlichen Gutmüthigkeit vieles Mitleiden hatte. Pocken-Inoculation konnte er nicht nennen hören, selbst von der Inoculation der Bäume durfte man nicht reden, man mußte äugeln, oder einimpfen sagen. Diese allzugroße Furcht vor Krankheiten rührte von seinem reizbaren Nervensystem her, und wenn er sich so ängstlich vor der freien Luft fürchtete und sich in seinen Kutschen fast immer hermetisch einschloß, so war das, um nicht Schnupfen oder Husten zu bekommen. Die Arzeneimittel verabscheute er und die Aerzte achtete er nur aus Nothwendigkeit. Uebrigens hatte er sich auch in den Schriften der Aerzte umgesehen und seine Begriffe von dem menschlichen Körper und dessen Verrichtungen waren nicht irrig. Er hatte sich sehr sonderbar diätetische Grundsätze gemacht, und seine Tagesordnung in Absicht auf Geschäfte, Tafel und Schlaf war eine völlige Umkehrung der Lebensweise anderer Menschen. Immer aber muß er wohl die goldene Regel der Mäßigkeit beobachtet haben; das lehrt außer bestimmten Zeugnissen sein hohes und gesundes Alter. Unter seinen moralischen Eigenschaften rühmt man von ihm Redlichkeit und Treue. Vornehm und trocken war er oft gegen Freunde [84] von seinem Stande, gütig und herablassend gegen Niedere, ernsthaft aber gegen Alle und immer, auch wohl, in Anwandlungen von Unmuth, kurz und derb. Es werden, besonders in seiner späteren Zeit, viele Menschen Jahrelang um den Fürsten Kaunitz gewesen sein, ohne ihn lachen gesehen zu haben. Nie hat wohl ein Minister an irgend einem Hofe ein größeres Vertrauen und längere Zeit hindurch genossen, als Kaunitz an dem seinigen. Es war auf die vollkommenste Ueberzeugung von seiner Rechtschaffenheit und von seinen Einsichten gegründet. Daher wurde ihm alles nachgesehen. Er ging in das Cabinet der Kaiserin Maria Theresia, unter deren Regierung bei Hofe noch eine sehr strenge Etiquette beobachtet wurde, im Frack und mit Stiefeln, wie er eben von der Reitbahn kam; und weil die Kaiserin im Sommer und Winter die Fenster stets offen, Kaunitz die seinigen aber immer geschlossen hatte, so war bei seinem Eintritte in der Kaiserin Zimmer das Erste, daß er die Fenster zumachte, damit die Luft ihm nicht schade und dann erst wendete er sich an die Kaiserin, um mit ihr zu sprechen. Kaiser Joseph II., der im eigentlichsten Sinne selbst herrschen wollte und sich allen Geschäften gewachsen glaubte, zog nicht immer den Fürsten zu Rathe, und wenn er es auch that, so befolgte er nicht immer des Fürsten Meinung. Dennoch behielt er für ihn alle äußere Achtung bei. So lange Joseph regierte, kam Kaunitz nicht mehr nach Hofe, sondern der Kaiser, wenn er ihn sprechen wollte, ging zu ihm und dieß geschah sehr oft. Er ließ sich vorher gewöhnlich melden, und oft ließ ihm Kaunitz sagen: er könne kommen, aber er werde ihn noch im Bette finden. Der Kaiser nahm das nicht übel, und besuchte ihn, während derselbe noch seiner Ruhe pflegte. Er nahm an den kirchlichen Reformen des Kaisers Joseph einen rühmlichen Antheil und hatte dazu schon unter Maria Theresia die Bahn gebrochen. Zu Rom war man sogar überzeugt, daß alle diese verhaßten Reformen von Kaunitz allein herrührten, und selbst in der Ministerial-Correspondenz, welche zwischen Rom und der Nunciatur in Wien geführt wurde, die aber der Staatskanzlei nicht geheim blieb, wurde Kaunitz nie anders, als der ketzerische Minister (il ministro eretico) genannt. Als der Papst nach Wien kam und mit dem Kaiser an der Burgtreppe aus dem Wagen stieg, kam ihm Kaunitz entgegen. Der Kaiser präsentirte ihn mit einem schmeichelhaften Complimente dem Papste, und dieser, aus Uebermaß von Politik, reichte ihm nicht den Rücken der Hand, sondern das innere derselben zum Küssen dar, welches nach päpstlichem Begriffe die größte Gnadenbezeugung war. Der Fürst that aber, als ob er nichts von dieser Etiquette verstünde, nahm die ihm vom Papste dargebotene Hand, und drückte sie nach altdeutscher Sitte in die Seinige. So war wohl noch kein Papst bewillkommt worden. Gewöhnlich besprach sich Kaiser Joseph lange mit Kaunitz, ehe er eine Reise antrat. Bei dem Anfange der Scheldestreitigkeiten mit Holland hatte der Kaiser bekanntlich Befehl gegeben, mit einer österreichischen Fregatte die Schelde hinunter zu fahren, und es darauf ankommen zu lassen, ob die Holländer, wie sie drohten, auf diese Fregatte schießen und damit die Streitigkeiten anfangen würden. Joseph nahm Abschied bei dem Minister, um nach Ungarn zu reisen, und als dieser ihn zu wiederholtenmalen fragte: „was Se. Majestät auf den Fall befehlen, wenn die Holländer schießen sollten“, antwortete der Kaiser immer mit großer Zuversicht: „sie werden nicht schießen“ und fing gleich von anderen Gegenständen zu sprechen an, indem er die Gründe des erfahrenen Rathgebers durchaus nicht hören wollte. Bald darauf kam die Nachricht an, daß die Holländer auf die Fregatte geschossen hätten. Kaunitz sandte diese Nachricht an den Kaiser, bloß mit den Worten: „Ew. Majestät werden aus dieser Depesche ersehen, daß die Holländer dennoch geschossen haben“. Nur gegen das Ende Joseph II., da dieser Monarch schon sehr krank war und das Zimmer hüten mußte, die politischen Angelegenheiten aber in Rücksicht auf den noch nicht beendigten Türkenkrieg, die englisch-preußischen Rüstungen und die Bewegungen in Ungarn äußerst bedenklich waren, ging Joseph nicht mehr zu Kaunitz, sondern sandte den Baron Spielmann, damaligen Chef der Staatskanzlei, welcher hierdurch erst einen entscheidenden Einfluß in die auswärtigen Angelegenheiten erhielt. Dieser Einfluß ward desto stärker, als nach Joseph’s Tode Leopold II. die auswärtigen Geschäfte auf eben die Art zu behandeln fortfuhr, den Fürsten Kaunitz zwar auch einigemal besuchte, aber wenig zu Rathe zog, hingegen desto mehr in allem den Rath des Baron Spielmann befolgte, so daß Kaunitz endlich darüber eifersüchtig wurde; und vielleicht hat dieß [85] dazu beigetragen, daß bald darauf, unter Franz II., der Baron Spielmann außer Wirksamkeit gesetzt wurde, und der Fürst Kaunitz, der inzwischen schon ganz von den Geschäften entfernt war, wenigstens den Anschein wieder erhielt, als wenn er dabei zu Rathe gezogen würde. Dessen ungeachtet fuhr man immer fort, dem alten Minister mit besonderer Auszeichnung zu begegnen. Kaum war Leopold’s II. Gemalin in Wien angekommen, so machte sie dem Fürsten den ersten Besuch, führte ihm die Erzherzoge, ihre Söhne auf, setzte sich zu ihm auf den Sopha, und ließ die Erzherzoge rund herum Platz nehmen. Es war einmal seit Maria Theresia bei Hofe Ton geworden, dem Fürsten Kaunitz mit der größten Schonung und Auszeichnung zu begegnen, und auch Franz II. that es, obschon Kaunitz seit dieses Monarchen Regierung wenig Einfluß hatte. Kaunitz hatte den Grundsatz, seine Meinung zwar in allen Angelegenheiten frei zu sagen und mit Gründen zu unterstützen, aber nie hartnäckig darauf zu bestehen oder sich zu ereifern, wenn man sie nicht annehmen wollte. Gingen dann die Sachen übel, so erinnerte er bloß mit wenigen Worten an den von ihm gegebenen Rath. Als der letzte Krieg mit Frankreich eine unglückliche Wendung nahm, sagte er an der Tafel, da von den Jacobinern und den bekannten Ministerialbriefen, welche wegen derselben zwischen dem kaiserlichen und französischen Hofe vor dem Ausbruche des Krieges gewechselt worden sind, die Rede war: „Hätte man mir geglaubt, so hätte man diesen Herren (den Jacobinern) nicht so viele Ehre erwiesen“, nämlich, ihre Sache nicht in die Ministerial-Correspondenz zu mengen, welches die eigentliche Ursache des Krieges war. Uebrigens nahm sich Kaunitz nie einen üblen Erfolg zu Herzen. Nichts unterbrach seine Ruhe, seine Bequemlichkeit und seine häusliche, bis auf das Aeußerste in’s Kleinliche gehende Ordnung, und es möchte wohl stets ein Flecken in seinem Ministerial-Leben sein, daß sich der letzte, am Wiener Hofe gestandene französische Botschafter, der Marquis von Noailles, in seiner eben erwähnten Ministerial-Correspondenz beschwert, es sei ihm nicht möglich gewesen, die letzte Depesche, von welcher die Entscheidung einer so wichtigen Sache, als Krieg oder Friede mit Frankreich, abhing, dem Fürsten selbst zu übergeben, und mit ihm darüber zu sprechen. Der vielerfahrene Greis hatte endlich einen sehr sanften Tod. „Mit dem beruhigenden Bewußtsein“, so schließt der oben angeführte handschriftliche Aufsatz, „die Pflichten des Menschen, des Staatsbürgers und Ministers genau erfüllt, und Niemanden mit Vorsatz geschadet zu haben, starb er lebens- und ruhmessatt den 27. Juni 1794 an Entkräftung in dem Alter von 83 Jahren, 4 Monaten und 25 Tagen. Gerechtigkeitsliebe, Billigkeit gegen Jedermann, Uneigennützigkeit, Mäßigung, Klugheit und Thätigkeit in der Ausführung seiner Staatsprojecte, vereinigt mit einer ganz eigenen Gleichmüthigkeit, welche den Ausbruch aufwallender Regungen zu hemmen wußte, machen die hauptsächlichsten Züge in seinem moralischen Charakter aus, und stellen in seiner Person ein Muster für hohe Staatsbeamten auf, welches für sie immer nachahmungswürdig bleiben wird.“
V. Grabdenkmal. Der Fürst Wenzel Anton liegt in der Familiengruft, welche sich in der von ihm erbauten schönen Pfarrkirche der Stadt Austerlitz in Mähren befindet, begraben. Sein Denkmal hat folgende Inschrift: D. O. M. S. CIneres hic conduntur templi hujus exstructoris, Wenceslai Antonii S. R. I. Principis de Kaunitz, Comitis Rietbergae, Aurei velleris et regii prdinis Sti. Stephani equitis majoris crucis, qui Carolo VI., Francisco I. et Mariae Theresiae conjugibus, Josepho II., Leopoldo II. et Francisco II. Augustis feliciter imperantibus, plurimis legationibus ad exteros reges et ad Aquisgranensem pacis conventum obitis administratione Belgii Austriaci quatuor annos sine offensa popularium gesta, res Austriacorum cum exteris populis transigendas, plaudente Europa, quadraginta integros annos cum summa laude moderatus est. Ingentes animi dotes ac virtutes, felices consiliorum exitus, novas augustae domui citra sanguinis effusionem adsertus provincias marmor tacet, historia loquitur. Vitae gloriae satur annos natus LXXXIII, menses IV, dies XXV, mortalitatem exuit anno salutis CIƆIƆCCXCIV, mense Junio, die XXVII, magnis justitiae, aequitatis, sapientiae et moderationis exemplis posteritati ad imitationem relicits. Ernestus Christophorus, S. R. I. Princeps, Aurei Velleris eques, in Augusta aula supremus Juri dicundo praefectus, Dominicus Andreas aurei velleris eques augustalis cubiculi claviger, Franciscus Wenceslaus, in exercitibus caesareis supremus peditum praefectus [86] Comites Kaunitzii et Rietbergae, fratres, patri optimo et bene merenti lugentes posuerunt anno CIƆIƆCCXCIV.

  1. Nun in dieser Beziehung kann man dem großen Fürsten denn doch nicht beipflichten. Der Künstler will auch leben.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: [Bd. IX, S. 377].