BLKÖ:Sinzendorf, Philipp Ludwig Wenzel

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 35 (1877), ab Seite: 20. (Quelle)
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20. Philipp Ludwig Wenzel (geb. 26. December 1671, gest. 8. Februar 1742). Von der Fridau’schen Linie. Der zweitgeborene Sohn des durch seine Finanzwirthschaft berüchtigten Georg Ludwig S., aus dessen zweiter Ehe mit Dorothea Elisabeth Herzogin zu Holstein. Er war neun[WS 1] Jahre alt, als er den der schwersten Verbrechen wegen abgeurtheilten Vater durch den Tod verlor. Seine Mutter hatte zum zweiten Male (den kais. Feldmarschall Grafen Rabutin) geheirathet. Anfänglich für den geistlichen Stand bestimmt und mit einem Canonicat dotirt, trat er, nachdem sein älterer Bruder Christian Ludwig im Felde geblieben, an dessen Stelle und wurde auch Soldat. Als solcher begleitete er seinen Stiefvater zu den Feldzügen in Italien und den Niederlanden, dann wurde er Kämmerer des Kaisers Leopold I. Da er sich anstellig erwies, erhielt er 1694, erst 23 Jahre alt, bereits eine Mission an [21] den Kurfürsten von Bayern, der damals als Statthalter in den Niederlanden sich befand, dann eine andere an den Kurfürsten von der Pfalz, und da er seiner Aufgaben mit Geschick sich entledigt, wurde er am 13. Juni 1695 Reichshofrath. Nach Abschluß des Ryswiker Friedens, schickte ihn der Kaiser 1699 als außerordentlichen Gesandten nach Frankreich. Im August 1699 traf er in Paris ein und konnte erst am 1. December zur Audienz gelangen. Und warum diese lange Verzögerung, während welcher sein großer Aufwand auf Staatskosten bestritten wurde? Es handelte sich einfach um eine Frage des Ceremoniells! Man verlangte von dem kaiserlichen Gesandten, daß er während der Audienz bei den königlichen Kindern sein Haupt entblöße, indessen die Kinder das ihrige bedeckt hatten, da doch der französische Gesandte in Wien, Marquis Villars, vor dem damaligen Erb-Erzherzog Karl sich bedecken wollte. Dessen weigerte sich Graf Sinzendorf und nach langem Hin- und Herreden und weitschweifigen Verhandlungen wurde endlich dahin entschieden, daß es bei dem bisherigen Ceremoniell am königlichen Hofe zu verbleiben und der Gesandte vor den königlichen Prinzen unbedeckt zu stehen, daß aber auch der Marquis von Villars sich vor dem Erzherzog Karl in Wien nicht zu bedecken habe! – Bei Ausbruch des Krieges im Jahre 1701 wurde der Graf nach Wien zurückberufen und nach seiner Rückkehr Ende September zum wirklichen geheimen Rathe ernannt. Im Jahre 1702 begleitete er den Kaiser Joseph I. zur Belagerung von Landau, ging nach dem Fall der Festung als kaiserlicher Commissär nach Lüttich, wo er am 28. November die dahin berufene Versammlung der Stände eröffnete und am 25. Jänner 1703 eine neue Regierung daselbst einführte, nachdem der Kurfürst von Cöln Joseph Clemens von Bayern wegen Felonie des Fürstenthums verlustig erklärt worden. Bald darnach erklärte er öffentlich in Lüttich im Namen des Reichs den Krieg gegen Frankreich und Spanien und trat allen Maßnahmen des abgesetzten Kurfürsten entgegen. Nach der Eroberung von Limburg nahm er im Namen des neu declarirten Königs Karl III. von Spanien die Huldigung entgegen und begab sich dann als kaiserlicher Bevollmächtigter zur Armee der Alliirten in den Niederlanden. Im J. 1704 begleitete er den römischen König zur neuerlichen Belagerung von Landau. Nach dem Falle der Festung kehrte er mit seinem Gebieter nach Wien zurück. Als am 5. Mai 1705 Kaiser Leopold I. starb und Joseph I. ihm folgte, bestätigte dieser den Grafen in seinen bisherigen Würden, ernannte ihn an BuceIlini’s Stelle zum Obersten-Hofkanzler, welche Hofcharge er nun gemeinschaftlich mit Johann Friedrich Freiherrn, nachmaligen Grafen von Seilern [Bd. XXXIV, S. 21, Quelle 4] theilte. Im Jahre 1706 begab er sich nach dem Haag zu den Verhandlungen, in welchen die im Namen Frankreichs von dem Kurfürsten von Bayern den Seemächten England und Holland gemachten Friedensvorschläge durch seine entscheidende Mitwirkung abgelehnt und die energischere Fortführung des Krieges beschlossen wurde, worauf er auf seinen Posten nach Wien zurückkehrte. Im Jahre 1709 begab er sich neuerdings nach dem Haag, wo wieder über den Frieden verhandelt, dieser aber dießmal von Seite Frankreichs verworfen wurde, da diesem die Oesterreich betreffenden Bedingungen zu vortheilhaft erschienen. Daselbst blieb er bis zum Abschlusse des Friedens von Gertrudenburg und kehrte im August 1709 nach Wien zurück. Der Kaiser, der ihm schon im Jahre 1709 die Herrschaft Hals in Böhmen geschenkt, beschenkte ihn nun in Anerkennung seiner ersprießlichen Wirksamkeit mit der Herrschaft Schärding, deren Erträgniß damals auf 20- bis 30.000 Reichsthaler angeschlagen wurde. Während einer neuen Sendung nach dem Haag im Herbst 1710 fiel in die Zeit seines Aufenthaltes daselbst das Ableben des Kaisers Joseph I. (17. April 1711). Nun ging er nach Frankfurt a. M. zur Kaiserwahl Karl’s VI. Nach einer Sendung nach Italien, um dort Anstalten zur Ankunft des neuen Kaisers zu treffen und demselben im Lande das Geleite zu geben, begab er sich mit dem Kaiser nach Innsbruck, wo seine Bestätigung in der Stelle des obersten Hofkanzlers erfolgte, wenige Tage darnach wurde er geheimer Rath. Nun folgte er dem Kaiser zur Krönung nach Frankfurt a. M., wo er als Reichs-Erbschatzmeister die Krone trug und die Krönungsmünzen unter das Volk warf. Am 1. Jänner 1712 erhielt er das goldene Vließ und ging darauf als erster Gesandter zum Congreß nach Utrecht, wo die mehrmonatlichen Verhandlungen für den Kaiser erfolglos blieben. Im Mai 1713 nach Wien zurückgekehrt, war er als erster Conferenzminister bei mehreren [22] Staatsacten u. a. bei der Abfassung der Verzichtsacten zweier Erzherzoginen thätig. Im Jahre 1721 wurde er Director der neu errichteten orientalischen Handels-Compagnie und 1723 geleitete er die kaiserlichen Majestäten zur Krönung nach Prag. Im Jahre 1724 führte er als kaiserlicher Commissär den neuen königlich ungarischen Rath in Preßburg ein. 1725 wirkte er zu Wien bei dem Abschlusse der heimlichen Allianz zwischen dem Kaiser und Spanien mit, unterzeichnete am 16. April 1726 den Acceßtractat zur Stockholm’schen Defensiv-Allianz, am 6. August den Allianztractat mit Rußland, und ging 1728 als erster Bevollmächtiger zum Friedenscongreß nach Soissons, den er am 13. Juni in Person mit feierlicher Anrede eröffnete, welcher aber damit endete, daß die Bevollmächtigten, nachdem jene Spaniens den Reigen eröffnet, unverrichteter Dinge auseinandergingen. Anfang des Jahres 1729 kehrte er nach Wien zurück. Im Jahre 1734 bestimmte ihn der Kaiser in die Commission, welche die häufigen Klagen der Protestanten in Ungarn untersuchen und deren Berechtigung prüfen sollte. Der Graf war das einzige weltliche Mitglied derselben. Im folgenden Jahre war er bei den Friedensverhandlungen mit Frankreich, welche bisher heimlich mit Herrn de la Baune geführt wurden, thätig. Erst 1739 kam der Friede perfect zu Stande und konnte am 28. Juli 1740 in Wien publicirt werden. Auch betrieb der Graf, da im Kriege Oesterreichs mit der Türkei im Jahre 1737 der Nachtheil auf Oesterreichs Seite stand und der Zustand der kaiserlichen Armee eine Fortsetzung des Krieges nicht räthlich sein ließ, den Abschluß des Friedens mit der Pforte. Am 20. October 1740 erlebte der Graf das Ableben des Kaisers Karl VI., des dritten aus dem Kaiserhause, dem er seit 46 Jahren gedient. Die neue Kaiserin Maria Theresia bestätigte ihn in seinen Stellungen, in welchen er bis an sein im Alter von 71 Jahren erfolgtes Ableben verblieb. Noch sei erwähnt, daß der Graf im December 1705 das Protectorat der kais. Akademie der Künste übernahm. Der Graf hatte sich im Jahre 1696 mit Katharina Rosina Gräfin Waldstein verwitweten Gräfin Löwenstein-Wertheim vermält, welche ihm in nahezu vierzigjähriger Ehe vier Söhne Johann Wilhelm [Qu. 15], Philipp Ludwig [S. 24], Octavian Karl [Nr. 5], Joseph Bernhard, Domherr in Passau, und eine Tochter Maria Josepha Anna, die sich mit einem Vetter von der Ernstbrunn’schen Linie Franz Wenzel [Nr. 9] vermält hatte, gebar. Wenngleich der Graf als Staatsmann in häufiger und nicht unwichtiger Verwendung stand, so war er nichts weniger denn beliebt, und hatte man, wie schon der so milde und vorsichtige Arneth ausdrücklich schreibt, vor seinem Charakter keine hohe Achtung, denn wenn ihm auch an den Verbrechen seines Vaters keine Schuld zur Last fiel, war er doch nicht verläßlich, stets seines Vortheils eingedenk, hielt er stets mit Jenen, von denen er irgend einen Gewinn sich versprechen konnte. Mit seinen Enkeln erlosch die Fridau’sche Linie, welche durch sechs Generationen gedauert hatte. [Ranft (Michael), Genealogisch historische Nachrichten aller Begebenheiten, welche sich an den europäischen Höfen zugetragen haben (Leipzig 1739 u. f., Heinsius, 8°.) Bd. III, p. 1037 u. f. – Arneth (Alfred Ritter v.) Maria Theresias ersten Regierungsjahre (Wien, gr. 8°.) Bd. I, S. 7, 11, 30, 62–69, 71, 84, 90, 97, 99, 126, 130, 131, 172, 182, 219, 221, 237, 244, 245, 320, 329, 365, 366, 369. – Mailath (Johann Graf), Geschichte des österreichischen Kaiserstaates [Sammlung von Heeren u. Uckert] (Hamburg, Friedr. Perthes, 8°.) Bd. IV, S. 443, 445, 485, 489, 538, 597, 614; Bd. V, S. 30]. – Porträte. a) Unterschrift: Philip Ludewig | Des Heil. Röm. Reichs Erb-Schatz-Meister | und Graf von Sinzendorf | Kayserl. und Cathol. Maj. Geheimbter Rath | und Obrist-Hof-Canzler. – b) H. Rigaud p., B. Picárt sc. 1713, (Roy.-Fol.). – c) H. Rigaud p., G. A. Müller sc. (Kniestück, Schwzk.-Fol.). – d) H. Rigaud p., Drevet sc. (Kniestück, gr. Fol.). –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: elf.