BLKÖ:Reittenberger, Kaspar Karl

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Reitmayer, Franz
Band: 25 (1873), ab Seite: 261. (Quelle)
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Reittenberger, Kaspar Karl (Abt des Stiftes Tepl in Böhmen, Gründer von Marienbad, geb. zu Neumarkt in Böhmen am 29. December 1779, gest. im Stifte Witten bei Innsbruck am 21. März 1860). Die Eltern, achtbare Bürgersleute, ließen ihren Sohn studiren und dieser trat in das Prämonstratenserstift Tepl, in welchem er zu Prag die theologischen Studien beendete und 1804 die heiligen Weihen erlangte. Im Stifte versah er längere Zeit die Stelle eines Secretärs bei dem damaligen Abte Lorenz Chrysostomus Pfrogner [Bd. XXII, S. 204], nahm als solcher an den Geschäften des Hauses umfassenden Antheil, wurde so das belebende Princip der ganzen Stiftsverwaltung, welche er nach allen Einzelnheiten auf das Genaueste kennen lernte. Als Pfrogner im Jahre 1812 starb, wurde R. im Jahre 1813 mit Stimmenmehrheit zum Abte gewählt. In dieser Stellung richtete er sein erstes Augenmerk auf die in den Wirren der Zeit herabgekommenen Oekonomieverhältnisse des Stiftes, ließ das Stiftsgebäude neu herstellen, neue Volksschulhäuser erbauen, die vorhandenen erweitern, und als das Hungerjahr 1817 mit all seinen Schrecken über die Bevölkerung hereinbrach, war er nach allen Seiten bemüht, den Jammer [262] zu lindern, durch Theuerungszuschüsse, Vorschüsse, Beschäftigung u. dgl. m. zu helfen und zu unterstützen. Nun aber richtete er seine Aufmerksamkeit auf die im Bereiche des Stiftseigenthums gelegenen Mineralquellen des heutigen Marienbades, die mitten in den damals fast noch unzugänglichen Sümpfen der Waldesöde noch unbenützt lagen. Schon im Jahre 1779 hatte der Stiftsarzt Dr. J. J. Nehr [Bd. XX., S. 136] die Heilkraft jener Quellen erprobt und sind die Bestrebungen des menschenfreundlichen Arztes in dessen Biographie ausführlich dargestellt. Im Hinblicke dessen, daß Dr. Nehr der Erste die Heilkraft der Quellen erkannte und sich bemühte, dieselben der leidenden Menschheit zugänglich zu machen, wird er denn auch und nicht mit Unrecht als Entdecker Marienbads bezeichnet. Den Namen „Gründer“ gibt man aber auch dem Abte Pfrogner, der, von Nehr gedrängt, sich zu einigen Einrichtungen, wie sie für eine Heilquelle erforderlich waren, herbeiließ. Unbestritten aber gebührt der Titel des „Gründers von Marienbad“ dem Abte Reittenberger, der schon als Secretär des Abtes Pfrogner seinen ganzen Einfluß zur Hebung des Curortes in die Waageschale legte. Nehr’s Erfahrungen ließen ihn die Zukunft des Ortes ahnen, und als er selbst zur Prälatur gelangte, setzte er seine ganze Thatkraft ein und warf, da er zu den erforderlichen Bauten und Einrichtungen die Erträgnisse des Stiftes verwendete, wie mehrere seiner zelotischen Stiftsbrüder voll Hohn äußerten, „das Stiftseinkommen in den Sumpf“. In einer kurzen Darstellung folgt nun hier, was Abt R. für die Mineralquelle Marienbad gethan. Nachdem über seine Veranlassung im Jahre 1816 die Quellen durch Dr. Reuß untersucht wurden, ließ er im Jahre 1817 die Promenade zwischen dem Kreuz- und Karolinenbrunnen anlegen; im Jahre 1818 wurde Marienbad zum Range eines Curortes erhoben und schon für das nächste Jahr die Eröffnung der ersten Saison angekündigt; das Marienbader Badehaus mit großen Auslagen hergestellt; die an Kohlensäure überreiche Auschowitzer Quelle, die meist von Gründen umgeben war, welche sich in fremden Händen befanden und also erst mit großen Opfern eingelöst werden mußten, wurde sorgfältig gereinigt, gefaßt; die Umgebung in eine schöne Landschaft umgestaltet und die Quellen zur Erinnerung an Kaiser Ferdinand I., der schon im J. 1528 aus dieser Quelle Kochsalz bereiten zu lassen die Absicht hatte, Ferdinandsquelle genannt. Auch wurde die Versendung des Kreuzbrunnens eingeleitet und Niederlagen davon in Hauptstädten errichtet; die innere Einrichtung des Curapparates nach dem Muster der bedeutendsten Curorte Böhmens und Deutschlands neu hergestellt und zur Leitung derselben eine eigene Inspection bestellt; ein Badehaus für Stahlbäder erbaut; auf Struve’s Veranlassung im Jahre 1820 ein Gasbad, dann ferner Douche-, Dampf-, Schlamm- oder Moorbäder errichtet; zur Unterbringung cur- und erholungsbedürftiger Ordensbrüder nach Dr. Nehr’s im Jahre 1820 erfolgten Tode dessen Haus angekauft; Straßen, Brücken, Canäle, Promenaden mit Alleen, Wasserleitungen, Trottoirs gebaut, über die Brunnen Tempel errichtet, die auf 72 Säulen ruhende Halle über dem Kreuzbrunnen, ferner ein Interimstheater, ein Cursalon, eine Schule, eine Capelle zur Abhaltung des Gottesdienstes, ein Curspital zur Aufnahme dürftiger Kranken ohne Rücksicht auf Nationalität und Religion erbaut, [263] eine Apotheke aufgestellt, ein Arzt und Wundarzt besoldet, und dieß Alles geschah aus den Dotationsdomänen des Stiftes, jedoch in einer Weise, daß nirgends eine Verkürzung fühlbar wurde, da Niemand ein Opfer brachte als nur der Abt allein, der sein Personaleinkommen diesem Zwecke widmete. So war binnen kurzer Zeit die frühere Armuth der ganzen Gegend, die bis dahin ohne Erwerb und Verkehr war, einem behäbigen Wohlstande gewichen, und die für den Curort gemachten großen Auslagen lohnten sich bald in reichlicher Weise, da schon die Rechnung des Jahres 1824 einen Reinertrag von über 30.000 Gulden herausstellte. So bildet denn Marienbad, wie Dr. Schneider in Reittenberger’s Nekrologe bemerkt, „des Stiftes Tepl beste Rente, die es in den Stand setzt, nicht nur seinem Hauswesen und den gesteigerten Anforderungen, seiner gemeinnützigen Bestimmung der Seelsorge und seines ausgedehnten Kirchen- und Schulpatronates, des Lehramtes in der Volksschule und den höheren Bildungsanstalten, sowie an den Universitäten zu genügen, sondern auch zur Unterstützung und Förderung aller übrigen gemeinnützigen und wohlthätigen Anstalten und Vereine in der Gemeinde, im Bezirke, im Vaterlande, bei Einheimischen und Fremden sich stets bereit finden zu lassen und bei alledem auch da nicht zurückbleiben zu müssen, wo das Vaterland ruft oder die Kirche“. Alles dieß ist ist die Frucht der unsäglichen Bemühungen des Abtes Karl Reittenberger, „des Schöpfers von Marienbad, des zweiten Begründers des Stiftes Tepl“. Und das Loos dieses Mannes? Schon bei seiner Wahl zum Prälaten hatte sich eine Opposition gegen ihn gebildet, welche damals aus der Besorgniß entsprungen, daß das Stiftseinkommen in den Sumpf geworfen würde, nun in häßlichen Neid überging, als die Zähigkeit des thatkräftigen Mannes alle Hindernisse überwand und das Gelingen seiner Unternehmungen nunmehr außer aller Frage stand. Der Umstand nun, daß höchsten Ortes auf eine Verschärfung der klösterlichen Disciplin, die sich in den Zeitverhältnissen wohl etwas gelockert haben mochte, gedrungen wurde, und daß R. an die Ausführung der ihm übertragenen Maßregel schritt, brachte Zerwürfnisse im Stifte hervor, welche damit endeten, daß Reittenberger sein Amt niederlegte und sich im Jahre 1827 mit einer Jahresreine von 1200 fl., welche dann auf 2000 fl. erhöht wurde, in das Stift Wilten nach Tirol zurückzog, wo er bis an sein im Alter von 71 Jahren erfolgtes Ableben ein streng nach der Ordensregel eingerichtetes Leben führte und die im und außer dem Hause erfahrene kränkende Anfeindung vergessend, sein Haupt auf fremder Erde zur ewigen Ruhe legte.

(Schneider, Prof. Dr.) Nachruf an den Gründer von Marienbad Kaspar Karl Reittenberger u. s. w. (Marienbad 1868, E. A. Götz, kl. 8°.). – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1860, Beilage zu Nr. 242 u. 243. – Prager Morgenpost 1860, Nr. 247, im Feuilleton: „Der Gründer von Marienbad“. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Zweite Abthlg. Bd. V, S. 838 [mit unrichtigem Geburtsjahr, und das Stift Wilten in Tirol wird daselbst zu Wilbau entstellt]. – Klimesch (Philipp), Stift Tepl. Uebersicht der merkwürdigsten, in den Annalen des Prämonstratenserstiftes Tepl verzeichneten Ereignisse in und außer dem genannten Stifte seit dessen Gründung (Prag 1859, 8°.) S. 52.