BLKÖ:Rothschild, Nathaniel Freiherr von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 27 (1874), ab Seite: 139. (Quelle)
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16. Nathaniel Freiherr von Rothschild (geb. zu London 2. Juli 1812, gest. zu Paris 21. Februar 1870). Ein Sohn des Londoner Bankiers Nathan Maier und jüngerer Bruder Lionel’s. Er lebte, seit 20 Jahren gelähmt und in der letzten Zeit auch blind, in Paris, ungeachtet dieser körperlichen Gebrechen an Allem regen Antheil nehmend, was in der Welt vorging. Nicht nur die politischen Ereignisse, die er aus dem „Moniteur officiel“ und der „Independance belge“, welche er sich vorlesen ließ, kennen lernte, auch die Kunst und die Belustigungen der Pariser Welt nahmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Er ließ sich die Pariser Kunstberichte vorlesen und kaufte Bilder, die er nicht sehen konnte, um die Künstler zu ermuthigen und zu neuen Arbeiten, zu denen er ihnen auch oft das Sujet angab, anzueifern. „Man braucht nicht eben Augen, um zu sehen. Das Wort malt wie der Pinsel, und man sieht mit den Augen des Gehirns besser als mit jenen des Gesichts“, pflegte er zu sagen. Trotz seiner Gebrechen hörte man ihn nie über seinen Zustand klagen. Er trug ihn mit der Resignation eines Weisen und dem Tacte eines Mannes von Welt, der nie von seinem Unwohlsein spricht, um das sich die übrige Welt, die genug mit ihren eigenen Leiden zu thun hat, wenig oder gar nicht kümmert. Man rühmte seine Sanftmuth und seine Wohlthätigkeit, deren Born nie versiegte. Ein geistreicher Franzose nennt ihn treffend „einen Hiob auf einem Geldsacke“. Baron Nathaniel war mit Charlotte, der ältesten Tochter seines Oheims James Maier Freiherrn von Rothschild vermält und aus dieser Ehe ist ein Sohn James Nathan vorhanden, der sich der rechtswissenschaftlichen Laufbahn gewidmet und Advocat am Pariser Burreau ist. Freiherr James Nathan hat sich mit Luise Therese, einer Tochter Maier Karl’s, des Cousins seines Vaters, verheirathet. – Man rühmt der Baronin nach, daß sie in Handhabung des Pinsels und der Palette nicht gewöhnliche Fähigkeiten bekunde. Wenigstens sprach ein in der Pariser Ausstellung des Jahres 1873 befindliches Bild, das sie gemalt, von Talent und Kunstfertigkeit. Man brachte eine im Frühlinge 1873 von der Baronin incognito durch die Bretagne unternommene Reise mit ihrer Liebe zur Kunst in Verbindung, denn die charakteristischen bretonischen Küstenländer bieten reichen Stoff zu landschaftlichen Studien. – Zwei Nichten Nathaniel’s, die Baronessen Constance und Anna, Töchter seines in London lebenden Bruders Anthony und somit auch Nichten des Freiherrn Lionel, nehmen einen Platz in der dünngesäeten Zahl „gelehrter Frauen“ (zu unterscheiden von sogenannten „Blaustrümpfen“) ein. Sie traten als theologische Schriftstellerinen auf und beschäftigten sich mit nichts Geringerem als der Bibel-Auslegung. Die Journale berichteten im Jahre 1870 von den beiden Damen, daß sie eine Geschichte und Literatur der Israeliten in zwei Bänden herausgegeben hätten, an welche man einen wissenschaftlichen Maßstab zu legen berechtigt sei. Mit einer besonderen Vorliebe beschäftigen sie sich darin mit der Auslegung der „Urim und Thummin“, worunter das Brustschild des Hohenpriesters verstanden und wovon im Pentateuch eine höchst instructive Beschreibung enthalten ist. Das Buch kam nach Berlin, wo ein Gelehrter gesucht wurde, der die deutsche Uebersetzung des Werkes besorgen sollte. [Reichenberger Zeitung 1870, Nr. 52, im Feuilleton: „Der reichste Mann von Frankreich“. – Fremden-Blatt. Von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1870, Nr. 53, in der „Kleinen Chronik“.]