BLKÖ:Salomon, Johann Michael Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 28 (1874), ab Seite: 151. (Quelle)
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Salomon, Johann Michael Joseph (Mathematiker, geb. zu Oberdürrdach unweit Würzburg am 22. Februar 1793, gest. zu Wien am 2. Juli 1856). Ueber seine Knaben- und Jünglingsjahre sind eigene Aufzeichnungen vorhanden, an welche wir uns im Folgenden halten. Sein Vater war Gegenschreiber (Controlor) bei der Vogtei des Juliusspitals zu Oberdürrbach. Den ersten Elementarunterricht erhielt S. von seinem Vater selbst, den er schon als Knabe auf seinen kleinen Geschäftsreisen begleitete, und während derselben wurde sein Sinn für die Schönheiten der Natur und seine Neigung zum Studiren mächtig angeregt. Bei der im Jahre 1804 eingetretenen neuen Organisation des damaligen Bisthums Würzburg übersiedelte er mit seinem Vater in die Stadt Würzburg, wo unter der kurzen Regierung des damaligen Churfürsten Maximilian von Bayern Realschulen und zwei Pro-Gymnasien errichtet wurden. In den Studienjahren 1805/6 und 1806/7 beendete S. das Pro-Gymnasium und kam dann im Jahre 1807 an das akademische Gymnasium, an welchem er die Grammatik-und Humanitätsclassen mit dem glücklichsten Fortgange absolvirte und sich vorzüglich in der Mathematik und in der griechischen Sprache auszeichnete. Im Jahre 1812 bezog er die Universität und besuchte zunächst die beiden philosophischen Jahrgänge, wo er sich aber in der Mathematik so auszeichnete, daß er statt des ordentlichen Professors, des Herrn Dr. Schön, und unter seiner unmittelbaren Anleitung die öffentlichen Vorlesungen über die Elementar-Geometrie halten durfte und seinen eigenen Mitschülern ein Privatissimum über Geometrie gab. Während der nächsten Ferien wurde S. zum Lehrer der Geometrie bei der polytechnischen Schule in Würzburg ernannt. Fleißig betrieb er nun das Studium der höheren Mathematik und Astronomie, unterzog sich am Schlusse des Jahres 1814 den öffentlichen strengen Prüfungen und wurde in Folge dieser tüchtigen Leistungen zum öffentlichen Repetitor für die Gymnasialclassen des akademischen Gymnasiums ernannt, welche Stelle er neben der obenerwähnten bis zu seiner Abreise nach Wien bekleidete. Nach Vollendung der philosophischen Studien wollte sich S. ausschließend den mathematisch-physikalischen Wissenschaften widmen, allein die wenig günstigen Aussichten auf diesem Wege ließen ihn diesen Plan aufgeben und er widmete sich im Jahre 1814 u. f. den Rechtswissenschaften. wo er in den Vorträgen eines Rudhart, Schmidtlein, Kleinschrod und Beer für seine aufgegebene Neigung im reichen Maße Entschädigung fand. [152] Als jedoch S. im Jahre 1816 aus den öffentlichen Blättern erfuhr, daß in Wien ein großartiges polytechnisches Institut errichtet werde, da erwachte seine lang unterdrückte Lieblingsneigung für die mathematischen Studien und es reifte in ihm der feste Entschluß, seinem inneren Drange zu folgen. Ohne Jemand seinen Plan mitzutheilen, reiste er Anfangs September nach Wien, wo er sich bemühte, die Mittel zur Deckung seiner Subsistenz zu finden und so glücklich war, als Hofmeister der beiden Söhne des k. k. Obersten und Militär-Referenten beim Hofkriegsrathe, Karl Ritter v. Mertens, aufgenommen zu werden, welche Stelle er Ende October 1816 übernahm. In dieser höchst achtbaren Familie verlebte S. nicht als Diener, sondern als wahrer Freund des Hauses vier volle Jahre in den angenehmsten Verhältnissen. Im Studienjahre 1816–1817 besuchte S. am k. k. polytechnischen Institute die Vorlesungen über die höhere Mathematik und Physik und wurde am Schlusse des Schuljahres von der Direction der genannten Anstalt zum Assistenten und öffentlichen Repetitor für die höhere Mathematik ernannt und von der k. k. n. ö. Landesregierung als solcher bestätigt. So weit S.’s eigene Aufzeichnungen. Nach vier Jahren, d. i. im Jahre 1821, wurde S. in Folge abgelegter Concursprüfung zum o. ö. Professor der Elementar-Mathematik ernannt. Vom Jahre 1825 bis 1831 lehrte er gleichzeitig die Elementar-Mathematik in der zweiten Abtheilung des ersten philosophischen Jahrganges an der k. k. Wiener Hochschule und im April 1838 wurde er zum Professor der höheren Mathematik am k. k. polytechnischen Institute befördert. In seinem Fache war S. auch als Schriftsteller thätig. Professor S.’s Schriften sind: „Lehrbuch der Arithmetik und Algebra“, in 5 Auflagen (Wien, 1. Aufl. 1821, 5. Aufl. 1852); – „Lehrbuch der Elementar-Geometrie“, in 3 Auflagen (ebd., 1. Aufl. 1822, 3. Aufl. 1847); – „Metrologische Tafeln über Maasse, Gewichte und Münzen verschiedener Staaten“ (ebd. 1823); – „Handbuch der ebenen und sphärischen Trigonometrie“, in 3 Auflagen (ebd., 1. Aufl. 1824, 3. Aufl. 1856); – „Sammlung von Formeln, Beispielen und Aufgaben aus der Arithmetik und Algebra“, in 4 Auflagen (Wien, 1. Aufl. 1823, 4. Aufl. 1853); – „Logarithmisch-trigonometrische Tafeln“, in deutscher und französischer Ausgabe (ebd. 1827); – „L. Euler’s vollständige Anleitung zur Integralrechnung“, in deutscher Uebersetzung in 4 Bänden (ebd., I. Bd. 1828, II. Bd. 1829, III. u. IV. Bd. 1830); – „Sammlung gemischter Aufgaben und Lehrsätze aus der Planimetrie“ (ebd. 1832); – „Ueber Lebensversicherungs-Anstalten überhaupt u. s. w.“, in 2 Auflagen (ebd., 1. Aufl. 1839, 2. Aufl. 1840); – „Sammlung von Formeln, Aufgaben und Beispielen aus der Goniometrie, ebenen und sphärischen Trigonometrie“ (Wien 1843); – „Grundriss der höheren Analysis“ (ebd. 1844); – „Die österreichischen Staatspapiere und insbesondere die Staats-Lotterie-Anlehen“ (ebd. 1846); – „Die Kegelschnittslinien oder Elemente der analytischen Geometrie der Ebene“ (ebd. 1851); – „Lehrbuch der Elementar-Mathematik für Ober-Realschulen“ (ebd., I. Bd. Algebra. 1853, II. Bd. Geometrie. 1854). Außerdem eine Reihe von Aufsätzen aus verschiedenen Wissenschaften in dem Kalender „Austria“ vom Jahre 1839–1856 und anderen Werken. Was er als Lehrer geleistet, davon zeugen seine Schüler, die bis heute zu Tausenden in allen Weltgegenden zerstreut und größtentheils in solider und für die menschliche Gesellschaft nutzen- und segenbringender [153] Stellung leben. Wenn das k. k. polytechnische Institut in Wien seit seiner Entstehung von Jahr zu Jahr größeren und wohlthätigeren Einfluß auf die technischen und industriellen Interessen der Monarchie gewann und in Kurzem zur technischen Lehranstalt ersten Ranges in Europa sich erhob und „so seiner Zeit vorauseilte, daß man namentlich in Deutschland kaum noch jetzt zu begreifen anfängt, was es lange vorher bezweckte und ausführte“, so gebührte der Ruhm wohl vor Allem dem großartigen, seltenen Geiste seines Leiters und zunächst dem gesammten Lehrkörper, allein der Theil, der davon auf S. entfällt, ist nicht der geringste. Aber nicht blos als Gelehrten, nicht blos als Lehrer sehen wir ihn unermüdlich wirken, eine neue Folge der Zeit bringt ihm einen neuen Wirkungskreis. dem er nicht mindere Anstrengung weihet, in dem er nicht minder zum Wohle seiner Mitmenschen thätig ist. Das segensreiche Institut der Lebensversicherung, in England bereits zur Blüthe gereift, begann nach und nach auch in Deutschland Wurzel zu fassen, und Wien war in den Dreißiger-Jahren ernstlich beschäftigt, die Monarchie mit der Errichtung eines solchen zu beglücken. Das Jahr 1839 ließ in Wien die „Allgemeine wechselseitige Capitalien- und Renten-Versicherungsanstalt“ in’s Leben treten; Professor S. übernahm neben seinem Lehramte daselbst die Stelle des General-Secretärs, nachdem er früher schon die Riesenarbeit der Berechnung der nöthigen Tabellen dieses Institutes vollbracht, nachdem er manchen heißen Kampf gekämpft und endlich mit anerkennungswerthester Aufopferung der vortheilhaftesten Verhältnisse, die ihm und seiner bereits zahlreichen Familie die sorgenfreieste Zukunft geboten haben, den zum allgemeinen Wohle von ihm so sehnlich gewünschten Sieg davontrug, daß das Institut keiner Actiengesellschaft anheimstet, sondern das auf echte Philantropie basirte und für die Mitglieder vortheilhafteste Princip der Gegenseitigkeit zur Grundlage seines Bestehens bekam. Dieser Anstalt lebte S. bis zu seinem Tode mit der Hingebung eines Menschenfreundes, der in den Dankesthränen von Witwen und Waisen stets nur neue Kraft für immer neue Mühen fand. Es war eine natürliche und nächste Folge, daß er als eigentlicher Organisator dieses Institutes und in Folge seines wissenschaftlichen Rufes, den er erlangte, bald vielseitig in ähnlicher Beziehung zu Rathe gezogen wurde, und wir finden ihn dadurch bei der Organisation mehrerer neuen und Reorganisation von älteren ähnlichen Humanitätsanstalten thätig mitwirkend; sein Scharfsinn, seine gründliche, umfassende Sachkenntniß, seine Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe errichteten ihm dabei manches unvergängliche Denkmal. Ungeachtet dieser ausgebreiteten Nebenbeschäftigungen, die ihre Anziehungsgewalt durch ihre letzte unerläßliche Begründung in der Wissenschaft und ihre unbeschreiblich wohlthätigen Folgen ausübten, überliefert der Welt seine Feder Jahr um Jahr ein anderes wissenschaftliches Werk; nur wenige Zeit seines Lebens war ihm zur Erholung gegönnt, noch weniger benützte er dazu; eine im Jahre 1847 unternommene Rundreise durch Steiermark und Italien, mit einem längeren Aufenthalte in Rohitsch und Venedig, sowie eine darauffolgende größere Reise nach Deutschland, warm allein namhafterer Art, um seine vielseitig und rastlos angestrengten Kräfte zu stärken und zu erfrischen, und dienten zu seiner Freude, und manchen nachhaltigen Bund [154] mit dem einen oder anderen Gelehrten zu knüpfen, wie sie einander bisher bloß aus „ihren Werken“ gekannt hatten. Erst im Jahre 1848, und zwar durch eine unliebsame Veranlassung von außen sich gedrungen fühlend, zog der bescheidene, anspruchslose Mann sein 30 Jahre lang verschwiegenes, unbenutztes Diplom der philosophischen Doctorwürde an den Tag; in kurzer Zeit darnach wurde er seiner vielen Verdienste um die Wissenschaft wegen zum wirklichen Mitgliede des Doctorencollegiums der k. k. Wiener Universität ernannt, die kais. Akademie der Wissenschaften sandte am 26. Juni 1848 ihm ihre Ernennung zum correspondirenden Mitgliede derselben zu; das k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht ernannte ihn zum Mitgliede der Prüfungs-Commission über Lehramtscandidaten für Ober-Realschulen. Das Uebermaß von Kraftaufwand, die ununterbrochene Anstrengung, die seine in Arbeit und Mühe vorgerückten Jahre im Ganzen zu überwinden hatten, der Schmerz über durch den Tod entrissene Familienglieder, dieß Alles und andere Widerwärtigkeiten waren Umstände, die sein gewaltiger Geist wohl noch Jahre hindurch ohne merklichen Einfluß auf sein körperliches Wohlbefinden überwältigte, allein in ihnen mag der Grund zu suchen sein, der bis jetzt in Schlummer gelegene Krankheitskeime endlich zum Ausbruche brachte. Im April 1856 fiel S. in ein Unwohlsein, dessen Symptome alsogleich die größte Besorgniß erregen mußten, am 2. Juli um die zehnte Morgenstunde war er eine Leiche. Ueber seinen Charakter als Mensch, als Patriot, als Gatte und Vater herrscht nur eine Stimme der Achtung und uneingeschränkter Verehrung. S. hatte frühe geheirathet; von acht Kindern überlebten ihn vier, drei Töchter und ein Sohn Joseph, der im Staatsdienste ist.

Grunert (Joh. Aug.), Archiv für Mathematik und Physik, XXVII. Bd.: Nekrolog von Professor Rogner in Gratz [auch abgedruckt in der Gratzer Zeitung 1856, Nr. 289 u. 290, im Feuilleton]. – Almanach der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (Wien, 8°.) VIII. Jahrg. (1858), S. 129. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1836, 8°.) Bd. IV, S. 471. – Poggendorff (J. C.), Biographisch-literarisches Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften (Leipzig 1859, J. Ambr. Barth, gr. 8°.) Bd. II, Sp. 742. – Feierstunden. Herausg. von Ebersberg (Wien, 8°.) 1835, S. 1137.