BLKÖ:Simonyi, Ludwig Freiherr

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 34 (1877), ab Seite: 337. (Quelle)
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Simonyi, Ludwig Freiherr (Staatsmann, geb. zu Tarnopol in Galizien im Jahre 1824). Ein Sohn des berühmten Reiterobersten Joseph Simonyi von Vitózvár, dessen thatenreiches Leben S. 332 dargestellt worden. Baron [338] Ludwig beendete die Rechtsstudien in Kaschau und wurde im Jahre 1848, damals 24 Jahre alt, im Jenö’er Wahlbezirke zum Abgeordneten gewählt. Als solcher tagte er mit dem damals auf Wanderschaft begriffenen Hause in Debreczin, Szegedin und Arad. Dann diente er bei Világos im Heere Görgey’s und mußte seine politische und militärische Theilnahme an der Revolution mit Festungshaft büßen, welche er in Temesvár überstand. Aus derselben entlassen, lebte er die folgenden Jahre zurückgezogen vom öffentlichen Leben, bis ihn der Umschwung der politischen Verhältnisse im Kaiserstaate, welch nach der Katastrophe vom Jahre 1859 eingetreten war, wieder in dasselbe zurückrief. Als für den auf den 2. April 1861 nach Ofen einberufenen Landtag die Wahlen Statt fanden, wurde S. wieder im Wahlbezirk Jenö als Abgeordneter in denselben gewählt und ging daselbst mit der Beschluß-Partei. Zum Verständniß der politischen Situation wird, um Wiederholungen zu vermeiden, auf die Lebensskizze des Abgeordneten Paul Jambor [Bd. X, S. 60] hingewiesen. In der, in der 26. Sitzung, am 22. Mai 1861, gehaltenen Rede, in welcher er für den Beschluß sprach, ließ es Baron Simonyi an Entschiedenheit nicht fehlen. „Man hat öfters“, rief er aus, „versucht, die Verfassung Ungarns zu vernichten, namentlich in den Jahren 1780 und 1849, aber das Rechtsgefühl dieses Landes hatte ähnliche Versuche immer zu Schanden gemacht. In diesem letzteren Falle wurde das vaterländische Recht aufgehoben, deßgleichen auch die Autonomie der Comitate, dafür wurden die österreichischen Gesetze und ihre Bureaubeamten, unerträgliche und stets wachsende Steuern eingeführt, die Justiz wurde schrecklich theuer und langsam manipulirt, die allgemeine Sicherheit war mangelhaft, den Nationalitäten wurde die Gleichberechtigung versprochen, aber diese wurde so erklärt, daß jede Sprache in diesem Lande unterdrückt, und allenthalben die deutsche Sprache eingeführt wurde.“ In dieser Weise ergeht sich der Baron in der Schilderung der damaligen ungarischen Verhältnisse. „Das ist in kurzen Umrissen unsere Vergangenheit. aber was wünschen wir für die Zukunft?“, so fragt er. Dann ruft er wieder aus: „Wir sehen Throne sich erheben und Throne sinken und was ist die Ursache? Vielleicht die Schaaren verbündeter Großmächte? Nein, sondern eine Idee, wer für sie ficht, siegt, wer gegen sie streitet, liegt im Staub, und das ist die Idee der Nationalitäten, welche in so enger Verbindung mit der Vaterlandsliebe steht“. Besonders liegt dem Baron Croatien am Herzen. „Wir wünschen aufrichtig“, meint er, „daß das 700jährige gute Verhältniß zwischen uns und Croatien wieder hergestellt werde, das verlangt Croatiens, aber auch Ungarns Interesse .... Wir wollen ferner durch die Wiederherstellung unserer Verfassung, daß die Steuern beträchtlich herabgesetzt, die ungesetzlichen und indirecten Steuern und Monopole aufgehoben, die den für ewige Zeiten aufgehobenen Urbarialverhältnissen verwandten Besitzrechte und kleineren Regalien durch eine entsprechende Entschädigung abgelöst werden.“ Was nun über die Form, in welcher die eingebrachte Motion vor den Thron zu bringen ist, betrifft, so meinte der Baron, könne darüber nicht berathen werden, so lange es den Deputirten Siebenbürgens, Croatiens und Slavoniens, Fiumes und der Militärgrenze nicht möglich gemacht wird, hier zu erscheinen. Mögen in Bezug auf die Form jener [339] Motion die Ansichten dieses Hauses auseinandergehen, denn ein aus so vielen Gliedern bestehender Körper kann auch nicht einer Ansicht sein, nichtsdestoweniger geht aus den bisherigen Aeußerungen schon deutlich hervor, daß dieses Haus eines jener Parlamente sei, in welchem es keine Parteien gibt, denn es ist nur eine Partei und zwar jene, welche von unserer gesetzlichen Verfassung, die unsere Vorfahren gegen die südlichen Ueberfälle so siegreich vertheidigten und gegen die westlichen Intriguen so weise schützten, keine Linie weicht und lieber neuerdings dulden und leiden, als dieselbe durch ihre Zustimmung auch nur im geringsten verletzen will“. Nach der Meinung des Barons hat das Wiener Ministerium ein Jahrzehend hindurch sich einen Hauptzweck gestellt: „Die Vernichtung Ungarns durch jenes Experiment, welches man Reichseinheit nennt, und durch welches der gesetzliche Verband zwischen uns und dem Reiche durch die Ketten der Willkür ersetzt wird. Und wieder, nach der Meinung des Barons, besitzt Ungarn ein Volk, welches vor allem sein Vaterland liebt, grenzenlos die Gesetze achtet und ihnen anhängt, welches heldenmüthig kämpft als Soldat, heldenmüthig duldet, wenn es sein muß, und welches die Ordnung erhält als freier Bürger. Es kann eine Gewalt Ungarns Rechte, Ungarns Wohlstand mit Füßen treten, aber es gibt keine Gewalt, welche Ungarns tausendjährige gesetzliche Selbstständigkeit vernichte, und darüber möge sich Niemand täuschen, denn Ungarn wird niemals eine österreichische Provinz“ – davon aber, wie die Ungarn die serbische Nation vergewaltigen, wie sie das heilige Recht der Nationalität in der Unterdrückung der deutschen und jeder anderen Sprache in ihrem Lande und in Siebenbürgen, ehren und achten; wie sie peremtorisch die magyarische Sprache obenan stellen und alle Beamten anderer Nationen, welche dieselbe innerhalb weniger Monate nicht sich angeeignet, von Amt und Stelle jagen, wie sie auf Grund der Heiligkeit der Justiz, beliebig Verhaftungen anordnen und ausführen, wie das mit Miletics und Anderen geschah, erwähnte Baron Simonyi an keiner Stelle. – Ein Redner, der in solcher Weise sein Programm rückhaltlos aussprach, war natürlich im Landtage nicht nur ein Mitglied der Linken, sondern auch eine der kräftigsten Stützen seiner Partei. Bei den Wahlen zu den folgenden Landtagen fiel er auch nie durch und wurde für den Landtag 1865 wieder im Wahlbezirk Jenö und für jenen von 1869 in Nagy-Szalanta zum Abgeordneten gewählt. Als Parteiführer und rüstiger Sprecher im Parlament, spielte S. in demselben eine hervorragende Rolle und als Anfangs März 1875 das Cabinet Wenkheim-Tisza die Zügel der Regierung übernahm, fand sich auch für Simonyi ein Platz in demselben, an Bartal’s Stelle wurde er Handelsminister. Etwas über ein Jahr behielt S. seinen Posten. Im Frühjahr 1876, bei Verhandlung über den Bankausgleich wurde er von seinem Amte enthoben. Bei seinem Abschiede von den Beamten seines Ressorts trat er gegen die allgemein verbreitete Ansicht über den magyarischen Beamtenstand auf, indem er bemerkte, „daß, da er aus dem Amte austrete, er dieß mit der Ueberzeugung thue, daß Ungarn in seinem Ministerium fachwissenschaftlich gebildete, fleißige und treue Beamten besitze und er deßhalb nicht umhin könne, jene irrthümliche Ansicht zu berichtigen, welche auch in den Journalen Ausdruck fand, der gemäß sich im Ministerium keine geeigneten Persönlichkeiten [340] zur Leitung der inneren Administration und der mit dem Auslande geführten, den Abschluß der Verträge betreffenden Verhandlungen zu finden seien; dieß ist ein großer Irrthum, denn, wie ich schon erwähnt habe, besitzen die in diesem Ministerium angestellten Beamten die nöthigen Eigenschaften, um es mit welchem Staate immer aufnehmen zu können; in dieser Hinsicht kann das Land völlig beruhigt sein“. Nach seinem Rücktritt aus dem Ministerium stellte sich Freiherr von S. wieder in den Reihen der Opposition ein und war er der einzige College Tisza’s, der gegen diesen nach seiner Rückkehr von den Ausgleichsverhandlungen im Februar 1877, weil er trotz Niederlegung seines Portefeuilles, dasselbe doch wieder angenommen, wahre Keulenschläge geführt. Nicht nur, daß Freiherr von S. das Vorgehen Tisza’s in der Demissionsfrage inconstitutionell nannte, er bezeichnete die Demission geradezu als ein Manöver, das die Krone und die Nation compromittirt habe. Er nannte es eine Schmach für Ungarn und unerhört, daß der constitutionelle Minister eines Landes in den Vorzimmern der parlamentarischen Parteien eines anderen Landes antichambrire. Diese Stichproben der parlamentarischen Beredsamkeit des Freiherrn werden genügen, die staatsmännische Bedeutenheit desselben richtig zu stellen. Noch sei bemerkt, daß der Baron eigentlich Mitglied der Magnatentafel sei, es aber vorziehe, im Abgeordnetenhaus zu sitzen und an den Kämpfen desselben als einer der erbittertsten Fechter theilzunehmen, als sich in den Fauteuils der Magnatentafel in Ruhe zu wiegen und die Phantasmagorien aufreibender Parteikämpfe an sich in klarster Beleuchtung vorüberhuschen zu lassen.

Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1875, Nr. 64, S. 973. – Dieselbe 1877, Nr. 61 in der Pesther Correspondenz ddo. 27. Februar von B.. – Die Presse (Wiener polit. Blatt) 25. Jahrgang (1872), Nr. 270: „Der Führer der ungarischen Opposition“. – Der ungarische Reichstag 1861 (Pest 1861, C. Osterlamm, 8°.), Bd. I, S. 295. – Neue illustrirte Zeitung. Redigirt von Johannes Nordmann (Wien, Zamarski, kl. Fol.) 1875. Nr. 10.
Porträte. 41) Holzschnitt, Gruppenbild. Das Ministerium Tisza-Wenkheim, darunter auch das Bildniß Ludwigs Freiherrn von Simonyi. – 2) Lithographie im „Floh“ vom 23. Mai 1875, Nr. 21, Gruppenbild. Darunter auch Simonyi’s Bildniß. Auf der Umschrift des Medaillons heißt er: Br Josef v. Simonyi, im Texte heißt er: Ernst Simonyi, was beides unrichtig ist, da sein Name Ludwig Baron Simonyi ist.