BLKÖ:Stein, Friedrich Ritter von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 38 (1879), ab Seite: 27. (Quelle)
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Stein, Friedrich Ritter von (Naturforscher, geb. zu Niemegk in der preußischen Provinz Brandenburg am 3. November 1818). Sein Vater, Karl Wilhelm Stein, war Doctor der Theologie und evangelischer Pfarrer zu Niemegk; den ersten Unterricht erhielt der Sohn in der öffentlichen Schule seiner Vaterstadt, von seinem Vater aber wurde er in den alten Sprachen unterwiesen. [28] Da er Theologie studiren sollte, bezog er im Jahre 1832 das Gymnasium des benachbarten Wittenberg, wo seine frühzeitig hervorgetretene Neigung zu den Naturwissenschaften, welche sich zunächst im Sammeln und Beobachten von Insecten, Pflanzen und Vogeleiern äußerte, so reiche Nahrung erhielt, daß er schon als Gymnasialschüler in den Jahren 1834–1837 mehrere selbständige Beobachtungen in Oken’s naturwissenschaftlicher Zeitschrift „Iris“ veröffentlichen konnte. Darunter befand sich unter Anderem die Beschreibung einer von ihm entdeckten Mikrolepidopteren-Art, der Alucita pelidnodaktyla, die später allgemein als eine neue Art anerkannt wurde. Diese ersten Erfolge auf naturwissenschaftlichem Gebiete veranlaßten endlich auch den Vater, dem Sohne zu gestatten, daß er die theologische Laufbahn aufgeben, um sich ausschließlich dem Studium der Naturwissenschaften zu widmen. Nachdem nun S. die Maturitätsprüfung rühmlich bestanden, begab er sich zu Ostern 1838 nach Berlin, wo er an der dortigen Hochschule seine Studien fortsetzte und sich des besonderen Wohlwollens des damaligen Directors des königlich zoologischen Museums, Professor Lichtenstein, und des Professors der Zoologie Wiegmann zu erfreuen hatte, die sich seiner theilnahmsvoll annahmen und ihn in seinen wissenschaftlichen Bestrebungen bestens förderten und unterstützten. Die bedeutendsten Anregungen aber empfing er durch Johannes Müller’s Vorlesungen über vergleichende Anatomie und Physiologie, zu dessen hervorragendsten Schülern Stein zu zählen ist. Im Jahre 1841 erhielt S. am Schlusse des Sommersemesters die philosophische Doctorwürde, bei welcher Gelegenheit er die Inaugural-Dissertation „De Myriapodum partibus genitalibus cum 3 tab. aeneis“ herausgab, wovon in J. Müller’s „Archiv für Anatomie und Physiologie“ 1842 auch eine deutsche Bearbeitung erschien. Nun wurde S. durch Lichtenstein’s Verwendung zunächst am zoologischen Museum beschäftigt, aber schon am 1. Jänner 1843 fest als dritter Custos an demselben angestellt. Noch im nämlichen Jahre wurde ihm die fünfte ordentliche Lehrerstelle an der unter Klöden’s Direction stehenden städtischen Gewerbeschule für das Fach der Zoologie und Botanik übertragen. Für diese Anstalt bearbeitete er seinen „Grundriss der organischen Naturgeschichte“ (Berlin 1847, Duncker und Humblot), der jedoch nur die Organographie der Pflanzen umfaßt. Im folgenden Jahre veröffentlichte er die große, streng wissenschaftliche Monographie: „Vergleichende Anatomie und Philologie der Insecten, in Monographien bearbeitet. l. Monographie: Die weiblichen Geschlechts-Organe der Käfer. Mit 9 Kupfertafeln“ (Berlin 1847, Duncker und Humblot. VIII u. 139 S., gr. 4°.). Auf Grund dieser Arbeit habilitirte er sich im Frühling 1848 als Privatdocent der Zoologie an der Berliner Hochschule, und veröffentlichte zugleich im schon genannten Müller’schen Archiv die bei dieser Gelegenheit gehaltene Probevorlesung „Ueber die Natur der Gregarinen“, welche in Fachkreisen die beste Aufnahme fand, da sie die Natur dieser zweifelhaften Organismen endgiltig feststellte. Seitdem las er in jedem Semester ein Hauptcolleg über allgemeine Zoologie, sowie Specialcollegien über Entomologie, Eingeweidewürmer und Entwicklungsgeschichte der wirbellosen Thiere. Im Jahre 1849 rückte er nach dem Tode von Erichson und nach dem [29] Abgange von Troschel nach Bonn in die erste Custosstelle am zoologischen Museum auf. Inzwischen war er auch 1847 Mitglied der Ministerial-Commission für die Prüfung der Oberförster-Candidaten und dadurch in weiteren forstmännischen Kreisen bekannt geworden. Diesem Umstande, so wie der günstigen Beurtheilung seiner Thätigkeit von Seiten Lichtenstein’s und des Oberlandforstmeisters von Reuß, des Vorsitzenden der obengenannten Ministerial-Commission, verdankte er es, daß er im September 1850 als ordentlicher Professor der Zoologie und Botanik an die königlich sächsische Akademie für Forst- und Landwirthschaft nach Tharand berufen wurde. Hier in der schönen Natur und in einfacheren amtlichen Verhältnissen erholte er sich von der zersplitternden und aufreibenden Berliner Wirksamkeit, der seine physischen Kräfte auf die Dauer nicht gewachsen gewesen wären. Die vorwiegende Rücksicht, die er in seinen Vorlesungen jetzt auf die Bedürfnisse des Forst- und Landwirthes nehmen mußte, nöthigten ihn aber zu einer nachhaltigen und eingehenden Beschäftigung mit der forst- und landwirthschaftlichen Praxis, wodurch sich sein Gesichtskreis in vorteilhaftester Weise erweiterte. Die ihm übrig bleibende hinlängliche Muße benützte er aber zur Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Untersuchungen, mit denen er bereits so erfolgreich aufgetreten war. Die bedeutendste Frucht seiner Thätigkeit auf diesem Gebiete war die Schrift: „Die Infusionsthiere, auf ihre Entwicklungsgeschichte untersucht“. Mit 6 Kupfertafeln. (Leipzig 1854, Engelmann, gr. 4°., X und 265 S.), welche bei dem Aufsehen, das sie in Fachkreisen erregte, die Aufmerksamkeit auf seinen, in der wissenschaftlichen Welt durch die vorangegangenen Arbeiten schon bestens bekannten Namen in noch höherem Maße lenkte. Die Ursache dieses Aufsehens aber war, daß Stein in seiner Schrift gegen die bedeutendste Autorität auf diesem Gebiete, gegen Ch. G. Ehrenberg auftrat, und die Haltlosigkeit von dessen Deutung der Organisation der Infusionsthiere gründlich aufdeckte und nachwies. Schon zu Anfang des folgenden Jahres (1855) erging an ihn von Seite des damaligen Unterrichtsministers Leo Grafen Thun die Einladung, in den kaiserlich österreichischen Staatsdienst einzutreten, welcher nun Stein um so lieber Folge leistete, als er dadurch wieder zur rein wissenschaftlichen Thätigkeit zurückgeführt wurde. Mit ah. Handschreiben vom 6. März 1855 wurde nun S. unter den damals sehr vortheilhaften Bedingungen zum ordentlichen Professor der Zoologie an der Prager Universität ernannt, worauf er seine Stelle mit Beginn des Wintersemesters im genannten Jahre antrat. Daselbst eröffnete sich ihm nun ein großer Wirkungskreis, zahlreiche Hörer: Mediciner, Pharmaceuten und Lehramtscandidaten besuchten seine Vorlesungen, zu denen der Andrang mit jedem Semester wuchs. Auch wurde ihm nach einiger Zeit der ehrenvolle Auftrag, Seine kaiserliche Hoheit den Erzherzog Ludwig Salvator in der Zoologie zu unterrichten, welcher Aufgabe Stein durch drei Jahre oblag. Im J. 1857 wurde er zum Examinator der k. k. wissenschaftlichen Prüfungs-Commission für das Gymnasial-Lehramt der Zoologie ernannt, versah aber auch lange Zeit jenes für Botanik, und als im Jahre 1867 noch die Prüfungs-Commission für das Realschul-Lehramt ins Leben gerufen wurde, war S. auch in gleicher Eigenschaft [30] an derselben thätig. Bei Errichtung des später aufgelösten Unterrichtsrathes gehörte er demselben als auswärtiges Mitglied für die philosophische Facultät der Universitäten bis zu dessen Aufhebung an. Die philosophische Facultät der Hochschule, an welcher S. wirkte, erwählte ihn aber zu wiederholten Malen zu ihrem Decan; da ihm jedoch anfangs in Ausübung dieser Würde die Confession entgegenstand, verwaltete er sie erst im Jahre 1868/69. Im Jahre 1875 wurde er zur höchsten akademischen Würde, zu jener des Rectorates, an der Hochschule, an welcher er lehrte, berufen, war so seit etwa 200 Jahren der erste protestantische Rector der Prager Hochschule, und wurde die von ah. Stelle anstandlos erfolgte Bestätigung seiner Wahl allgemein auf das freudigste begrüßt und als erfreuliche Signatur, daß die Zeit eine andere geworden, erkannt. Obgleich der lehramtliche Beruf mit seinen Nebenämtern Stein’s Thätigkeit in erheblichem Grade in Anspruch nahm, so blieb er doch unausgesetzt seinen wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen treu, und während seines Aufenthaltes in Prag entstand das Hauptwerk seines Lebens: „Der Organismus der Infusionsthiere, nach eigenen Forschungen in systematischer Reihenfolge bearbeitet“. Erste Abtheilung: „Allgemeiner Theil und Naturgeschichte der hypotrichen Infusionsthiere.“ Mit 14 Kupfertafeln (Leipzig 1859, Engelmann, Fol., XII und 206 S.); – zweite Abtheilung: „1. Darstellung der neuesten Forschungsergebnisse über Bau, Fortpflanzung und Entwicklung der Infusionsthiere. 2. Naturgeschichte der heterotrichen Infusorien“ mit 16 Kupfertafeln (Leipzig 1867, Engelmann, Fol., VIII und 355 S.). Die dritte Abtheilung befindet sich unter der Presse und wird auch als selbständiges Werk unter dem Titel „Naturgeschichte der Flagellaten“ mit 24 Kupfertafeln noch in diesem Jahre erscheinen. S.’s wissenschaftliche Arbeiten haben höchsten Ortes und in wissenschaftlichen Kreisen verdiente Würdigung gefunden. Schon im Jahre 1869 wurde Stein mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet; diesem folgte im J. 1877 der Orden der eisernen Krone III. Classe und den Statuten gemäß mit Diplom vom 27. April 1878 die Erhebung in den erbländischen Ritterstand. Im März 1871 wurde er zum k. k. Regierungsrathe ernannt. Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften wählte ihn am 4. September 1857 zu ihrem correspondirenden Mitgliede für die mathematisch-naturwissenschaftliche Classe, worauf er am 13. Juni 1861 zum wirklichen Mitgliede derselben Classe ernannt wurde. In dieser Eigenschaft hielt er in der feierlichen Sitzung der kaiserlichen Akademie am 30. Mai 1863 den Vortrag: „Ueber die Hauptergebnisse der neueren Infusorien-Forschungen“, welcher auch (Wien 1863, Gerold, 8°.) im Druck erschien. Zahlreiche Akademien haben S. unter ihre Mitglieder aufgenommen; so die königlich böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, die königlich bayerische Akademie der Wissenschaften in München, die sächsische in Leipzig, die Akademie der Wissenschaften in Turin, die für Naturwissenschaften in Philadelphia, die Leopoldinisch-Carolinische Akademie der Naturforscher u. v. m. und außer der kaiserlich österreichischen Regierung haben noch Sachsen, Rußland, wiederholt Preußen, den Gelehrten mit ihren Decorationen geschmückt. Friedrich Ritter von Stein ist (seit 24. Mai 1844) [31] mit Emma Couard, Tochter des evangelischen Predigers an der St. Georgenkirche in Berlin, Chr. L. Couard, vermält, aus welcher Ehe vier Söhne und vier Töchter am Leben sind. Der älteste von den Söhnen, Richard, ist Doctor der Medicin und Gewerksarzt bei den Braunkohlenwerken zu Chodau in Böhmen.

Slovník naučný. Redaktoři Dr. Frant. Lad. Rieger a J. Malý, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Lad. Rieger und J. Malý (Prag 1872, Kober, Lex.-8°.) Bd. VIII, S. 1008, Nr. 5.