BLKÖ:Stillfried-Ratenicz, Rüdiger Freiherr

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Stille, Jacob
Band: 39 (1879), ab Seite: 47. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: [1], SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Stillfried-Ratenicz, Rüdiger Freiherr|39|47|}}

Stillfried-Ratenicz, Rüdiger Freiherr (Landwirth, geb. 4. September 1764, gest. 28. Juni 1833). Entstammt einem alten, ursprünglich böhmischen, heut noch in mehreren, auch gräflichen Linien und Zweigen verbreiteten Geschlechte, über welches die Quellen S. 49 nähere Nachricht enthalten. Freiherr Rüdiger spielt auf landwirthschaftlichem Gebiete in der Frage der Feldwirthschaft eine nicht unbedeutende Rolle und zählt unter den Männern des hohen Adels, welche zu Anbeginn des 19. Jahrhunderts in Mähren und Schlesien mit so lohnenden Erfolgen die Hebung und Förderung der Landwirthschaft, theils durch Anbau neuer Fruchtsorten, theils durch Anwendung besserer Ackergeräthe, endlich aber durch eine rationellere Behandlung des Bodens anbahnten, zu den ersten. Auf der in Hofwyl im Canton Bern von Fellenberg ins Leben gerufenen, nachmals so berühmt gewordenen landwirthschaftlichen Lehranstalt hatte er sich mit den Reformen im landwirthschaftlichen Betriebe, welche sich gegen den bisherigen veralteten, den Boden geradezu aussaugenden Vorgang geltend zu machen suchten, vertraut gemacht, und als im Jahre 1809 über Thaer’s Vorschlag die Frage: ob Dreifelder- oder Wechselwirthschaft, und die weitere, wie am zweckdienlichsten der Uebergang aus der einen in die andere bewerkstelligt werden könne, an die Tagesordnung kam, hatte der Freiherr sich entschlossen, diese nicht unwichtige Wandlung im Feldbaue einer genauen Prüfung zu unterziehen, und keinen Anstand genommen, im Interesse derselben den Versuch zu wagen. Auf seiner Besitzung Johannsdorf fühlte er sonach an Stelle der bisherigen Dreifelderwirthschaft die Wechselwirthschaft [48] ein und beharrte mehrere Jahre bei derselben, bis er inne wurde, daß sein Feldbau dadurch im Körnerertrage ganz herunter gekommen sei, worauf er sie wieder aufgab und zur Dreifelderwirthschaft zurückkehrte. Uebrigens war die Frage mit diesem einzelnen Versuche nichts weniger denn gelöst und der Kampf mit der Losung: „hie Dreifelder- – hie Wechselwirthschaft“ dauerte noch lange fort und löste sich endlich dahin, daß es mit dem einfachen Systemwechsel durchaus nicht abgethan, sondern vielmehr nöthig sei, auch die Vorbedingungen dazu ins Auge zu fassen, zu deren vornehmsten aber die zu rechnen sei, „daß die Wechselwirthschaft mit Verstand geführt werden will“, ein Erforderniß, das nach dem damaligen Bildungsstande des Landvolkes ein günstiges Ergebniß der Reform durchaus in Frage stellte. Gewiß ist es, daß Freiherr Rüdiger, der überdies mit der Inspection der sämmtlichen Fürst Dietrichstein’schen Herrschaften in Mähren betraut war, in dieser Angelegenheit im Vordergrunde stand; auch veröffentlichte er aus diesem Anlasse die Fachschrift: „Bemerkungen über die Wechselwirthschaft, aus Erfahrungen und Beobachtungen gesammelt. Nebst einem Anhange über den Gebrauch der neuen Ackergeräthe und Maschinen. Von J. G. C. Bley.“ (Prag 1813, 4°.). Außerdem veröffentlichte Freiherr Rüdiger noch eine zweite, einen wichtigen Natur- und Industrie-Gegenstand des Kaiserstaates, den Graphit betreffende Schrift unter dem Titel: „Mittheilungen über das Vorkommen, die Beschaffenheit, die besonderen Eigenschaften und den Gebrauch oder die nützliche Verwendung des Graphits (Plumbago). Mit einem Anhang über das Entstehen und den Erfolg der Ausfuhr der Graphite seit dem Jahre 1827, aus den österreichischen Kaiserstaaten nach England“ (Prag 1830, Enders, 8°.). Freiherr Rüdiger, welcher dreimal vermält war, ist der Stammvater der sämmtlichen heut noch bestehenden österreichischen freiherrlichen, im Gegensatze zu den preußischen protestantischen, sämmtlich römisch-katholischen Linien. Aus seinen drei Ehen hatte er 16 Kinder, und zwar sechs Söhne und zehn Töchter. Nur die vier Söhne aus der dritten Ehe August, Philipp Franz, Eduard und Karl pflanzten das Geschlecht fort. Der älteste, Freiherr August ist zur Zeit k. k. Feldmarschall-Lieutenant a. D. und zweiter Inhaber des Infanterie-Regiments Nr. 50 Friedrich Wilhelm Großherzog von Baden; – Philipp Franz, Herr der Allodialherrschaft Wisowitz im Hradischer Kreise Mährens, ist Hauptmann a. D.; – Eduard ist k. k. Kämmerer, wie auch seine beiden vorgenannten Brüder, und Karl ist gleichfalls Hauptmann a. D. Ueber den ganzen heutigen Familienstand vergleiche die angeschlossene Stammtafel.