BLKÖ:Stockard von Bernkopf, Joseph Otto Freiherr

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 39 (1879), ab Seite: 65. (Quelle)
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Stockard von Bernkopf, Joseph Otto Freiherr (k. k. Oberst und Ritter des Maria Theresien-Ordens, geb. zu Klein-Przilep in Böhmen 22., n. A. 23. Jänner 1766, gest. zu Wildshut im Innviertel Oberösterreichs am 2. August 1833). Entstammt einem Schweizergeschlechte, dessen älteste Sprossen hohe Stellen in ihrem Vaterlande bekleideten. Näheres über dieses Geschlecht und dessen heutigen Familienstand enthalten S. 69 die Quellen. S.’s Vater war Wirthschaftsbeamter in Böhmen, dessen Vater Hauptmann in der kaiserlichen Armee und der Urgroßvater Oberst bei Botta-Infanterie. Joseph Otto trat am 4. December 1776 in die Wiener-Neustädter Militär-Akademie und wurde am 5. April 1785 als Fahnencadet zu Franz Kinsky-Infanterie Nr. 47 ausgemustert. Im Türkenkriege rückte S. zum Lieutenant, im März 1797 zum Hauptmann vor und erwarb seinem Namen durch die heldenmüthige Vertheidigung der Bergveste Bard im Aosta-Thale vom 19. Mai bis 1. Juni 1800 eine bleibende Erinnerung. Auf einem allein stehenden Felsen gelegen, beherrscht dieses Fort das ganze Thal und hindert die weitere Vorrückung eines daselbst eingedrungenen Feindes, so lange die Befestigungen nicht bei einer regelmäßigen Belagerung der längeren Wirkung der Geschütze unterliegen. Nachdem die französische Armee den großen St. Bernhard überschritten hatte, hing das Gelingen der kühnen Pläne Napoleon Bonaparte’s hauptsächlich von der schnellen Ausführung derselben ab, und die ganze Unternehmung lief Gefahr, zu verunglücken, wenn die Veste Bard das Vordringen der Armee für längere Zeit aufzuhalten im Stande war. Mit nur achttägigen Vorräthen versehen, wurde dieses Bergschloß dem Hauptmann Stockard zur Vertheidigung anvertraut, wozu ihm zwei Compagnien Kinsky-Infanterie mit 18 Geschützen zur Disposition standen. Am 19. Mai erschien General Lannes und drängte die auf dominirende Puncte vorgeschobenen österreichischen Posten zuerst in das Dorf und in der Nacht auch aus diesem in das Schloß zurück, auf dessen Vertheidigung allein man sich nunmehr beschränken mußte. Am 20. ließ General Lannes den Hauptmann S. [67] zur Uebergabe auffordern, erhielt jedoch von diesem zur Antwort, „daß er sowohl die Wichtigkeit seines Postens, als auch die Mittel zu dessen Behauptung kenne“. Bonaparte rückte am 23. aus Aosta selbst herbei, um sich von der Sachlage zu überzeugen. Da Stockard auf eine zweite Aufforderung erwiderte, „daß sein Auftrag und die Ehre ihm gebieten, das Schloß bis auf das Aeußerste zu vertheidigen“, so ordnete Bonaparte die Ersteigung mit Sturmleitern an. Um Mitternacht sollte der Sturm in drei Colonnen, jede 300 Grenadiere stark, durch Reserven unterstützt und vom General Loison befehligt, beginnen. Schon war es den durch die Dunkelheit der Nacht begünstigten französischen Grenadieren gelungen, die Mauern unbemerkt zu erreichen, die Pallisadirungen hie und da zu öffnen und einzudringen, als noch rechtzeitig ein Schuß von einer österreichischen Schildwache fiel und die Vertheidiger auf die drohende Gefahr aufmerksam machte. Stockard läßt Leuchtkugeln werfen und entdeckte die Feinde, die mit Leitern sich den Mauern auf den Felsen nur mühsam genähert. Mit raschem Ueberblick der Lage sind die Vorbereitungen zur Gegenwehr gleich getroffen und die Anstrengungen der Feinde zunichte gemacht. Das auf den richtigen Punct concentrirte Kartätschen- und Kleingewehrfeuer bringt eine solche Unordnung unter die Stürmenden, daß sie von jedem weiteren Angriffe ablassen und sich mit einem Verluste von 270 Mann zurückziehen. General Loison selbst und der Brigadechef Dufour waren unter den Verwundeten. Nun glaubte man, am anderen Tag durch ein Bombardement den tapferen Commandanten zur Nachgiebigkeit zu zwingen, aber auch dieser Versuch blieb fruchtlos, denn das ganze Thal wurde von der Veste so gut bestrichen, daß die feindlichen Geschütze bald zum Schweigen gebracht waren. Zwei Kanonen allein, welche die Franzosen mit unsäglicher Mühe sammt den Laffeten auf dem Rücken zum Passe La Coul getragen und dort gedeckt in dem Thurme einer alten Kirche aufgestellt hatten, konnten den Vertheidigern einigen Nachtheil bringen. Die Lage der französischen Armee wurde täglich bedenklicher, General Lannes war zwar indessen mit dem Vortrabe mühsam über den Albaredo gegen Ivrea vorgerückt, konnte aber keine Geschütze mitnehmen und sah sich, für den möglichen Fall eines Angriffes, der größten Gefahr ausgesetzt. Da entschloß sich Berthier zu dem äußersten Mittel, die Geschütze und Pulverkarren an Schleppseilen unter dem Feuer der Veste mitten durch das Dorf zu bringen, um sie der operirenden Armee nachzufahren. Er wählte zur Ausführung dieses Unternehmens die Nacht, nachdem er zuvor die Geschützpferde und Bedienungsmannschaft über das Gebirge nach Ivrea geschafft hatte. Stockard, die Absicht des Feindes vermuthend, ließ bei einbrechender Dunkelheit Leuchtkugeln in das Dorf werfen, empfing die Franzosen mit einem Kugel- und Kartätschenhagel und ließ dann Handgranaten und Feuertöpfe in die Straßen schleudern, so daß mehrere Fuhrwerke unbrauchbar wurden, Pulverkarren berstend in die Luft flogen und allenthalben Entsetzen verbreiteten. Mit großen Opfern wurde von den Franzosen auf diese Weise im Verlaufe mehrerer Nächte eine hinreichende Anzahl Geschütze fortgeschafft und dann General Chabran mit der Bezwingung des Schlosses betraut. Die Beschießung der Veste hatte inzwischen in [68] dem Maße, als die Franzosen immer mehr festen Fuß fassen konnten, bis zum 1. Juni täglich an Nachdruck zugenommen, so zwar, daß von mehreren Seiten Bresche geöffnet war und die zersprengten Mauern keine Ausbesserung mehr zuließen. Am 1. Juni waren die verpallisadirten Eingänge, das Vorwerk des Hauptthores und die unteren Linien gänzlich zusammengeschossen, und hierdurch jede Möglichkeit zur ferneren Vertheidigung abgeschnitten. Jetzt erst, nach vier fruchtlosen Aufforderungen zur Uebergabe, war Stockard zu einer ehrenvollen Capitulation zu bewegen und räumte am 2. Juni Morgens die Veste. Die Besatzung ward kriegsgefangen nach Frankreich abgeführt, die Officiere behielten ihre Waffen, die ganze Besatzung ihr Eigenthum. Beinahe vierzehn Tage hatte der muthige Stockard die Vorrückung der französischen Armee in die Ebene von Piemont aufgehalten und sich die Bewunderung und Hochachtung selbst des Feindes erworben. Er erhielt für diese Waffenthat in der 66. Promotion vom 18. August 1801 das Ritterkreuz des Maria Theresien-Ordens und statutengemäß den Freiherrenstand. – Aber auch noch bei anderen Gelegenheiten zeichnete sich Stockard durch seinen Muth und seine Umsicht aus, vornehmlich in den Jahren 1793–1795, während welcher er als Adjutant und Galopin bei mehreren Generalen und General-Stabsofficieren zugetheilt war, so am 2. October 1794 in der Affaire bei Rathem an der Ruhr, wo ihm sein General, der Feldmarschall-Lieutenant Fürst Reuß XV., öffentliche Anerkennung zollte; – dann aber vornehmlich im Engadin, wo er am 30. April 1799, ohne Befehl erhalten zu haben, als Capitän mit einer Compagnie des Infanterie-Regiments Kinsky den Innfluß durchwatete und den Feind aus seiner dortigen Verschanzung, aus welcher dieser den Unseren großen Schaden zufügte, in muthigem Angriffe vertrieb, dadurch aber wesentlich zum Gelingen des Hauptangriffes der Unseren beitrug, womit das Eindringen ins Engadin eben bezweckt worden war. – Endlich aber, im Juni 1799 führte Stockard unser 12.000 Mann starkes Corps, dem der Feind den Rückzug von Gesseney nach Urseren abgeschnitten hatte, über nur ihm bekannte unbegangene und oft kaum gangbare Pfade, mit Ueberwindung aller Mühen und Drangsale an seine Bestimmung und rettete dasselbe vor der feindlichen Gefangenschaft, der es sonst wohl kaum entgangen wäre. – Im September 1805 wurde S. zum Major bei Jordis-Infanterie Nr. 59, im April 1812 zum Oberstlieutenant befördert und zugleich zum Commandanten des oberösterreichischen Grenz-Cordons. Im Juni 1825 als Oberst pensionirt, starb Stockard im Alter von 67 Jahren, eine zahlreiche Familie hinterlassend, welche aus der Stammtafel ersichtlich ist.

Freiherrenstands-Diplom ddo. 25. Juni 1805. – Leitner von Leitnertreu (Th. Jos.), Ausführliche Geschichte der Wiener-Neustädter Militär-Akademie (Hermannstadt 1852, Theodor Steinhaußen, 8°.), S. 473. – Hirtenfeld (J. Dr.), Der Militär-Maria Theresien-Orden und seine Mitglieder (Wien 1857, Staatsdruckerei, kl. 4°.), Seite 672 und 1744.