BLKÖ:Tancsics, Michael

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tanárky, Michael
Band: 43 (1881), ab Seite: 41. (Quelle)
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Tancsics, Michael (ungar. Schriftsteller, geb. zu Ács-Teszér bei Veszprim am 21. April 1799). Ein Vorläufer der Commune. Er heißt eigentlich Stancsics. Man erzählte sich, er habe, weil sein Kind den Buchstaben S nicht aussprechen konnte, denselben einfach gestrichen und sich fortan Tancsics geschrieben. Da er frühzeitig seine Eltern, arme Landleute, verlor, so sah er sich, obgleich er schon als Kind lesen und schreiben erlernt hatte und große Liebe zum Studium besaß, in die traurige Lage versetzt, bei einem Wirthe um das tägliche Brod zu arbeiten. Später kam er zu einem Weber in die Lehre und war mehrere Jahre am Webstuhle thätig. In seinem Drange, sich zu bilden, bat er den Schulmeister des Ortes, wo er lebte, er möchte ihm Unterricht ertheilen, und der Edle, das Talent und den Wissensdrang des Jungen würdigend, erfüllte demselben diesen Herzenswunsch. Nun machte Michael große Fortschritte, gab bald die Weberei auf, widmete sich ganz dem Schuldienste und wurde Hilfslehrer in seinem Geburtsorte. Zwei Jahre blieb er daselbst, dann kam er in gleicher Eigenschaft nach Devecsér, später nach Izsák, endlich nach Pesth. Nachdem er in Ofen den Präparandencurs 1822 beendet hatte, besuchte er 1823, 24 Jahre alt, die lateinische Schule zu Kecskemét wo er drei Jahre verweilte. Die nächsten zwei Jahre setzte er seine Studien zu Neutra fort und schloß dieselben 1831 zu Pesth. Als um diese Zeit ein gewisser Anton Malagecz erklärte, Denjenigen, der über ein beliebiges Thema einen Aufsatz schreibe, welcher von Stephan Horváth [Bd. IX, S. 324] als der beste befunden werde, mit fünfzig Gulden zu honoriren, machte sich auch Tancsics an die Arbeit, und der Preis fiel ihm zu. Diese seine erste im Druck erschienene Arbeit betitelt sich: „A magyar nyelv; jutalom értekezlet“, d. i. Die ungarische Sprache, eine Preisabhandlung (Pesth 1831). Ende 1831 begab sich Tancsics als Erzieher zu einer in Omoravica im Bácser Comitate lebenden Familie. Daselbst verblieb er nur ein Jahr, schrieb aber in dieser Zeit das Werk: „Nyelvészet, némelly a magyar tudós társaság különös használatára készült magyar helyesirásra“, d. i. Sprachstudien über eine zum besonderen Gebrauche der königlich ungarischen Gesellschaft der Wissenschaften eingerichtete ungarische Orthographie (Pesth 1833), welchem er das Motto voranschickte: „Die Sprache macht das Volk, das Volk das Vaterland; wer die erste nicht versteht, ist kein Glied des zweiten und demzufolge kein Sohn des letzteren. Seine nächste Arbeit waren seine „Magyar és német beszelgetések“, d. i. Ungarische und deutsche Gespräche (Pesth 1833, Heckenast). Noch in dem nämlichen Jahre schrieb er „Budapesther Briefe, welche, wohl behufs der [42] Censur, der Statthalterei vorgelegt, aber von derselben nicht wieder an ihn zurückgestellt wurden. 1834 übernahm er eine Erzieherstelle in der Familie des Freiherrn Rudnanszky in Pesth, wo er neben seinem pädagogischen Berufe wieder schriftstellerisch thätig, die „Renyképék“, d. i. Tugendbilder, drei Bände (I. Band Pesth, II. und III. Bd. Klausenburg 1835, 8°.), und „Kritikai értekezések különös tekintettel a magyar tudós társaság munkálataira“, d. i. Kritische Abhandlungen mit Rücksicht auf die königlich ungarische Gesellschaft der Wissenschaften, zwei Bände (I. Band Pesth 1835, II. Band Klausenburg 1836, 8°.), herausgab. Im Jahre 1835 ging er nach Klausenburg und trat als Erzieher in der Familie des Grafen Teleki ein, aber auch da blieb er nicht lange, sondern kehrte nach Pesth zurück und begab sich von da nach Wien, wo er als ungarischer Sprachlehrer sich fortbrachte. 1838 suchte er jedoch Pesth wieder auf, um bei Andreas Kunoß [Bd. XIII, S. 381], welcher die Zeitschrift „A Természet“, d. i. Die Natur, herauszugeben begann, als Mitarbeiter einzutreten. Aber nicht lange bestand dieses Blatt, und Tancsics nahm 1840 seine frühere Thätigkeit als ungarischer Sprachlehrer wieder auf und schriftstellerte nebenbei fleißig in seinem Fache, denn damals erschienen von ihm folgende Werke: „Magyar nyelvtudomány kezdő németek számára“, d. i. Ungarische Sprache für deutsche Anfänger (Pesth 1841); – „Magyar nyelvtudomány két nyelven nagyobb németek szamára“, d. i. Ungarische Sprachlehre für Deutsche im vorgeschrittenen Alter (Pesth 1841); – „Magyar nyelvtudomány nagyobbak számara“, d. i. Ungarische Sprachlehre für Erwachsene (Pesth 1841); – „Magyar nyelvtudomány kezdők számára“, d. i. Ungarische Sprachlehre für Anfänger (Pesth 1841); – „Átalános világtörténet“, d. i. Universal-Weltgeschichte (Pesth 1841); – „Magyarok története“, d. i. Ungarische Geschichte (ebd. 1841); – „Latin nyelvtan“, I és II rész, d. i. Lateinische Grammatik, (I. Theil Preßburg 1841, II. Theil Pesth 1843); – „Átalános földleirás“, d. i. Allgemeine Geographie (Pesth 1841); – „Magyarország földleirása“, d. i. Geographie Ungarns (ebd.); – „Lényismeret azaz természet-história az ifjuság számára“, d. i. Naturgeschichte (Preßburg 1843); – „Földmivelési ipar ébresztésének egyetlen módja“, d. i. Einzige Art, die Agricultur zu heben (Pesth 1843); – „Sajtószabadságról nézetei egy rabnak“, d. i. Ansichten eines Gefangenen über Preßfreiheit (Paris 1844), wovon eine von Magos Ernö ausgeführte deutsche Uebersetzung (Pesth 1848, Horbben, 8°.) herauskam; – auch erschien im selben Jahre von ihm eine ungarische Uebersetzung der bekannten Naturgeschichte für Kinder von Georg Raff, mit 14 Tafeln; – „Népkönyv“, d. i. Das Volksbuch (Leipzig 1846), mit welcher tollhäuslerischen Schrift die Tragik seines Lebens beginnt, wie weiter unten[WS 1] erzählt wird; – „Józanész“, d. i. Die gesunde Vernunft (Pesth 1848); – „Nép szava Isten szava“, d. i. Volkes Stimme ist Gottes Stimme (ebd. 1848); – „Munkások ujsága“, d. i. Arbeiter-Zeitung (ebd. 1848); – „A legujabb törvények magyarázata“ d. i. Commentar der neuesten Gesetze (ebd. 1848); – „Uj alkotmányjavaslat“, d. i. Neues Verfassungsproject (ebd. 1848). Man hatte Tancsics, von dem übrigens bereits mehrere Schriften einen aufreizenden [43] Charakter an sich trugen, vornehmlich des oberwähnten „Volksbuches“ wegen in Untersuchung gezogen und zu mehrjähriger Kerkerhaft verurtheilt. Nun kam die 1848er Bewegung, über welche der Silhouettist 'Kossuth’s und der Bannerschaft desselben bemerkt: „Man hat während der magyarischen Schilderhebung manche politische Sünden begangen, aber nur zwei Bêtisen. Die in Europa bekanntere Albernheit war der 14. April in Debreczin, die weniger publique, aber kolossale Dummheit war die Befreiung des ultraradicalen Schriftstellers Michael Tancsics, der seit längerer Zeit wegen aufrührerischer Volkskatechismen, gedruckter sicilianischer Vespern und anderer derlei geschriebener Vorabende zukünftiger Bartholomäusnächte in Ofen in Haft saß. Der überschnappte Demokrat ward am 15. März Abends gegen die moralische Haftung Nyári’s [Bd. XX, S. 441] von der mit einseitiger Politik leicht fertigen Jugend im Triumphe über die Schiffsbrücke nach Pesth herübergezogen. Wir nannten diese Befreiung eine kolossale Dummheit, denn Tancsics war für die Unabhängigkeit Ungarns nur insoweit interessirt, als dieselbe seinen communistischen Grundsätzen förderlich erschien. Wir würden Tancsics nie anders malen denn als Csikos, wie er an schönen Sommerabenden, mit Aristokraten und Rothschilds behaftet, dieselben gemüthlich zwischen den Fingern walkend, langsam – abtödtet“. So der Silhouettist. Tancsics, aus seiner Haft entlassen und mit Jubel durch die Stadt geführt, bezog ein Quartier im Hotel „zum Palatin“ in der Waitzener Gasse. Als er dasselbe nach einiger Zeit verlassen wollte, um in eine andere Wohnung überzusiedeln, weigerte sich der Hotelier, von ihm eine Bezahlung anzunehmen. Auf dem zu jener Zeit einberufenen Landtage erschien Tancsics als Abgeordneter der Stadt Békés. Ueber sein parlamentarisches Wirken in jenen Tagen gibt es aber wenig zu berichten. Am 29. August brachte er den Antrag ein, man solle die Weinzehnten und Regalbeneficien um so rascher aufheben, als der Ban ähnliche Concessionen in Baranya versprochen habe, denen man zuvorkommen müsse. Dagegen entwickelte er eine um so größere wahrhaft Abscheu erregende Thätigkeit in der Presse. Er gab eine Arbeiter-Zeitung heraus, in welcher er die „Premier de Pest“ selbst schrieb. Darin nun legte er sich so wenig Schranken auf, daß man ihm sogar in der damals so erregten Zeit, in welcher haarsträubende Preßvergehen ungeahndet blieben, Anfangs September eines Artikels wegen den Proceß machte. Daß die Regierung diesen Muth besaß, anerkannte man von allen Seiten. „Wer diesen sturmläutenden Aufsatz gelesen“, schrieb ein Journal, „und die Wirkung kennt, welche die tolle Sprache und cynische Verrücktheit, die Hundstagspolemik dieses um hundert Procente noch gefährlicheren ami du peuple auf das ungebildete Volk in der gegenwärtigen traurigen Lage ausüben konnte, muß der Regierung Beifall zollen. In Frankreich stünde Tancsics jetzt vor einem Militärgerichte, in England würde er auf zehn Jahre deportirt“. Nun, der Preßproceß wurde ihm wohl angehängt, aber der Angeklagte ging straflos aus. Einige Monate später decretirte die Pesther Behörde, daß Tancsics eine Summe von 500 fl. zu zahlen habe, weil er als Redacteur der „Munkások Ujsága“ unterlassen, die erforderliche Caution zu hinterlegen. Daß man nach Bewältigung [44] der Revolution nach einer solchen Koryphäe politischen Wahnsinns fahndete, ist leicht begreiflich; aber Tancsics ergriff rechtzeitig die Flucht und hielt sich im Lande versteckt. Durch das Kriegsgericht wurde er dann zum Tode verurtheilt[WS 2], aber im Jahre 1837 amnestirt. Für die nun folgende Zeit fehlt es uns an zuverlässigen Nachrichten über ihn. Bald nach seiner Amnestirung erschien sein Roman „Bordács Elek, a gyalog áréndás“, d. i. Alex Bordács, der Pächter zu Fuß (Pesth 18538, Mor. Ráth, 8°.). Nun muß er neuerdings grobe Ausschreitungen sich haben zu Schulden kommen lassen, denn 1866 meldete die „Neue Freie Presse“ [Nr. 560] wörtlich: „In einem Artikel des gestrigen „Hon“ wird darauf hingewiesen, daß der unglückliche Tancsis (sic) bereits seit neun Jahren (1857 also muß er unmittelbar nach obiger Amnestie wieder verurtheilt worden sein) im Kerker schmachte und auch in die allgemeine Amnestie von 1862 nicht einbegriffen wurde, weil er von einem Civilgerichtshofe verurtheilt ist. Seit fünf Jahren ist er auch erblindet und bringt daher in doppelter Finsterniß sein trauriges Leben zu“. Diese Journal-Erinnerung mag die Aufmerksamkeit auf den Unglücklichen gerichtet und wohl seine neuerliche Freilassung bewirkt haben, denn nun trat er wieder mit einigen grammatikalischen Arbeiten auf, wie zur Zeit, da er das erste Mal als Schriftsteller vor der Oeffentlichkeit erschien. Die Titel dieser Werke sind: „Magyar nyelvtanitási kézikönyvecske. Kezdők számára“, d. i. Handbüchlein zum ungarischen Sprachunterricht. Für Anfänger (Pesth 1867, Stolp, kl. 8°.); – „Fővárosunk. Szerző tulajdona“, d. i. Unsere Hauptstadt (Pesth 1867, Stolp, 8°.); – „Magyar-német szótárcza a német közsdgekbeli iskolák első osztálya számára“, d. i. Ungarisch-deutsches Vocabular für die erste Classe der Volksschulen in deutschen Gemeinden (Pesth 1868, Stolp, 8°.); – dasselbe und „A második osztály számára“, d. i. Für die zweite Classe (ebd. 1868). Vom Jahre 1868 an fehlen alle Nachrichten über Tancsics. Jedenfalls gipfelt die eigentliche Thätigkeit dieses ungarischen Communarden in den letzten Jahren vor der 1848er Bewegung und in ihr selbst. Es gibt keine Farbe, die grell genug wäre für die Schilderung seines Charakters in jener Zeit. Seine Politik von damals bestand in nichts Weiterem als dem hunischen Feldgeschrei: „Schlagt die Caputröcke todt!“ Caputröcke aber nannte oder nennt man in Ungarn die Städter und Grundherren im Gegensatze zu den Bauersleuten, welche man Jacken hieß. „Es steckt ein Stück Thomas Münzer, ein Knochen Stephan Fadinger’s in diesem Anticaputrockmann“, schreibt ein Publicist der Fünfziger-Jahre, „und derselbe hätte in dem schwäbischen oder obderennsischen Bauernkrieg trotz seiner hochproblematischen Courage eine wichtige Rolle gespielt“. Und nachdem er ein anwiderndes Bild dieses Robespierre in weitfliegender Gatya, in wallendem Hemde von zweifelhafter Farbe entworfen, schließt er mit den Worten: „Mátyás, bringe mir doch frisches Wasser zum Händewaschen, denn ich habe über Tancsics – geschrieben“. Und solche Menschen bekleideten Erzieherstellen in den Familien des hohen ungarischen Adels!!!

Magyar irók. Életrajz-gyüjtemény. Gyüjték Ferenczy Jakab és Danielik József, d. i. Ungarische Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreibungen. Von Jacob Ferenczy und Joseph Danielik (Pesth [45] 1858, Gustav Emich, 8°.). Zweiter (den ersten ergänzender) Band, S. 333. – Vasárnapi ujság, d. i. Sonntagsblatt (Pesth, gr. 4°.) 1868, Nr. 11. – Orsz. Honvéd Naptár, 1869, S. 69.
Porträte. Vorgenannter Honvéd -Kalender und „Vasárnapi ujság“ enthalten sein Bildniß im Holzschnitt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: unter.
  2. Vorlage: vertheilt.