BLKÖ:Tandler, Josephus Jacobus

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tancsics, Michael
Band: 43 (1881), ab Seite: 45. (Quelle)
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Tandler, Josephus Jacobus (čechischer Schriftsteller, geb. zu Prag 4. März 1765, gest. ebenda 8. August 1826). Herangebildet auf dem Altstädter Gymnasium zu Prag, trat er schon nach dem ersten Jahrgange der Universitätsstudien, dem Beispiele eines Jugendfreundes folgend, in den Staatsdienst. Obgleich er väterlicherseits einer deutschen, wahrscheinlich aus der Schweiz oder Tirol eingewanderten Familie angehört, gewann er doch durch den Einfluß seiner, aus einer slavischen Familie hervorgegangenen Mutter, einer geborenen Rzehota, eine solche Vorliebe für das slavische Idiom, daß er im Jahre 1786 als böhmischer Schriftsteller auftrat. Zu jenen Männern, welche zu Ende des vorigen und Anfang des laufenden Jahrhunderts zur Wiederbelebung der böhmischen Sprache und Literatur unter den schwierigsten Verhältnissen beigetragen haben, gehört Tandler ganz besonders, und es ist das Ergebniß seiner Bemühungen weniger in dem Werthe der ephemeren Bühnenspiele, die jedoch meist zur Aufführung gebracht worden sind, als in der nachhaltigen Wirkung derselben, in der angeregten Theilnahme an vaterländischen Interessen zu suchen. Die „Historie literatury české“ von Joseph Ritter von Jungmann, zweite Aufl., Prag 1849, nennt nachstehende Schauspiele dieses Verfassers: S. 639: „Vůdce Taboritůw“, d. i. Die Anführer der Taboriten, Trauerspiel; – „Čarodyštwí“, d. i. Die Zauberer, Lustspiel; – „Ostrow lidozřautůw“, d. i. Die Insel der Menschenfresser, Singspiel; – „Libuše“ (nach Steinberger); – „Rybářské děwče“, d. i. Die Fischerkinder, Singspiel; – „Hamlet“ (Uebersetzung); – „Čižba na děwky“, d. i. Der Fang auf Mädchen. Oper. Im Vereine mit Männern, wie: Šediwy [Bd. XXXIII, S. 275], Thám, Kramerius [Bd. XIII, S. 119] u. A. finden wir Tandler bei Begründung der am 8. Juli 1786 eröffneten ersten böhmischen Nationalbühne und deren artistischer Leitung thätig. Im Jahre 1791 vertrat er den oberwähnten Kramerius in der Redaction der „Böhmischen Zeitung“, redigirte jedoch später nach Wenzel Thám die böhmische „Prager Postzeitung“ durch zwei Jahre (1792–1793) unter dem geänderten Namen „Hospodársky nowiny“ (Landwirthschaftszeitung). Vor der Krönung des Kaisers Leopold II. schrieb er, wahrscheinlich im amtlichen Auftrag, eine Darstellung der Krönungsfeierlichkeiten, welche unter dem Titel: „Popsání obyčejů při korunowáni králů českých“ 1791 im Druck erschien. Bemerkenswerth ist sein Memorandum wegen Errichtung der Lehrkanzel für böhmische Sprache und Literatur, welches er persönlich dem Kaiser überreichte. Im Jahre 1794 erschien der erste, 1795 der zweite Band seines „böhmischen Advocaten“ unter dem Titel: „Dokonalý jednatel, aneb zemský advokat“, ein Werk, welches seitdem viele, später von Prokop Šediwy und dann von Johann Jawornicky vermehrte und verbesserte Auflagen erlebte, und durch das er sich am meisten den Dank seiner Zeitgenossen erworben hat, denn es gewährte den ersten populären Leitfaden für den böhmischen [46] Geschäftsstyl. Dagegen ist nicht Tandler der Verfasser der in der „Bibliotheca juridica Austriaca“ von Moriz Stubenrauch, Wien, Beck 1847, ihm zugeschriebenen juridischen Abhandlungen, sondern sein Sohn J. F. Tandler, dessen Lebensskizze auf der Nebenspalte folgt. Die Zuweisung wichtigerer Amtsgeschäfte hatte zur Folge, daß er sich nunmehr ausschließlich seinem Amte ergab. Während des ersten Decenniums dieses Jahrhunderts wurde er dreimal damit betraut, theils allein, theils in Gemeinschaft mit einem Kassebeamten die Barschaft an edlen Metallen vor dem Herannahen der Feinde in Sicherheit zu bringen. Auch das Silber von dem Grabmale des h. Johann von Nepomuk aus dem Prager Dome befand sich unter diesen Schätzen. Stets glücklich gelang die gefährliche Flucht, das erste Mal nach Wien, dann nach Dresden, endlich nach Aschaffenburg. Aber da sie immer zur Winterszeit stattfand und mit großen Mühseligkeiten verbunden war, trug er den Keim eines unheilbaren Siechthums davon, das nach langem Leiden seinem Leben ein Ende machte. Er starb im 61. Jahre seines Lebens, im 40. seiner Staatsdienste, in welchen er zuletzt die Stelle eines Hauptzahlamts-Liquidators bekleidete. Eine kleine Marmorplatte kennzeichnet seine Ruhestätte an der nördlichen Mauer des Prager Kleinseitener Gottesackers. Tandler blieb bis an sein Ende ein Freund der vaterländischen Literatur, deren Förderung, wie oben berichtet worden, er sich nach Kräften angelegen sein ließ.

Slovník naučný. Redaktoři Dr. Frant. Lad. Rieger a J. Malý, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Lad. Rieger und J. Malý (Prag 1872, Kober, schm. 8°.), Band IX, S. 274.