BLKÖ:Thürheim, Norbert Joseph Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 44 (1882), ab Seite: 308. (Quelle)
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Thürheim, Norbert Joseph Graf (k. k. Oberlieutenant, geb. 15. Oct. 1760 zu Schwertberg, gest. den Opfertod für das Vaterland am 11. August 1788 bei der veteranischen Höhle), Sohn Joseph Gundakars Grafen von Thürheim aus dessen Ehe mit Maria Dominica Freiin Hager von Allentsteig, trat 1777 als Fähnrich in das Infanterie-Regiment Thürheim Nr. 25, in welchem er bei der Hauptarmee in Böhmen den bayrischen Erbfolgekrieg 1778 und 1779 mitmachte. Im Februar 1788 marschirte das Regiment (seit 1783 Brechainville) zu der in Ungarn operirenden Armee, in der es erst das Lager von Semlin, im Juni jenes von Weißkirchen bezog, wo es dem Corps des Feldmarschall-Lieutenants Grafen Wartensleben zugetheilt wurde. Am 12. Juli rückte das vom Major Baron Stein commandirte Oberst-Bataillon, in welchem Norbert als Oberlieutenant diente, nach Bojana Bronikowi, wo es in einem von der Donau durchströmten Thale, hart an einem Berge, in dem sich die sogenannte veteranische Höhle befindet, Stellung nahm. Am Fuße des Berges war bereits der Grund zu einer Redoute gelegt, welche den Zugang zur Höhle vertheidigen sollte. Major Stein ließ dieses Schanzwerk vollenden und postirte auf dasselbe zwei Compagnien, je zwei der übrigen aber im Innern und außerhalb der Höhle. Wiederholt abgeschlagen, unternahmen die Türken endlich am 11. August 1788 einen Hauptangriff auf die Stellung des Brechainville’schen Bataillons, besonders aber auf die Redoute. Etliche Tausend Spahis sprengten auf das Schanzwerk los, und gleichzeitig griffen die Janitscharen mit entsetzlicher Wuth die vor der Höhle stehenden zwei Compagnien an. Major Stein ließ dem in der Redoute commandirenden Officier zurufen, dieselbe aufzugeben, aber bei dem ungeheueren Lärm und in der Hitze des Gefechtes wurde dieser Befehl von den tapferen Vertheidigern überhört. Der Uebermacht weichend, mußten die zwei Compagnien außerhalb der Höhle sich in dieselbe zu den zwei anderen zurückziehen, und sie sahen noch, wie einige Kameraden aus der Schanze, gleichsam zum letzten Lebewohl, ihnen mit den Hüten zuschwenkten. Durch das starke Kanonenfeuer der Geschütze, wetche das Bataillon mitgeführt und nun der Artillerie-Lieutenant Voith auf das wirksamste spielen ließ, in Folge dessen er später zum Theresienritter ernannt wurde, sah sich der Feind vom weiteren Sturme auf die Höhle abgehalten. Ein traurigeres Schicksal aber hatten die zwei in der Redoute kämpfenden Compagnien, bei welchen Norbert sich befand. Die Spahis waren von ihren Pferden abgesessen und suchten zugleich mit den Janitscharen die Pallisaden der Verschanzung auszureißen und über die Parapets zu klettern, was ihnen auch bei einem Eck an der Donauseite, wohin die Kanonenschüsse nicht reichen konnten, nur zu bald gelang. Kaum war der Erste darinnen, so wimmelte auch schon in den nächsten Augenblicken die ganze Schanze von Türken. [309] Vom Eingange der Höhle aus sahen die anderen Compagnien das Schicksal ihrer Kameraden, ohne ihnen beistehen zu können, da sie sonst die Höhle und somit die wichtigste Position hätten aufgeben müssen. Das wüthende Gefecht in der Redoute dauerte nicht lange, denn auf jeden der Vertheidiger kamen sicher zwanzig Türken, so groß war deren Ueberzahl. Jetzt ließ auch Major Stein in den Haufen hineinschießen, wie es eben kam, da aber der größte Theil der Redoutenvertheidiger schon anfangs von den Türken massacrirt war, so dürfte der Feind durch dieses Feuer am meisten gelitten haben, wie ihn überhaupt die Eroberung des Schanzwerkes sehr viele Leute gekostet hatte, und er endlich von der heftigen Kanonade sehr belästigt den gewonnenen Posten in kürzester Zeit wieder räumte. Von den Vertheidigern fielen nur sehr wenige in feindliche Gefangenschaft, und diese alle verwundet, darunter von den Officieren nur Hauptmann Scholderer, denn Oberlieutenant Norbert Graf Thürheim, die Lieutenants Leopold Graf Clary und Ferstenwald, die Fähnriche Baron Elmpt und Eichfeld verloren nebst allen übrigen in der Redoute Befindlichen das Leben; ihre Köpfe wurden, auf die Lanzen der Janitscharen gesteckt, als Siegestrophäen nach Constantinopel gebracht. Als nach 21 tägiger tapferer Vertheidigung die Besatzung der Höhle in allen Kriegsehren capitulirt hatte, sah sie, an der Schanze vorüber marschirend, wie noch mehrere ihrer geköpften Kameraden, durch die Uniform, welche die Leichen trugen, kennrlich, an den Pallisaden aufgeknüpft hingen. Norbert war erst nach der tapfersten Gegenwehr gefallen, bereits durch einen Schuß am Kopfe schwer verwundet, band er sich mit seinem Sacktuch das herabhängende Kinn hinauf und kämpfte weiter; wieder durch mehrere Schüsse im rechten Arm blessirt, nahm er den Degen in die Linke und focht, bis er fiel. Lange war man über seinen Tod, wie über das Schicksal der meisten Officiere im Ungewissen, bis 1791 nach dem Friedensschlusse der fast drei Jahre im Bagno zu Constantinopel mit einigen Unterofficieren und Soldaten gefangen gehaltene Hauptmann Scholderer in das Vaterland zurückkehrend, die traurige Kunde brachte, daß er mit seinen Leidensgefährten Norbert Thürheim’s Leiche an dem mit einem Sacktuche zusammengebundenen, an einer Janitscharenlanze aufgesteckten Kopfe genau erkannt habe. Die im Vorstehenden mitgetheilten Detailangaben sind theils der Relation des Majors Baron Stein, theils einem aus dem Bagno von Constantinopel an Norberts Mutter gerichteten Briefe des Hauptmanns Scholderer, theils endlich den später mündlich gemachten Aussagen desselben, sowie einiger zurückgekehrten Unterofficiere entnommen. Norbert hatte das 28. Lebensjahr noch nicht erreicht, als er fiel. Sein Porträt befindet sich im Schlosse zu Weinberg. Eine authentische Darstellung der Capitulation der Besatzung der veteranischen Höhle im Jahre 1788 brachte der Jahrgang 1844 des durch seine historischen Aufsätze bemerkenswerthen Kalenders „Austria“, der mittlerweile bereits zu erscheinen aufgehört hat.

Geschichte des k. k. 25. Linien-Infanterie-Regiments (Prag 1875, Selbstverlag des Regiments, gr. 8°.) S. 273 und 283.