BLKÖ:Thürheim, Maria Anna Gräfin

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 44 (1882), ab Seite: 305. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: [1], SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Thürheim, Maria Anna Gräfin|44|305|}}

Thürheim, Maria Anna Gräfin (Humanistin, geb. zu Innsbruck am 10. November 1743, gest. zu Linz am 11. October 1798), zweite Gemalin Christoph Wilhelms Grafen von Thürheim und Tochter Alexanders Grafen von Künigl aus dessen Ehe mit Antonia geborenen Gräfin von Trautsohn. Fromm und religiös im Elternhause erzogen, vermälte sie sich am 4. Juli 1763 mit dem k. k. Kämmerer und Obersten Grafen Caspar von Migazzi, der aber schon am 13. Juni 1770 starb. Am 28. Juli 1771 gab sie ihre Hand dem k. k. geheimen Rathe und Landeshauptmann von Oberösterreich Christoph Wilhelm Grafen von Thürheim. Ihre Ehe war ein Muster seelischer Eintracht, Liebe um Liebe. Mit Klugheit und Genauigkeit besorgte Maria Anna die ökonomischen Angelegenheiten des durch die amtliche Stellung ihres Gemals ersten Hauses in Linz, in welchem Fremde und Einheimische immer mit gleicher Achtung und Freundlichkeit empfangen wurden. Sie hielt ein geordnetes Hauswesen für die echte Sphäre weiblicher Wirksamkeit, deshalb dünkte ihr kein dahin einschlagendes Geschäft zu gering. Die Küche ordnete sie täglich, auch in ihrer Krankheit, ja noch an ihrem Todestage an. Ungeachtet ihrer schwächlichen Gesundheit und ihrer vielen körperlichen Leiden war sie die Seele und Leiterin ihres großen Hauswesens, kein [306] Glied desselben wurde auch nur im Geringsten übersehen oder vernachlässigt. Sie vergaß sich, um nur auf Andere zu denken, jede Klage, jeder Zwist der Hausleute wurde durch ihre Güte gehoben; ihre Tugenden machten das Haus ihres Gatten zur Wohnung des Friedens, der Freude und des stillen Glückes. Ohne Unterschied des Standes war Jeder herzlich willkommen, der durch feine Bildung und wissenschaftliche Kenntnisse darauf Anspruch erheben durfte. Sie lernte gern, aber nicht um zu glänzen, sondern um zu nützen. Sailer’s und Zollikofer’s Schriften, Sturm’s Betrachtungen, das deutsche Brevier, Thomas a Kempis u. dgl. waren ihre Erbauungsbücher. Aus den neuesten Schriftstellern sammelte sie eigenhändig einen sehr zweckmäßigen Auszug moralischen Inhaltes, zum Gebrauche für ihre Töchter. Sie hatte bewährte Kenntnisse von der Botanik und unterhielt auf den Schlössern ihres Gemals zu Hagenberg und Weinberg eine kleine Hausapotheke. „Medicinische brauchbare Kräuter zu sammeln“, sagt ein Freund von ihr, „war eine ihrer Beschäftigungen auf dem Lande, sie trocknete oder destillirte sie und theilte die daraus bereitete Arznei Kranken in der Stadt und auf dem Lande mit, aber jedesmal mit Vorwissen der Aerzte, bei denen sie sich selbst vorher darüber erkundigte. Nie werde ich an Sommermorgen den Himmelbrand blühen sehen, ohne an sie, diese edle Menschenfreundin zu denken! Welch ein Fest es für sie war, bei ihren Spaziergängen vor dieser Pflanze still zu stehen und deren Blüthen in ihr Tuch zu sammeln oder selbe aus den Händen ihrer munteren Kinder zu empfangen!“ Es lag in ihrem tiefen Gemüthe, das ländliche Stillleben dem Glanze und Geräusche der Städte vorzuziehen. Ihr wohlwollendes Herz wünschte sich immer nur dahin, wo sie unbemerkt Gutes wirken konnte. Oft, ja täglich besuchte sie die Hütten der Armen, erkundigte sich freundlich nach deren Bedürfnissen, gab dem Dürftigen Kleidung und Nahrung, dem Kranken Arzneien, jedem Traurigen Rath und Trost, selbst auf dem Sterbebette mit dem Tode Kämpfenden stand sie – ein liebreicher Engel – mit tröstendem Zuspruche bei. Ueberzeugt von den Mängeln im Unterrichte der ländlichen Jugend, suchte sie wohlwollend und hellsehend auch da zu helfen. Um die Jugend nützlich zu beschäftigen und arme Mädchen die nöthigen Handarbeiten erlernen zu lassen, errichtete sie in Hagenberg eine Näh- und Strickschule, über welche der Ortspfarrer und die Frau des Schullehrers die Aufsicht zu führen hatten, und sorgte testamentarisch dafür, daß auch nach ihrem Tode diesen wohlthätigen Anstalten die Fortdauer gesichert sei. Ihre Untergebenen und Hausleute versah sie mit Büchern, theils zur Erbauung, theils zur Unterhaltung, damit sie den Gefahren der Langweile entgehen und zugleich ihre nöthigen Kenntnisse erweitern möchten, zu welchem Behufe sie auch eine eigens gewählte Bibliothek auf ihrem Landgute Hagenberg hinterließ. Sie zeigte ihre höhere Geistes- und Herzensbildung durch Sanftmuth und Ertragen der Fehler ihrer Dienstleute, durch Zweckmäßigkeit in Ergreifung der Hilfsmittel zu deren Verbesserung, durch stete Sorgfalt für deren Wohl und dadurch, daß sie diese dienende, oft sehr ungebildete Classe zur Frömmigkeit, zum Anstande und zur Bekämpfung aufbrausender Leidenschaften anleitete. Und selbst da, wo gebieterische Umstände eine unnachsichtliche Strenge forderten, strafte sie mit Milde und beschenkte [307] den entlassenen Dienstboten noch mit freigebiger Großmuth. So war sie in jeder Gesellschaft eine erfreuliche Erscheinung, nicht tonangebend, für Niemand drückend, doch verbreitete sich überall Ernst und Würde, wo sie sich zeigte. Reine Andacht ward ihr innigstes Seelenbedürfniß, und durch die Ausübung jeder schönen Tugend, die aus dieser Frömmigkeit hervorsproß, erschien dieselbe Jedem ehrwürdig. Sie fand Trost im stillen Gebete; aber ihre Gottesliebe zeigte sich noch mehr im Handeln, als im Empfinden, mehr noch in Ausübung gottgefälliger Werke der Barmherzigkeit als in langen Gebeten. Tiefes Gefühl ihrer Abhängigkeit vom Schöpfer der Welt, ruhige Ergebung in jedes ihrer Schicksale, wahre kindliche Demuth gaben ihrem Charakter eine seltene Festigkeit. Ihr ganzes Leben war eine ununterbrochene Selbstverleugnung, und Pflicht ging ihr über Alles! Ihr Biograph sagt in der unten citirten Quelle: „Man erregt leicht den Verdacht, als werde hierdurch von einem Ideal gesprochen, nicht mit historischer Treue von einer Wirklichkeit; aber doch war sie so, und die Wahrheitsliebe, frei von allen schmeichelnden Rücksichten, gibt ihr dieses wahrhafte einstimmige Zeugniß“. Mit der größten Gelassenheit ertrug sie die mehrjährigen Leiden einer schwankenden Gesundheit und bewies dabei eine Sanftmuth und Geduld, die nur die Frucht langer Uebung und echter Religiosität sein konnte. Sehr oft beschäftigte sie der Gedanke an ihren Tod; in solcher Stimmung schrieb sie auch einen Monat vor ihrem Hinscheiden an ihren Gemal und ihre Kinder Briefe, welche diese edle Frau unter ihren Papieren hinterließ, als schöne Vermächtnisse ihres Geistes, den sie uns in seiner ganzen Größe, und Reinheit sehen lassen! Diese Briefe sind vollinhaltlich in der unten angegebenen Quelle abgedruckt. Die vielen Anstrengungen der Gräfin, deren Lebensart ihr dieselben zur Pflicht machten, und ihre rastlose Thätigkeit hatten ohne Zweifel viel zu dem kränklichen Zustande ihres Körpers beigetragen, in welchem sie viele Jahre hinbringen mußte. In den letzten Wochen aber eilte sie schnell und sichtbar dem Grabe zu. Sie wünschte länger hier zu sein, denn sie war die glücklichste Gattin und Mutter; aber sie wußte auch zu sterben, wie sie zu leben und zu leiden verstanden hatte. Sich gleich bis zum letzten Augenblick ihres Lebens, blieb sie stets sorgfältig, thätig und wohlthuend und ordnete noch immer das Hauswesen an; sie schrieb, da sie nicht mehr laut sprechen konnte, um ja kein Geschäft halbgethan zu hinterlassen. Es war am 11. October 1798 zu Linz, als sie im 55. Lebensjahre eines sanften Todes entschlief. Ihre Leiche wurde nach Käfermarkt nächst dem Schlosse Weinberg überführt und in der Thürheim’schen Familiengruft daselbst beigesetzt, in deren Capelle kindliche Pietät ihr eine Gedächtnißtafel in der Mauer angebracht hat. Auch befand sich im Schloßgarten zu Hagenberg ihr Monument mit der kurzen, aber sinnreichen Inschrift: Prunklos wie ihre Tugend! Lange noch lebte das Andenken an diese edle Frau in dem Herzen der ärmeren Bewohner von Linz, dem Sitze der ehemaligen Amtsthätigkeit ihres Gemals, sowie jener von dessen Gütern Weinberg und Hagenberg, wo sie mit ihrer Familie sich gewöhnlich den Sommermonaten aufhielt.

Schlichtegroll (F.). Nekrolog auf das Jahr 1798 (Gotha 1802, bei Perthes) Bd. I, S. 115. – Allgemeiner Nationalkalender für Tirol und Vorarlberg auf das [308] gemeine Jahr 1822. Zweiter Jahrgang (Innsbruck, Wagner’sche Buchhandlung) S. 43: „II. Galerie merkwürdiger Tiroler und Vorarlberger. I.“. – Pillwein (Benedict). Topographie Oberösterreichs. Mühlkreis S. 363. – Kunitsch (Michael). Biographien merkwürdiger Männer der österreichischen Monarchie (Gratz 1812, Tanzer, kl. 8°.) VI. Bändchen, S. 65 [so gerechtfertigt die Aufnahme dieser Dame in ein Sammelwerk denkwürdiger Oesterreicher ist, so erscheint es doch befremdend, sie in einer Sammlung von Biographien merkwürdiger „Männer“ zu finden].