BLKÖ:Truchseß-Waldburg-Zeil, Maria Walburga Gräfin

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 47 (1883), ab Seite: 258. (Quelle)
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Truchseß-Waldburg-Zeil, Maria Walburga Gräfin (Humanistin, geb. zu Wien am 22. October 1762, gest. am 25. Mai 1828). Eine Tochter des Grafen Franz X. Harrach [Bd. VII, S. 379] aus dessen Ehe mit Maria Rebecca Gräfin Hohenembs, wurde sie von der Kaiserin Maria Theresia aus der Taufe gehoben. Im Alter von 17 Jahren heiratete sie den Grafen Clemens von Truchseß-Waldburg-Zeil, der zu jener Zeit als Officier in der kaiserlichen Armee diente. Durch Vertrag mit seiner Gemalin erwarb derselbe den vormaligen Reichshof Lustnau und andere Allodialbesitzungen in Hohenembs. Einige Jahre verflossen in glücklicher Ehe, mehrere Kinder kamen zur Welt, die aber alle bald nach einem Jahre starben, nur ein einziges, Franz Karl (geb. 18. August 1785, gest. 27. März 1803) erreichte das Alter von 18 Jahren. Der Verlust ihrer Kinder, namentlich der Tod eines Mädchens, Marie Amalie (geb. Februar 1784, gest. 31. December 1785), versetzte zuletzt die Gräfin in solche Schwermuth, daß ihr Mann sich von ihr trennte, den kleinen Sohn Franz Karl mitnahm und seine Frau nie wieder sah. Graf Clemens diente noch eine Zeit lang gegen die Franzosen, verließ dann die Armee, lebte auf den von seiner Frau erkauften Gütern zu Hohenembs in Vorarlberg und starb als pensionirter Oberstlieutenant am 10. März 1817 in Kempten. Die Gräfin war, als ihr Mann sie verließ, 24 Jahre alt und eine schöne, geistreiche Dame. Meist wohnte sie auf ihrem Schlosse Kunewald in Mähren, das von ihrer Großmutter, einer Liechtenstein herstammte, und führte ein merkwürdiges Leben, saß keck zu Pferde, ritt über Feld und Wiese, empfing Gesellschaft, las und schrieb, schaute nach den Sternen, reiste viel und legte sich wie die Frauen des achtzehnten Jahrhunderts so wenig als möglich Zwang auf. Von ihrem Manne verlassen, ihrer Kinder durch den Tod beraubt, so lebte sie anfangs ein einsames, verbittertes Leben; aber sie richtete sich allmälig auf und fand die Stützen eines neuen Lebens in einer geordneten verjüngten Thätigkeit, in dem Streben, in kleinen Kreisen für das Volk, für die Menschheit wohlthätig zu wirken. Im Volke hieß sie kurzweg „die Gräfin Truchseß“. Sie stand mit Alt und Jung in stetem Verkehre, versammelte in Rockengängen die Hausmütter um sich, erzählte ihnen Geschichten, führte die Impfung ein, hielt für die armen Leute einen Arzt. Besonders hilfreich erwies sie sich im Kriegsjahre 1805, als Franzosen und Russen die Landbevölkerung in Angst und Schrecken versetzten. Da besuchte sie selbst die ärmlichste Hütte, brachte überall Trost und Hilfe und spendete, so viel sie nur konnte. Als dann wieder friedlichere Zeiten kamen, sorgte sie für den Unterricht der Landbevölkerung, errichtete Schulen, unterrichtete auch selbst, baute Kirchen und that Gutes mit vollen Händen. Im Jahre 1808 kam sie nach Hohenembs, versammelte 300 Kinder um sich und stiftete eine Schul- und Volksbibliothek. In Kunewald hatte sie ein Naturaliencabinet und eine Bibliothek von 20.000 Bänden, welche freilich nicht alle für ihre Zöglinge taugten. Auf ihrem Schlosse daselbst errichtete sie 1792, im [259] Alter von 30 Jahren, ein Erziehungsinstitut, welches sie durch mehr als zwei Decennien aus eigenen Mitteln unterhielt. Diese Anstalt machte seinerzeit viel von sich reden. Die Gräfin, welche den Umschwung in der Unterrichtsmethode, der eben damals sich kundgab, genau beobachtete, setzte sich mit den beiden berühmten Pädagogen jener Zeit, Salzmann und Pestalozzi, in brieflichen Verkehr. Sie scheute kein Opfer, um ihre Anstalt in Blüte zu bringen, Knaben und Mädchen wurden in dieselbe aufgenommen und wie in der Solitude militärisch gehalten. Den ganzen Tag über dauerten die Unterrichtsstunden, die Großen unterwiesen die Kleinen. Vorstand der Schule war der Schloßcaplan und eine Zeit lang, von 1806 bis 1813, der in der Kalenderliteratur bahnbrechende Jurende, welcher die Gräfin auf ihren Reisen durch die Schweiz, das südliche Frankreich und Italien begleitete und auf Schloß Kunewald auf den Gedanken kam, den Kalender „Der mährische Wanderer“ herauszugeben, der im Jahre 1809 zum ersten Mal erschien und im Kalenderwesen einen Umschwung hervorrief, welcher, von Oesterreich ausgehend und von da erst über Deutschland sich ausbreitend, von unabsehbarem Einflusse auf die geistige und sittliche Entwickelung des sogenannten gemeinen Volkes wurde. So lange Jurende im Schlosse waltete, ging auch Alles in bester Ordnung, denn er selbst war eine schlichte, grundehrliche Natur, seine Nachfolger aber wirthschafteten schlecht und brachten die Gräfin in manche Verlegenheit; da sie ihren eigenen Grundsätzen gemäß die Anstalt leitete und sich in Folge dessen nicht an die vorgeschriebenen Lehrbücher der Normalschulcommission hielt, kam es zu widerwärtigen Verhandlungen, und zuletzt leitete das Olmützer Consistorium sogar die Untersuchung ein. Das Ergebniß derselben war, daß die Anstalt als „gefährlich“ aufgehoben ward. Worin die Gefährlichkeit bestand, ist noch heute nicht aufgehellt. In der Anstalt wurde die Bauernjugend außer in dem Lesen, Rechtschreiben, Rechnen und der Religion auch in der Vaterlandskunde, Obstbaumzucht, Benützung der Thiere, Kenntniß des menschlichen Körpers u. s. w. unterrichtet, der gewähltere Theil im Schlosse auf Kosten der Gräfin zu Beamten, Künstlern und zu allen nicht gemeinen Dienstleistungen im bürgerlichen Leben herangebildet, die weibliche Jugend zu ihrem wahren Berufe angeleitet. Was immer man der Anstalt vorwerfen mochte, ist ohne Belang, sie hat großen Nutzen gestiftet, und tüchtige Männer, die später zu Rang und Würde gelangten, haben in ihr die Keime ihrer ersten Bildung erhalten. Die Gräfin kümmerte sich auch um die behördlichen Störungen wenig und setzte ihre segensvolle Wirksamkeit ununterbrochen fort, und noch heute wird in jenen Gegenden ihr Name mit Segen genannt. In späteren Jahren führte die Gräfin ein trauriges Leben. Von einem Ritt durchs Wasser holte sie sich die Gicht, welche zuletzt in eine Lähmung ausartete, die ihr den Gebrauch der Glieder raubte, so daß sie immer sich tragen lassen mußte. Sie starb im Alter von 66 Jahren, ihr Vermögen dem Sohne ihres Pächters hinterlassend. Einer ihrer Biographen bemerkt: „Schon das Leben dieser Frau klingt wie ein Roman. Wie interessant müssen ihre Briefe sein; da ließe sich den geheimsten Falten des Herzens, den tausendfach zerstreuten Zügen ihres Lebens und Waltens nachspüren“. Hier haben Biographen noch einen ungehobenen Schatz, den sich näher [260] zu besehen, es wahrhaftig sich lohnt. Aber wo stecken jetzt diese Papiere? Sind sie überhaupt noch vorhanden?

Kalender für die Schulen, X. Jahrg., S. 152. – Annalen der österreichischen Literatur (Wien, 4°.) 1808, II. Bd. Intelligenzblatt, S. 236–239.