BLKÖ:Turski, Johann Cantius

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Turski, Felix Paul
Band: 48 (1883), ab Seite: 152. (Quelle)
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Turski, Johann Cantius (polnischer Schriftsteller, geb. zu Krakau 1832, nach Anderen 1833, gest. ebenda im Frühlinge 1870). Nachdem er das Gymnasium in Krakau beendet hatte, bezog er daselbst die Universität. Unschlüssig in der Wahl seines Berufes, entschied er sich zunächst für die Jurisprudenz, aber schon nach zwei Jahren gab er dieselbe wieder auf, um sich den philosophisch-historischen Studien zu widmen. Schon als Knabe hatte er seinen Vater durch den Tod verloren, und als ihm einige Jahre später auch die Mutter starb, stand er ganz auf sich selbst angewiesen, allein im Leben. Namentlich der Verlust der Letzteren, die ihm doch noch in den ersten Jünglingsjahren hilfreich zur Seite gestanden, ging ihm sehr nahe, was bei seiner ohnehin zu großer Weichheit und Wehmuth hinneigenden Gemüthsanlage nicht ohne Einfluß auf sein ganzes Wesen blieb, das sich den Kampf ums Dasein selbst recht schwer machte. Dabei in Krakau geboren und erzogen, also ein Krakauer Kind, hing er an dieser Stadt mit einer solchen Innigkeit, daß er es wo anders nie lange aushielt und oft zum Schaden seine materiellen Verhältnisse immer wieder an die Stätte seiner Geburt zurückkehrte. Diese Sehnsucht nach Krakau, nach seinem geliebten Krakau, spiegelt sich auch mehr oder weniger stark in allen seinen Werken. Als es endlich galt, sich des Lebensunterhaltes wegen nach einer Stellung umzusehen, nahm er eine solche im Seminar zu Tarnow an, doch gab er sie, unvermögend, sich in die geistlichen Verhältnisse hineinzufinden, in kürzester Zeit wieder auf. Er ging nach seiner Vaterstadt zurück, aber bald entblößt [153] von Existenzmitteln, trat er einen Erzieherposten auf dem Lande an. Schon damals beschäftigte er sich mit poetischen und verwandten Arbeiten, welche ihm vielleicht bei seiner Vertiefung in die Welt der Gedanken und Phantasien über die Abhängigkeit seiner Stellung hinweghalfen. Nach Krakau zurückgekehrt, erweckte er mit seinem Werke: „Der Künstler ohne Ruhm“ – die bibliographischen Titel der Schriften Turski’s folgen weiter unten – einiges Aufsehen. Die erste Auflage dieser Dichtung wurde von seinen Collegen und der Universitätjugend aufgekauft. Nun nahm er eine Lehrerstelle am Gymnasium zu Sacz an. Aber auch von hier vertrieb ihn sein Verhängniß nur zu bald. In Folge eines Briefes, den ein wegen Theilnahme an den politischen Umtrieben Verdächtiger an ihn geschrieben, wurde er verhaftet und ins Krakauer Gefängniß gebracht, aus welchem man ihn erst nach einigen Monaten wegen Unzulänglichkeit der Beweise entließ. Die Kerkerluft, so schreibt einer seiner Biographen, blieb aber nicht ohne schädigenden Einfluß auf Turski’s Gesundheit, denn seit dieser Zeit begann er zu kränkeln, ohne sich je wieder ganz erholen zu können. Aus der Haft erlöst, trat er bei der Redaction der durch Kas. Joseph Turowski [S. 148] eben ins Leben gerufenen Zeitschrift „Niewiasta“, d. i. Die junge Frau, als Mitarbeiter ein. In derselben erschienen nun aus seiner Feder Erzählungen, Novellen und andere Arbeiten, zugleich aber lieferte er verschiedene kleinere Artikel für die „Gwiazdka Cieszyńska“, d. i. Das Sternlein von Teschen, ein damals ziemlich stark verbreitetes polnisches Blättchen, das sich die Polonisirung Schlesiens angelegen sein ließ. Die nun folgenden Jahre 1862 bis 1864 gestalteten sich als die müh- und drangsalvollsten des jungen Schriftstellers. Er schrieb für Warschauer und Lemberger Journale Correspondenzen, welche als Eintagsfliegen ihrem Verfasser weder literarischen Ruhm, noch auch ausgiebige materielle Vortheile brachten. Zugleich ließ er ein paar größere selbstständige Arbeiten erscheinen, wie die Romane „Das Leben ohne Zukunft“; – „Große Anfänge“, die ihm aber auch nur ein verhältnißmäßig geringes Einkommen verschafften, weil ein Schriftsteller, welcher eben ums tägliche Brod schreiben muß, nicht selten der Habsucht der Verleger preisgegeben ist, die für Kanarienvogelfutter Elephantenleistung verlangen. Aber Turski ermattete nicht und hielt sich so lange als möglich in Krakau, welches er erst verließ, als ihm da alle Erwerbsquellen versiegten. Im Jahre 1865 übersiedelte er nach Warschau, wo er für verschiedene Blätter, wie der „Bazar“, die „Kłosy“, d. i. Die Aehren, ein illustrirtes Warschauer Blatt, für den „Tygodnik illustrowany“, d. i. Das illustrirte Wochenblatt, u. a. fleißig arbeitete und durch ein Monodrama „Ostatnie chwile Stanczyka, d. i. Die letzten Augenblicke des Hofnarren Stanczyk, welches in Johann Krolikowski einen meisterhaften Darsteller fand, auch die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich lenkte. Jetzt, da sich seine materiellen Verhältnisse einigermaßen besserten, folgte er auch dem Rufe seines Herzens und vermälte sich 1866 mit Lydia Filipi, einem Mädchen, das aus einer geachteten Krakauer Künstlerfamilie stammte. In dieser Ehe fand er denn auch die wenigen Lichtblicke seines Lebens, dessen Kampf jedoch lange noch nicht beendet war. Wieder zog es ihn mit aller Macht nach seinem geliebten Krakau, wo er sich wie früher ausschließlich auf schriftstellerischen [154] Erwerb angewiesen sah. In dieser Zeit trat er mit seinem für die große Menge berechneten Volksgedicht „Anton Morawski“ auf. Aber auch diese Gattung schriftstellerischer Thätigkeit erwies sich nicht als lohnbringend, und so suchte er denn, weniger seinetwegen, als um das Loos seiner Frau zu sichern, nach einer bleibenden Anstellung, welche er auch in einem Gymnasiallehrerposten zu Kolomea in Galizien fand. Dabei war er noch als Redacteur eines Blattes thätig, das, während er es in Kolomea redigirte, in Czernowitz herauskam; es führte den Titel „Ogniwa“, d. i. Der Funken. Aber der anstrengende Lehrerdienst, verbunden mit dem unter erwähnten Verhältnissen aufreibenden Redactionsgeschäfte, wozu sich noch seine unaustilgbare Sehnsucht nach der alten Krönungsstadt gesellte, ließ ihn nicht lange auf dem sicheren Posten ausharren. Obwohl von seinen Schülern, seinen Collegen und der Bevölkerung geliebt, legte er doch das Lehramt nieder und kehrte Ende 1868, einstweilen mit Urlaub, um seine sehr angegriffene Gesundheit zu kräftigen, nach Krakau zurück. Daselbst schrieb er nun wieder für Zeitschriften, mitunter auch ein paar selbständige Werke und fand endlich als ständiger Mitarbeiter des politischen Journals „Kraj“, d. i. Das Land, eine gesicherte Stellung. Auch als ihn sein immer zunehmendes Leiden bereits ans Zimmer fesselte, schrieb er noch zu Hause für das Blatt. Der nahende Frühling befreite ihn endlich aus der Zimmerhaft, zu der ihn die Aerzte verurtheilt hatten, und mit der wiedererwachenden Natur schien auch seine Lebenskraft aufs Neue zu erwachen. Aber es war nur ein letztes Aufraffen derselben, mit verstärkter Gewalt trat sein Uebel auf und warf ihn aufs Krankenlager, von dem er nicht mehr sich erheben sollte. Im Alter von 38 Jahren wurde er vom Tode dahingerafft. Im Druck sind von Turski selbständig erschienen: „Artysta bez sławy“, d. i. Der Künstler ohne Ruhm (Krakau 1859, 16°.), eine Erzählung in Versen; – „Kulig“, d. i. Die Möve. Eine Erzählung (ebd. 1859); – „Ukryty klejnot“, d. i. Das verborgene Kleinod (ebd. 1860), eine Uebersetzung des englischen Dramas des Cardinals Wiseman in gereimten Versen; – „Wielkie poczatki“, d. i. Große Anfänge, zwei Bände (Lemberg 1861); – „Poezye“, d. i. Gedichte (Krakau 1862, Wywialkowski, kl. 8°.); – „Mistrz Twardowski historyjka dla dzieci“, d. i. Meister Twardowski, eine kleine Geschichte für Kinder (Bochnia 1862, 12°.); „Abecadlnik historiczny“, d. i. Historisches Abc-Buch (Krakau 1862), bei Herausgabe dieses Werkes bediente sich Turski des Namens Lucian Siemieński [Bd. XXXIV, Seite 257], wohl mit Gestattung des Trägers desselben; – „Życie bez jutra, powieść“, d. i. Das Leben ohne Zukunft, eine Erzählung (Krakau 1864, 8°.); – „Szopka krakowska, komedya dla dzieci“, d. i. Krakauer Krippenspiel, eine Komödie für Kinder (Krakau 1865, 16°.), erschien wie der oberwähnte Meister Twardowski ohne Namen; – „Wielkie początki. Powieść w 2 csęśćiach złożona z obrazków i wspomnień krakowskich“, d. i. Große Anfänge. Eine Erzählung in zwei Abtheilungen, zusammengestellt aus Krakauer Bildern und Erinnerungen (Lemberg 1865, Wild, 8°.); – „Dalecy krewni. Powieść spółczesna“, d. i. Die weiten Anverwandten. Erzählung aus der Jetztzeit (Lemberg 1866, 8°.); – „Ocalona. Powieść“, d. i. Die Gerettete. Eine Erzählung [155] (Warschau 1866), war vorher im Warschauer Blatt „Bazar“ abgedruckt; – „Antoni Morawski, rzeżnik konfederat. Historjа prawdziwa“, d. i. Anton Morawski, der Metzgerconföderat. Eine wahre Geschichte (Krakau 1868, 8°.); – „Zofija hrabianka. Powieść“, d. i. Gräfin Sophie. Eine Erzählung (Lemberg 1870, 8°.). Außer diesen erschien eine große Menge Erzählungen und Novellen, historische Skizzen u. d. m. in den verschiedenen schöngeistigen Blättern seines Vaterlandes, von denen wir außer den bereits in der Lebensskizze genannten noch anführen: „Dzwon“, d. i. Die Glocke, ein Lemberger Blatt; „Przyjaciel dzieci“, d. i. Der Kinderfreund; „Bluszcz“, d. i. Der Epheu; „Opiekun“, d. i. Der Beschützer; „Mrówka“, d. i. Die Ameise. Nicht unbedeutend ist sein literarischer Nachlaß, welcher mehrere historische Skizzen, wie Hedwig, Marie Mniszech, Marie Kasimira, aus einer Serie von Frauengestalten aus der polnischen Geschichte, „Die letzten Augenblicke Stanislaus Augusts“, ein Drama, „Der Kuß des Oberpolizeimeisters“, ein Gedicht, „Gordyjan“, ein Gedicht, und noch manches Andere enthält. Turski’s Arbeiten sieht man die Art ihrer Entstehung an – er schrieb, um zu leben – aber nichts destoweniger verrathen sie ein nicht ungewöhnliches Erzählertalent. Auch seine Poesien enthalten schöne Einzelheiten, zeigen Schwung und Phantasie, verfallen aber mit einem Male in gereimte Prosa. Wäre er auf des Lebens sonniger Höhe gestanden, er würde bei seinen seltenen Geistesanlagen Tüchtiges geleistet haben.