BLKÖ:Tyrš, Miroslav

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tysiewicz, Johann
Band: 48 (1883), ab Seite: 185. (Quelle)
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Tyrš, Miroslav (Turnmeister sämmtlicher Turnvereine Böhmens, geb. zu Tetschen in Böhmen am 17. September 1832). Nachdem er das Gymnasium auf der Prager Kleinseite besucht hatte, begab er sich seiner schwächlichen Gesundheit wegen in die Turnanstalt des Rudolph Stefani in Prag, wo er zwar in der Kräftigung seines Körpers nicht eben große Fortschritte machte, dagegen aber das Wesen der Turnkunst kennen lernte und nun ihr eifrigster Förderer wurde. 1850 bezog er die Prager Hochschule, wo er sich anfangs den rechtswissenschaftlichen, dann den medicinischen Studien zuwendete, endlich sich aber für die philosophischen entschied und in diesen die naturwissenschaftlichen und geographischen Disciplinen mit besonderem Eifer pflegte. Alsdann ließ er sich in ein paar Turnanstalten Prags aufnehmen, in denen er bald eine besondere Fertigkeit in der Theorie und Praxis des Turnens erlangte. Auch betrieb er von philosophischen Disciplinen die Aesthetik und Alterthumskunde, insofern beide ihm einen Zusammenhang mit dem Turnwesen darboten. 1860 erlangte er in Prag die philosophische Doctorwürde, und im folgenden Jahre arbeitete er mit seinen Genossen aus der Turnanstalt an der Gründung eines Turnvereines. Er selbst entwarf die Statuten, und so trat derselbe unter dem Namen „Sokol“, d. i. Der Falke, der ihm von Professor Emanuel [186] Tonner [Bd. XLVI, S. 128, im Texte] gegeben wurde, ins Leben. Die erste am 16. Februar 1862 abgehaltene Generalversammlung des „Sokol“ wählte Tyrš zum Vorstandstellvertreter, nachdem man schon früher auf dessen Vorschlag Fügner zum ersten Vorstand ernannt hatte. Oberster Leiter, welche Stelle Tyrš gegenwärtig im Turnwesen Böhmens einnimmt, wurde er nach Uebersiedelung des Vereines in die Apollo-Räumlichkeiten. Die ganze Organisation des „Sokol“ und der mehr als hundert Turnvereine, welche sich allmälig in Böhmen und Mähren, ja aus böhmischen Angehörigen selbst in Amerika bildeten, ist Tyrš’ Werk. Die Turnübungen finden in Folge seiner Anregung in čechischer Tracht statt. Um das Turnwesen in anderen Ländern kennen zu lernen, unternahm er, von dem Vereine „Svatobor“ unterstützt, eine Reise, und nach seiner Rückkehr von derselben im Fahre 1868 hielt er im wissenschaftlichen Vereine (Umělecká beseda) einen Vortrag über hellenische Bildhauerkunst, in welcher eben die Schönheit der körperlichen Formen am meisten zum Ausdruck kommt, wodurch der Nachweis des innigen Zusammenhanges des Turnens mit der Kunst von selbst gegeben ist. Seine Bemühungen, eine Generalversammlung sämmtlicher Turnvereine Böhmens zu bewerkstelligen, scheiterte aus leicht begreiflichen Gründen an dem Verbote der Behörden. Nachdem W. Křížek das Mandat als Abgeordneter des Taborer Wahlkreises niedergelegt hatte, wurde Tyrš von letzterem in den Landtag gewählt, und in demselben unterzeichnete er die bekannte Declaration. Im Uebrigen förderte er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln bei jeder Gelegenheit die nationale Sache. Durch diese aufreibende Wirksamkeit hatte er bei seiner ohnehin schwächlichen Gesundheit seine Nerven so sehr überreizt, daß er auf Rath der Aerzte sich in die Schweiz begeben mußte. Indessen war er auch nach wissenschaftlicher Richtung nicht unthätig geblieben, und nach Vollendung mehrerer philosophischer Arbeiten eben im Begriffe, sich für eine Docentur der Aesthetik an der technischen Anstalt in Prag zu habilitiren, ergriff ihn das Leiden so mächtig, daß er sich genöthigt sah, wieder auf Reisen zu gehen. Von seinen Werken ist besonders hervorzuheben: „Základy tělocviku“, d. i. Grundzüge der Gymnastik (Prag 1867), welche Schrift zwar eine Ergänzung des Werkes „Kronika práce“ bildet, aber auch für sich allein herausgegeben wurde und ein reiches Material ebenso der Turn-, als auch der Fechtkunst enthält; da ferner Tyrš bezüglich der technischen Ausdrücke für beide schöpferisch auftrat, hat er auch in lexikographischer und philologischer Hinsicht seine Verdienste. In den Jahren 1865, 1866 und 1867 redigirte er auch den „Statisticko-historický přehled jednot Sokolských pro 1865, 1866 a 1867“, d. i. Statistisch-historische Uebersicht der Sokol- (Turn-) Vereine für 1865, 1866 und 1867 (Prag, bei Kober), dessen Reinertrag dem Gründungsfonde des Prager Turnvereines gewidmet wurde. Die Titel seiner übrigen literarischen Arbeiten sind: „České velení a názvosloví vojenské dle reglementů a polní služby c. k. pěchoty rakouské“, d. i. Böhmisches Commando und Militär-Terminologie für den Felddienst[WS 1] der k. k. Fußtruppen (Prag 1867, Gregr, 8°.); – „Cvicení Sokolská“, d. i. Turnübungen, zusammengestellt von M. Tyrš (Prag 1867, Kober, mit 8 Tafeln in 4°.), die Zeichnungen sind von A. König ausgeführt; – „Německo-české názvosloví [187] tělocvičné dle Ravensteina nově a úplně spracováno“, d. i. Deutsch-böhmische Terminologie der Gymnastik. Nach Ravenstein neu und vollständig bearbeitet (Prag 1868, Kober), dabei befindet sich auch die böhmisch-französische Terminologie der Fechtkunst nach Lübke; – in Gemeinschaft mit Major Em. von Friedberg und Karl Prohazka bearbeitete er auch die dritte Serie des „Atlas názorný k slovníku naučnému“, d. i. Anschauungs- und Bilder-Atlas zum čechischen Conversations-Lexikon, welcher das Kriegswesen (Válečnictví polné a vojenství) enthält und mit 29 Tafeln Abbildungen ausgestattet ist; – dann erschienen noch: „Hod Olimpický“, d. i. Olympische Spiele (Prag 1869, E. Gregr, 8°., mit einer Karte); – im Jahre 1868 begann er in Gemeinschaft mit Franz Čermák die Herausgabe des „Sborník Sokolský“, d. i. Turn-Almanach (Prag, Kober, 8°.) und der „Základové tělocviku“, Sešit 1–2 s 128 vyobrazeními“, d. i. Anfangsgründe des Turnens, drei Hefte mit 128 Abbildungen (Prag 1869 bis 1870, Kober, 8°.). Tyrš besitzt um die Entwickelung des böhmischen Turnwesens, welches sich unter seiner Oberleitung zu seltener Vollendung aufgeschwungen hat, große Verdienste, denn die Höhe, auf welcher sich dasselbe zur Zeit befindet, ist ausschließlich das Werk seines rastlosen Eifers, seiner Ausdauer und Energie. Er hat darin allmälig die Elemente eines nationalen, im ganzen Lande verbreiteten, auf ein einheitliches Commando abgerichteten Heeres geschaffen, welches auf einen Ruf schlagfertig dasteht. Möchten denn doch auch die Deutschen zur Bildung ähnlicher Vereine sich aufraffen, um, wenn der Augenblick gekommen, ebenso schlagfertig dazustehen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Feldienst.