BLKÖ:Ward, Thomas Freiherr

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Wanczura, Joseph
Band: 53 (1886), ab Seite: 79. (Quelle)
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Ward, Thomas Freiherr (Staatsmann, geb. zu York in England am 9. October 1810, gest. zu Wien 15. October 1858). Von niederer Abkunft, begann er seine Laufbahn als Groom (Reitknecht) in London. Daselbst kam er seiner Anstelligkeit und Reitkunst wegen in die Dienste des Fürsten Liechtenstein. Aus diesen trat er um die Mitte der Zwanziger-Jahre in jene Karls II., des damals regierenden Herzogs von Lucca. Auch hier diente er anfangs in den Stallungen und gewann durch seine musterhafte Aufführung und seine Gewandtheit im Reiten die Gunst des Herzogs. Da dieser eine große Vorliebe für die englische Sprache hatte, so wünschte er Ward zu seinem persönlichen Dienste zu verwenden und ernannte den mittlerweile zum Chef des Marstalls Beförderten zu seinem Kammerdiener. In dieser Stellung wuchs Ward nur noch mehr in der Gunst seines Gebieters, dem dessen vorzügliche Eigenschaften des Charakters, der Rechtschaffenheit und englischen Sauberkeit ungemein gefielen. Da er nun immer in der Umgebung des Herzogs sich befand, so gestaltete sich das Amt des Dieners bald zu einer kleinen Vertrauensstellung. Der Herzog erkannte auch den gesunden Menschenverstand, die praktische Geschicklichkeit und die Einsicht und Gewandtheit desselben in den verschiedensten Dingen, die von den gewöhnlichen Geschäften eines Kammerdieners ganz abseits lagen und welche Ward, ohne sich zu erheben oder sonst einen Werth darauf zu legen und immer nur dann zur Erörterung brachte, wenn, ihn der Herzog gesprächsweise befragte. So bemerkte denn dieser bald, daß seines Dieners Rath in Angelegenheiten gut war und sich bewährte, die weit über die Departements des Marstalls und der Garderobe sich erhoben. Infolge dessen zog er Ward in vielen verwickelten und schwierigen Sachen, deren öfter vorkamen, zu Rathe, und er fand in den Ansichten seines Vertrauten unveränderlich einen solchen Gewinn, daß er anfing, ihn beinahe für untrüglich zu beachten. So rückte denn Ward allmälig vom Leibkammerdiener zum Intendanten des Marstalls und des Haushaltes, später zum Verwalter der Privatschatulle des Herzogs, darauf zum Finanzminister – welche Stellung anzunehmen er sich lange Zeit, jedoch da der Fürst immer dringlicher wurde, vergeblich sträubte – und zuletzt zum Premier und Minister des herzoglichen Hauses vor. Schon lange zuvor, ehe [80] Ward diese hohen Stellungen erklomm, hatte sich der Herzog auch in politischen Angelegenheiten an ihn gewendet, und wie einst Ludwig XII. Alle, die von Regierungssachen, ob dieselben das Innere oder die Außenlage betrafen, mit ihm sprechen wollten, mit den Worten: „fragt Georg“ an den Cardinal von Amboise verwies, so pflegte Herzog Karl von Lucca jedes Anliegen, das ihm gemacht wurde, mit „Sprechen Sie darüber mit Ward“ zu beantworten. Minister Ward bewährte sich als der Staatsmann, der in den verwickeltsten Fällen der auswärtigen Politik nie seine Fassung verlor, der als Schiedsrichter in den schwierigsten Punkten der internationalen Politik mit anderen Staaten seinen Scharfsinn bewies und die höchste Autorität in allen inneren Angelegenheiten war. Daß er in seiner Stellung ebenso im Lande wie auswärts angefeindet wurde, ist bekannt, aber da er einmal diesen Posten einnahm, focht ihn dies wenig an, seine schroffe, starrköpfige Rechtschaffenheit und eine aufrichtige herzliche Anhänglichkeit an seinen Fürsten half ihm über dergleichen weg. Stark in dem Bewußtsein seiner Rechtlichkeit und in dem Vertrauen seines Fürsten, stand er zwar allein, aber furchtlos gegen alle Tücken und Machinationen seiner nie ruhenden Widersacher und Nebenbuhler, denen es auch gelang, ihn in den Volkskreisen zu verdächtigen, und zwar um so leichter, da er selbst ein Fremdling war und das Volk gegen Emporkömmlinge immer ein mehr oder weniger berechtigtes Mißtrauen zu beobachten pflegt. Als nun im Jahre 1847 die Unruhen in Toscana ausbrachen, folgte auch das Land Lucca mit Demonstrationen, doch waren diese vorübergehend. Der Herzog, der Lucca verlassen, kehrte bald zurück und beschäftigte sich ernstlich, Ordnung und friedlichen Verkehr wieder herzustellen, das Vertrauen der Bürger zur Regierung zu stärken und die allgemeine Ruhe zu befestigen. Aber Ward, dessen Gemalin (eine Oesterreicherin, eine geborene Luise Genthner) am 6. September Abends im Theater mit den Aeußerungen jenes unsinnigen Hasses bedroht worden war, der damals durch die von außen inspirirten Aufwiegler systematisch genährt wurde, wollte seine Familie nicht weiteren Rohheiten ausgesetzt sehen und reiste daher mit ihr schon am folgenden Tage nach Wien ab. Indessen setzte die revolutionäre Propaganda die ehrenrührigsten Gerüchte in Umlauf, unter Anderem, daß Ward mit der Staatscasse durchgegangen sei, und nutzte seine Abwesenheit auch sonst aus, indem Marchese Mazzarosa, einer der Haupturheber der Bewegung, mittlerweile von dem Herzoge mehrere Zugeständnisse, unter andern auch die Entlassung Ward’s, zu erpressen suchte. Von allen Forderungen bewilligte der Herzog keine, nur in Betreff Ward’s erklärte er: Derselbe habe bereits selbst seine Entlassung verlangt, es stehe ihr daher nichts im Wege, übrigens werde Ward, sobald er von der Reise zurückgekehrt sei, über den Finanzetat Rechnung ablegen. Damit aber war Mazzarosa nichts weniger denn befriedigt und bestand auf seinen Forderungen. Da kam denn nun auch der Herzog seinerseits zum Entschluß. Ohne ein Zugeständniß zu machen, vertraute er die Regierung wieder dem Staatsrathe an und begab sich sofort nach Massa und von da nach Modena. Der Staatsrath ernannte auch sogleich eine Commission zur Untersuchung des Finanzetats, deren Ergebniß jedoch zur vollen Rechtfertigung des Ministers ausfiel. [81] Auf seiner Rückreise von Wien traf dieser mit dem Herzoge in Modena zusammen. Da erhielt er von ihm Befehl, sich ohne Verzug nach Florenz zu begeben und über die Abtretung des Herzogthums Lucca an die großherzogliche Regierung noch vor dem durch die Wiener Tractate bestimmten Zeitpunkte Verhandlungen einzuleiten. Dieselben wurden von Baron Ward, als dem Bevollmächtigten des Herzogs von Lucca, und von Marchese Serristori, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Toscana, als dem Bevollmächtigten des Großherzogs, gepflogen und in wenigen Tagen zur beiderseitigen Zufriedenheit zu Ende geführt. Am 4. October fand die Unterzeichnung der Verträge und am 7. October die Auswechselung der Ratificationen statt. Der Herzog von Lucca entsagte darin mit förmlicher Beistimmung seines Sohnes, des Erbprinzen, seiner Souveränität über das Herzogthum Lucca zu Gunsten des Großherzogs von Toscana und zog sich ins Privatleben zurück bis zu der Zeit, wo seinem Hause nach den Bestimmungen der Wiener Tractate die Erbfolge im Herzogthume Parma zufiel. Nach dem am 17. December 1847 eingetretenen Tode der Herzogin Marin Luise von Parma folgte ihr mit Manifest vom 26. December 1847 der Herzog von Lucca in der Regierung. Er ernannte nun Ward, der schon am 21. Juni 1847 das erbliche Baronat erhalten hatte, zum Senator. Da kamen die vorübergehenden Bewegungen in Italien; Radetzky vernichtete die Sarden, Karl Albert, welcher sich bereits in den Besitz Italiens gesetzt, flüchtete; in Parma wurde nun Ward mit Einwilligung Oesterreichs zum Vice-Regenten ernannt. Er lehnte wohl diese Stellung ab, kehrte aber nach dem Siege der österreichischen Waffen als Premierminister nach Parma zurück, unterhandelte daselbst über des Herzogs Rücktritt, welcher nun zu Gunsten dessen Sohnes Karl III. am 14. März 1849 erfolgte. Nachdem dies geschehen, wurde Ward parmesanischer Gesandter am kaiserlich österreichischen Hofe und begab sich nach Wien. Am 27. März 1854 fiel Karl III. in seinem Palaste zu Parma durch Meuchelmord. Als seine Witwe Luise von Bourbon die Regierung für ihren minderjährigen Sohn Herzog Robert (geb. 9. Juli 1848) übernahm, war es eine ihrer ersten Amtshandlungen, den erprobten Ward von seinem Gesandtschaftsposten in Wien zu entheben. Und so zog sich derselbe von allen politischen Geschäften ins Privatleben zurück. Er widmete sich nun ausschließlich der Landwirthschaft, die er sehr rationell auf seinem Besitzthum Urschendorf am Steinfelde in Niederösterreich betrieb. Er zählte zu den eifrigsten und thätigsten Landwirthen der Monarchie. Er verwerthete und benützte alle Erfahrungen und Verbesserungen der Neuzeit; die Wirthschaft auf Urschendorf wurde als Musterwirthschaft betrachtet und von Oekonomen oft besucht, welche Belehrung aus der unmittelbaren Anschauung des dortigen Betriebes schöpften. In den letzten Jahren leidend, starb Ward im besten Mannesalter, geachtet und als eines der merkwürdigen Beispiele unserer Zeit, wie Glück und Verdienst, verbunden mit sittlichem Ernst, Treue und Scharfblick, von niederer Stufe auf die Höhen des Lebens führen. Der ehemalige Reitknecht hatte sich zu einem der tüchtigsten Diplomaten emporgearbeitet, welcher durch seine Ehrenhaftigkeit, seinen richtigen Blick und seine Ruhe mit den feinsten Diplomaten [82] Italiens sich maß und durch seinen praktischen Verstand den Sieg über macchiavellistische Gewandtheit und Intrigue davontrug. Der Jockey von Einst eroberte sogar den alten und schlauen Palmerston, der nicht umhin konnte, denselben als einen der merkwürdigsten Leute zu erklären, die ihm je begegnet seien. Dabei war Ward bescheiden, schämte sich gar nicht seiner schlichten Abkunft, und in seinem glänzenden Salon zu Parma hingen die Bildnisse seiner Eltern in ihrem ländlichen Costum. Aus seiner Ehe hatte Baron Ward außer einer Tochter zwei Söhne, der ältere, Karl Ludwig (geb. 22. April 1843), übernahm die Verwaltung des Gutes.

Illustrated London News, 1858, October 30: „Baron Ward“. – Theater-Zeitung, 1858, Nr. 236: „Baron Ward“. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1847, Beilage Nr. 298, S. 2379: „Kehrseite der Vorgänge in Lucca“.
Wappen der Barone von Ward. Horizontal getheilt. Oben in Roth ein silbernes Kreuz; unten in Blau eine goldene Lilie. Helmdecken. Ueber dem Wappen ruht eine Königskrone. Schildhalter: zwei Stiere. Man erzählt sich über den Ursprung dieses Wappens Folgendes. Eines Tages trat Minister Ward in das Gemach des Herzogs, seines Gebieters, und fand diesen mit Bleifeder und Papier beschäftigt. „Ward“, begann der Herzog, „ich zeichne eben ein Wappenschild für Sie; als Zeichen der Achtung, in der Sie ebensowohl bei der Herzogin als bei mir stehen, soll Ihr Wappen aus Theilen des Wappens der Herzogin und des meinigen zusammengesetzt sein. Ich werde Ihnen das silberne Kreuz Savoyens und im blauen Felde eine goldene Lilie geben“. Mit vielen Ausdrücken des Dankes für die ihm zugedachte Ehre bat Ward um die Erlaubniß, etwas Sinnbildliches aus seinem Geburtslande hinzufügen zu dürfen, und da er gehört hatte, daß Wappenschilder zuweilen Schildhalter haben, so wünschte er, daß das Wappen von englischen John Bulls getragen werde. „So soll es sein!“ sagte der Herzog, „Sie sollen zwei Stiere zu Ihren Schildhaltern haben“. – Es ist also diese Familie nicht zu verwechseln mit den alten englischen Baronen von Ward, welche seit 1664 baronisirt, im fünffach[WS 1] gold und blau geschachten Felde einen silbernen Querbalken als Wappen führen, welches von zwei beflügelten Engeln in ganzer Figur gehalten wird und dessen Devise ist: Comme je fus.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: fünfach.