BLKÖ:Weiß, Amalie

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Weiß, Anton
Band: 54 (1886), ab Seite: 89. (Quelle)
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Weiß, Amalie (Sängerin, geb. zu Marburg in Steiermark am 10. Mai 1839). Der eigentliche Name dieser berühmten Concertsängerin ist Schneeweiß, den sie mit dem Künstlernamen Weiß und nach ihrer Ehe mit dem ihres Gatten, des berühmten Geigers Joachim, vertauschte. Nachdem sie ihre Ausbildung im Gesange beendet hatte, trat sie zur Bühne und war vom Ausgange der Fünfziger-Jahre eine Zeit lang im Wiener Kärntnerthortheater beschäftigt. Doch erhoben sich die ihr zugetheilten Rollen, obgleich sie über nicht gewöhnliche Gesangsmittel gebot und zu großen Erwartungen berechtigte, bei dem damals wie immer auf allen Bühnen der Wett herrschenden Protectionswesen, für das nicht Talent und künstlerische Ausbildung, sondern ein schönes Bein und ein wachsweiches Herz entscheidend sind, nicht über das leidige Vertrautenfach, in welchem es eigentlich nur zu statiren und höchstens ein paar halb klanglose Noten zu singen gibt, eine Stellung, rein dazu gemacht, ein wirkliches Talent nicht zu fördern, sondern zu hemmen und systematisch zu Grunde zu richten. Aber schon damals erkannten Fachmänner in den kleinen Partien, in denen die Sängerin gelegentlich auftrat, das nicht gewöhnliche Talent, so war z. B. in Rubinstein’s Oper „Kinder der Haide“ die kleine Rolle des Zigeunermädchens, in welcher ihre jugendlich blühende Gestalt mit den tiefblauen Augen und der ernsten Glockenstimme auffiel, mit welcher sie das Hochzeitslied vorsang, dazu das Tambourin schlagend, eine Aug’ und Ohr erfreuende Leistung. Aber nichtsdestoweniger unterließ es die Direction, die so viel versprechende Sängerin in angemesseneren größeren Partien vorzuführen, und die größte Rolle, welche dieselbe in einer Reihe von Jahren zugetheilt erhielt, war die Fatime in Weber’s „Oberon“. Selbst die Stimmen der berufenen Fachkritik erhoben sich, so forderte Hanslick die Direction in einer Kritik über die „Jessonda“ auf, dem Fräulein Weiß die Rolle der Amazili anzuvertrauen, eine sympathische Rolle, welche, wie genannter Musikkritiker[WS 1] wörtlich schreibt, damals in dem gelungenen Scheidewasser des Fräuleins Sulzer zu verbrennen drohte. Doch auch diese Aufforderung blieb erfolglos. Als endlich Fräulein Weiß müde wurde, die beiden Kinder der Norma und abwechselnd die beiden Verdi’schen Leonoren zu überwachen, löste sie ihren Contract bei der Wiener Hofoper und ging nach Hannover, wo man das Talent besser zu würdigen verstand und ihr in größeren dramatischen Aufgaben rasch die Flügel [90] wuchsen. Damals befand sich auch Joseph Joachim als Concertmeister an der dortigen königlichen Capelle, und dieser führte Fräulein Weiß 1863 als seine Braut zum Altare. Ihre Trauung wurde in der Schloßkirche in Gegenwart Ihrer Majestät der Königin, der Prinzessinen und zahlreicher Damen vom Hofe vollzogen. Von nun ab theilt die Sängerin Weiß-Joachim, welche jedoch nicht mehr als Bühnen-, sondern als Concertsängerin wirkt, ihren Ruhm und ihre Geschicke mit denen ihres Gatten. Derselbe kündigte 1865 seinen Posten, als man einem von ihm empfohlenen sehr geschickten Violinisten die Anstellung bei der königlichen Capelle aus dem Grunde verweigert hatte, weil an höchster Stelle der Ausspruch erfolgt war: „Man wolle keine Juden im Orchester.“ Nach der 1866 erfolgten Einverleibung Hannovers in Preußen übersiedelte Frau Weiß-Joachim mit ihrem Gatten nach Berlin, wohin derselbe auf Verwendung seiner Freunde vom Cultusminister von Mühler die Berufung als Director der neu gegründeten Hochschule für Musik erhalten hatte. Die Künstlerin lebt seitdem in genannter Stadt, wo sie sich unter der umsichtigen Leitung ihres Gatten zu einer Concertsängerin ersten Ranges emporgearbeitet hat. Als Schumann-Sängerin findet sie kaum ihres Gleichen, und auf den größten Musikfesten, welche im Laufe der letzten zwei Decennien stattfanden, erntete sie mit ihrem Gesange, der namentlich im Oratorium und im deutschen Lied das Höchste leistet, nicht viel weniger Kränze, als ihr Gatte mit seiner Geige.

Riemann (Hugo)[WS 2]. Musik-Lexikon. Theorie und Geschichte der Musik, die Tonkünstler alter und neuer Zeit mit Angabe ihrer Werke u. s. w. (Leipzig 1882, bibliogr. Institut, br. 12°.) S. 425 im Artikel „Joachim“. – Bremer (Friedrich). Handlexikon der Musik. Eine Encyklopädie der ganzen Tonkunst (Leipzig 188., Reclam jun., 12°.) S. 332 im Artikel „Joachim“.
Porträt. In der „Illustrirten Frauen-Zeitung“ VI. Jahrg. 16. Juni 1879, Nr. 12. Zeichnung von A. Schubert, Text der Biographie von Ludwig Pietsch.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Musikritiker.
  2. Vorlage: Rieman (Hugo).