BLKÖ:Weinlich, Josephine

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 54 (1886), ab Seite: 49. (Quelle)
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Weinlich, Josephine (Violinvirtuosin, geb. in Wien um 1840). Die Violine war bis um die Mitte der Dreißiger-Jahre das Instrument, welches ausschließlich zur Domäne des männlichen Geschlechtes gehörte; dies änderte sich, sobald Therese Milanollo 1836 ihren ersten Kunstausflug als Violinvirtuosin unternahm, auf welchem sich ihr später ihre früh verstorbene Schwester Maria gesellte. Aber noch lange blieb das Instrument auf diese zwei Damen beschränkt. Wohl zogen aus dem berühmten Musikantenlande Böhmen neben Harfenmädchen vereinzelt auch violinspielende Mädchen in der Welt umher und ließen sich in Wirthshäusern oder wenn die Noth es heischte, auch auf offener Straße hören, aber dies waren nur immer Ausnahmen. Einige Jahre nach dem Auftreten der Geschwister Milanollo bemächtigte sich aber auch das weibliche Geschlecht des Streichinstrumentes, und Damen, welche Violine und Violoncell mit Fertigkeit, öfter mit nahezu künstlerischer Vollendung spielen, sind nicht mehr selten, kurz, die Violine ist kein ausschließliches Männerinstrument mehr. Endlich thaten sich auch die Damen zu einem Streichorchester zusammen, aber ein solches künstlerisch zusammengestelltes Orchester von violinspielenden Damen, welches sich in Concerten öffentlich hören ließ, reicht erst in das Jahr 1868 zurück, in welchem Josephine Weinlich in Wien das erste Damenquartett gründete, das vorerst nur im engen Freundinenkreise wirkte. Als dann später noch zwei [50] Freundinen diesem Quartette beitraten, wurde, aufgemuntert durch den Erfolg, der Entschluß reif, in die Oeffentlichkeit zu treten. Das kleine Orchester – sechs Mädchen und die Leiterin Josephine Weinlich – ward bald beliebt und machte die erste Kunstreise, auf welcher es Oesterreich, Ungarn, Italien und Deutschland durchzog und überall großen Beifall, aber auch materielle Erfolge einheimste. Nun wuchs das Orchester, und die Directrice faßte den kühnen Entschluß, Amerika zu bereisen. Mit ihren 22 Mädchen führte sie ihn auch im Jahre 1871 aus und feierte jenseits des Oceans in 42 Städten, in welchen sie Concerte gab, glänzende Triumphe. 1872 wurde Rußland der Schauplatz ihrer musicalischen Siege; das Orchester aber hatte sich wieder verstärkt, dieses Mal durch sieben Knaben aus Dresden, Zöglinge des dortigen Musikconservatoriums, welche die Blasinstrumente spielten. Durch diese Erfolge in Amerika und auf dem Continent sozusagen gefeit, erschien nach Erhöhung ihres Orchesters auf vierzig Mitglieder Frau Amann-Weinlich, die sich in der Zwischenzeit vermält hatte, im Jahre 1873 auf der Weltausstellung in ihrer Vaterstadt Wien, welcher auch der größere Theil ihres Personals entstammt, und alle Wunder und Herrlichkeiten der Ausstellung waren nicht im Stande, das Interesse für das Damenorchester zu unterdrücken, welches 40 Personen stark – 33 Mädchen mit 7 Knaben als Bläsern – in den Blumensälen der k. k. Gartenbaugesellschaft die Concerte gab. Die Sache war neu, der Zuspruch – eine Capelle von 33 Mädchen im Alter von 15–20 Jahren war immerhin sehens- und hörenswerth – ein ungemein großer. Wohl bildete die Tanzcomposition dasjenige Gebiet, auf welchem die jungen Damen die größte Meisterschaft entfalteten. Aber auch dramatische und lyrische Orchesterwerke gelangten tadellos zum Vortrage, so unter anderen die Ouverture zu Richard Wagner’s Oper „Tannhäuser“. Da die Wiener Damencapelle auf ihren Kunstreisen männlichen Schutzes nicht entrathen konnte, so fand Josephine denselben in ihrem Manne, der selbst ausübender Musiker ist und seiner Gattin bei Zusammenstellung der Capelle hilfreich zur Seite stand. Die Hallberger’sche illustrirte Zeitschrift „Ueber Land und Meer“ bringt auf einem Bilde dieses anmuthige Damenorchester, mit der im Vordergrunde stehenden, den Tactirstock führenden Frau Weinlich und in der Hinterreihe hinter den geigenden Damen die Posaunen, Hörner und Clarinete blasenden Knaben.

Ueber Land und Meer (Stuttgart, Hallberger, kl. Fol.) XVI. Jahrg. 31. Bd. 1874, Nr. 26, S. 515: „Das Wiener Damenorchester“; S. 505, in Originalzeichnung von Vincenz Katzler dasselbe in bildlicher Darstellung.