BLKÖ:Wieser, Johann

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 56 (1888), ab Seite: 51. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: [1], SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Wieser, Johann|56|51|}}

Wieser, Johann (der „Blutrichter von Rudig“, geb. in Prag um 1768, Todesjahr unbekannt). An diesen Namen knüpft sich eine im Laufe der Zeit vergessene, aber darum nicht minder denkwürdige Begebenheit. Wieser trat am 30. September 1785 beim 5. Chevauxlegers-Regimente Graf Klenau ein, wurde 1790 Officier, rückte 1796 zum Oberlieutenant vor und erwarb sich in dieser Eigenschaft einen gefürchteten Namen und die Bezeichnung des „Blutrichters von Rudig“. Die Sache ist folgende. Der Friede von Luneville (9. Februar 1801) war geschlossen. Die vorangegangenen Kriegsjahre hatten die bürgerlichen und beamtlichen Verhältnisse stark gelockert, und so bildete sich 1802 bis 1803 im Saazer Kreise Böhmens allmälig eine Räuberbande, die immer mächtiger und gefürchteter ward. Die politischen und Justizbehörden, wie unsere am Schluß angeführte Quelle citirt, zeigten sich auf eine unglaubliche Art schlaff, feig und bestechlich. Von Diebstählen und nächtlichen Einbrüchen, die stets häufiger wurden, gingen die Gauner bald zu offenen Raubanfällen über. Fuhrleute und Reisende auf der Karlsbader Straße hatten von ihnen zu leiden. Auch verschwanden bisweilen Wanderer, deren Leichen man nach längerer Zeit fand. Zwar fing man mehrere dieser Spitzbuben, brachte sie in das Saazer [52] Criminalgefängniß, allein sie blieben dort nicht lange und trieben nach wenigen Wochen ihr altes Handwerk fort. Allgemein wurde erzählt: die Kreis- und Criminalbeamten ließen sich Colonialwaaren, Zucker und Kaffee durch die Verhafteten über die sächsische Grenze schmuggeln. Die Bande zeigte sich immer kühner und übermüthiger. Sie war militärisch organisirt, ihr Chef hieß General; sie hatte ihre Stabsofficiere, Hauptleute, Lieutenants, hielt Disciplin, und Jeder, der ihre Gesetze übertrat, ward ohne Nachsicht bestraft. Indessen nahmen die Greuel zu, Hirten, Dienstleute wurden ermordet, selbst die Geistlichkeit fand keine Schonung, und der unglückliche Pfarrer von Lubenz, des Nachts in seinem mitten im Orte gelegenen Pfarrhof überfallen, endete im Beisein seines weiblichen Gesindes unter furchtbaren Martern durch Mord. Der nächste Geistliche, den ein ähnliches Schicksal erreichte, war der Pfarrer von Dekau, der, mit glühenden Eisen gebrannt, mit eisernen Zangen gezwickt, zu Tode gepeinigt wurde. Und dies Alles, während Schrecken in der ganzen Gegend herrschte, ließen die Staatsbehörden geschehen. Endlich, als auch aus diesem Anlasse eigens geschaffene Behörden und Gerichte sich als machtlos erwiesen hatten, kam Hilfe von unerwarteter Seite. Im Städtchen Rudig lag der oberwähnte Oberlieutenant Johann Wieser von Klenau-Chevauxlegers in Garnison. Der ging aus eigener Machtvollkommenheit daran, diesem Schrecken ohne Ende ein Ende mit Schrecken zu bereiten. Er befahl seinen Leuten, in der ganzen Gegend umherzustreifen und alles verdächtige Gesindel einzufangen. Seine Vorgesetzten ließen es nicht nur geschehen, sondern unterstützten das ungesetzliche Verfahren, sobald sie die im Ganzen heilsamen Folgen desselben wahrnahmen. Nun hielt Oberlieutenant Wieser auf dem Platze zu Rudig auf offener Straße blutiges Gericht, welchem er selbst präsidirte. Die Verhafteten, Männer und Weiber, wurden nackt ausgezogen, und Jeder, auf dem der geringste Verdacht haftete, bekam von sechs Mann, drei auf jeder Seite, Stockstreiche, bis er gestand. Man berechnete, berichtet unsere Quelle, die Schläge öfters auf Tausende. Drei der berüchtigtsten Gauner, darunter die bekannten Räuber Grün und Enget, fanden dabei ihren Tod. Doch verfielen mitunter Unschuldige der barbarischen Strafe. Der Wirth von Wiedhostitz erhielt 304 Schläge, bloß weil er aus Furcht sich hatte verleiten lassen, die Räuberbande während einer Nacht in seinem Wirthshause aufzunehmen. Ein armer Bursche wollte durchaus nichts gestehen, kein Wort war aus ihm herauszubringen. Er wurde fortgeprügelt, bis er maustodt dalag; erst nach der Hand erfuhr man, der Unglückliche sei taubstumm gewesen! Das Gerücht verbreitete sich, der Vorsteher des Schreckenstribunals, Oberlieutenant Wieser, stehe in unmittelbarer Verbindung mit dem Wiener Hofe, erhalte beinahe täglich einen Courier aus der kaiserlichen Residenz. Begreiflicherweise erschien dieser unerhörte Vorgang den Leuten höchst räthselhaft. Wieser aber war schlau genug, die sich immer mehr verbreitende Meinung, als sei er von höherem Orte zu dieser Handlungsweise autorisirt, aufrecht zu erhalten und das Volk darin zu bestärken. Endlich wurde auch der „General“ der Bande, der reiche Wirth von Lubenz, von den Soldaten gefangen, mußte aber, nachdem er indeß wohl einige hundert Stockprügel bekommen [53] hatte, in das Saazer Gefängniß abgeliefert werden. Sein Geld bahnte ihm nun abermals einen Ausweg, doch starb er bald darauf, wahrscheinlich infolge der Prügel. Indessen das Ziel war erreicht, nach einigen Monaten dieses vorbeschriebenen erbarmenlosen Waltens kehrte die Sicherheit des Eigenthums im ganzen Kreise zurück, die wohlhabende Geistlichkeit sah sich, wie unsere Quelle berichtet, von ihren blutdürstigen Feinden befreit, von großer Angst und Sorge erlöst. Dabei war aber auch der Beweis geliefert: „daß Manches faul sei im Staate Dänemark, und daß eine sonst wohl organisirte Bureaukratie, deren Macht unbeschränkt ist, doch bisweilen nicht ausreicht“. Wenn man der Ansicht wäre, dieser Obmann und Gebieter des Rudiger Blutgerichtes sei mindestens ein martialisch aussehender, schon seinem Aeußern nach Schrecken einjagender Mensch gewesen, so würde man sich irren. Derselbe erschien im Jahre 1804, als sich das Regiment unter seinem Obersten Karl Grafen Kinsky [Bd. XI, S. 298] auf den Černin’schen Besitzungen concentrirte und täglich eine große Anzahl von Officieren bei der gräflichen Tafel in Schönhof zu Tische geladen war, auch unter ihnen, und der Verfasser der „Memoiren“, denen diese Mittheilungen entnommen sind, schildert ihn als ein kleines schüchternes Männlein, dem man es gar nicht ansah, welch’ furchtbares Schergenamt er noch vor Kurzem von seinen eigenen Gnaden übernommen und als Obmann und Gebieter des Rudiger Blutgerichtes geübt hatte. Was nun die weiteren Geschicke dieses furchtbaren Richters gewesen, so ging im Graf Černin’schen Hause das Gerede, daß er bald darauf aus dem Regimente gekommen sei, was man in Zusammenhang mit den erzählten Vorgängen im Jahre 1802 brachte, daß er dann quittirt und in Jungbunzlau eine Tabaktrafik erhalten, später aber seinem Leben durch einen Pistolenschuß ein Ende gemacht habe. Freiherr von Helfert wollte diesen Gerüchten auf den Grund und stellte über die ferneren Geschicke Wieser’s Nachforschungen an, deren Ergebniß ist: daß derselbe noch ferner im Regimente diente, während des Feldzuges 1805 oder nach dessen Schlusse zum Secondrittmeister vorrückte und erst 1807 in Pension trat. Dann erhielt er einen Tabakverlag in Jungbunzlau, den er aber 1812 wieder aufgab, worauf ihm mit 1. November dieses Jahres seine Rittmeisterpension neuerdings flüssig gemacht wurde. Etwa zwei Jahre später trat er bleibend einen Civilposten an als Tranksteuervisitator in Böhmen, und nun hatten die Militärvormerkungen über ihn ein Ende. Also obiges Gerücht, daß er als Tabaktraficant in Jungbunzlau seinem Leben gewaltsam ein Ende gemacht habe, trifft nicht zu. So ist es demnach weder gewiß, daß er durch Selbstmord geendet, noch die Zeit bekannt, wann er gestorben.

Die Heimat. Illustrirtes Familienblatt; (Wien, Manz, 4°.) Jahrgang 1877, S. 93: „Aus den Knabenjahren eines böhmischen Dynasten (Eugen Graf Černin). Lieutenant Wieser, der Befreier“.