BLKÖ:Wilhelm, Gustav Friedrich

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Wilhelm, Wilhelmus
Band: 56 (1888), ab Seite: 168. (Quelle)
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Wilhelm, Gustav Friedrich (Professor der Landwirthschaft in Gratz, geb. in Wien 8. December 1834.) Sein Vater Gustav Christian, Sohn des Besitzers der einst rühmlich bekannten Martin Engelbrecht’schen Kunsthandlung in Augsburg, kam 1816 als Kaufmann nach Wien, trat aber später in die Dienste der k. k. privilegirten Nationalbank und lebt noch, 89 Jahre alt, als pensionirter erster Secretär dieses Institutes daselbst; seine Mutter Luise (gest. 1855) ist die Tochter des um die Hebung der Brünner Wollenindustrie hochverdienten Fabriksbesitzers Friedrich Schöll (geb. zu Güterstein in Württemberg 1770, gest. in Brünn 1841) und Schwester des als Philolog und Literarhistoriker bekannten Oberbibliothekars und geheimen Hofrathes Dr. Adolf Schöll in Weimar, der imGoethe’schen Personencyclus öfter genannt wird. Der [169] Sohn besuchte in Wien zunächst das Gymnasium, dann die damals mit dem polytechnischen Institute verbundene Oberrealschule und bezog, nach einjährigem Aufenthalte auf der Erzherzog Albrecht’schen Herrschaft Seelowitz in Mähren, im Herbste 1852 die k. k. höhere landwirthschaftliche Lehranstalt in Ungarisch-Altenburg, an der er bis Ende 1854 verblieb. Nachdem er sich ein halbes Jahr lang auf einem im Szabolcser Comitate gelegenen Gute mit den Verhältnissen der Landwirthschaft im Osten Ungarns bekannt gemacht hatte, ging er im Herbste 1855 auf die königlich Württembergische land- und forstwissenschaftliche Akademie Hohenheim, welche als solche zu jener Zeit anerkannt den ersten Rang in Europa behauptete und hervorragende Lehrer und Schüler aus allen Ländern der Erde besaß. Dort erhielt er bei der Schlußprüfung im August 1856 eine Preismedaille. Da an der cantonalen landwirthschaftlichen Schule Kreuzlingen im Thurgau die Hauptlehrerstelle gerade erledigt war, gab er seine Absicht auf, vorläufig auf ungarischem Großbesitze in praktische Thätigkeit zu treten, bewarb sich um vorerwähntes Amt und erhielt es von dem Erziehungsrathe des Cantons Thurgau. Er begann am 9. November 1856 seine Lehrthätigkeit, welche sich auf Physik, Chemie, die gesammte Naturgeschichte und praktische Geometrie erstreckte. Dazu bot der Aufenthalt in der so interessanten Bodenseegegend mannigfache Anregung auf naturwissenschaftlichem und landwirthschaftlichem Gebiete. Er betheiligte sich an dem Sammeln von Kryptogamen, insbesondere Pilzen und Equisetaceen, für die von Leiner, Jack und Stilzenberger herausgegebenen „Kryptogamen Badens“, beschäftigte sich mit analytischen Arbeiten, meteorologischen Beobachtungen und Untersuchungen über die physikalischen Eigenschaften des Bodens. Die Ergebnisse der letzteren legte er zum Theile in seinem Werke „Der Boden und das Wasser“ (Wien 1861, Braumüller, 8°.) nieder, in welcher zugleich seine Dissertationsschrift zur Erlangung der philosophischen Doctorwürde bildenden Abhandlung er zum ersten Male den Nachweis liefert, daß das Absorptionsvermögen des Bodens für Wasserdampf nicht jene Bedeutung für die Vegetation besitze, welche von vielen Forschern demselben beigelegt wird. Nach vierjähriger Thätigkeit in Kreuzlingen ersuchte er, von dem Verlangen erfüllt, in seinem Vaterlands thätig zu sein, um Enthebung von derselben und kehrte 1860 nach Wien zurück, worauf er noch im December dieses Jahres die interimistische Leitung der Ackerbauschule zu Neuaigen in Oberösterreich an Stelle des erkrankten und bald danach verstorbenen Directors derselben übernahm; aber schon im Jänner 1861 wurde er zum Professor der landwirthschaftlichen Lehranstalt Tetschen-Liebwerd in Böhmen ernannt. Anfang Februar trat er seinen Posten an, zugleich mit der Localdirection dieser Lehranstalt, welche aus einer von über 120 Schülern besuchten landwirthschaftlichen Mittelgute – damals der einzigen in ganz Oesterreich – und einer 30 Zöglinge zählenden Ackerbauschule bestand. Obgleich das Amt in beiden Abtheilungen seine Thätigkeit stark in Anspruch nahm, so unterzog er sich doch noch der Geschäftsleitung des landwirthschaftlichen Filialvereines für den Leitmeritzer Kreis. Nachdem er im Frühjahre 1864 eine Berufung an das großherzogliche Polytechnicum in Karlsruhe, an welchem eben eine landwirthschaftliche Fachabtheilung [170] errichtet werden sollte, abgelehnt hatte, wurde er am 3. Mai desselben Jahres zum ordentlichen Professor an der k. k. höheren Lehranstalt in Ungarisch-Altenburg ernannt, an welcher er im Wintersemester 1864/65 seine Lehrthätigkeit eröffnete. An derselben wirkte er bis zum Frühjahre 1869, worauf er einem Rufe des steiermärkischen Landesausschusses zur Uebernahme der durch Dr. Hlubek’s Pensionirung erledigten Lehrkanzel der Landwirthschaftslehre an der technischen Hochschule des steiermärkischen landschaftlichen Joanneums in Gratz folgte, an welcher damals eine eigene Fachabtheilung für Land- und Forstwirthschaft bestand. Als dann 1874 diese technische Hochschule vom Staate übernommen, die landwirthschaftliche Fachschule aber aufgehoben wurde, verblieb er doch in seiner Stellung als landschaftlicher Professor an der nun k. k. Anstalt, bis 1883 auch die Lehrkanzel der Land- und Forstwirthschaft vom Staate übernommen und er zum k. k. o. ö. Professor ernannt wurde. Wiederholte Anträge, 1869 zur Annahme einer Professur am Darmstädter Polytechnicum, 1870 an der großherzoglichen Ludwigs-Universität in Gießen, lehnte er ab, da man von maßgebender Stelle bestrebt war, ihn der Gratzer Hochschule zu erhalten. Seit er an derselben lehrt, wurde er wiederholt zum Dekan und in den Studienjahren 1873/74 und 1884/85 zum Rector erwählt. Während der Schwerpunkt seiner Thätigkeit als akademischer Lehrer in seinen Vorträgen und Demonstrationen liegt, hat er auf dem Gebiete der Forschung schon während seines Aufenthaltes in Ungarisch-Altenburg (1852–1855) mit den Untersuchungen über das Verhalten des Wassers im Boden begonnen und diese seitdem ununterbrochen fortgesetzt, außerdem unterzog er die Zusammensetzung und die Eigenschaften der Wolle, das Keimen der Samen u. a. seinen wissenschaftlichen Untersuchungen. Auch unternahm er, zum Theile im Auftrage der Behörden, zahlreiche immer mit wissenschaftlichen Zwecken verbundene Reisen, besuchte öfter größere Ausstellungen, so die Weltausstellung in London und die landwirthschaftlichen Ausstellungen in York 1862 und in Hamburg 1863, die Molkereiausstellungen in Bern 1867, Frankfurt 1875 und Hamburg 1877, die Landesausstellungen in Stuttgart 1881 und Zürich 1883, wodurch er reichlich Gelegenheit fand, die landwirthschaftlichen Zustände anderer Länder durch eigene Anschauung kennen zu lernen. Ueberhaupt war Wilhelm auf dem Gebiete des Ausstellungswesens vielfach thätig. Auf die landwirthschaftliche Ausstellung in Wien 1866 und die Weltausstellung in Paris 1867 brachte er eine Sammlung von Wollproben, welche er selbst zusammengestellt hatte, und die sich im Besitze der landwirthschaftlichen Akademie in Ungarisch-Altenburg befindet. Bei der Ausstellung in Wien 1866 war er einer der Vertreter des k. k. Ministeriums für Handel und Volkswirthschaft im Preisgericht; bei der Wiener Weltausstellung 1873 Mitglied der Gratzer Landescommission und Referent derselben für die landwirthschaftliche Gruppe, Mitglied der internationalen Jury und Berichterstatter; bei der Wiener Molkereiausstellung 1872 Mitglied des Generalcomités, bei der Kärnthner Landesthierschau im Jahre 1877 und bei zahlreichen kleinen Thierschauen, Regionalausstellungen u. d. m. Preisrichter, bei den Landesausstellungen in Graz 1870 und 1880 Generalsecretär des Ausstellungscomités, bei der culturhistorischen Ausstellung in [171] Gratz 1883 Mitglied des Generalcomités und Obmann der III. Section derselben (Landwirthschaft, Bergbau, Gewerbe). Auch gehörte er 1869–1884 dem Centralausschusse der steiermärkischen Landwirthschaftsgesellschaft an, vertrat diese Körperschaft 1879 und 1883 auf den Agrartagen, 1882 bei der Eisenbahntarif-Enquête und bei den verschiedenen Berathungen und Enquêten in Bezug auf die landwirthschaftliche Gesetzgebung (Rindviehzuchtgesetz, Gesetze, betreffend die Vertilgung der Kleeseide, die Abänderung der bäuerlichen Erbfolge, die Errichtung einer Landesculturrentenbank für Steiermark u. s. w.). Von 1882 bis 1884 war er Mitglied, von 1884 bis 1887 Ersatzmann im Staatseisenbahnrathe. 1867 unternahm er im Auftrage des k. k. Ackerbauministeriums eine Reise in die Schweiz, worauf er die Schrift: „Die Hebung der Alpenwirthschaft“ (Wien 1868, Gerold) herausgab, welche auf den Aufschwung des Molkereiwesens in Oesterreich und auf die Errichtung von Molkereigenossenschaften von förderndem Einflusse war. Dieser Arbeit folgte im Jahre 1872 die Abhandlung: „Was sind Käsereigenossenschaften?“ (Wien, Verlag des k. k. Ackerbauministeriums), mit einem Musterstatute für solche Vereinigungen. Ueberhaupt wendete er der Hebung des Molkereiwesens seine volle Aufmerksamkeit zu und war bemüht, durch Wort und Schrift demselben größere Beachtung zu verschaffen. An dem im Jahre 1882 zu Gratz gehaltenen Molkereilehrcurse wirkte er als Docent mit, auch erschien im Verlage der landwirthschaftlichen Filiale Westgratz sein Vortrag „Ueber Milchwirthschaft“ (1887) im Drucke. An der Bildung der 1879 zu Gratz ins Leben getretenen ersten steiermärkischen Milchereigenossenschaft, welche einen überaus erfreulichen Aufschwung nahm, hatte er einen hervorragenden Antheil. Wilhelm war der Erste, der in Oesterreich, und zwar in einer im Sommer 1863 zu Prag zahlreich tagenden Versammlung von Landwirthen, auf die hohe Bedeutung des landwirthschaftlichen Fortbildungsunterrichtes aufmerksam machte. Bei den landwirthschaftlichen Lehrcursen, welche auf Veranlassung des k. k. Ackerbauministeriums 1868 und 1869 in Wien, 1870, 1874 und 1878 in Gratz abgehalten wurden, wirkte er als Docent; 1876 inspicirte er im Auftrage des genannten Ministeriums die in Steiermark bestehenden Fortbildungsschulen, und zur Zeit ist er Prüfungscommissär bei den Prüfungen behufs Erlangung der Befähigung zur Ertheilung des landwirthschaftlichen Unterrichtes an solchen Schulen. Auf seine Anregung hat der naturwissenschaftliche Verein für Steiermark ein Netz von Stationen für Messung der atmosphärischen Niederschläge, welches das ganze Land umfaßt, ins Leben gerufen. Die Ergebnisse dieser Beobachtungen stellt seit 1877 Wilhelm alljährlich zusammen, und sie erscheinen in den Mittheilungen des genannten Vereines, aber auch in Separatabdrücken – bisher 12 Hefte – An der vom genannten Vereine in Angriff genommenen naturwissenschaftlichen Durchforschung Steiermarks ist er als Obmann der Section für physicalische Geographie, Klimatologie und Meteorologie, sowie als Mitglied der Section für Botanik betheiligt. Neben dieser mannigfachen vorwiegend praktischen Thätigkeit blieb er aber in seinem Fache auch schriftstellerisch nicht müßig. Außer zahlreichen größeren und kleineren Abhandlungen, welche er seit 1855 in landwirthschaftlichen Zeitschriften Oesterreichs und des [172] deutschen Reiches veröffentlichte, redigirte er von 1870 bis 1884 den „Steirischen Landboten“, das Organ der k. k. steiermärkischen Landwirthschaftsgesellschaft. Dann unternahm er im Auftrage des k. k. Ackerbauministeriums die Verfassung eines Lehrbuches der Landwirthschaftslehre, wovon die ersten zwei Bände: I: „Die natürlichen Grundlagen der Landwirthschaft, Atmosphäre, Klima, Boden“ (Berlin 1886); II: „Pflanzenbau“ (ebd. 1887) bereits erschienen sind, die zwei letzten, III: „Thierhaltung“ und IV: „Wirthschaftsbetrieb“ demnächst folgen werden. Von seinen kleineren Arbeiten nennen wir noch die „Anleitung zur Vertilgung der Kleeseide, der Ackerdistel, des Sauerdornes und des Kreuzdornes“ (Wien 1884, Verlag des k. k. Ackerbauministeriums) und einen Vortrag über die Reblaus, welche durch ihre Verheerungen die Untersuchung über die zweckmäßigsten Mittel ihrer Vertilgung in landwirthschaftlichen Kreisen zur Tagesfrage gemacht hat. Daß eine solche erfolgreiche Thätigkeit mannigfache Würdigung fand, versteht sich von selbst. Schon 1873 wurde Professor Wilhelm anläßlich der Wiener Weltausstellung mit dem Ritterkreuze des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet. Zahlreiche naturwissenschaftliche, landwirthschaftliche und gemeinnützige Vereine wählten ihn zu ihrem Mitgliede. Als Protestant ist er Mitglied des Presbyteriums und derzeit Curator-Stellvertreter der Gratzer evangelischen Kirchengemeinde. Professor Wilhelm vermälte sich 1862 mit Fanni Wilhelmine, Tochter des (†) Obermedicinalrathes und Hofarztes Dr. Victor Adolf von Riecke in Stuttgart. Aus dieser Ehe stammen vier Söhne: Gustav Adolf Wilhelm, der sich dem akademischen Lehramte der classischen Philologie widmet; Karl Eduard Wilhelm, Doctor der Rechte und Rechtspracticant bei dem städtisch-delegirten Bezirksgerichte Umgebung Gratz; Gustav Friedrich Em. Wilhelm, der sich für das Lehramt der deutschen Philologie ausbildet, und Hermann Wilhelm.