BLKÖ:Wutschel, Franz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Wutschek, Eduard
Band: 59 (1890), ab Seite: 36. (Quelle)
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Wutschel, Franz (Oberst in der amerikanischen Armee, geb. zu Brünn in Mähren um 1815). Nachdem er in seiner Vaterstadt die philosophischen Studien beendet hatte, ging er nach Wien. Während er daselbst an der Hochschule die Rechte hörte, brach 1848 die Märzbewegung aus, welcher er sich gleich den vielen Tausenden, denen der vormärzliche politische Druck unerträglich geworden, mit aller Begeisterung anschloß. Gleich in den ersten drei Tagen nach Ausbruch der Bewegung, die man durch Waffengewalt in das alte Niveau zurückzudämmen versuchte, entwickelten sich auch in den einzelnen Schichten der Bevölkerung ernste Besorgnisse, und es begannen Berathungen, wie dieser Gewalt zu widerstehen sei. Nicht wenig waren die Studirenden thätig, und bald beschlossen auch die Hörer der Rechte zusammenzustehen und das ihrige zu thun, die kaum errungene Freiheit festzuhalten. Wutschel, eine energische Natur, redebegabt und jederzeit bereit, sich ihm entgegenstellende Hindernisse niederzuwerfen, gewann bald einen vorwiegenden Einfluß auf seine Collegen, die nur eines Führers bedurften, um ihren freiheitsbegeisterten Ideen Ausdruck zu geben. So wurde er der Führer seiner Schaar, der es gleich vorhinein aussprach, daß man sich zum Kampf bereit halten müsse, worin ihm von seinen Collegen beigestimmt wurde. Er behauptete seinen Einfluß bis über die Octobertage hinaus. Als am 1. April 1848 im Theater an der Wien das Lustspiel „Ein bemoostes Haupt“ von Benedix über die Bretter ging, worin bekanntermaßen die Studenten eine große Rolle spielen, gerieth er auf den Gedanken, sich mit mehreren Collegen zur Uebernahme der Studentenrollen im Stücke anzubieten. Pokorny aber bestimmte das Erträgniß des Abends zur Uniformirung armer Legionäre. Das Publicum, das schon lange mit den schmucken Legionären sympathisirte, übertrug seine Sympathien auch auf die Studenten auf der Bühne. Der Zudrang des Publicums war ein außerordentlicher. Die erzielte Einnahme ermöglichte nicht nur die Uniformirung einer Juristencompagnie, sondern auch den Ersatz der alten Steinschlösser auf den Gewehren mit Percussionsschlössern. Das in dem Stücke vorkommende Fuchslied und die Katzenmusik mußten immer zwei-, auch dreimal wiederholt werden und bekamen allmälig eine solche Popularität, daß sie in keinem Programm von musicalischen Unterhaltungen fehlen durften. Vom Schauspielhause verpflanzte sich die Katzenmusik in kurzer Zeit auf die politische Bühne, schließlich auf die sociale Pöbelschmiere. Wutschel, welcher indessen Hauptmann im Juristencorps geworden, übte auf seine Legionäre einen mit den politischen Ausschreitungen des Jahres wachsenden Einfluß, und als die Bewegung einen revolutionären Charakter annahm, machte er denselben in gleichem Sinne geltend. In den Octobertagen, als man zur Bildung von Mobilgarden schritt, errichtete er mittelst Aufrufes [37] vom 14. October das dritte Bataillon der Mobilgarde. Als dann mit dem Eindringen der kaiserlichen Truppen am 31. October die Erhebung niedergeworfen wurde, flüchtete er sich gleich vielen Anderen, um nicht dem Urtheile der mittlerweile eingesetzten Kriegsgerichte zu verfallen. Auf seiner Flucht wandte er sich zunächst nach Frankreich und verlebte mehrere Jahre in Paris; später suchte er jenseits des atlantischen Oceans eine neue Heimat, welche er auch nicht wieder verließ, als ihm die Amnestie 1862 die Möglichkeit zur Rückkehr eröffnete. Nach verschiedenen Schicksalen in Nordamerika ließ er sich in New-York als Gastwirth nieder. Als dann 1861 der nordamerikanische Secessionskrieg ausbrach, trat er in die Reihen der Unionstruppen, kämpfte in der Division Blenker und machte mit derselben die Schlacht am Bullrum am 29. und 30. August 1862 mit. Da seine Fähigkeiten und Kenntnisse von seinem General bald erkannt und geschätzt wurden, rückte er allmälig vor und brachte es zuletzt bis zum Obersten. In dieser Stellung befand er sich auch nach Beendigung des Krieges noch im Jahre 1867 in der stehenden nordamerikanischen Armee. Seine ferneren Geschicke kennen wir nicht.

Constitutionelle Vorstadt-Zeitung (Wiener polit. Blatt) 1867, Nr. 205 im Feuilleton: „Die Volksmänner des Jahres 1848“. – Dunder (W. G.). Denkschrift über die Wiener October-Revolution. Ausführliche Darstellung aller Ereignisse aus amtlichen Quellen geschöpft ... (Wien 1849, gr. 8°.) S. 387. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 1862, Nr. 273. – Neue Freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1867, Nr. 1008 in der kleinen Chronik: „Die Amnestirten“. – Reschauer-Smets. Das Jahr 1848. Geschichte der Wiener-Revolution (Wien 1872, Waldheim, 4°.) Bd. I, S. 282; Bd. II, S. 45. – Unter fünfzehn Theaterdirectoren. Bunte Bilder aus der Bühnenwelt. Von Friedrich Kaiser (Wien 1870, 12°.) Seite 171.