BLKÖ:Pokorny, Franz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Pokorny, Gotthard
Band: 23 (1872), ab Seite: 43. (Quelle)
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Pokorny, Franz (Theaterdirector in Wien, geb. in Böhmen, Geburtsjahr unbekannt, gest. zu Meidling bei Wien 7. August 1850). Ueber sein Vorleben ist wenig bekannt, er war früher Director des städtischen Theaters zu Preßburg, wo er sich jedenfalls schon 1825 aufhielt, später in Baden, dann in Oedenburg, in welch letzterer Stadt P. ein neues Theater erbaut hat. Das Josephstädter Theater zu Wien, von jeher unter schwankender Leitung, drohte, ganz zu untergehen, als P. dasselbe übernahm und im September 1837 wieder eröffnete. Obgleich er nur über wenig bekannte Kräfte verfügen konnte, kam ihm doch das Publicum, welches dieses Haus liebgewonnen hatte, mit Wohlwollen entgegen und er strebte nun vollends dasselbe anzuziehen und festzuhalten. Dieß gelang ihm hauptsächlich durch sogenannte Ausstattungsstücke, wie „Die Liebeleien in Linz“, die „Schlimmen Frauen im Serail“, „Wastel“ und „Der Zauberschleier“, dieses letztere, ein wahres Cassastück, das im Ganzen über dreihundert Mal gegeben wurde. Es waren dieß Stücke ohne jeglichen inneren Werth, errangen aber diese beispiellose Beliebtheit durch die vollkommenste Entfaltung alles dessen, was das Ballet, die Ausstattung und die Decorationen überhaupt leisten konnten, worin auch P. keine Kosten scheute. Er kaufte dann im Jahre 1845 das Theater an der Wien und richtete nun auf dieses sein besonderes Augenmerk. Das Theater an der Wien, zu dieser Zeit das größte und schönste Schauspielhaus der Hauptstadt und berühmt durch die erste Aufführung von Mozart’s „Zauberflöte“, durch Carl und Nestroy, war von Carl dazu benützt worden, es so fruchtbringend als möglich zu machen und brachte außer den Arbeiten Nestroy’s und Friedrich Kaiser’s keine Novitäten, die irgend einen dramatischen Werth hatten. Die Beliebtheit des Theaters rührte mehr von dem guten Spiele als von dem Gehalt der Stücke her. Pokorny ließ nun das Theater nach dem Ankaufe, nicht nur, wie es nothwendig war, durchaus restauriren, sondern manches ganz neu herstellen und führte, stets nach Neuem haschend, in dieses Haus die Oper ein. Der Erfolg war günstig, wie es sich gleich bei der Aufführung von Flotow’s „Alessandro Stradella“ zeigte, doch mangelte es außer Staudigl, Marra und Treffz an Kräften, um in dieser Hinsicht Großes zu leisten. Pokorny aber suchte dem dadurch zu begegnen, daß er allenthalben Gäste heranzog, unter denen Pischek und die berühmte Lind vor Allen zu nennen sind. Hiebei kam auch Meyerbeer’s „Vielka“ zur Aufführung, deren Einstudirung und Leitung der berühmte Tonsetzer selber übernommen hatte. Was das Schauspiel anbelangt, so hatte es zwar ansehnliche Gäste, wie Birch-Pfeiffer, Clara Stich, Dessoir und Baumeister, und es errang wohl vielen Beifall, aber wenig Besuch. Das Theater an der Wien, ein Stück Alt-Wien, war das letzte, welches P. umgestaltet, renovirt und restaurirt hat, und worin sein ewig nach Neuerungen strebender Geist Nahrung fand. – Was den Director Pokorny besonders auszeichnet, ist der Wohlthätigkeitssinn, den er in seiner Bühnenleitung bethätigte. Er warf ungeheuere Summen in die Cassen aller Armenanstalten Wiens, er forderte nicht zum Almosengeben auf, er gab [44] selber aus seiner eigenen Tasche. Er hat rastlos für die öffentlichen Anstalten Wiens die ersten Blüthen seiner Dichter und Künstler gepflückt. Bedeutende Summen sind von ihm in das Blindeninstitut[WS 1], in welchem er auch einen Stiftungsplatz gründete, in das Kinderspital zu St. Joseph, den barmherzigen Schwestern, den Elisabethinerinen, den Kleinkinderbewahranstalten, der Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt, der Erbauung des Bürgerversorgungshauses und ähnlichen Anstalten gespendet worden. Nicht kleine Summen, Tausende flossen den Armen zu. Aber nicht nur öffentliche Anstalten, auch die Armen der Bezirke und Vororte Wiens haben durch seine Güte die einträglichsten Beiträge von seinem Theater und seinen Mitteln bezogen. Auch bis zu den Hungernden im Erzgebirge drang sein Wohlthätigkeitseifer und die Kirche von Reichenau dankt ihm die Grundsteine von mehreren Tausend Gulden. Ebenso wirkte er für Baden, Preßburg und Oedenburg auf das beste und die Armenanstalten Preßburgs allein erhielten durch ihn einen Beitrag von etwa 18.000 Gulden. Ebenso wenig vergaß er der Verunglückten in der Lombardei, der Ueberschwemmten in Böhmen und Ungarn, der Abgebrannten in Steyer, Purkersdorf, Simmering u. s. w. Dieser opferwillige Wohlthätigkeitssinn, der stets, wo sich ihm Anlaß darbot und rasch half, sichert ihm auch eine bleibende Erinnerung. Was sein Wirken als Theaterdirector anbelangt, so spricht sich sein Zeitgenosse Hermann Meynert dahin aus, daß P.’s unruhiger Geist von ansehnlichen Erfolgen unbefriedigt, stets nach anderen glänzenderen Zielen haschte und dadurch die gedeihliche Entwickelung des Ganzen störte. Und doch hatte er dieß oft gar nicht nöthig, wie z. B. im Josephstädter Theater, dessen Publicum äußerst conservativ war und wo sich zwischen dem Auditorium und der Direction so gemüthliche Beziehungen herausgebildet hatten, wie sie anderwärts kaum je vorkamen. Der Besuch des Theaters war gleichsam ein Besuch bei Pokorny, den man seines guten Herzens wegen liebte. Dabei kam eine gewisse Opposition, die ein Theil des Publicums gegen den persönlich weniger beliebten Carl zu bethätigen sich bewogen fand, Pokorny zu Gute. Wenn er als Director des Josephstädter Theaters die Posse durch längere Zeit nach einem schon etwas veralteten Zuschnitte fortbestehen ließ, so mochte dieß wohl darin seinen Grund haben, weil die komischen Figuren in derselben hin und wieder starke Familienähnlichkeit mit dem einstigen „Thaddädl“ hatten. Die Bearbeitungen fremder Balletstoffe aber, welche zu Ausstattungsstücken parodirt worden, eröffneten ihm, da sie als solche große und nachhaltige Anziehungskraft ausübten, eine bei weitem ergiebigere Einnahmsquelle. Freilich war mit solchen halb aus Wolken und halb aus ziemlich groben Material gewebten Stoffen keine Epoche zu begründen. Jedenfalls aber gebührt ihm der ehrenvolle Nachruf, „daß die Bühne durch ihn meisten gewann, als er durch sie am meisten verlor“. – Nach seinem Tode führte sein Sohn Alois P. (geb. zu Preßburg am 18. October 1825) die Leitung des Theaters an der Wien, aber mit wenig Glück fort. Am 15. September 1862 nahm Director Strampfer das Theater in Pacht, den er als dabei reich gewordener Mann im Jahre 1868 aufgab, woraus Fräulein Geistinger mit Herrn Steiner die Direction übernahm. – Eine Tochter Pokorny’s, die sich Anfangs [45] der Bühne widmete, heirathete den Schriftsteller und Feuilletonisten des „Wiener Tagblattes“, Sigmund Schlesinger.

Austria. Oesterreichischer Universal-Kalender (Wien, Klang, gr. 8°.) IX. Jahrg. (1848), S. 188 u. 191, im Aufsatze: „Die fünf Theater Wiens“, von F. C. Weidmann. – Wiener Zeitung 1866, Nr. 230, in dem Aufsatze: „Der Wiener Parnaß vor einem Vierteljahrhundert“, von Dr. Hermann Meynert. – Der Humorist (Wiener Journal, kl. Fol.) XIV. Jahrgang (1850), Nr. 102: „Pokorny und sein Verdienst um die Humanität“, von M. G. Saphir. – Beilage zu den Sonntagsblättern 1845, Nr. 17: „Carl und Pokorny – hüben und drüben“, von Anton Langer. – Wallner (Franz), Rückblicke auf meine theatralische Laufbahn und meine Erlebnisse an und außer der Bühne (Berlin 1864, Gerschel, 8°.). – Silhouetten, das sind Schattenrisse, Anecdoten, Bocksstreiche des berühmten Theaterdirectors Bock von M. J. R. I. Schnitt (Leipzig 1848, Julius Koffka) [eine böswillige, aus zum größten Theile erfundenen und matten Anecdoten zusammengestoppelte Schmähschrift eines durchgegangenen Comödianten, der an Pokorny sein Müthchen kühlen wollte]. – Seyfried (Ferdinand Ritter von), Rückschau in das Theaterleben Wiens seit den letzten fünfzig Jahren. (Wien 1864, 8°.) S. 110: „Franz Pokorny als Director u. s. w.“; S. 120: „Das Theater in der Josephstadt“. – Weil (Philipp), Wiener Jahrbuch für Zeitgeschichte, Kunst und Industrie und österreichische Walhalla (Wien 1851, Anton Schweiger, gr. 12°.) Erste (und einzige) Abtheilung, S. 125 [über Pokorny’s Sohn Alois].

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Blindeninstut.