BLKÖ:Pischek, Johann Baptist

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Pischinger, Karl
Band: 22 (1870), ab Seite: 345. (Quelle)
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Pischek, Johann Baptist[BN 1] (Sänger, geb. zu Mscheno, einem kleinen Landstädtchen in Böhmen in der Nähe von Prag, 14. October 1814). Sein Vater war Wirthschaftsbesitzer in Mscheno und zugleich Ortsvorsteher daselbst, der frühzeitig auf das musikalische Talent seines Knaben aufmerksam wurde. Den ersten Unterricht in der Musik erhielt derselbe vom Ortsschulmeister, und im Alter von sechs Jahren spielte er Piano bereits mit großer Fertigkeit. Unter Einem besuchte er die Schule, in welcher der Unterricht in čechischer Sprache ertheilt wurde. Deutsch begann er erst im zehnten Lebensjahre zu erlernen. Um diese Zeit entwickelte sich auch seine sonore Altstimme, [346] und unter seines Schulmeisters Anleitung machte er solche Fortschritte im Gesange, daß er bald im Stande war, an Sonn- und Feiertagen alle Soli und Arien der Messen in der Kirche seines Geburtsortes zu singen. Von dem Vater für eine gelehrte Laufbahn bestimmt, kam nun P. nach Böhmisch-Leipa, wo er durch vier Jahre das Gymnasium besuchte und zu den besten Schülern desselben zählte. Von da ging er nach Prag, wo er an der Hochschule die philosophischen Studien beendete. Treu bewahrte er aber während dieser Studien seine Vorliebe für die Musik und wirkte in dieser Zeit als erster Altist in der St. Jacobs- und als Orgelspieler in der Piaristenkirche unausgesetzt mit. „Zwischen meinem siebzehnten und achtzehnten Jahre“, erzählt Pischek selbst „habe ich mutirt und war während dieser Zeit, ohne jemals über die Behandlung der Stimme gehört oder gelesen zu haben, gleichsam von einem innern Instinct getrieben, so vorsichtig mit meiner Kehle, daß ich mich alles anstrengenden Singens enthielt“. Bisher stand die Musik im Lebensprogramm Pischek’s in zweiter Reihe; „der musikalische Jurist“, wie man ihn zu nennen pflegte, rang zwischen den trockenen Geschäften des Kanzleitisches nach dem Hochgenuß begeisterter Sängerfreiheit und harrte unter den Kämpfen mit Pflicht und Neigung geduldig, bis seine Stunde schlug und diese schlug am 3. Mai 1834. Pischek hörte an diesem Tage zum ersten Male im Prager Theater Rossini’s „Barbier von Sevilla“. Sänger Pöckh, damals in seiner Blüthe, sang die Titelrolle. Die Wirkung dieser Vorstellung auf Pischek war außerordentlich. Er verschaffte sich sofort die Partitur und spielte noch in derselben Nacht den Part Figaro’s durch; von dieser Zeit an schwand alle Lust zu trockenen Berufsstudien, für ihn gab es nur eines mehr: Gesang, Gesang war sein Leben. Wohl setzte er seine Studien an der Hochschule fort, aber ohne Wissen seiner Eltern besuchte er den Capellmeister Trübensee, den ersten Lehrer der Henriette Sonntag, der ihn nach einer Gesangsprobe sogleich zum Theaterdirector Stöger führte, der dem jungen Manne auch einen fünfjährigen Contract antrug. Nun aber begannen auch Pischek’s Leiden. „Ueber meinen Entschluß, Komödiant zu werden“, erzählt nun der Sänger, „war meine gute Mutter außer sich; mein Vater, von aufgeklärteren Begriffen, gab es zu, die Mutter wurde überstimmt und somit schwur der einzige Sohn, noch nicht 21 Jahre alt, im Juni 1835 zu Thaliens bunten, hochflatternden Panier.“ Am 24. Juni g. J. – an seinem Namenstage – betrat er zum ersten Male die Bühne; er sang den Orovist in „Norma“ neben Sabina Heinefetter, welche die Titelrolle gab. Er fand beifällige Aufnahme, welche sich bei der Wiederholung steigerte. Sonderbar aber, von diesem Tage an erhielt er durch vier Monate hintereinander keine einzige Rolle mehr. Es waren Kabalen dabei im Spiele, und als ihm nun gar eine unbedeutende Partie in einem böhmischen Singspiele zugewiesen ward, nahm P. seinen Abschied. Dieß geschah im Februar 1836. Sein Vorhaben, die Studien fortzusetzen, vereitelte die Behörde, welche sein Gesuch abschlägig beschied. So war er nicht Sänger, nicht Studiosus; die Jahre seiner Berufsstudien waren unwiederbringlich verloren, unter solchen Umständen trat er die Erbschaft seiner mittlerweile verstorbenen Mutter, ein kleines Gütchen, an und beschloß Landwirth zu werden. „Aber mein Hang zur [347] Musik“, erzählt P., „machte mich zu einem sehr verschwenderischen Oekonom, denn statt nach der Saat zu sehen, sang ich Vocalisen und statt die Ernte zu bewahren, schwelgte ich am Clavier. Meine Stimme wurde dabei immer voller, klarer, gleicher, und mein Vater und ich vergossen oft Thränen zusammen, daß mein Capital nicht hinter „blühenden Mandelbäumen“, sondern hinter „Kartoffelfeldern“ verrosten sollte. Alles, was mein Vater geopfert, was ich gelernt und gehofft, Alles war dahin. Ich war nicht Künstler, nicht Gelehrter, nicht Landmann; ich war nichts.“ Weitere Versuche Pischek’s, bei irgend einer Bühne unterzukommen, hatten ebenso wenig Erfolg, wie seine Bemühungen, die Studien fortzusetzen, er wurde nicht einmal als Chorist angenommen. Er lebte nun vom Stundengeben, bewarb sich dann später um die Stelle eines Registraturs-Praktikanten bei der k. k. allgemeinen Hofkammer und erhielt sie. Aber die Musik ging ihm doch über Alles und er schickte das Decret zurück. Gebrochenen Herzens kehrte er zu seinem Vater zurück und versuchte es wieder, Landwirth zu werden. Zu diesen traurigen Verhältnissen gesellte sich noch eine schwere Verwundung, die er durch einen Sturz vom Schlitten erhalten hatte. Mit seiner Genesung trat ein Wendepunct zum Besseren in Pischek’s Leben ein und von da ab beginnen die Tage des Glückes, welche noch vorhalten. Der erste Baritonist des Theaters in Brünn war durchgegangen, „Die Puritaner“ sollten gegeben werden und es war Niemand da, der die Stelle des Richard hätte singen können. Zufällig befand sich Pischek in Brünn, trat für den Ausreißer ein und sang nach einmaliger Probe den Richard mit solcher Vollendung, daß er mehrere Male gerufen und mit 500 fl.! engagirt wurde. In Brünn sang nun Pischek hintereinander den Zampa, den Grafen in der „Somnambula“, den Waldeburg in der „Straniera“, den Capitän Johann in den „Falschmünzern“ und mehrere andere Partien. Im Juni 1839 schloß er mit Pokorny, dem Director des Josephstädter Theaters in Wien, Contract ab und sang daselbst innerhalb acht Wochen 26 Male mit solchem Erfolge, daß ihm von Seite des Hoftheaters ein Engagementsantrag von 3000 fl. C. M. gemacht wurde, den P. jedoch ausschlug. Im Mai 1840 traf er mit Capellmeister Guhr in Wien zusammen, der ihn nun für Frankfurt a. M. engagirte. Am 16. Juni g. J. trat P. als Jäger im „Nachtlager von Granada“ auf und erntete großen Beifall. Vier Jahre sang nun P. an dieser Bühne, wo sich unter der Leitung Guhr’s seine Stimme zu einer seltenen Vollendung entfaltete. Als er dann im J. 1844 während eines Gastspiels auf dem Stuttgarter Hoftheater sang, gefiel er dem Publicum und insbesondere dem König so sehr, daß er auf des Letzteren ausdrücklichen Wunsch gegen ein bedeutendes Gehalt lebenslänglich engagirt wurde. P. wirkt bis zur Stunde an dieser Hofbühne; außerdem unternimmt er von Zeit zu Zeit Kunstreisen in seine Heimat, an größere deutsche Bühnen und mehrere Male schon nach England, wo er namentlich seiner Liedervorträge wegen ungemein geschätzt ist. P. zählt zu den ersten Gesangsvirtuosen der Gegenwart. Als Stock-Böhme stand er mit der Aussprache des Deutschen längere Zeit ziemlich schief, aber wie Demosthenes besiegte er durch Fleiß und Ausdauer diesen Uebelstand und beschämt nun mit einer Aussprache, besonders im perlenden [348] Recitatif, manchen Stock-Deutschen. Die Hauptvorzüge seines Gesanges sind leichte und sichere Höhe, die es ihm möglich macht, ganze Sätze und Lieder mit der ihm eigenen, zum Herzen dringenden Zartheit vorzutragen. Er singt nichts, was ihm nicht zusagt, und was ihm zusagt, gewiß nicht eher, bis es reif ist. Dafür gibt er auch immer ein Ganzes. Als Lieder- und Balladensänger stand seiner Zeit Staudigl, aber auch nur dieser, mit ihm auf gleicher Höhe. Auch als Pianist ist P. bedeutend, vorzugsweise in der tändelnden Weise des Anschlags und Vortrags in der pikanten Behandlung der Mendelssohn’schen Lieder ohne Worte, wie der Chopin’schen Mazurka’s und im Accompagnement sucht er seines Gleichen. P. hat von mehreren Seiten zu wiederholten Malen sehr vortheilhafte Anträge, unter andern gleich im Anbeginne seiner künstlerischen Laufbahn von Meyerbeer für die französische große Oper mit der Aussicht baldigster, sehr ansehnlicher Gage, erhalten. Aber Deutschland war ihm zu lieb geworden, um es für beständig mit der Fremde zu vertauschen. Und mit gutem Willen und Talent, so äußert er sich oft, kann man im Vaterlande ebenso viel lernen, als (seiner Zeit) von Bordogni in Paris oder von Lamperti in Mailand. Pischek’s Landsleute – die nationalen Čechen – schreiben ihn statt Pischek in čechischer Weise Pišek. Schließlich sei noch bemerkt, daß der 56jährige, übrigens noch rüstige Künstler nicht weniger denn dreimal bereits todt gesagt wurde.

Allgemeine Wiener Musik-Zeitung. Herausgegeben von August Schmidt (4°.) VI. Jahrg. (1846), Nr. 11: „Pischek“ [aus Dr. R. Schumann’s Neuer Zeitung für Musik; auch nachgedruckt im „Frankfurter Konversationsblatt“ 1845, S. 1072, 1076, 1080). – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) IV. Bd. (1845), S. 28 u. 29, in der Mittheilung über die Oper „Nebucadnezar“. – Allgemeine Moden-Zeitung (Leipzig, Baumgärtner, 4°.) 1848, im Tagesbericht Nr. 4. – Bohemia (Prager politisches und Unterhaltungsblatt, 4°.) 1861, Nr. 126, S. 1192. – Fremden-Blatt. Von Gust. Heine (Wien, 4°.) 1865, Nr. 263. – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst. Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Ed. Bernsdorf (Dresden, R. Schäfer, gr. 8°.) Bd. III, S. 192. – Slovník naučný, Redaktor Dr. Frant. Lad. Rieger, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Lad. Rieger (Prag 1859, Kober, Lex. 8°.)Bd. VI, S. 397. – Dalibor. Časopis pro hudbu, divadlo a umění vůbec, d. i. Dalibor. Zeitschrift für Musik, Theater u. s. w. Redigirt von Emanuel Melis (Prag, 4°.) II. Jahrg. (1859), Nr. 22–25. – Porträte. 1) Gez. u. lithogr. von Kriehuber (Wien 1846, bei Mecchetti, mit Facsimile des Namenszuges, Halb-Fol.); – 2) Lithographie von Prinzhofer (Wien, Müller’s Witwe, Halb-Fol.); – 3) Lithographie (Hamburg, bei Schuberth u. Comp., 4°.); – 4) Stahlstich von Auguste Hüssener (Leipzig, Baumgärtner, gr. 4°., mit Facsimile des Namenszuges); – 5) Holzschnitte in J. J. Weber’s „Illustrirten Zeitung“, 4. Bd. (1845), S. 28, als Nebucadnezar; in Desselben „Gallerie denkwürdiger Persönlichkeiten der Gegenwart“ (Leipzig, Fol.) Bd. I, Tafel LVI, mit Facsimile des Namenszuges; und in der „Illustrated London News“ im Jahre 1847. – Statuette. Der durch seine Reliefs in Elfenbein bekannte Plastiker Schrödl hat im Jahre 1846 Pischek’s Statuette in Gyps ausgeführt. Sie zeichnet sich durch große Aehnlichkeit und Lebendigkeit in der Auffassung aus.

Berichtigungen und Nachträge

  1. Pischek, Johann Bapt. [Bd. XXII, S. 345], gestorben zu Stuttgart am 16. Februar 1873.
    Ueber Land und Meer. Allgemeine illustrirte Zeitung (Stuttgart, Hallberger, kl. Fol.) XXX. Band (1873), Nr. 28, S. 539 [mit trefflichem Holzschnittbildniß nach Originalzeichnung von P. Krämer auf S. 537]. [Bd. 28, S. 369.]