Benjamin Harrison

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Textdaten
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Autor: Max Horwitz
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Titel: Benjamin Harrison
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 867–870
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Benjamin Harrison.

Es war im Juli dieses Jahres. Wenige Wochen nach den Demokraten waren die Republikaner zu dem großen Parteikonvente in Chicago zusammengetreten, auf welchem die Abgesandten der Partei aus allen Staaten der nordamerikanischen Union ihrerseits der Nation den Kandidaten nennen wollten, den sie für den kommenden Präsidentschaftstermin zu präsentiren hatten. Heiß wogte der Kampf drei Tage hin und her. Mit gleicher Zähigkeit hielten die Freunde Blaines, der seit fünfzehn Jahren der Auserkorene eines sehr starken Bruchtheils der Republikaner ist, an ihm fest, bekämpften ihn die unter sich in viele Fraktionen [868] gespaltenen und nur in ihrer Gegnerschaft gegen Blaine einigen Feinde desselben. Bald war es klar, daß der stärkste aller Bewerber unterliegen würde, weil die gemeinschaftlich gegen ihn auftretenden Schwächeren nicht wankten.

Unter den letzteren befanden sich Männer, die einen Namen von Klang hatten: der frühere Finanzminister Sherman, der Oberrichter Gresham von Illinois. Aber wie es erfahrungsmäßig stets bei den amerikanischen Konventen zu gehen pflegt: wenn nicht ein Name im Sturmlauf des Triumphes gleich beim ersten Ansatze gewinnt, dann pflegt ein verhältnismäßig unbekannter Mann den Sieg zu erreichen. So auch in Chicago. Blaine, der Unterlegene, welcher damals in Europa weilte und durch den elektrischen Draht von Viertelstunde zu Viertelstunde von dem Verlauf des Konventes unterrichtet ward, wies seine Freunde an, ihre Stimme auf Benjamin Harrison zu übertragen. So ward er zum Kandidaten der Republikaner erkoren.

Die Gartenlaube (1888) b 868.jpg

Präsident Benjamin Harrison.
Originalzeichnung von C. Kolb.

Als das Resultat in der Union bekannt ward, war die öffentliche Meinung mit sich darüber im Reinen: der Wahlkampf sei von Anbeginn an entschieden. Auf der einen Seite Cleveland, der Amtsinhaber mit der ganzen Gewalt, die ihm das Amt in die Hand giebt, ein Mann, der im Großen und Ganzen die Erwartungen erfüllt hatte, die an seine Administration geknüpft waren, persönlich beliebt, der ohne Widerspruch Erkorene der Gesammtpartei. Auf der anderen Seite Benjamin Harrison, ursprünglich der schwächste Kandidat innerhalb seiner Partei, ein Mann, der es über eine Lokalberühmtheit kaum hinausgebracht hatte, dem man nachsagte, daß er von gewissen amerikanischen Schrullen nicht frei sei, wie dem Temperenzzwang, und daß er aristokratische Neigungen besitze, die der großen demokratischen Mehrheit unsympathisch seien. Harrison gegen Cleveland − es schien lächerlich, die Frage des Sieges überhaupt aufzuwerfen. Der Neuling gegen den Bewährten, der Unbedeutende gegen den Erprobten!

Vier Monate später, am 6. November, bei der Wahl selber, erfuhr die Nation, daß es in der Politik nichts Gefährlicheres giebt, als mit der Stimmung der Massen zu rechnen und sich auf sie zu verlassen. Benjamin Harrison hat den Gegner mit einer Mehrheit geschlagen, die selbst seine Anhänger in Erstaunen gesetzt hat.

Das ganze Vorleben Benjamin Harrisons ist dazu angethan, ihn als einen Mann erscheinen zu lassen, der überall da, wo er hingestellt wird, seine Pflicht in vollstem Maße thut, ohne sich jedoch in leuchtender Weise auszuzeichnen. Er ist von Beruf Advokat, ohne zu den unantastbaren Autoritäten des Landes zu gehören;er führte im Secessionskriege ein Regiment, ohne Gelegenheit zu finden, sich besonders hervorzuthun, und er hat als Politiker in seinem Staate stets in der Vorderreihe der Führer gestanden, ohne daß der Erfolg ihm mehr als vorübergehend treu gewesen. Aus gewöhnlichem Holze ist der Mann also nicht geschnitzt, der in allen Dingen doch verstanden hat, die grosse Zahl der Mitbewerber in dem Kampfe ums Dasein zu überragen. Aber es bedurfte doch noch eines besonderen Umstandes, um gerade ihn unter den anderen Präsidentschaftskandidaten zum Auserwählten seiner Partei zu machen.

Dieser besondere Umstand ist in dem Namen zu finden, den er trägt. In dem demokratischen Amerika giebt es zwar keine Aristokratie der Geburt; das Berufen auf die Ahnen soll in einem so jungen Lande schwer fallen. Das Entscheidende bleibt bei der Beurtheilung des Mannes sein eigen Thun und Lassen. Trotzdem läßt sich nicht verkennen, daß bei sonst gleichen Verhältnissen das Gewicht eines verdienten Namens schwer in die Wage fällt. Zahlreich sind die Träger des Namens Washburne, die es in der Union zu Rang und Ehren gebracht haben. In den Neu-Englandstaaten birgt der Name John Quincy Adams die Gewähr in sich, daß sein Träger hoch in der Gunst der öffentlichen Meinung steht. Robert Lincoln, der in verhältnißmäßig jungem Alter schon vor vier Jahren von einer starken Partei als Präsidentschaftskandidat in Aussicht genommen war, würde schwerlich dieser Ehre theilhaftig geworden sein, wenn er nicht der Sohn des unvergeßlichen Abraham Lincoln wäre, und der jetzt erwählte Präsident der Vereinigten Staaten, Benjamin Harrison, kann darauf verweisen, daß sein Großvater, William Henry, bereits dieses Amt innehatte und daß sein Urgroßvater Benjamin, nach welchem er genannt worden, zu den Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung gehörte, des amerikanischen Schiboleths, daß er ein direkter Abkomme eines der „Väter des Vaterlandes“ ist.

Die Verdienste seiner Väter haben ihm im Leben theilweise den Weg geebnet. Trotzdem ist er auch ein „self-made man“, der sich ehrlich und muthvoll durch gute und böse Tage hat hindurch ringen müssen. Er ist heute 55 Jahre alt, beträchtlich jünger als sein Großvater war, als er an die Spitze der Union berufen ward, der damals 67 Jahre war, oder gar als Sam. Tilden, den die Demokraten vor 12 Jahren in seinem achtzigsten Jahre zum Kandidaten proklamirten. Obwohl sein Großvater bereits in Indiana Gouverneur gewesen, wanderte sein Vater nach Ohio aus, wo Benjamin am 20. August 1833 in South-Bend, einem Vororte der Stadt Cincinnati, geboren wurde. Die Distriktsschule des Ortes, etwa unseren höheren Knabenschulen entsprechend, nahm ihn zuerst auf. Als er sie mit seinem fünfzehnten Jahre verließ, besaß er Vorbildung genug, um in die Miami-Universität zu Oxford im Staate Ohio einzutreten, in der er seine weitere Ausbildung erhielt und die, etwa auf dem Standpunkt unserer Gymnasien stehend, ihn nach drei Jahren mit Ehren entlassen konnte. Vor die Frage der Wahl eines Lebensberufs gestellt, entschied sich der jetzt Achtzehnjährige für die Jurisprudenz.

Nicht in langem Studium, sondern in sofortiger praktischer Arbeit, die dem Rechtsbeflissenen als „Lehrling“ in einem Anwaltsbureau sich bietet, gewann auch Harrison die Grundlage, um sich selbständig zu machen. Er war noch nicht 21 Jahre alt, als er sich „etablirte“. Mit klugem Blick wählte er Indianapolis im Staate Indiana als seine neue Heimath, die Stadt, in welcher sein Großvater damals noch in lebendigster Erinnerung stand. Er hat den Staat dann nicht mehr verlassen. In demselben Jahre heirathete er.

Derartige junge Ehen haben in der Union ebenso wenig Befremdliches wie in England. Als er im Jahre 1854 sein Stimmrecht zum ersten Male – 21 Jahre alt – ausübte, war er bereits Familienvater.

[870] Langsam nur entwickelte sich die Praxis des jungen Advokaten. Der Ausbruch des Bürgerkrieges sah ihn sofort in den Reihen der Kämpfer. Auf Veranlassung des Gouverneurs des Staates, Morton, hatte er eine Kompagnie geworben und avancirte schnell bis zum Oberst des Regiments. Erst kurz vor dem Friedensschluß, am 23. Januar 1865, wurde seinem Regiments, dem 10., die Gelegenheit, sich in einem Gefecht auszuzeichnen, und so konnte denn Harrison, zum Brigadier befördert, mit höherem militärischen Range beim Friedensschluß in das Privatleben zurücktreten.

Mit großer Energie warf er sich nun auf die Politik. Wie er vor dem Kriege schon für Fremont und Lincoln gewirkt hatte, so blieb er der republikanischen Partei treu, – treu ohne jedes „wenn“ und „aber“. Den Versuchen der hervorragenden Männer gegenüber, die unter der Führung von Sumner und Karl Schurz zuerst schon unter der Präsidentschaft Grants die republikanische Partei in sich zu reformiren suchten, blieb er das, was man einen „Maschinen-Politiker“ nennt. Er blieb bei der Fahne, auch wenn der Fahnenträger weidlich Angriffspunkte bot. Er blieb ihr standhaft treu, als die Zahl der mit ihrer Partei unzufriedenen Republikaner so anwuchs, daß sie im Jahre 1884 dem Demokraten Cleveland zum Siege verhalfen. Er „blieb bei der Stange“, auch als er bei der Gouverneurswahl im Jahre 1876 unterlag und als sein Staat, der stets ein schwankender gewesen, ihn im Jahre 1886 wieder fallen ließ, nachdem er ihn im Jahre 1880 in den Senat geschickt hatte. Im Senat gehörte er dem Ausschüsse für auswärtige Angelegenheiten an. Er befand sich durchaus in Uebereinstimmung mit der überwiegenden Mehrheit der gesammten Bevölkerung der Union, als er gegen die Chineseneinwanderung wirkte. So oft er als Redner auftrat, erwies er sich als ein scharfer Dialektiker und gewandter Sprecher.

Auf eines aber darf Harrison mit Recht stolz sein. „Wenn Du wissen willst, welch ein schlechter Kerl Du bist, so lasse Dich für ein Amt in Vorschlag bringen“ – das ist ein Satz, der in der amerikanischen Union mehr als ein Scherzwort ist. Tausende haben seine erbarmungslose Wahrheit an sich erfahren. Je höher der Preis, nach welchem man die Hand ausstreckt, desto eindringlicher, spähender wird das Durchforschen des Vorlebens des Kandidaten. Rücksichtslos wird in dasselbe hineingeleuchtet. Der Parteifanatismus macht nicht Halt an der geheiligten Schwelle des Privatlebens. Das Familienleben wird durchstöbert, und wo das grell hineinfallende Licht den leisesten Schatten zu finden glaubt, wird der kleinste Anhaltspunkt benutzt, um einen gleichgültigen Zufall zu einem Verbrechen aufzubauschen. Zwar die Regelmäßigkeit dieser Verfolgung benimmt ihr ein gut Theil ihrer Härte, aber überaus selten sind die Fälle, in denen davon Abstand genommen werden mußte, den Gegner zu verunglimpfen, weil er eben in seiner Persönlichkeit keinen Angriffspunkt bot. Und einer dieser seltenen Fälle liegt hier vor. Gegen die persönliche Ehrenhaftigkeit und Unantastbarkeit Harrisons ist niemals ein Wort laut geworden.

Zu seinem Siege aber hat die Unantastbarkeit seines Charakters nichts beigetragen. In diesem Kampfe hat es sich wieder in der Union nicht um Männer, sondern um Principien gehandelt. Hätte der Mann den Ausschlag gegeben, so würde die Wahl wohl auf Cleveland gefallen sein, dem selbst die Gegner nicht persönliche Achtung versagen und dessen liebenswürdiges Wesen ihm außerordentlich viele Freunde gewonnen hat. Harrison andererseits gilt, wie schon angedeutet, als ein zugeknöpfter Mann, dem das „Gemein-Machen“ mit der breiten Masse nicht willkommen ist. Nicht also der Mann hat gesiegt, sondern die Sache. Der in allen Kulturstaaten immer wieder auftauchende Streit zwischen Schutzzoll und Freihandel ist von dem noch im Amt befindlichen Präsidenten Cleveland wieder entfacht worden. Er hat vor Jahresfrist in einer Botschaft an den Kongreß sich, entgegen der bisherigen Politik des Schutzzolles, auf den Boden des Freihandels gestellt. Zwar wurde die Frage nicht in dieser Nacktheit aufgeworfen, aber immerhin bahnte der Präsident einen Uebergang zu großer Ermäßigung der Eingangszölle an. Und dieser Streitruf wurde von den Republikanern aufgenommen. Zwar sind die Parteien in Bezug auf wirthschaftliche Fragen auch in der Union nicht geschlossen. Es giebt demokratische Schutzzöllner und republikanische Freihändler, aber die ungeheure Masse der ausschlaggebenden Interessenten in den industriellen Distrikten wurde von den republikanischen Rednern überzeugt, daß der Freihandel den Ruin der Industrie, den Rückgang der Löhne, den Beginn des Arbeiterelends bedeute. Es ist nicht unsere Aufgabe zu prüfen, wie viel oder wie wenig Berechtigung diese Auffassung hat. Daß sie von den Stimmgebern der Union getheilt wird, beweist die Wahl Harrisons.

Am 4. März 1889 wird er in das Weiße Haus zu Washington einziehen. Was man von ihm hoffen darf? Das wird von der Wahl seiner Rathgeber abhängen. Wenn er Blaine zum Leiter des auswärtigen Amtes macht, dann ist nicht ausgeschlossen, daß während seiner Amtszeit die nicht überall glatten auswärtigen Beziehungen eine Verschärfung erhalten. Und es giebt viele, die da glauben, daß die Dankbarkeit gegen den Mann, dessen Wunsch der neue Präsident die Ernennung zum Kandidaten und dessen Eintreten für ihn während des Wahlkampfes er seinen Sieg verdankt, ihn zu dieser Ernennung zwingen wird.

Max Horwitz.