Waldemars Brautfahrt

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Autor: Julie Ludwig
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Titel: Waldemars Brautfahrt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, 52, S. 870–874, 883–886
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[870]
Waldemars Brautfahrt.
Novellette von Julie Ludwig.


Die Gartenlaube (1888) b 870.jpg

Spät abends in dem kleinen Orte angekommen, hungrig, müde, hatte sich Waldemar nach einem guten Abendimbiß und desgleichen Trunk sogleich zu Bett gelegt und die ganze Nacht gesund durchschlafen. Dennoch war es ein eigenthümliches Gefühl, mit welchem er erwachte, früher, als es zu seinem Zwecke nöthig war. Denn Besuche konnte man noch nicht machen und zu einem Spaziergang auf dem entlaubten Wall rings um das Städtchen war weder der Morgen, noch die „Promenade“ mit der Aussicht auf den wohlbekannten „Krautberg“ einladend genug. Ja, er kannte jeden Höcker auf dem bis obenhin in Feldquadrate eingetheilten Hügelrücken, der durch die weißbehängten Fensterchen zu ihm herein sah; das knarrende Hofthor weckte ihm Erinnerungen und auf der Treppe, die in den Unterstock des Gasthauses „Zum weißen Hirschen“ führte, wußte er genau die eine ausgetretene Stufe zu vermeiden. Ihn selbst schien niemand zu erkennen, weder der grau und griesgrämig gewordene Wirth, noch der jung und grün gebliebene Kellner. Auch sein Name, der freilich nicht zu den ungewöhnlichen gehörte, den er aber trotzdem mit einer gewissen Sorgfalt in das Fremdenbuch eintrug, erregte keinerlei Verwunderung in den beiden gleichmüthig darauf niederblickenden Gesichtern. Man hielt ihn offenbar für einen Handlungsreisenden, wie sie mitunter in das Städtchen kamen, um Geschäfte mit den kleinen Kaufleuten zu machen, und zwar, der „Promptheit“ der Bedienung nach, für einen „aus solidem, gutem Hause“.

„Um so besser!“ dachte Waldemar, strich sich durch den weichen Künstlerbart und reckte seine lange, etwas lässige Gestalt unwillkürlich strammer in die Höhe. Er befahl das Frühstück in die Fensternische, aus welcher man die Aussicht auf den Marktplatz hatte, und warf sich in den tiefen und bequemen Armstuhl, der seine hundert Jahre und darüber in derselben Ecke stehen mochte. Während die Zeit da draußen Throne stürzte und neue, niemals dagewesene errichtete, bestand hier jedes alte Möbelstück auf seinem angestammten Sitz und Erbe. Freilich: hätte man es gerückt, so wär’s zerfallen.

Das schienen auch die alten Häuser auf dem Markt zu wissen. Windschief und bucklig und sich gegenseitig aneinander haltend, wie sie den ziemlich großen Platz umsäumten, so hatten sie gestanden [871] seit Waldemar sich ihrer zu entsinnen wußte. Nur zwei Gebäude machten eine stattliche Ausnahme: der Kaufladen „Zum goldnen Engel“ und das Haus des regierenden Herrn Bürgermeisters. Von einem dieser altehrwürdigen Patrizierhäuser zum andern wanderten die Augen Waldemars mit einem Ausdruck, der seltsam zwischen Lachen, Spott und Wehmuth wechselte.

Ja, da saß er wirklich wieder in dem „gottverlass’nen Neste“ und es war ein just so grämlicher Dezembermorgen, wie er ihn oft und oft zur heimlichen Verzweiflung und schließlich, vor zwölf Jahren, zum Davonlaufen gebracht. O Goldner Engel! Deine immer offene Ladenthür, deine nassen Dielen, die Erbschaft jeder bäuerischen Beschuhung, dein Gemisch von Düften – – da stehe einer mit dem Drang des Göttlichen in seiner Brust, in dünnem Rock mit vorgebund’ner Schürze, und zapfe Oel und wiege Käse ab oder fische mit den verklammten Fingern einen Hering aus der durchaus nicht „göttlichen Salzfluth“! Nachdenklich blickte Waldemar auf seine Hände, die weiß und schlank mit wohlgepflegten Fingernägeln nichts mehr von ihrer einstigen Mißhandlung verriethen; dann warf er mit dem ihm eignen kurzen Ruck den Kopf zurück, als ob er damit alles Unliebsame von sich schüttelte, und lächelte von neuem vor sich hin.

Denn trotz alledem: es hatte doch auch hier im Reich der Spieß- und Ackerbürger in jedem Lenz einmal geduftet und geblüht, und er war jung gewesen hier – trotz alledem! Ohne Eltern und Geschwister, die er nie gekannt, doch aber Mündel des Herrn Bürgermeisters und Lehrling, später gar „Kommis“ im ersten Materialwaarengeschäft der Stadt, wie hätte er sich nicht manchmal „fühlen“ sollen? Besonders an den freien Sonntagsnachmittagen, wenn er den leeren Ladentisch zum Malen mit den schönen selbstgemachten Farben und als Modell die blonde Elsbeth hatte? Kaum zehn, elf Jahre zählend, blickte des strengen Vormunds holdseliges Töchterlein schon recht verständig aus den blauen Augen und zierlich drehte sie den feinen Kopf, das weiße Hälschen hier- und dorthin, wie er es verlangte; ja! sie erröthete schier jungfräulich, wenn er ihr versicherte, sie sei allerliebst und sie müsse einst sein Bräutchen werden.

Waldemar hatte sich eine Cigarre angezündet, doch sie war kalt geworden vor dem Gedankengang, der warm in ihm heraufstieg. Ein Reisender „in Zucker und Kaffee“, der nebenbei ein Schwärmer für die Kunst war, hatte seine „Studien“ gesehen und ein „vielversprechendes Talent“ darin entdeckt. Er rieth ihm, keine Zeit mehr zu versäumen und auf eine Kunstakademie zu gehen, Da war’s, was Waldemar in seinem dunklen Drang ersehnt, da war der Name für das Unausgesprochene, was ihn gequält: Kunstakademie und Maler werden! Er wußte, wo der Weg zu seinem Himmel war – und sollte ihn nicht gehen! Es half kein Vorstellen, kein Bitten, Flehen; Vormund und Lehrherr kannten ihre „Pflicht“. Was blieb dem Aermsten übrig, als davonzulaufen? mit Hinterlassung seines kleinen Vatererbtheils und, was schwerer wog, der blonden Elsbeth!

Sie war die einzige Vertraute seiner Flucht gewesen, ja sie hatte ihm mit einer Schlauheit und Geschicklichkeit dabei geholfen, die ihn jetzt, nach mancherlei Erfahrung in der Welt, noch wunderte. „Wenn ich reich und berühmt geworden bin, komm’ ich und hol’ Dich,“ hatte er gesagt. Er hörte noch ihr kinderhelles Lachen.

Reich und berühmt? War er es geworden? Was gab ihm, nach so langer Zeit, das Recht, hierher zu kommen? Waldemar, nachdem er umgeblickt und sich versichert, hatte, daß niemand außer ihm im Zimmer war, öffnete ein elegantes Taschenbuch und nahm eine Photographie heraus, die das Brustbild einer ganz entzückenden jungen Dame zeigte. Elsbeth! Das Kärtchen hatte der letzten Zinsensendung seines Vormunds beigelegen, ohne jede weitere Bemerkung, als die er aus dem hergebrachten Schlusse des alljährlichen Begleitschreibens: „Frau und Tochter lassen grüßen“, sich heraus las.

Es war eine Mahnung zu rechter Zeit gewesen, das hätte jeder in dem Blicke lesen können, den Waldemar nach einer längeren andächtigen Versenkung in das Bildchen an die Zimmerdecke und dann, den Irrthum merkend, durch das Fenster nach dem Himmel sandte. Durch den feinen Regen, der draußen unablässig niederstäubte, flimmerte es weißlich. Es waren leichte Federchen und Flöckchen, die auf den Steinen wieder auseinanderflossen, gleich verfrühten Hoffnungen der Menschen. Waldemar sah nur den Schnee. Ja, komm’ nur, Winter! dachte er vergnügt: „Junggesellen-Weihnacht – giebt’s nicht mehr.“

Wer den stillen, menschenleeren, feuchtumschleierten Platz an diesem trübseligen Dezembervormittag für den Marktplatz einer längstversunkenen Stadt gehalten hätte, der würde, wenn nicht früher, mit dem Schlage elf seinen Irrthum eingesehen haben. Denn kaum verzitterte der letzte Ton der Glocke, als sich das „Hauptportal“ zum „Weißen Hirschen.“ aufthat und ein moderner Herr in Handschuhen, mit Hut und elegantem Regenschirm heraustrat. Alsbald belebten sich ringsum die todten Häuser, Fenster knarrten und neugierige Gesichter tauchten auf, um blitzartig wieder zu verschwinden, sowie der Fremde unter seinem Schirmdach in die Höhe blickte. Ei guten Morgen, werthester Herr Kreisgerichtsamtsaktuarius! Ihr Diener, hochverehrteste Frau Stadtsyndikus! hätte Waldemar gewiß zu jeder andern Zeit mit landesüblicher Höflichkeit gegrüßt. Jetzt kam ihm wohl der flüchtige Gedanke, wie gut sich all die alten Leutchen hier gehalten hatten, aber sein Herz war nicht dabei, das flog den feinen Lackstiefeln voraus, die Mühe hatten, sich zwischen den zahllosen Wasseradern und Lagunen dieses Klein-Venedigs einen Schimmer ihres großstädtischen Glanzes zu bewahren.

Von Schritt zu Schritt, das heißt von einem See zum anderen, verfolgten ihn weitaufgerissene Augen und Hälse, die sich fast gefahrdrohend verlängerten. Ein Fremder, der nicht einmal um den Weg fragt! Woher er kommt? Wohin, zu wem er will? Aha! zum jungen Dittmann in den Goldnen Engel! Nicht doch – er geht zu Bürgermeisters!! Waldemar war wirklich einen Augenblick vor dem wohlbekannten Laden stehen geblieben und hatte zu dem frisch vergoldeten Genossen seiner „schönen Jugendjahre“ aufgesehn. Erst jetzt bemerkte er, daß auch das alte Schaufenster beseitigt und eine große Spiegelscheibe dafür eingelassen war. Demnach war sein sparsamer Prinzipal nicht mehr am Leben. Richtig! vom Pult des Alten, der seinen festen Platz am Fenster hatte, erhob sich eine weitaus jüngere Gestalt: Karl Dittmann. „Karlchen!“ hätte er fast laut gerufen, so sehr erfreute ihn das Wiedersehen des runden sommersprossigen Gesichtes, der peinlich ungekämmten semmelblonden Haare und des verlegenen hilflosen Zuges um den Mund des guten Jungen, den er und Elsbeth oft gehänselt hatten. Aber der Vierzehnjährige von damals war zu einem großem starken Mann erwachsen und die sonst so freundlich hellen Augen hefteten sich nachdenklich, ja fast finster auf den Fremden, der erst im Weiterschreiten, seinen Hut zog. Was war das? Hatte ihn der junge Mann erkannt? Und warum so feindlich? Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn vor ihm lag das Haus des Bürgermeisters.

Es war fast das einzige am ganzen Markte, an dessen Fenstern sich kein Kopf gezeigt, aus dem Grunde, weil die Familie noch in der Tiefe der geräumigen

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Wohnstube beim zweiten Frühstück saß. Waldemar gelangte ungesehen in den Hausgang, wo er sein Schuhwerk auf einer Binsenmatte reinigte, die ihm dieselbe schien, auf der er seine Erstlingsstiefel abgekratzt, und seinen Schirm in einen Ständer stellte, dem er mit Stolz einst seinen Konfirmationsregenschirm anvertraut hatte. In der Küche hörte er die Magd mit Kochgeschirr hantieren und aus dem Zimmer schallten Stimmen, unter denen er die fette heisere seines einstigen Vormundes unterschied. Es war ihm doch ein wenig wunderlich zu Muthe, als er an der wohlbekannten Thür anklopfte, vielmehr klopfen wollte. Denn in dem nämlichen Moment ward sie geöffnet und Kopf an Kopf, beinah zusammenstoßend, stand er vor einer schlanken weiblichen Gestalt, von welcher er zuerst nichts [872] sah, als Augen – Augen, so groß und so erschrocken in die seinen starrend und von einem so tiefen, weichen Sammetbraun, wie er sich nicht erinnerte, sie je gesehen zu haben.

War das – doch nein! wie hätten sich die himmlischen Vergißmeinnicht in dem bewußten rosigen Gesichtchen so verändern können? Ein leiser Schrei, vielleicht nur seinem aufgeregten Sinn vernehmbar, gab seinem Blick die Richtung in das Zimmer, und er sah noch eben, wie ein Köpfchen, von einer Art von Glorienschein umgeben, hinter der zunächst gelegenen Thür verschwand. Das war Elsbeth. So trug sie schon als Kind des Morgens ihr in Wickeln aufgerolltes Goldhaar, das nachmittags in Locken niederwallte. Vor ihm aber lag ein fremdes junges Mädchen auf den Knieen und sammelte, hochroth vor Beschämung, verschiedene Gegenstände wieder in ihr Körbchen, die ihr bei dem unerwarteten Zusammenstoß entfallen waren. Waldemar versuchte ihr zu helfen, als sie auch schon aufsprang, dankte und mit einer einladenden Handbewegung nach dem Zimmer flüchtig wie ein Reh an ihm vorüberglitt. Ein halb ärgerliches: „Na aber, Hilde!“ von einer scharfen Frauenstimme nachgerufen, verfehlte seines Zweckes, sie zu treffen.

So blitzschnell hatte sich die kleine Scene abgespielt, daß das behäbige Ehepaar am Tische erst jetzt Messer und Gabel auf die Seite legte und die Häupter, die ja zugleich die Oberhäupter der Stadt bedeuteten, majestätisch in der Richtung nach dem offenen Eingang wandte. Ihr Unwille, denn wenn der Hausherr überhaupt nicht Störung liebte, so am wenigsten beim Essen, verwandelte sich in die äußerste Verwunderung. Ein Fremder! Fast hatte es den Anschein, als ob die Mutter dem Beispiel der Tochter folgen und entschlüpfen wollte, denn sie war ebenfalls noch „unfrisirt“, doch besann sie sich und blieb würdig sitzen im Bewußtsein ihrer tadellos „getollten“ Morgenhaube, während Waldemar, sich leicht verneigend, lächelnd und mit ausgestreckten Händen auf die beiden zutrat.

Die große Wiedersehens- und Erkennungsscene – er mußte freilich dreimal seinen Namen nennen, ehe man ihm glaubte – war vorüber und das Bürgermeisterpaar schien aufrichtig erfreut, in dem stattlichen Manne mit dem offenen und doch so sicher weltmännischen Benehmen ihren einstigen Pflege- und Sorgensohn zu begrüßen. Die Verzeihung für seinen eigenwilligen Schritt von damals war brieflich längst erbeten und bewilligt, und da Waldemar so klug (oder so nachlässig) gewesen war, das kleine, durch Erziehungs-, Lehr- und Pflegegelder zusammengeschmolzene Kapital auch nach seiner Mündigwerdung – vorher hätte er es nie herausbekommen – in der Verwaltung seines Vormunds zu belassen, so fiel damit die einstige Befürchtung, er könne als ein Bettler wiederkommen, in nichts zusammen. Sein gutes Aussehen, seine „noble“ Kleidung – er hatte sich zu dem Besuche „fein“ gemacht – die Unterbrechung des gewohnten Einerlei, noch dazu an einem so langweilig trüben Regentage, that das Uebrige: kurz! er hatte einen über Erwarten freundlichen Empfang.

„Was wird Elsbeth sagen! Wo ist Elsbeth?“ Sie hatte doch noch eben hier gesessen! Man rief, man suchte. Endlich kam sie. Und mit ihr kam das Licht, die Sonne, ein ganzer Frühlingshimmel in die düstere Stube. Selbst der Vater machte große Augen, so intensiv leuchtete das wundervolle Blond der Locken, die im Nacken leicht zurückgebunden waren, über dem zartblauen Festgewand der Tochter. Er schüttelte den Kopf und schüttelte ihn auch dann noch fort, als ihm die kluge Bürgermeisterin zuflüsterte: „Du weißt doch, welchen Mittagsgast wir noch erwarten.“

Für Waldemar bedurfte es keiner Erklärung. Er war aufgesprungen. Mit der naiven Bewunderung des Naturmenschen, der er geblieben, und mit der Begeisterung des echten Künstlers, welcher er geworden war, trat er auf sie zu, indem er sich fast ehrfurchtsvoll vor ihr verneigte. Sie aber gab ihm erst die eitle, dann auch noch die andere Hand mit einem Lächeln, das ihn um seinen Rest von Fassung brachte.

„Elsbeth! Sie sind ja noch viel schöner, als –“

„Als auf Ihrem Bilde,“ hatte er sagen wollen, da, seltsam! legte sie den Finger flüchtig an die Lippen und blinzelte unter den langen Wimpern so schalkhaft und doch wieder ängstlich bittend zu ihm auf, daß er erröthend wie ein Schulknabe verstummte. Im nächsten Augenblicke wandte sie sich mit einem Scherzworte an die Eltern, behauptend, daß sie Waldemar sogleich erkannt, und zwar an seiner alten Art des Kopfaufwerfens. Er aber wußte, wer das Bildchen in den väterlichen Brief geschmuggelt hatte. Glückselig lachte er in sich hinein. Erst später fiel ihm ein: O Eva! Eva!

Auch Hilde ward gerufen und ihm vorgestellt: als seine Nachfolgerin im Amt, als Mündel. Als armes, setzte Waldemar für sich hinzu, denn trotz seiner Aufregung entging ihm nicht, in welcher mehr dienenden als töchterlichen Stellung das hübsche Mädchen sich im Haus bewegte – anmuthig genug, wie er sich sagte, in ihrem schlichten grauen Hauskleid mit der vorgesteckten blüthenweißen Schürze! Sie war die Waise eines jung verstorbenen Arztes, dessen edler äußerer Erscheinung er sich noch wohl erinnerte und von dem er wußte, daß sein Bildungsgrad hoch über dem der hiesigen „Honoratiorenwelt“ gestanden hatte. Blitzartig glaubte er auch einen Zug von geistiger Aehnlichkeit in dem runden, blühenden Gesicht der Tochter zu erkennen, doch überwog der erste Eindruck des Sanften, Seelenvollen in den Augen. Wenn sie sich nur einmal wieder so voll und groß hätten öffnen wollen, wie im Momente jener ersten gegenseitigen Ueberraschung!

Warum er dieses so hartnäckig wünschte mitten in der Verzauberung, die von seiner holden Jugendliebe ausging? Ja, Elsbeth war eine wirkliche Schönheit geworden, die Aufsehen machen mußte und machen würde, selbst auf einem der berühmten Künstlerfeste in D. Immer entzückter hing sein Malerauge an dieser zu ihrer höchsten glücklichsten Entfaltung gelangten Menschenblume, und im Geiste zog er schon die Linien der tadellosen Kopfform, des Profils, des stolz geschweiften Nackens, der ganzen herrlichen Gestalt auf Leinwand. Am liebsten hätte er Schön-Elsbeth in den Arm genommen, um augenblicklich mit ihr zu entfliehen aus dieser ganz und gar unkünstlerischen Umgebung, diesem armseligen Philisterneste, diesem – da blickte er, aus seinem stürmischen Gedankengang aufschauend, in das zu einem höchst bedenklichen Fragezeichen verlängerte Gesicht der Hausfrau, auf das „Oho!“ der hochgezogenen Augenbrauen seines künftigen Herrn Schwiegervaters, und er begann „fein bürgerlich“ zu werben, das heißt, seine „Verhältnisse“ vor dem spießbürgerlichen Elternpaare klar zu legen.

Dazu bedurfte es, um nicht mit der Thür ins Haus zu fallen, einer „diplomatischen“ Einleitung. Was war natürlicher, als daß er, an eine Frage seines einstigen Vormundes anknüpfend, die Geschichte des verlorenen Sohnes vom Tage seines Fortgangs an erzählte? Er that es, zu des Bürgermeisters sichtlicher Erleichterung, in durchaus humoristischer Weise. Man saß hier so gemüthlich um den großen runden Familientisch; der Wein, der einstweilen statt des fetten Kalbes für ihn aufgetragen wurde, floß so goldhell in die blanken Gläser, und aus der Küche drang eine so vielverheißende Musik von dumpfem Klopfen, Mörserklirren, Pfannenschieben, daß man gewiß nicht gern an einen gewissen jungen Hungerleider erinnert worden wäre. So ging denn der ehemalige Freischüler der Akademie zu D. gleichsam im Eiertanzschritt über die fast unmenschlichen Entbehrungen seiner ersten Studienzeit hinüber, bis er nach einer kleinen Pause, während welcher er nachdenklich in sein volles Glas gesehen, mit einem unwillkürlich tiefen Athemzuge fortfuhr: „Von da an hab’ ich nie mehr Noth gelitten, – der Amerikaner ist noch jetzt mein bester Kunde.“

Der Bürgermeister lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schloß die Augen bis auf eine kleine Spalte – ein Zeichen, daß sein Geist „arbeitete“. Plötzlich fuhr er auf: „Man hat doch Auslagen für – rechnen wir einmal: für Leinwand, Pinsel. Farben –“

„Und Oel und Terpentin,“ bestätigte Waldemar, über dessen ernst gewordene Züge wieder ein belustigtes Lächeln flog.

„Weiter“ – der Bürgermeister zählte an den Fingern – „das Atelier, ein bloßer Bodenraum, nach der Beschreibung, kostet –“

Waldemar nannte eine Summe, auf die der Frager ganz entrüstet in die Höhe blickte. Doch sah er wohl, daß Waldemar nicht log. „Für das – vermiethete ich hier mein ganzes Haus. Und nun: was wird für so ein Bild gezahlt? Was zahlte damals der Herr Amerikaner?“

„Zweihundert Mark,“ sagte Waldemar erröthend. Er wollte etwas hinzusetzen, erläutern, unterließ es aber nach einem kleinen [874] Seitenblick auf Elsbeth, die an ihrem goldenen Armband nestelte. „Welch dickes, häßliches, unkünstlerisches Armband!“ dachte er.

„Mit dem Rahmen?“

„Mit dem Rahmen.“

„Hm – und wie viel verkauft man jährlich solcher Bilder?“

Waldemar blieb ernst, so seltsam es auch um seine Augen und unter seinem dicken Barte zwinkerte und zuckte. „In einem Jahre mehr, im andern weniger, manchmal – gar keins,“ antwortete er leichthin, wobei er schalkhaft Elsbeths Augen suchte.

Aber sieh’! was war das? Statt des gehofften lächelnden Entgegenkommens dieser schönen Augen sah er sie einen Blick mit ihrer Mutter tauschen, der ihn stutzen machte, als ob er einen innerlichen Schlag bekommen hätte. So rasch sich auch die zarten Lider wieder senkten, er hatte genug gesehen, um mehr noch zu errathen. O Eva! Evastochter! quoll es in ihm auf. Zum erstenmale kam ihm der Gedanke, wie ähnlich sich die beiden Frauen sahen. Auch die Bürgermeisterin war in ihrer Jugend, wie man ihm oft erzählt, eine Schönheit ersten Ranges gewesen und – war eben die Frau Bürgermeisterin geworden. Ihr halbes Achselzucken schien zu sagen: Armer Schlucker! wird sich doch nicht etwa gar einbilden, daß – und das halbe Kopfschütteln der Tochter schien zu antworten – Was? blieb vor der Hand noch unentschieden, denn wie sein Blick im Fluge vergleichend zwischen den beiden Frauenköpfen hin und her ging, traf er unvermuthet auf den dritten und gerade in ein sammtbraunes Augenpaar hinein, das mit dem Ausdruck eines tiefgefühlten Mitleids auf ihm ruhte. Natürlich war es schon im nächsten Augenblick verschwunden. Fräulein Hilde hatte mehr zu thun, als hier zu stehen und einem zuzuhören, der seine Sache so verkehrt anfing; ihm aber blieb ein Nachglanz, wie von etwas Himmlischem, was er gesehen, eine Nachempfindung, wie von etwas Niegekanntem, Weichem, Warmem, das über ihn dahinstrich wie mit Mutterhänden – ja, so mußten Mutter- oder die Hände einer liebevollen Gattin wohlthun mitten in dem falschen Gaukelspiel des Lebens.

Fast schmerzhaft weckte ihn die Stimme des Bürgermeisters. „Hm“ – meinte er mit dem vergeblichen Versuch zu scherzen, „scheint mir denn doch eine etwas allzu ideale Existenz zu sein, die man sich statt des ehrenwerthen Handelsstandes da erwählt hat. Hängt in der Luft, hat keinen festen Boden. Wie anders, komm’ ich zu dem jungen Dittmann drüben, der schlägt die Bücher auf: hier Soll, hier Haben, hier die jährliche Bilanz! Alles klipp und klar! Beiläufig: ist der reichste Mann jetzt in der Gegend.“

„Und ein ganz hübscher, stattlicher dazu, wie ich gesehen,“ wandte sich Waldemar an seine schöne Nachbarin, die vor dem eigentümlich festen Blick erröthete.

„Bah, Karlchen!“ lachte sie und schwieg erschrocken, da es in demselben Augenblicke klopfte.

„Herein!“

„Ei, der Herr Nachbar!“ rief der Bürgermeister, und es war hübsch zu sehen, wie elastisch der kleine runde Herr aus dem massiven Sorgenstuhl aufsprang, mit welchem er bis jetzt verwachsen schien. Auch die Hausfrau ging dem neuen Ankömmling entgegen. Nur Elsbeth blieb in sichtlicher Unschlüssigkeit noch sitzen. Karl Dittmanns Augen überflogen unruhig die Scene. „Wenn ich störe,“ sagte er wie zögernd.

„Das wäre!“ polterte der Bürgermeister – „ein geladener Gast!“

Waldemar trat vor. „Wenn einer gehen müßte, wär’s der ungeladene; doch hoffe ich, daß wir uns vertragen werden,“ scherzte er, indem er sich dem Sohne seines ehemaligen Prinzipals in aller Form vorstellte und ihm aufs herzlichste die Hände schüttelte. Es lag etwas in seiner ganzen Art und Weise, was den jungen Kaufherrn ungemein beruhigte, während Elsbeth mit seltsamen Empfindungen auf den Mann sah, der sich so leicht – zu leicht, sagte sie sich zornig – in die veränderte Situation hinein fand. Oder deckte dieser Schein von Gleichmuth nur die innere Qual der Eifersucht?

[883] Elsbeth schaute dem Treiben ihres einstigen Vertrauten mit wachsendem Unwillen zu. Wie eilig er es hatte, dieser treulose Waldemar, der Hausfrau seinen Arm zu bieten, als man sich an die kleine Festtafel im Nebenraum begab! Wie unbefangen er sie, Elsbeth, als sein vis-à-vis am Tisch begrüßte! Und mit welch weltmännischer Gewandtheit er den Faden des Gespräches zu ergreifen und zu lenken wußte, um die Gesellschaft nach und nach auf den Ton der höchsten Heiterkeit zu stimmen! Nein! nein! das war nicht mehr der vulkanisch glühende Verehrer von vorhin, dieser von Witz, Humor, ja Uebermuth sprühende Genosse. Der Bürgermeister lachte Thränen, selbst die Hausfrau lächelte voll Würde, und was der allgemeine Frohsinn und der gute Wein aus „Karlchen“ machte – es war unerträglich!

Nur eine blieb scheinbar in ihrer Ruhe. Hilde waltete still ihres Amtes. Ihre Augen hoben sich nicht einmal nach dem fremden Gaste. Sie hatte auf Krystall und Porzellan, auf Braten, Sauce und Pudding zu achten, der plumpen Magd die Schüsseln abzunehmen und herumzureichen – kaum, daß sie nur einmal zum Sitzen kam, um mit dem Vormund auf die neue Kochmaschine oder mit Karl Dittmann auf fernere getreue – Kundschaft [884] anzustoßen. Denn die Toaste wurden immer ausgesuchter, und wer, außer einem, welcher noch dazu ein Fremder war, hatte eine Ahnung, wie viel an Poesie und dunkler Sehnsucht hinter dieser reinen Mädchenstirn verkümmerte? Waldemar lag freilich der Vergleich mit seinem eigenen Jugendlose auch am nächsten. Aber welcher Unterschied zwischen dem, wie er es einst ertragen oder vielmehr nicht ertragen hatte, und der Art, wie dieses Kind nur stets an seine nächsten Pflichten dachte!

Als man vom Tisch aufstand, hatte sich Waldemar die völlige Zufriedenheit der Hausfrau, das vergnügte Wohlwollen des Bürgermeisters und die dankbare Freundschaft von Karl Dittmann gewonnen. Wie hatte der junge, wohlsituirte Inhaber des Goldenen Engels sich diesen leichten, frohgemuthen Künstler überhaupt als ernsthaften Rivalen denken können? Noch niemals hatte Elsbeth seine Händedrücke inniger erwidert, noch niemals hatten ihre blauen Augen solche Flammen in

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„Hilde, leuchten!“

sein Herz geworfen, die weder Wein, noch der zuletzt aufgetragene Champagner löschen wollten. Da mußte etwas anderes geschehen, etwas großes, etwas, zu welchem er bei seiner angeborenen Bedächtigkeit noch nicht gekommen war – –

Draußen neigte sich der trübe Regentag zum Ende, drinnen wurden Lampen und Lichter angezündet – es ward Abend. Verlobungsabend! sagte sich Waldemar und wunderte sich selbst, wie zufrieden er das sagte. Nur dabei sein mochte er nicht grade. Hatte er schon vorher die wirklich herzliche Einladung abgeschlagen, im Bürgermeisterhause zu logiren, so widerstand er jetzt den Bitten um längeres Bleiben und empfahl sich, indem er Müdigkeit nicht bloß vorschützte. In gewissem Sinne war er wirklich müde.

„Hilde, leuchten!“ befahl der Bürgermeister, als Waldemar, nochmals nach allen Seiten grüßend, auf die Thür zutrat. Da – war es nicht, als ob Elsbeth an Stelle der Gerufenen das Licht ergreifen und den Jugendfreund geleiten wolle? Im nächsten Augenblicke lag die Hand – ob sie zurückgezogen worden war? ob sie sich selbst zurückgezogen hatte? – wieder rosig zart und lilienweiß, wie sie vorher gelegen, auf dem dunklen Polsterarm ihres Sessels, Karl Dittmann flüsterte ihr etwas in das Ohr und beide riefen ihm ein freundliches „Auf Wiedersehen!“ nach.

„Darf ich wiederkommen, Fräulein Hildegard?“ fragte Waldemar, als beide draußen in dem langen, dunklen, nur von der schwachen Lichtflamme erhellten Hausflur standen.

Verwundert sah sie zu ihm auf: „Ich soll es Ihnen sagen, ich?“

„Ja: Sie – allein!“ Er mußte wohl sehr deutlich, mehr mit dem Ton und seinem ganzen Wesen, als mit dem bloßen Wort gesprochen haben, denn da hatte er, was er vorhin gewollt, zum dritten Mal: den vollen Augenaufschlag Hildes. Aber wie verstanden diese sanften braunen Sterne auch das Lodern und Blitzen! Die Hand, mitsammt dem Leuchter und der ganzen weichen, biegsamen Gestalt des Mädchens zitterte vor innerer Erregung: „Herr – Herr“ – sie kam in Eile nicht auf seinen Namen – „wie können Sie so rasch vergessen – und verleugnen – was –“

„Was mich hergeführt? Ein Bild – ein Trugbild!“ unterbrach er sie tiefernst. „Aber Gott sei Dank! es giebt noch Echtes.“ Und ehe sie noch daran denken konnte, es zu hindern, hatte er schon ihrer freien Linken sich bemächtigt und küßte sie so zart und ehrfurchtsvoll, als ob die schlanken, festen Arbeitsfinger dem Händchen einer Königin gehörten. In diesem Augenblick erlosch die Kerze. Dafür floß heller Lichtschein aus der hastig aufgerissenen Stubenthür. „Hilde!“, rief es ungeduldig: „Leinwand! Wasser!“ Drinnen im Zimmer war etwas geschehen, Elsbeth hatte nicht allein ihr Glas zerbrochen, sondern sich auch noch die zarten Fingerchen daran verletzt. Waldemar schritt unbekümmert um das „Unglück“ mitten durch die Ueberschwemmung auf dem Marktplatz nach dem „Weißen Hirschen“.


„Das hat hart gehalten. Hilde, liebe Hilde! wie hast Du Dich so lang besinnen können?“

„Lang? – o Du Spötter! Aber – mußte ich nicht denken, daß – daß Du mich nur gewollt – aus –“

„Aus Rache?“ lachte Waldemar hellauf: „Und zum Racheengel wolltest Du nicht genommen sein, während ich es schon zufrieden war, wenn Du mich überhaupt nur nahmst. Denn gesteh’ es nur, es war allein das Mitleid mit dem armen Maler und ditto abgeblitzten Freier, aus dem das bißchen Liebe zu mir aufwuchs?“

„Das bißchen – o! Und wenn Du alles wüßtest –“

„Was alles?“

„Nichts.“

„Und die Alten! Hab’ ich kämpfen müssen! Am Ende hätte ich die eigne Tochter leichter noch bekommen –“

Hilde lachte, wurde wieder ernst: „Die Armen! sie würden sie in einer Art auch weniger vermissen. Elsbeth ist so verwöhnt.“

„Durch Dich. Nun, Dittmann junior wird auch dies Geschäft fortsetzen.“

Hilde schüttelte den Kopf: „Er ist nicht mehr so arglos, wie er war. Du, Waldemar! ich glaube, daß sie mich beneidet – trotz –“

„Trotz des ,unsich’ren Künstlerbrotes’, das mir Dein gewissenhafter Vormund so lange vorhielt –“

„Bis Du mir Dein väterliches Kapital verschriebst! Ich weiß es,“ sagte Hilde, nachträglich noch vor Scham und Unwillen erröthend.

„Er hatte recht. Du hast Dein Ja doch schließlich noch recht leichtsinnig verhandelt – Liebling!“

„Nun sieh’, da lachst Du mich schon wieder aus, Du Böser, Lieber, Guter, Allerbester!“ Hilde verbarg ihr glühendes Gesicht an seiner Brust, riß sich aber augenblicklich wieder los und blickte scheu umher, denn der Ort, an dem sie sich befanden, war ein Wartesaal und ringsum saßen oder standen einzeln und in Gruppen eine Menge Menschen, Reisende, gleich ihnen und die meisten mit dem Ausdruck ungeduldigster Erwartung. Einige hatten es sich auf Stühlen oder Sofas, bequem gemacht und ihre Sachen um sich her gebreitet, als ob sie hier zu übernachten dächten. Es waren die Resignirten der Gesellschaft, die hier eingeschneit dem Weihnachtsabend auf der einsamen Station entgegensah, statt ihn daheim oder im Kreise lieber Freunde zu erwarten.

Um so freudiger war der Tumult, als der Bahnhofsinspektor in den Saal trat und verkündete, die Bahn sei frei und wenn nicht neue Schneewehungen einträten, könne der Zug heute noch bis D. gelangen. „So telegraphir’ ich doch noch, daß wir kommen,“ rief Waldemar erfreut und wollte rasch nach dem betreffenden Bureau abbiegen, als ihn Hilde noch am Arm zurückhielt. „Wozu die alte Frau – es ist doch eine alte,“ frug sie schelmisch, „die Dein kleines Hauswesen besorgt? – so spät und am Ende doch umsonst bemühen! Ein Feuerchen ist bald geschürt und hier“ – sie wies auf die gebauschte Reisetasche – „ist für das erste Nöthige gesorgt. Wart nur, ich will Dir’s bald gemüthlich machen in Deinem – unserem Daheim,“ verbesserte sie rasch. „Sagtest Du etwas?“

Er hatte etwas sagen wollen, that es aber nicht, sondern wandte nur sein zuckendes Gesicht zur Seite, in welchem ein fast knabenhafter Uebermuth mit einer niegekannten Weichheit kämpfte.

[885] Sie blickte ängstlich zu ihm auf: „Was fehlt Dir?“

„Mir – nichts! Im Gegentheil – es ist zu viel – das Glück! Das Glück, daß ich Dich habe, Dich!“ jubelte es jetzt voll aus ihm heraus. Er preßte Hildes Arm fest in den seinen und schien nicht übel Lust zu haben, sie mitsammt der schweren Reisetasche, den Schirmen, Plaids und allem, was er sonst zu tragen hatte, wie ein verliebter Kirmeßbursche seine Tänzerin, ein wenig in die Luft zu heben. „Nimm’ Dich in acht mit Deinen Augen, Hilde! Ich weiß wahrhaftig sonst nicht, was ich thue,“ drohte er.

„Waldemar!“ – Welch köstliche Standrede in dem einen Worte! Er hätte sie dafür todtküssen mögen.

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„Ein Weihnachtsmärchen!“ dachte Hilde. Originalzeichnung von Fritz Bergen.

Ja, das Glück, das war es, was sie einsam zu zweien machte mitten in der Menge, die ungeduldig nach den Wagen drängte; es saß mit ihnen in dem überfüllten dunstigen Coupé und legte Rosenwolken um sie her mitten in der Schneewildniß, die sie durchfuhren. Dazwischen tauchten Lichter auf, verschwanden wieder, Christbäume leuchteten im Fluge aus der Fensterreih eines Städtchens; an jedem Bahnhof gab es Willkommsscenen zwischen sehnsüchtig Erwarteten und Wartenden – schließlich saßen die beiden fast allein im Wagen.

Endlich war D. erreicht. Sie stiegen aus und wandelten aus der mit blauem Mondlicht zauberhaft erfüllten Bahnhofshalle durch menschenleere, mitternächtige Straßen, zwischen Gärten, Anlagen und über Plätze; sie umgingen ein Gewirr von Häusern, Mauern und Fabriken, bis sich das weite, weiße Feld vor ihnen aufthat und die neue Villenvorstadt wie ein schöner, stiller Wintertraum, ein Märchen, gegen Berg und Wald hinan lag, Ein Weihnachtsmärchen! dachte Hilde; sie lauschte auf den schönen Gleichklang ihrer Tritte durch das tiefe feierliche Schweigen und erschrak, als käme nun das Ende, da Waldemar mit einmal stehen blieb, in seine Tasche faßte und ein kleines Schlüsselbund herauszog.

Doch es wurde nur noch märchenhafter. Sie standen vor einem reichverzierten Gitterthor, dahinter zwischen Bäumen und Gebüsch ein Haus mit breitem Treppenaufgang, mit Erker und Balkon geheimnißvoll hervortrat. In den hohen Fenstern, spiegelte sich der Mond, von Dach Und Simsen blinkten lange Eiszapfen wie Fransen und alles war so duftig, weiß und weich in den jüngstgefall’nen tiefen Schnee gebettet, daß Hilde kaum zu flüstern wagte: „Hier wohnst Du – wohnen wir? Dort oben – ach! wie schön!“ Sie hatte im Giebel ein großes halbrundes Fenster, der Beschreibung nach zu einem Atelier gehörig, und rechts und links davon zwei kleinere entdeckt. Zwei Stübchen! rechnete sie rasch – das war genügend; die Küche mochte nach dem Walde liegen – kühl und lauschig, ihr zukünftiges Atelier!

Lautlos schloß Waldemar das schwere Thor auf und lautlos schritten sie auf einem breiten, von weißvermummtem Strauchwerk eingefaßten Wege nach dem stillen Hause, dessen Thür ein zweiter, kleiner Schlüssel öffnete. Eine milde Wärme schlug den beiden aus der Frostnacht Kommenden entgegen und im Scheine eines kleinen Wachslichtes, das Waldemar entzündete, sah Hilde weißen Marmor an den Wänden glitzern, von dem sich dunkle Säulenbogen hoben. Auf einer breiten, schöngeschwung’nen Treppe mit Purpurläufern stiegen sie nach oben, „vorsichtig, daß sie niemand erweckten“, wie Hilde sich gleich ausbedungen hatte. Dann kam ein Korridor mit buntbemaltem Fenster, dem das schwache Lichtchen glühende Reflexe an den Metallbeschlägen einer alterthümlich reichgeschnitzten Thür entlockte. Sie führe zu den Wohnzimmern der Herrschaft, sagte Waldemar, indem er vor derselben stehen blieb, wie zögernd.

„Die sind wohl sehr schön?“ fragte Hilde schüchtern.

Er lächelte. „Willst Du sie sehen Liebling?“ Und ehe sie noch widersprechen oder fragen konnte, ob denn die Leute nicht zu Hause seien, hätte er auch diese Thür geöffnet und zog sie mit sich in einen Vorraum, in welchem es nach frischen Blumen duftete und die Umrisse von weißen Statuen aus Pflanzengruppen dämmerten. Muthiger – er mußte wissen, was er wagen konnte – und mit mehr und mehr erwachter Neugier folgte sie dem Gatten in die fremden und sie doch sofort anheimelnden Räume.

Das Wachslicht war erloschen, aber der Schein, der durch die halbgeschlossenen Gardinen von außen einfiel, war eben wie gemacht, um die wohnliche geschmackvolle Einrichtung halb zu zeigen, halb mit dem Reize des Geheimnißvollen zu umschleiern.

Da war als erstes rechts das Speisezimmer. Bis zur halben Höhe holzgetäfelt, schien es von da an bis zur Deckenwölbung eine kunstvoll gemalte Wein- und Roselaube vorzustellen. Hochlehnige, aus dunklem Holz geschnitzte Stühle, die um den festen Eichentisch standen, ein riesiges Büffet, von welchem Silber und Krystall aufblinkte, und ein Kamin, auf dessen Bronzegitter ein verirrter Mondstrahl zitterte, vollendeten die einfache, doch, wie Hilde dünkte, hochpoetische Einrichtung. Dann kam der Salon, mit einem Teppich, in den ihr Füßchen tief einsank. Sofas und Sessel wären aufs traulichste gruppirt, als ob sich eben eine

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heitere Gesellschaft da erhoben hätte; die hohen Spiegel und das Gold der Bilderahmen und Gaskronen durchleuchteten die Dämmerung des Raumes. Ein zweites, drittes Nebenzimmer folgte, alles gleich behaglich eingerichtet – zuletzt betraten sie ein Kabinett mit Bücherschränken und einem breiten Fenstersitze nach dem Walde. „Hier ergänzt ein glückliches Paar die Lücken seiner Bildung, denn sie hatten beide eine schwere Jugend,“ erklärte Waldemar. „Und hier“ – er schob wie zögernd einen schweren Plüschvorhang zur Seite – „hier ist das Heiligthum der jungen Hausfrau – Liebe, liebe Hilde!“ –

Weiter kam er nicht, denn Hilde hatte sich schon von ihm losgerissen und stand mit einem Ausruf des Entzückens in dem halbrunden mäßig großen Raum, durch dessen nur mit Spitzenwolken leicht drapirte Bogenfenster der volle Mond fast tageshell hereinschien. Die schönsten Rosen, sammetartig glühend, schienen aus der lichten Wand hervorzubrechen, dieselben leuchteten zu ihren Füßen auf dem Teppich, blühten und dufteten lebendig in den köstlichsten Gefäßen. Dazu zierlich gedrehte leichte Möbel, Sesselchen und Sofa, Schreib- und Nähtisch, Spiegel mit Konsolen, Ampeln mit zartem, grünem, lustigem Geranke – es war ein Frühlingstraum mitten im Winter.

„Gefällt Dir’s, Liebling?“ fragte Waldemar sehr leise. Es war, als schnüre ihm etwas die Kehle zu; doch auch ihr erstarb das Wort im Munde – vor Schrecken. Sie hörte Thüren gehen – Schritte – in dem stillen Hause wurde es lebendig – Man kam – man kam hierher! Und sie, als Eindringlinge! Es war gräßlich. Schamvoll flüchtete sie an die Brust des Mannes, der sie hierher geführt und der jetzt selbst ein wenig zu erschrecken schien. „Ich hätte Dir es eher sagen sollen, ich –“

Da fluthete auch schon ein greller Lichtschein um sie her und unter der zurückgeschlagenen Portière, den Armleuchter weit in das Zimmer haltend, stand ein weißbärtiger, verwitterter Gesell in langem Dienerrock, hinter dem zwei weibliche Gestalten, eine ältere und eine jüngere, in weißen Küchenschürzen sichtbar wurden. „Da haben wir’s: der Herr Professor!“ rief er ihnen zu. „Und die junge, gnädige Frau!“ flüsterten die Mädchen, die knixend und verlegen näher kamen.

„Und kein Empfang und keine Vorberatung!“ ergänzte der entlarvte „Herr Professor“. „Nicht wahr, die Kränze und Guirlanden liegen noch im Keller?“ lachte er.

„Ja wohl! Und wir, da sitzen wir tief hinten in der Küche und warten auf das Telegramm, und währenddessen –“

„Nicht ’mal den Wagen hat man rollen hören.“

„Weil er nicht gerollt hat,“ tröstete Waldemar. „Und telegraphiren – ging nicht,“ log er lustig. „Die bösen Schneeverwehungen! Ihr wißt –“

Ja, sie wußten, sie hatten in den Zeitungen gelesen und schrecklich Angst gehabt um ihren Herrn Professor und um die junge gnädige Frau. Und wenn sie nur geahnt, daß sie doch heute, am Christabend, noch kämen, so wäre eine gute Mahlzeit hergerichtet, jammerte die Köchin.

„Die große Weihnachtstanne hätte brennen und der Name überm Eingang hätte leuchten müssen,“ brummte Schmidt, der als ehemaliger „Maldiener“ die großen Künstlerfeste hatte „arrangiren“ helfen.

„Schad’ um Ihr großes Transparent da draußen auf der Treppe!“ bemerkte das freundliche Hausmädchen.

Schmidt war versöhnt. „So reden wir es! Mit Erlaubniß. ‚Es lebe unser hochberühmter Meister und sein junges Hausglück! Hoch!‘“ rief er mit einem Meisterstücke von Verbeugung gegen Hilde, die in ihrer Verwirrtheit und Verstummtheit unaussprechlich lieblich aussah.


Endlich waren sie allein. „Sei mir nicht böse, liebe, liebe Hilde!“ bat Waldemar, indem er zärtlich vor ihr niederkniete.

Sie schüttelte den Kopf: „Es war doch eine Täuschung, wenn auch – wenn auch –“

„Eine furchtbar nette, willst Du sagen?“

Da siehe! stand das Lachen und die Freude und die große, große Liebe wie eine Sonne wieder hinter ihren Thränen. Er küßte ihr die letzten aus den Augen.

„Nur eine Weihnachtsüberraschung!“ rief er fröhlich. „Mein erstes Christgeschenk an meine Frau. Das Häuschen, wenn es Dir gefällt, ist Dein. Villa Hildegard steht überm Eingang. Doch mußt Da mich darin mit wohnen lassen. Mein Atelier ist oben. Willst Du’s sehen?“

„Ja, Liebster! morgen!“

„Dann weihe ich Dich ein in meine Kunst, Du kleine Hinterwäldlerin!“

„O Du! Ich bin mehr eingeweiht, als Du wohl denkst. Deine Erstlingsbilder – ich fand sie ganz und gar verstaubt ’mal auf dem Boden – schmückten jahrelang mein stilles Stübchen. Ich habe sie mit eingepackt. Willst Du sie sehen?“

Waldemar fuhr sich mit allen Zeichen eines komischen Entsetzens durch die Haare.

„Ja, Liebste! morgen.“

O dieses „morgen“ mit seiner Perspektive reinster Freuden im Glanz und Glücke eines netten Daseins!