Bericht über die westaustralische Expedition des Mr. John Forrest

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Autor: Ferdinand von Mueller, Friedrich Ferdinand Kawerau
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Titel: Bericht über die westaustralische Expedition des Mr. John Forrest zur Aufsuchung der Spuren Leichhardt’s.
Untertitel:
aus: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Fünfter Band. S. 62–68
Herausgeber: Wilhelm David Koner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Dietrich Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Scans auf Commons Google
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[62]
III.
Bericht über die westaustralische Expedition des Mr. John Forrest zur Aufsuchung der Spuren Leichardt’s.
(Hierzu eine Karte, Taf. I.)


Nachstehender an den Consul Herrn Brahe gerichteter Brief des Herrn Dr. v. Mueller in Melbourne, sowie die dazu gehörige Originalkarte waren der Berliner Gesellschaft für Erdkunde durch die Güte des Bundeskanzler-Amts bereits im November 1869 zugegangen. Leider gestatteten die Verhältnisse es nicht, diese Mittheilung früher zu bringen.

Melbourne, im botanischen Garten, 5. September 1869.

Mit Bedauern, verehrter Herr Consul, habe ich Ihnen zu melden, daß die Gesellschaft der Reisenden, welche in diesem Jahre das Geschick Leichardt’s in Westaustralien aufzuklären hoffte, erfolglos nach den Spuren des Verunglückten gespähet hat. Aus der beifolgenden gedruckten Notiz werden Sie aber ersehen, daß, obgleich der Hauptzweck der Ausgesandten nicht erreicht wurde, doch bedeutende geographische Erfolge errungen sind, indem nämlich Mr. John Forrest muthig [63] so weit östlich vordrang, daß die Strecke neu erforschten Landes in ihrer Länge der Ausdehnung des Königreichs Bayern gleichkommt. Ich stelle einfach diesen Vergleich an, weil wir hier in der Berechnung der Distanzen oft nicht genügend das Gethane würdigen. Es ist doch immerhin ein Gewinn für die Kunde der Erde, wenn mit geringen Mitteln eine bedeutende Landstrecke geographisch genau aufgeschlossen wird. Die Skizze des Zuges des Herrn Forrest, sowie der kurze einstweilige Bericht, werden der Regierung, welche Sie hier so würdig vertreten, hinlänglich darthun, daß hier Nichts ungethan blieb, um die Wahrheit der Aussage der Eingeborenen zu prüfen, daß Dr. Leichardt östlich von Champion-Bay und nicht gar fern von den Niederlassungen gefallen sei. Wenigstens wird es der hohen Regierung Preußens einige Befriedigung gewähren, daß diese letzte Aufsuchungsreise (wie auch eine frühere) den Anlaß zu beträchtlichen geographischen Vermessungen gab, und ich möchte wagen, Ihnen vorzustellen, daß die Regierung der unbemittelten Colonie Westaustralien, welche allein die Kosten dieser Expedition trug, es wohl verdient, von dem Ministerium in Berlin einige anerkennende Worte zu empfangen. Der Oberst Bruce (Excellenz) als fungirender Gouverneur, der Honorable F. Barlee als erster Minister und der schon seit 40 Jahren als nautischer Capitain und General-Landmesser berühmte Captain Roe haben sich um den Plan dieser Reise vorzüglich verdient gemacht und die Mittel für dieselbe als Mitglieder der Colonial-Regierung votirt, während der junge Mr. Forrest auf’s Bravste seinen Zweck verfolgte, trotz der außerordentlichen Ungunst der Jahreszeit. Nach den Sammlungen von Pflanzen, welche die Parthie mitbrachte und welche mir von dem Hon. Captain Roe übersandt sind, gelang es Mr. Forrest bis an die Grenzen der Dickichte zu gelangen, welche Südwestaustralien im Innern umgeben, und durch diesen Durchbruch ist ein wahrscheinlich ganz offenes Land nach Osten hin dargelegt, denn die mir zur Untersuchung übersandten Pflanzen tragen ganz das Gepräge der Vegetation von Spencers Gulf an sich. In der Wahrscheinlichkeit liegt die Todesstelle Leichardt’s und seiner Gefährten (wenn nicht wirklich noch der eine oder andere von ihnen lebt) in mehr nördlichen Breiten, denn nach dem lebhaften Antheile, den Sie diesem Unternehmen immer widmeten, weiß ich, daß Ihnen Leichardt’s Plan vollständig bekannt ist, nach welchem der Unglückliche das Wüstenland des nun auch dahingeschiedenen Capt. Sturt umgehen wollte; und nach diesem Plane würden wir Leichardt in einer Position suchen müssen, mehr nördlich in Westaustralien, als an der Stelle, zu der die Eingeborenen uns lockten. Ich werde nun streben, die vielversprechenden Talente und die abgehärtete Buschmannsstärke des Mr. Forrest von Neuem [64] in’s Feld zu bringen, und zwar von den Quellen des Murchisonflusses (Breite 25° 30′ südlich, Länge 118° östl. Greenw.), in einer nordöstlichen Richtung. Meine Pläne sind noch nicht gereift für das neue Vorhaben, aber dessen möchte ich Ihre Regierung versichern, daß, soweit es in meiner Macht liegt, Nichts ungeschehen bleiben soll, um Leichardt’s Schicksal zu erkunden und damit gleichzeitig die große Aufgabe zu lösen, die der Unglückliche sich so hochherzig stellte und die bisher ungelöst blieb.

 Mit Ehrerbietung und Hochachtung

 verbleibe ich der Ihre.

 gez. Ferd. v. Mueller.

 M. D.



Von Perth aus, der Hauptstadt der Colonie West-Australien, begab sich im Juni des Jahres 1869, auf Anregung des Dr. F. v. Mueller, Directors des botanischen Gartens in Melbourne, eine Gesellschaft, bestehend aus sechs Personen mit 15 Pferden, auf den Weg, um nach Spuren des längst verschollenen Reisenden Dr. Leichardt zu suchen. Die eigentliche Veranlassung zu dieser Expedition gab die freilich sehr unsichere Kunde, welche der Colonist Mr. Monger im vorigen Jahre von den Eingeborenen eingezogen hatte, daß nämlich 15 Tagereisen weiter östlich von dem äußersten Punkte, welchen er erreichte, drei Weiße erschlagen worden seien[1]. – Die Gesellschaft stand unter der Leitung des Mr. John Forrest und kehrte im Anfang August zurück, nachdem sie im Ganzen 2000 Miles zurückgelegt hatte.

Mr. Forrest giebt über seine Route, welche auf unserer Karte ausführlich niedergelegt ist, in der „Perth Gazette“ vom 6. August folgende kurze Notizen: Von Waddowring (31° südl. Br. und 118° östl. Länge Greenw.) wandten wir uns zunächst in nördlicher Richtung über den Mount Churchman und kreuzten etwa unter 29° 21′ südl. Breite die Route Austin’s vom J. 1854; dann schlugen wir eine östliche Richtung ein bis 28° 51′ südl. Br. und 120° 30′ östl. L., wo wir nach der Aussage der Eingeborenen die Spuren von weißen Männern finden sollten. Nachdem wir das ganze Gebiet zwischen 28° und 29° 30′ [65] südl. Br. und 120–121° östl. L. genau, aber gänzlich erfolglos durchforscht hatten, beschloß ich, weiter ostwärts so weit als möglich vorzudringen.

Das Land, welches wir passirten, ist unbedingt das schlechteste, welches ich je in meinem Leben gesehen habe. Der ganze Weg bot kaum etwas Anderes dar, als „one vast thicket with the poorest soil, and no water“. Nur sehr selten trafen wir auf Striche von 50 bis 200 Acres, wo sich gutes Gras und Granitfelsen darboten. Diese sind aber natürlich viel zu unbedeutend, um zu Viehweiden verwendet zu werden, und enthielten auch kein permanentes Wasser, da selbiges meist nur in Felshöhlen vorgefunden wird.

Der äußerste Punkt, welchen wir am 2. Juli erreichten, liegt in 123° östl. L. Greenw. und 28° 40′ südl. Br. Dort trat eine Veränderung der ganzen Gegend ein. Der Granit, welcher fast immer mit Sicherheit auf Wasser hinweist, verschwand, und wir waren nur auf Regenwasser in den Vertiefungen angewiesen. Es lag freies, offenes Land um uns mit Triodia irritans und hohen Eucalypten. Dies waren die einzigen großen Bäume, welche uns zu Gesicht kamen, seit wir die angesiedelten Districte verlassen hatten. Aber kein Wasser!! Tommy Windich und ich entfernten uns auf sieben Tage vom Lager, und obgleich wir 200 Miles weit reisten, so waren wir doch jede Nacht ohne einen Tropfen Wasser. Ja, es kam vor, daß unsere Pferde sich 48 Stunden ohne dasselbe behelfen mußten, während wir in dieser Zeit nur einmal eine Kleinigkeit für uns selber auftreiben konnten. Regen fehlte fast auf der ganzen Reise, und die wenigen Tropfen, die fielen, waren ohne Nutzen für uns.

Die Rückreise erfolgte westwärts bis 119° östl. L. und 29° 8′ südl. Br., also im Ganzen auf der bei der Hinreise eingeschlagenen Route; von hier aber weiter westlich bis Damper War Spring (29° 16′ 32″), von wo ab sich die Reisenden südwärts wandten und am 2. August in Newcastle eintrafen.

Wir recapituliren hier Forrest’s Routier nach den auf der Karte eingetragenen Breiten-Bestimmungen:

Hinreise südl. Breite
°
Dwortwollaking 30 10
Danjinning 30 34
Coorbedar 29 24 43
Curdilyering 29 30 30
Farroo 29 22 3
Croobenyer 29 12 43

[66]

Hinreise südl. Breite
°
Retreat Rock 29 3 51
Lagerplatz (24. Mai) 28 57 48
Lagerplatz bei Yeadie Peak 28 58 50
Lagerplatz (27. Mai) 28 53
Lagerplatz 28 53 34
Two Springs 28 51 45
Depot Spring 28 36 34
Lagerplatz (19. Juni) 28 57
Lagerplatz (21. Juni) 28 55
Lagerplatz 28 53
Lagerplatz 28 51 19
Lagerplatz 28 50
Lagerplatz (2. Juli) 28 41 (123 östl. L.)
Rückreise (von dem Punkte aus, an welchem sich die beiden Routen trennen).
Lagerplatz 29 8 47
Lagerplatz 29 7 13
Meroin (20. Juli) 29 10 49
Pullagooroo 29 7 46
Bunnaroo 28 58
Am Fuße des Mount Singleton (23. Juli) 29 24 33
Lagerplatz 29 21 48
Damper War Spring (27. Juli) 29 16 32
Murrunggnulgo 29 37 20
Wandanno 29 57 14
Manginie Spring 30 31 43
Cooroo Spring 30 32

Von Dr. Leichhardt wurde, wie sich erwarten ließ, auch nicht die geringste Spur aufgefunden. Man beabsichtigt indeß, die Nachforschung noch nicht so bald aufzugeben, denn im März nächsten Jahres wird Mr. Forrest, falls die Colonial-Regierung, in deren Dienst er steht, ihm den Urlaub dazu gewährt, sich aufs neue mit einer auf sechs Monate ausgerüsteten Gesellschaft auf den Weg begeben. Die Reise soll dann aber von der Quelle des Murchison R. ab in der Richtung nach dem Golf von Carpentaria unternommen werden[2].

[67] Diesen Notizen fügt Herr Kawerau, welcher lange Jahre in Australien gelebt hat und als einstmaliger Regierungs-Geometer mit den dortigen Verhältnissen sehr vertraut ist, Nachstehendes hinzu:

Obgleich Mr. Forrest, ein tüchtiger, erfahrener und umsichtiger Buschmann, das ihm anvertraute Werk nach Maaßgabe der ihm zu Gebote stehenden Mittel, so gut es nur möglich war, durchgeführt hat so hätte er doch weit mehr erreichen können, wenn ihm statt Pferden einige Kameele zur Verfügung gestanden hätten, die sich bereits aufs Beste für das Innere von Australien bewährt haben. Hätte er statt Pferden 2 Satteldromedare auf seiner weiteren Excursion gehabt, so hätte er ohne Mühe dieselbe Distance in 2½ Tagen zurücklegen können, zu der er nunmehr 7 Tage gebrauchte.

Es giebt in der That keine Entschuldigung mehr dafür, daß man sich zu solchen Expeditionen nicht statt der Pferde der Kameele bedient, und man könnte es wirklich als strafbar bezeichnen, daß der Gebrauch von Pferden für solche Zwecke noch gestattet wird, während die Möglichkeit vorhanden ist, die Gefahr für Leib und Leben der Reisenden, der sie bei Benutzung von Pferden ausgesetzt sind, durch die Einführung von Kameelen zur Lokomotion durch Wüsteneien, wie Australien aufzuweisen hat, zu beseitigen.

Daß das Kameel zweckmäßig zu längeren Reisen als Reit- und Packthier in Australien ebenso gut wie in Afrika und Asien gebraucht werden kann, ist hinlänglich bewiesen. Nach der „Pastoral Times“ passirte unlängst durch Wilcannia eine Karavane von 65 Kameelen mit mehr als 30 Jungen, von 16 Arabern geführt, auf ihrem Wege von Adelaide nach dem obern Darling. Jedes dieser Kameele war mit 6 Centnern Waaren beladen, und nachdem dieselben auf den betreffenden Stationen abgeliefert worden, sollten sie mit Wolle beladen wieder nach Adelaide zurückkehren. Dieses sind die 26 Kameele, mit [68] ihrem Nachwuchs, welche für die Burke und Wills Expedition vor etwa 7 bis 8 Jahren in Melbourne importirt wurden, und die so bedeutende Vermehrung beweist, daß ihnen das Klima vollständig zusagt.

Wenn diese Thiere erst in hinlänglicher Anzahl vorhanden sein werden, müssen sie für das Innere von Australien den ganzen Verkehr vermitteln, nichts anderes kann ihre Stelle ersetzen! Das schwerfällige und langsame Ochsenfuhrwerk ist für lange Reisen jetzt eine Absurdität, Flußschifffahrt ist natürlich nur für gewisse Routen anwendbar, und selbst da kann man sich auf dieselbe wegen der Eigenthümlichkeit der Australischen Ströme nicht verlassen; so liest man jetzt wieder in den Inlandzeitungen, daß einer der Flußdampfer in den oberen Regionen des Darling festgehalten wird durch den niedrigen Wasserstand in jenem Flusse, und daß keine Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, daß derselbe vor nächstem Winter seiner Haft entlassen werden wird. Daraus erklärt sich die Schwierigkeit, die der Inland-Squatter so oft zu überwinden hat, wenn er seine Wolle zum Markte bringen will; oft liegen die Wollenballen am Flusse aufgestapelt während vieler Monate. Wenn hinreichend Kameele im Lande sein werden, wird eine solche Schwierigkeit nie wieder eintreten, ja selbst wenn im Verlaufe der Zeiten die eisernen Straßen mit ihren dampfschnaubenden Maschinen sich weiter in das Innere erstrecken werden, wird für den Verkehr seitwärts derselben das Kameel stets das geeignetste Medium bleiben.

In dieser Voraussicht wird von einflußreichen Seiten her jetzt in Australien die Anlage von Zücht-Gestüten für Kameele befürwortet, und dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, daß mittelst derselben es bald gelingen werde, den großen weißen Fleck in der Mitte Australiens von unsern Karten verschwinden zu sehen.

Anmerkungen

  1. Auf die Aussagen der Eingeborenen ist sehr wenig zu geben. Schlau wie sie sind, machen sie ein Geschäft daraus, allerlei Sensationsnachrichten zu überbringen, um sich auf diese Weise Nahrung, Kleidung, besonders aber Tabak und die beliebten Coppers (Kupfermünzen) als Belohnung leichter zu erbetteln, und verstehen es auch vortrefflich, dieselben immer nach Wunsch zu modificiren. Uebrigens sind sie gar nicht befähigt, irgend welche Zeitbestimmungen mit approximativer Genauigkeit anzugeben, da ihnen der Begriff davon fehlt.
  2. Wir entnehmen in Bezug auf diesen Plan aus einem an Herrn Dr. Petermann von Herrn Dr. v. Mueller u. d. 6. September gerichteten Briefe (Petermann’s Mitthl. 1869. S. 469) Nachstehendes: Eine leicht passirbare Linie von dem Murchison-Flusse [067] bis Carpentaria würde unverzüglich dazu führen, daß die ganze Westküste von den Squattern von Queensland aus okkupirt würde. Ist das Land völlig unwirthbar, was man nach dem, was ich selbst am Termination Lake der Gregoryschen Expedition im Jahre 1856 gesehen, nicht annehmen darf, so kann sich Forrest vor der heißen Jahreszeit wieder nach den Niederlassungen West-Australiens zurückziehen. Nach den Pflanzen, die mir von Lake Barlee und östlich davon gesandt wurden, nehme ich an, daß eine Landstrecke, ganz ähnlich der in der Nachbarschaft von Spencer-Golf in Süd-Australien, sich quer durch das ganze Australien hinzieht und daß es nur der Auffindung von permanentem Wasser bedarf, um den ganzen Strich zu okkupiren. Durch Abbrennung der Gebüsche, Aussaat perennirender Gräser und Weidekräuter und Senkung von Wassergruben und dann durch reguläre Beweidung läßt sich dieses Wüstenland wunderbar für Niederlassungen zugänglich und nutzbar machen. Uebrigens ist das Land in der neu proponirten Reiserichtung jedenfalls viel reicher an Wasser und viel freier von Gestrüpp als der Strich, längs dessen Mr. Forrest hinziehen mußte, um die Aussagen der Eingeborenen zu prüfen.