Beschreibung des Oberamts Besigheim/Kapitel B 14

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Klein-Ingersheim,
Gemeinde III. Kl. mit 631 Einw., worunter 9 Kathol. – Evangelische Pfarrei; die Kath. sind nach Ludwigsburg eingepfarrt.
Das Pfarrdorf Klein-Ingersheim, 11/2 Stunden südöstlich von der Oberamtsstadt oben an einem steilen, südöstlichen Neckarthalabhange gelegen, von dem man eine reizende Aussicht in großer Ausdehnung genießt, gehört zu den kleineren Orten des Bezirks. Die Wohnungen, welche gerade nicht ansehnlich, übrigens meist mit steinernem Unterstock versehen sind, stehen häufig sehr zweckmäßig, anstatt den Ortsstraßen, der entgegengesetzten (Südost) Seite zugekehrt; die| ziemlich reinlich gehaltenen, gekandelten Straßen, werden bei starken Regengüssen, wegen der etwas abhängigen Lage des Orts, von Zeit zu Zeit ausgewaschen und gesäubert. Gutes Trinkwasser liefern hinreichend drei laufende Brunnen, deren Abflüsse und der Zufluß einer am westlichen Ende des Dorfs befindlichen Quelle einen kleinen Bach bilden, welcher durch eine felsige Schlucht, in der er einige Wasserfälle bildet, dem nahe vorbeifließenden Neckar zueilt.

Die im Jahr 1601 im einfachen, spät-germanischen Style erbaute Pfarrkirche,[1] welche besonders an der Südseite mehrere Veränderungen erleiden mußte, hat nichts Bemerkenswerthes; der Chor fehlt und wird von dem unteren Stockwerk des Thurmes vertreten. Von dem aus 4 Stockwerken bestehenden Thurme sind die 3 unteren viereckigen, massiv aus Steinen erbaut, das vierte aus Holz erbaute bildet ein Achteck, auf dem ein mit Blech gedecktes Bohlendach sitzt. Von den zwei Glocken ist eine 1819, die andere 1850 gegossen. Die Erhaltung der Kirche steht der Gemeinde und der Stiftungspflege gemeinschaftlich zu. Der am östlichen Ende des Orts gelegene, mit einer Mauer umfriedigte Begräbnißplatz wurde 1606 angelegt: früher wurden die Verstorbenen in Groß-Ingersheim beerdigt. Das 1608 erbaute, gut erhaltene Pfarrhaus liegt etwas tiefer als der größere Theil des Orts an der Ostseite desselben mit freier Aussicht in das Neckarthal und bildet mit seinem Ökonomiegebäude, Hof und Garten einen wohlgeschlossenen, anmuthigen Pfarrsitz, der seiner Lage nach in die Reihe der schönsten des Landes gestellt werden darf. Die Unterhaltung des Pfarrhauses hat der Staat zu besorgen.

Das Rathhaus, auch die Schule und die Wohnung des Lehrers enthaltend, ist alt und befindet sich gerade nicht in dem besten Zustande. An der Schule unterrichtet nur ein Lehrer. Die sehr geräumige Ortskelter steht zwischen der Kirche und der Schule. Ein Gemeindebackhaus besteht seit 12 Jahren.

Am südöstlichen Ende des Orts, auf einem felsigen Bergvorsprunge, steht an der Stelle der alten Burg ein Schloß des Freiherrn von Wöllwarth, welcher hier auch ein in mehreren Parzellen auf der Markung zerstreut liegendes Gut besitzt. Das weißgetünchte, weithin sichtbare Schloß schließt einen kleinen Hofraum ein und ist nebst einem| Ökonomiegebäude, Grasgarten und Weinberg mit einer Mauer umfriedigt. Innerhalb des Schlosses steht an einer Seitenthür 1698, ferner ist an demselben ein Stein mit folgender Inschrift eingemauert: Caspar Nothaft von Havenberg (Hohenberg) Anna Maria geb.[2] … An der Nordseite des Schlosses befinden sich noch Spuren der früheren Burg, bestehend in den Überresten eines sehr alten Thurms und einer mit Strebepfeilern versehenen, Epheu-umrankten Ringmauer, welche dem Ganzen viel Malerisches verleihen. Die Aussicht von dem Schlosse gehört zu den schönsten des Bezirks; das Auge erblickt hier über das Neckarthal und das zu seinen beiden Seiten liegende, fruchtbare Flachland hinweg im Hintergrunde die Löwensteiner, Mainhardter, Murrhardter, Welzheimer Berge, den Schurwald, die Eßlinger Berge und den Schönbuch mit seinen Ausläufern bis zu der Warte bei Leonberg; hinter diesem Hügelkranze sind noch einzelne Partien der Alp, wie die Teck, der Breitenstein etc. sichtbar.

Die Einwohner, welche sich in mittelmäßigen Vermögensverhältnissen befinden und deren Haupterwerbsquellen in Ackerbau, Weinbau und Viehzucht bestehen, sind im Allgemeinen sehr fleißig und sparsam; vermöge der hohen, übrigens gegen Nord- und Westwinde dennoch geschützten Lage des Orts erfreuen sie sich einer dauerhaften Gesundheit und nicht selten eines hohen Alters.

Die ziemlich kleine, östlich größtentheils vom Neckar begrenzte Markung, ist, mit Ausnahme des steilen Neckarthalrandes, leicht gegen Osten geneigt und hat im Allgemeinen einen sehr fruchtbaren Diluviallehmboden, der dem Boden auf der Markung Groß-Ingersheim ganz gleich kommt, wie überhaupt auch die klimatischen und landwirthschaftlichen Verhältnisse von Klein-Ingersheim denen von Groß-Ingersheim so ähnlich sind, daß, um Wiederholungen zu umgehen, auf die Beschreibung des letztern Orts verwiesen werden kann. Nur in Beziehung auf den Weinbau liefert Klein-Ingersheim ein noch besseres, meist rothes Erzeugniß, welches sehr gut bezahlt und den besten Weinen des Landes an die Seite gestellt wird. Die günstigste Lage ist der südöstliche Abhang zunächst der Klein-Ingersheimer Mühle. Der Morgen erträgt 6–8 Eimer und die Preise eines Morgens Weinberg bewegen sich von 225 bis 800 fl.

Die Gemeinde besitzt 105 Morgen Laubwaldungen, welche in einem 18jährigen Umtriebe, als Niederwaldungen mit Eichen-Oberholz,| bewirthschaftet werden. Jeder Bürger erhält jährlich 15–20 St. Wellen, aus dem Oberholz werden durchschnittlich 200 fl. für die Gemeindekasse erlöst.

Die Pferdezucht ist ganz unbedeutend, dagegen die Rindviehzucht, welche sich mit einer guten Landrace beschäftigt, verhältnißmäßig sehr ausgedehnt; das Faselvieh, bestehend in 2 Farren, hat ein Bürger von der Gemeinde zur Verpflegung, wofür demselben neben der Nutznießung von 9/4 Wiesen 66 fl. jährlich gereicht werden. Die Schafzucht ist seit 4 Jahren abgegangen, und was die Haltung von Schweinen betrifft, so werden Ferkel von Außen aufgekauft und nur für den eigenen Bedarf gemästet. Die Zucht der Ziegen, wie die der Bienen ist ganz unbedeutend und Geflügel wird nur für das örtliche Bedürfniß gehalten. Das Fischrecht im Neckar hat die gegenüber liegende Gemeinde Höpfigheim, O. A. Marbach.

Außer der, von auswärtigen Kunden besuchten, mit sechs Mahlgängen und einem Gerbgang versehenen Neckarmühle, deren ansehnliche Gebäude eine freundliche, malerische Gruppe bilden, arbeiten die im Ort ansäßigen Professionisten nur für das nöthigste örtliche Bedürfniß; als Nebengewerbe wird noch Handspinnerei getrieben. Im Ort befindet sich eine Schildwirthschaft und ein Krämer. Eine Vicinalstraße führt nach Groß-Ingersheim. Die für die Schifffahrt hier angelegte Schleuße ist oben (S. 114) unter Besigheim erwähnt.

Über das Vermögen der Gemeinde, wie über das der Stiftungspflege, siehe Tabelle III; besondere Stiftungen sind: ein Kapital, dessen jährliche Zinse (12 fl.) zu Brod für Arme verwendet werden, und eine Schulstiftung zu Anschaffung von Büchern für arme Kinder.

Die Gemeinde ist im Besitze von 40 Morgen Güter, welche theils an ältere Bürger zur Nutznießung ausgetheilt, theils um 300 fl. verpachtet sind.

Auf der Markung befinden sich einige theils der Gemeinde, theils Privaten gehörige Muschelkalksteinbrüche.

Den großen, kleinen, so wie den Heu- und Öhmd-Zehenten, hatte früher das Collegiatstift Baden (Stiftsschaffnerei Besigheim) zu beziehen; an dem Weinzehenten gehörten einst der geistlichen Verwaltung Bietigheim 6/9, der Grafschaft Baden 2/9 und den Edelleuten von Marbach 1/9. Letztmals waren sämmtliche Zehenten dem Staatscameralamt Bietigheim zuständig, gegen welches dieselben nach den neuesten Gesetzen mit einem Capital von 9246 fl. 35 kr. abgelöst wurden.

Auch die sonstigen an dieses Cameralamt zu entrichten gewesenen grundherrlichen Abgaben an Heller- und Gebäudezinsen, Küchengefällen, Gülten, Landachten, Theilgebühren, Bodenwein und Laudemien, sind| theils nach den Gesetzen von 1836, theils nach den neueren Gesetzesbestimmungen zur Ablösung gekommen. Ebenso die Frohnverbindlichkeiten. Jetzt bezieht noch die Ortsstiftungspflege Geldgülten und Hellerzinse 2 fl. 46 kr. und der Freiherr v. Sturmfeder Hellerzinse 15 fl. 29 kr.

Der Ort, welcher früher kirchlich und politisch nach Groß-Ingersheim gehörte, erhielt schon 1591 eine eigene Pfarrei, worüber das Patronat und das Nominationsrecht der Krone zusteht (s. Groß-Ingersheim), aber erst 1829 einen eigenen Schultheißen.

Die hiesige Burg kam, noch ehe das Geschlecht der Herren von Ingersheim (s. bei Groß-Ingersheim) ausstarb, an die Markgrafen von Baden, welche sie an die Grafen von Zollern verpfändeten. Im Jahr 1341 verschrieb sie Graf Friedrich von Zollern mit seinen Brüdern an seine Gemahlin, Gräfin Adelheid, zum Leibgeding; aber bereits im Jahr 1344 waren Friedrich von Sachsenheim und seine Söhne die Besitzer, welchen übrigens das vorbehaltene Lösungsrecht von den Markgrafen von Baden zur Bedingung gemacht wurde (v. Stillfried und Märcker, Mon. Zoller. nr. 292, 303). So kamen die Herren v. Sachsenheim in den Besitz der Burg und der zugehörigen Güter, und es nannten sich z. B. im Jahr 1374 Hermann von Sachsenheim und im Jahr 1398 Fritz von Sachsenheim „von Ingersheim“.

Im Jahr 1425 übergaben die Württembergischen Statthalter an Friedrich von Sachsenheim, genannt Schwarzfriz, den Burgstall zu I., „als weit die Zarg und der Graben geht, welcher der Herrschaft Württemberg eigen Gut gewesen, daß er es fürohin zu Mannlehen trage und es der Herrschaft offen Haus bleibe“ (Steinhofer 2, 734). Von Friedrich von Sachsenheim erhielt Klein-Ingersheim als Württembergische Pfandschaft dessen Schwiegersohn, Konrad Schenk von Winterstetten, welcher im J. 1469 diesen Besitz in gleicher Eigenschaft an Georg von Nippenburg für 750 fl. verkaufte. Im J. 1482 veräußerte Graf Eberhard der Ältere von Württemberg Hansen Nothaft von Hohenberg den Burgstall I., wie ihn Bernhard von Nippenburg vorhin inne gehabt, um 1200 fl. mit Vorbehalt der Wiederlosung (Steinhofer 3, 359). Im Jahr 1533 verlieh K. Ferdinand Jörgen von Riexingen Klein-Ingersheim, wie es dessen Schwäher Ytel Nothaft sel. hievor zu Mannlehen gehabt. Am 8. Mai 1607 überließ Herzog Friedrich von Württemberg dem Geh. Rath Melchior Jäger von Gärtringen das Schloßgut zu Klein-Ingersheim gegen Güter und Rechte zu Gärtringen. Später kam es in den Besitz der Familie von Wöllwarth, welche es noch heut zu Tage besitzt.


  1. Die frühere Kirche, welche vermuthlich nur eine Kapelle war, „so hinter dem Flecken auf dem Rain gestanden“, wurde am 10. Juni 1601 von der ganzen Bürgerschaft abgebrochen, wofür ihr „gegen Abend neben einem Trunke, so ihnen aus des Heiligen Keller gegeben, zu Ergötzlichkeit um Brod bezahlt worden 54 kr.“ Der Bau der neuen Kirche kostete 1530 fl. 55 kr.
  2. Nach dem Todtenbuch von 1599 starb Anna Maria Nothäftin von Hohenberg, geb. von Jahrsdorf, Wittib, zu Klein-Ingersheim.


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