Beschreibung des Oberamts Biberach/Kapitel B 30

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30. Gemeinde Ochsenhausen,
bestehend in 7 Parzellen und 1565 Einwohnern.

1) Ochsenhausen, ein ehemaliges Benedictiner-Kloster und kathol. Pfarrdorf mit Marktgerechtigkeit, an der Landstraße von Biberach nach Memmingen, mit 1346 Einwohnern, 31/2 Stunden östlich von Biberach, Sitz eines K. Cameralamts und Forstamts. Die Grund- und Lehengefälle sowie die Zehenten bezieht der Staat. Das Patronat ist königlich.

Das Kloster, das während des fürstlich Metternichischen Besitzes den Charakter eines fürstlichen Schlosses führte, liegt auf einer Anhöhe, das Dorf am Fuße derselben im Thale an den beiden Rottum, die sich im Orte vereinigen. Beide zusammen nehmen sich sehr gut aus. Besonders ansehnlich sind die Klostergebäude, welche den Ort und das ganze Thal beherrschen. Derjenige Theil derselben, in welchem die| Conventualen wohnten, ist zu Privatwohnungen eingerichtet und vermiethet; in dem sogenannten Gasthaus ist die Wohnung des Oberförsters und Cameralverwalters. Die Wohnung des Prälaten ist nun das Pfarrhaus. Die Gebäude sind alle sehr gut und solid gebaut. Sehenswerth ist hauptsächlich die Klosterkirche, ein schönes, reich ausgestattetes und mit 15 Altären versehenes Gebäude. Sie wurde 1489 bis 1495 von dem Abt Simon Langenberger erbaut. In derselben befand sich ein ausgezeichneter Hochaltar von dem berühmten Meister Georg Sürlin in Ulm, der aber unter dem Abt Alphons 1664 gegen ein sehr mittelmäßiges Werk vertauscht wurde. Das vormalige Convent-Gebäude wurde von dem Abt Johannes Lang 1615 bis 1618 neu gebaut. Den schönen Bibliotheksaal und den Convent-Saal baute der letzte Abt Romuald Weldin 1783 bis 1789. Auf dem Gottesacker steht noch eine Capelle Sct. Veit. Sämmtliche Klostergebäude werden von dem Staat im Bau erhalten.

Auch das Dorf hat viele gute und meist von Stein aufgeführte Gebäude, unter den öffentlichen befindet sich ein Rathhaus, ein Kornhaus, ein Schulhaus etc. Pfarrkirche ist die ehemalige Klosterkirche und war es auch schon zu Klosterszeiten. Damals wurde auch die Pfarrei von einem Conventual mit zwei Gehülfen versehen. Nach der Säcularisation des Klosters wurde ein Pfarrer mit zwei Caplänen aufgestellt. Später wurden beide Caplaneien aufgehoben und in zwei ständige Vicariate verwandelt. Neben einer Elementar-Schule befindet sich in dem Orte auch eine Industrie-Schule mit einer Lehrerin.

Wie in allen Orten, in denen früher bedeutende Klöster bestanden, so gibt es auch hier viele Arme. Die Hauptnahrung ist die Landwirthschaft; aber das Clima ist rauh, und der Boden, der viel Sand- und Kiesgrund hat, von mittelmäßiger Ergiebigkeit. Übrigens hat Ochsenhausen auch viele Gewerbe, darunter 10 Leineweber, 10 Zimmerleute, 2 Dreher, 5 Schreiner, 2 Hutmacher, 1 Buchbinder, 1 Uhrmacher, Silberarbeiter, Wachszieher, Zuckerbäcker, sodann 1 Apotheke,| 6 Handlungen und 11 Kleinhändler, 6 Schildwirthschaften, 2 Speisewirthschaften und eine herrschaftliche Bannbrauerei, 4 Mahlmühlen, 2 Ölmühlen, 2 Lohmühlen, 1 Sägemühle und 1 Hammerschmiede, einen, jedoch nicht bedeutenden Frucht-Wochenmarkt und 4 Vieh- und Krämer-Jahrmärkte, welche ihm 1605 vom K. Rudolph II. verliehen wurden. Auch hat die oben angeführte Mineralquelle einer ländlichen Badanstalt ihre Entstehung gegeben. Die Gemeindekörperschaft besitzt eigene Waldungen und Allmanden, die aber im Besitze der Realgemeinde-Berechtigten sind, s. die Note S. 115, sodann S. 36 und 52. Der Ort hat auch nicht unbeträchtliche Stiftungen, und zwar

1) die Spital-Stiftung zu Goldbach für 18 Pfründen, an der alle Gemeinden der alten Herrschaft Ochsenhausen Antheil haben, s. unten. Die Stiftung rührt ohne Zweifel von dem Kloster her, welches auch das Deficit zu decken hatte, wenn der Grundstock zu den 18 Pfründen und zu Erhaltung der Gebäulichkeiten nicht zureichte. Jetzt trägt der Staat vertragsgemäß jährlich noch 500 fl. bei, Capital-Fond 14.755 fl.

2) Das landschaftliche Siechenhaus, für ekelhafte Kranke der altochsenhausischen Landschaft Dach und Fach ohne Verköstigung zu gewähren, Fonds 1000 fl.

3) Die Armen-Kasten-Stiftung für die altochsenhausische Herrschaft zur Unterstützung verschämter Hausarmen, der Fonds beträgt 7740 fl.

4) Die Bruderschafts-Stiftung für die Pfarrei Ochsenhausen, gestiftet unter Abt Johann Knuß 1468–1476, Capitalfonds 8734 fl. Sie war ursprünglich zu Anschaffung gewisser Bruderschafts-Insignien bestimmt, und wird jetzt verwendet zur Aufbesserung der Filial-Schul-Besoldungen, und zu Schulbüchern für arme Kinder; 50 fl. werden jährlich für die Industrie-Schule abgegeben.

5) Armen-Verein-Stiftung, besteht seit 1817, Capitalfond 765 fl. für Unterstützung von Hausarmen.

6) Stropp’sche Stiftung, 500 fl. für Hausarme 1833 gestiftet von Exconventual Leonhard Stropp.

7) Friedinger’sche Stiftung, 600 fl. für arme gewissenhafte Eltern in Ochsenhausen, gestiftet im Jahre 1830 von Placidus Friedinger.

Betreffend die Geschichte von Ochsenhausen, so verdankt| das Dorf sein Daseyn ganz dem Kloster. Die Geschichte des Klosters aber, oder der Reichsabtei Ochsenhausen, auch Kloster St. Georgen zu Ochsenhausen, Benedictiner-Ordens, genannt, ist folgende: Auf dem Hügel, auf dem das Kloster erbaut wurde, soll schon im 9. und 10. Jahrhundert ein Frauenkloster gestanden haben, das nach der Sage die Grafen zu Grünfurt (vermuthlich die nachher wieder vorkommenden Herrn v. Grünenbach bei Memmingen) gegründet haben. Dieses Frauenkloster wurde nun, wie die Sage erzählt, ums Jahr 955 von den Ungarn zerstört; die Klosterfrauen hatten sich zuvor schon nach Salzburg geflüchtet, vor ihrem Abzuge aber eine Kiste mit Chor- und Meßbüchern und Reliquien auf dem offenen Felde vergraben. Nach der Sage fand nun ein Pächter dieser Güter beim Pflügen, durch das Auftreten des Ochsen aufmerksam gemacht, jene Reliquien-Kiste. Die Nachricht von der Entdeckung verbreitete sich schnell und Jedermann eilte herbei, um mit eigenen Augen zu sehen; einer der ersten war der vertriebene Erzbischof Thiemo von Salzburg, der dem Fund selbst nicht fremd gewesen zu seyn scheint. Die Gegend war damals im Besitze des Ritters Hatto und seiner drei Söhne Hawin, Conrad und Adalbert, wovon nach den Ochsenhäuser Annalen der erstere auf dem Hochberg, der andere auf dem Hügel Burghalde genannt und der dritte zu Thannheim saß, während der Vater auf dem Gut Ochsenhausen selbst seinen Sitz hatte. Thiemo beredete den Ritter Hatto und seine Söhne, auf dem merkwürdigen Platze, wo die wunderbare Entdeckung gemacht worden, ein Kloster zu Ehren St. Georgs, von dessen heiligen Gebeinen Überreste in der Kiste aufbewahrt waren, zu stiften, und der Ritter ließ sich auch willfährig dazu finden. Der Erzbischof gab alsbald dem Bischof von Constanz und dem Abt Uto von St. Blasien Nachricht von dem, was vorgefallen, und forderte den Letzteren auf, zur Besetzung des neuen Klosters Mönche abzulassen. Uto machte keine Schwierigkeiten, er kam selbst mit einer Mönchs-Colonie und sorgte zugleich dafür, daß das neue Kloster als ein Priorat der Abtei St. Blasien unterworfen | wurde. Am 31. Dezember 1099 geschah die feierliche Bestätigung der Stiftung in Gegenwart einer sehr zahlreichen und glänzenden Versammlung.[1] Die Urkunde darüber wird gemeiniglich als die Stiftungs-Urkunde betrachtet, die eigentliche Stiftung war jedoch, wie aus der Urkunde selbst hervorgeht, schon einige Jahre früher vor sich gegangen.[2] | Nach Bertholdus Const. und dem Anhang zu Hermanns des Contracten Chronik stand schon 1093 die cella Ochsenhusana: Neugart Ep. Const. p. 426 und Gerbert Historia s. n. I. 249.

Zu dem in der angeführten Urkunde genannten Stiftungsgute kamen von Seiten der Stifter noch mehrere andere Güter und Rechte, als Spindelwag, Zell, die Kirchen und Güter zu Reinstetten, Roth, Thannheim, die Kapellen und Güter in Laubach, Wain (Westerwain) etc. Dem Beispiel der Stifter folgte der benachbarte Adel; die v. Laubach, v. Oberstetten, v. Grünenbach, die Grafen v. Montfort, v. Kirchberg, die Welfen. Alle trugen zur Vermehrung des Stiftungsgut bei. Kaiser Lothar II. bestätigte die Stiftung 1126 (Herrgott Cod. Prob. T. II. P. 1. p. 147), Papst Innocenz II. 1137, und nach ihm andere Päpste. Zweihundert Jahre lang blieb Ochsenhausen als untergeordnetes Priorat mit St. Blasien verbunden. Sein Propst Nikolaus Schmid brachte es endlich dahin, daß Papst Bonifaz IX. durch Bulle vom 14. Februar 1391 das Kloster zur selbstständigen Abtei erhob. Nikolaus Faber, oder Schmid, der Elfte in der Reihe der Priore, wurde nun der Erste in der Reihe der Äbte. Das Kloster blühte jetzt immer mehr auf und bald wurde es eines der reichsten in Schwaben. Wie an Besitzungen nahm es auch an Rechten und Freiheiten zu: Kaiser Wenzel verlieh ihm 1397 das Recht, seinen Vogt selber nach Gefallen zu wählen, und befreite es zugleich von auswärtigen Gerichten, K. Friedrich III. verlieh ihm 1488 den Blutbann, andere Kaiser bestätigten und erweiterten die Rechte und Freiheiten des Klosters, und ohne Schwierigkeiten nahm es den Rang einer unmittelbaren Reichsabtei und eines Kreis- und Reichsstandes ein.

| Die Äbte waren meist gute Haushälter; in der ganzen Geschichte des Klosters findet man nur ein bemerkenswerthes Beispiel von Veräußerung, den im Jahre 1570 aus Noth vorgenommenen Verkauf der Herrschaft Wain. Dagegen hatten Künste und Wissenschaften dem Kloster nicht sonderlich viel zu verdanken. Doch fehlte es nicht an einer schönen Bibliothek, auch hatte das Kloster bis zu seiner Auflösung ein von dem Abt Johannes Lang 1613 gegründetes Gymnasium. Die Unterthanen mögen nicht sehr mild behandelt worden seyn. Darum suchte sich die Unzufriedenheit hier auch lange vor dem allgemeinen Bauernaufruhr Luft zu machen. Nachdem das Feuer mehrere Jahre lang unter der Asche geglimmt hatte, brach es endlich 1501 in hellen Flammen aus: 38 Ortschaften erhoben sich und verlangten mit gewaffneter Hand Abstellung ihrer Beschwerden. Der Prälat suchte Hülfe bei dem Schwäbischen Bund und fand sie auch, aber er fand sie nur so weit, als recht und billig schien. Unter Vermittlung des Bundeshauptmanns Georg v. Freyberg-Steußlingen, der Städte Ulm und Memmingen und des Fürstabts Johannes von Kempten wurde 1502 ein Vergleich abgeschlossen, der Unterthanen-Vertrag genannt, wodurch die Lehensverhältnisse näher bestimmt und ausgemacht wurde, daß die Lehen künftige Erblehen seyn und heißen sollen und verkauft und vertauscht werden können, daß alle fahrende Habe die eigenen Leute ohne Heimfall erben sollen. Durch diesen Vertrag erreichten die Ochsenhauser Bauern, um was ihre Genossen 25 Jahre nachher vergeblich kämpften; auch Beholzungs-Rechte wurden den Unterthanen durch den Vertrag eingeräumt, und es wurde dadurch der Grund zu dem eigenen Waldbesitze gelegt, der ihnen für jene Rechte 1786 und 1788 durch die sogenannten Holz-Abtheilungs-Verträge überlassen worden, s. S. 36 und 115. Manche Anfechtungen erlitt das Kloster durch die Reformation. Zwar schreibt ein frommer Annalist: „Gott sey ewiger unendlicher Dank, daß in territorio Ochsenhusano nichts dergleichen ketzerisches lutherisches Gift ist angesäet worden;“ gleichwohl erhielt das Kloster 1546 von der Stadt Ulm, | als seinem Schutzherrn, Ulmische Besatzung; der Klostervogt Johannes von Thierberg wurde entfernt und ein evangelisch Gesinnter an seine Stelle gesetzt, ein evangelischer Prediger wurde von Ulm berufen, um die neue Lehre in der Kirche zu Ochsenhausen zu verkünden. Nur einem Prälaten, wie Gerwick Blarer – Bruder des berühmten Reformators Ambrosius Blarer – der zu seiner Prälatur Weingarten 1547 auch noch die von Ochsenhausen übernahm, war es möglich, dem einbrechenden Strom Einhalt zu thun und das Kloster und sein Gebiet in seinem Wesen zu erhalten.

Schwer drückte auch der 30jährige Krieg auf das Kloster: Theurung, Hungersnoth, Pest, Plünderung und alle Plagen dieses verheerenden Kriegs trafen auch Ochsenhausen. Aber unbegreiflich schnell erholte sich das Kloster auch von dieser unglücksschweren Zeit wieder.

Die Vogtei betreffend, so stand das Kloster sowohl mittelbar als Priorat, als auch später als selbstständige Abtei unter dem Schutz und Schirm von Kaiser und Reich, und genoß, wie schon oben gezeigt worden, die Freiheit, besondere Vögte selber zu wählen. Man findet daher auch in früherer Zeit zwar mehrere Klostervögte, Kasten- und Gerichts-Vögte, aber keine Schutz- und Schirms-Vögte, etwa den Mitstifter des Klosters, Rudolph v. Bregenz ausgenommen, der als erster Vogt des Klosters erscheint. Längere Zeit waren die v. Schellenberg im Besitze der Klosters-Vogtei; sie hatten solche als Lehen von dem Kloster Ochsenhausen und dem Abt zu St. Blasien inne, bis das Kloster sie im Jahre 1367 um die bedeutende Summe von 4250 Pfund Heller wieder an sich brachte. Neben ihnen gab es auch noch einzelne Localvögte. In der Folgezeit ließ das Kloster die Vogtei durch eigene Beamte verwalten, wozu es gemeiniglich einen von dem Adel aufstellte. Zu seiner Sicherheit hatte sich das Kloster, wie es scheint im 15. Jahrhundert erst, in den Schutz und Schirm der Reichsstadt Ulm begeben, mußte aber, als die österreichische Regierung zu Innsbruck den Versuch machte, auch Ochsenhausen unter die Botmäßigkeit der Landvogtei Schwaben| zu bringen, diesen aufkünden, und wurde dagegen 1548 von dem König Ferdinand I. in den Schutz und Schirm des Hauses Östreich, jedoch mit dem Zugeständniß aufgenommen, „daß das Gotteshaus mit allen seinen Privilegien und Freiheiten, altem Herkommen, hohen und niedern Obrigkeiten und Gerichten wie bisher als ein Frei des heil. Röm. Reichs Gotteshaus nichts desto weniger seyn und bleiben solle.“[3] Dabei blieb es auch bis zur Auflösung des Klosters, und dieses hatte nur ein jährliches Schirmgeld von 60 fl. zu bezahlen.

Das Gebiet des Klosters umfaßte:

1. Das Amt Ochsenhausen mit Aichen, Bachen (Edenbachen) Bechtenroth, Bellamont, Brunnen, Eichbühl, Ehrensberg, Englisweiler, Erlenmoos, Füramoos, Goppertshofen, Hattenburg, Hirschbrunn, Laubach, Mittelbuch, Oberstetten, Ochsenhausen, Reinstetten, Ringschnait, Rottum, Schlotterthal, Steinhausen, Winterreuti, St. Annahof, Badhof, Emishalden, und Löhlis, theilweise Simmerts und Wasenburg; sodann noch im Oberamte Leutkirch: Eichenberg, Ergach, Grabenmühle und theilweise Unteropfingen, und im Oberamte Wiblingen: Schöneburg;

2. Amt Ummendorf mit Horn-Fischbach, Bebenhaus Häusern, Kemnat, Buschhorn, Möselsberg, Rehmoos, Rückweg und Winkel;

3. Amt Sulmetingen mit den beiden Sulmetingen, Mittenweiler und Niederkirch;

4. Amt Thannheim mit den im Oberamt Leutkirch gelegenen Orten: Schloß und Dorf Thannheim, Ober-Opfingen und 1/3 von Berkheim; die Weiler Arlach, Bonlanden, Egelsee, Haldau, Hammerts, Krimmel, Kronwinkel, Oberzell, Schönthal und theilweise Kirchdorf etc., ferner Oyhof und Rohrmühle, endlich das jetzt zum Königreich Baiern gehörige Pfarrdorf Winterrieden;

| 5. Das Gericht Hummertsried im Oberamt Waldsee, bestehend aus Hummertsried, Aspach und Klingelrein; eine Ritterherrschaft, die dem Amt Ochsenhausen zugetheilt war. Außerdem besaß das Kloster noch das Schloßgut Herschberg am Bodensee; Güter, Gefälle und Rechte in fremden Gebieten. Die Bevölkerung wurde auf 11.000 Einwohner, die Einkünfte auf 100.000 fl. geschätzt. In dem Reichsdeputations-Recesse wurden sie zu 87.800 fl. angenommen; von der Württ. Organisations-Commission aber wurde 1806 der damalige Metternich’sche Antheil, d. h. Ochsenhausen nach Abzug der Ämter Sulmetingen und Thannheim, also etwa 2/3 des Ganzen zu 73.112 fl. reinen Ertrag berechnet. Die Besitzungen waren zum größern Theil reichsunmittelbar, verbunden mit Landeshoheit, hoher und niederer Gerichtsbarkeit und dem Blutbann, der dem Kloster noch 1706 von K. Joseph I. in allen seinen (damaligen) Besitzungen verliehen wurde. Forstherrlichkeit und Jagdbarkeit waren eine Zugehörde zu der Grafschaft Kirchberg, wurden aber von den Grafen von Kirchberg 1669 für 11.000 fl. ebenfalls an das Kloster verkauft, mit Ausnahme der später erworbenen Herrschaften Sulmetingen. S. Ortsbeschreibung. Einzelne Theile (namentlich die Ritterherrschaften Hummertsried, Horn-Fischbach, Unter-Sulmetingen) steuerten zur Ritterschaft, die übrigen zum Kreis und Reich, die letzten hatten ihre eigene Landschafts-Kasse. Der Titel des Prälaten war: der Hochwürdige, des heil. Röm. Reichs Prälat und Herr, des unmittelbaren freien Reichsgotteshauses Ochsenhausen regierender Abt, Herr der freien Reichsherrschaften Thannheim, Ummendorf, Ober- und Unter-Sulmetingen, auch Horn und Fischbach. Der sechsundzwanzigste und letzte Prälat war Romuald Weldin, der Erbauer des schönen Bibliothek-Saals und des Convent-Saals. Durch den Reichsdeputations-Schluß von 1803 wurde das Gebiet zur Entschädigung der westphälischen Grafen Metternich-Winneburg, Schäsberg-Kerpen und Sinzendorf-Rheineck verwendet. Metternich erhielt über 3/4, nämlich das ganze Abteigebiet mit Ausnahme des Amts Thannheim, Schäsberg | das Amt Thannheim, mit Ausnahme des Dorfs Winterrieden, Sinzendorf das Dorf Winterrieden. Der Ertrag des Metternich’schen Theils war zu 70.000 fl., der des Schäsberg’schen zu 15.300 fl. und der des Sinzendorf’schen zu 2500 fl. angeschlagen. Dafür hatten aber jährliche Renten zu übernehmen: Metternich 20.000 fl. und zwar an den Grafen von Aspermont-Baind (jetzt Salm) 850 fl., an den Grafen von Quadt-Isny 11.000 fl. und an den Grafen v. Wartemberg-Roth 8150 fl.; Schäsberg 2000 fl., nämlich an den Grafen von Sinzendorf 1500 fl. und an den Grafen von Hallberg 500 fl. Die neuen Besitzungen erhielten die Eigenschaften und Vorzüge der verlornen: das Dorf Winterrieden wurde daher eine Burggrafschaft, Thannheim und Ochsenhausen wurden Grafschaften. Nach einem Kaiserl. Commissions-Decret, das zur Herstellung der Religions-Gleichheit die Einführung mehrerer katholischen Virilstimmen auf der Reichsfürstenbank des Reichstags beabsichtigte, sollte auch für Ochsenhausen eine solche Virilstimme geschaffen werden, und der Graf v. Metternich wurde aus dem Grunde, wie mehrere andere Reichsgrafen, 1803 in den Reichsfürstenstand erhoben; es kam aber nicht mehr zur Ausübung des Stimmrechts im Reichsfürsten-Collegium. Indeß wurde die fürstliche Besitzung Ochsenhausen bald Herrschaft, bald Grafschaft, bald reichsgefürstete Grafschaft, bald Fürstenthum genannt. Fürstenthum heißt sie in den Würtembergischen Staatshandbüchern bis 1815, und König Friedrich nannte sich „Fürst von Ochsenhausen“ und später „Oberherr des Fürstenthums Ochsenhausen.“ Durch die rheinische Bundesacte wurde Ochsenhausen unter würtemberg. Landeshoheit gestellt und am 12. September 1806 durch den franz. General Börner dem K. würtembergischen Commissär Freiherrn v. Maucler übergeben. Die Schulden, welche das Kloster hinterlassen, waren trotz der vorangegangenen schweren Kriegszeiten nicht bedeutend, sie betrugen 48.700 fl., während die Activa 105.250 fl.| betrugen. Dagegen lag eine bedeutende Schuldenlast auf der Landschafts-Kasse und noch bedeutendere Schulden – 335.000 fl. Capital und 21.950 fl. rückständige Zinse, – brachte der Fürst zu Folge des Reichsdeputations-Schlusses von seinen vormaligen überrheinischen Gütern seinen neuen Besitzungen zu. Nach der würtembergischen Besitzergreifung 1807 hatte Ochsenhausen nach Abzug eines Activum von 69.600 fl. eine Landschaftsschuld von 555.000 fl., wovon im Jahr 1821 350.000 fl. auf die Staats-Kasse übernommen wurden. Bei dem Ausbruch des französisch-österreichischen Kriegs 1809 wurde das Fürstenthum von König Friedrich in Beschlag genommen, 1810 aber seinem Besitzer zurückgegeben. Schon im Jahre 1805 hatte der Fürst v. Metternich das Amt Sulmetingen an den Fürsten von Thurn und Taxis verkauft, s. u. Durch Vertrag vom 14. November 1808 löste der Fürst die Wartembergische Rente ab, indem er dem Grafen v. Wartemberg-Roth die Orte Bechtenroth, Ergach mit Halden, den Antheil an Emishalden und Eichenberg, Grabenmühle, Waldungen etc. abtrat.

Im Jahre 1825 verkaufte Metternich die ganze noch übrige Besitzung mit Ausnahme des Schloßguts Herschberg, im Ganzen 14 Dörfer, 15 Weiler und 14 Höfe an die Krone Würtemberg für die Summe von 1.200.000 fl., gegenseitige Forderungen wurden aufgegeben, die auf der Besitzung haftenden Renten wurden vom Staat übernommen. Somit verschwand eine der bedeutendsten Besitzungen aus der Reihe der Standesherrschaften, nur das kleine Schloßgut Herschberg, ein kleines Rebgut, hatte sich der Fürst vorbehalten, verkaufte es aber später ebenfalls. S. O.Amt Tettnang.

Schließlich wird hier noch bemerkt, daß Ochsenhausen, während des kurzen Bestands eines königl. Oberamts Ochsenhausen, von 1809 bis 1810 Oberamtssitz war; ferner, daß im Jahre 1802 die sogenannte Grafen-Commission, welcher von der Reichsdeputation zu Regensburg die Auseinandersetzung der Entschädigungs-Angelegenheit der westphälischen| und wetterauischen Reichsgrafen übertragen war, ihren Sitz zu Ochsenhausen genommen hat.[4]

Zu der Gemeinde Ochsenhausen gehören:

2) Goldbach, Spital der ehemaligen Herrschaft Ochsenhausen, s. o., 1/4 Stunde von Ochsenhausen, im Thale an der Rottum, mit 31 Einwohnern. Goldbach hat nur drei Gebäude und eine eigene Kapelle, in welcher nur wenige gestiftete Gottesdienste gehalten werden, sie wurde 1449 von dem Suffragan von Constanz consecrirt. Schon vor Erbauung des Klosters Ochsenhausen stand Goldbach, damals gemeiniglich Woltpach, Wolpach, Wolpen genannt, und hatte eine Pfarrkirche, welche die Kirche von Ochsenhausen und andern Orten, und, wie aus verschiedenen Urkunden erhellt, dieselbe Kirche war, die einen Theil der ersten Stiftung des Klosters Ochsenhausen ausmachte. Es ist derselben auch in den päpstlichen Bullen von 1157 und 1178 erwähnt. Sie war lange Zeit noch nach der Stiftung des Klosters die Pfarrkirche von Ochsenhausen und der benachbarten Orte Goppertshofen, Hattenburg, Tüssenbach. Erst im 14. oder 15. Jahrhundert wurde die Klosterkirche auch die Pfarrkirche des Bezirks. Goldbach hat auch noch seinen eigenen Kirchhof; nach der Ochsenhauser Chronik ist derselbe von dem Abt Christoph Spieß ums Jahr 1605 für die Leprosen angelegt worden, wahrscheinlich aber rührt sein Ursprung noch von der alten Pfarrkirche her. In Goldbach sollen auch die Mönche, die von St. Blasien geschickt worden, sich aufgehalten haben, bis das erste Kloster auf dem Berge erbaut war. Im Jahre 1243 verkaufte Meingoz von Gotipretishoven (Goppertshofen) dem Kloster Ochsenhausen seine Ansprüche an den Hof zu Goldbach für 14 Pfund Heller.

3) Haltenburg, kathol. Weiler mit 137 Einwohnern, 1/2 Stunde von Ochsenhausen. Grund-, Lehen- und Zehentherr ist der Staat. Der Ort hat eine hohe Lage, rauhes Klima und einen lehmigten unergiebigen Boden. Der Ort bildete mit Zugehör ehemals eine eigene Gemeinde und hat daher auch eigenthümliche| Waldungen, Allmanden und Fischwasser, s. S. 115. Hattenburg ist ein altes Stiftungsgut des Klosters Ochsenhausen; 1127 tauschte Graf Rudolph v. Chur (Montfort) von Graf Eberhard v. Kirchberg sein Gut zu Goppertshofen gegen das Gut Hattenburg ein und schenkte dieses dem Kloster. Actum in cella Ochsenhusen, in comitatu Dietboldi comitis. Zeugen waren: Arnoldus et Conradus de Habesburg, Cuno de Baltisheim (Balzheim), Sigebotto und Wietegoge de Albegge, Pilgerinus de Hürbele, Burkhardus de Buthmundishusen (Bußmannshausen), Udalricus de Sulmingen, Meingoz de Gotisbretishoven (Goppertshofen) etc. In Verbindung mit Hattenburg stehen die folgenden Parzellen:

4) Längenmoos, Hof mit 8 Einwohnern, Lehen- und Zehent-Verhältnisse wie Hattenburg;

5) Rothöschle, Hof mit 5 Einwohnern, Verhältnisse wie in Hattenburg;

6) Sct. Anna-Hof, eine Staatsdomäne von 375 Morgen, 1 Hauptgebäude, 2 Nebengebäude, hoch gelegen, 3/4 Stunden von Ochsenhausen mit 9 Einwohnern und Filial von Ochsenhausen. Wo jetzt der Sct. Anna-Hof steht, stand früher der Weiler Tüssenbach, Dissenbach, die 5 Erblehenhöfe, welche diesen Weiler bildeten, kaufte Abt Johannes im Jahr 1615 um 6438 fl. und schuf sie in ein Kammergut des Stifts um. Sein Nachfolger, der Abt Bartholomäus, ließ die Häuser abtragen und den jetzt noch sogenannten Sct. Anna-Hof bauen. S. auch Steinhausen;

7) Ziegelstadel, 1/4 Stunde von Ochsenhausen, kathol. Weiler mit 29 Einwohnern. Die schöne Ziegelhütte selbst ist Eigenthum des Staats und mit einer Zugabe von Feldern verpachtet. Im Übrigen w. o.


  1. Die Annalen nennen den Hatto und seine Söhne edle Ritter von Wolvoldiswendi, Wolfhartsschwendi. Es gibt zwei Orte von diesem Namen: Wolpertschwendi bei Ravensburg und Wolfartsschwendi oberhalb Memmingen. Beide Orte sind gleichweit von Ochsenhausen entfernt, beide lagen im Gebiete der Welfen, deren Vasallen die Stifter waren. Alle Umstände aber beweisen, daß die Stifter nicht von dem Ravensburger, sondern von dem Memminger Wolfartsschwendi abstammten, wo in spätern Zeiten noch ein adeliges Geschlecht seinen Sitz hatte, das sich von Wolfartsschwendi schrieb. Durch die Hand des Herzogs Welf (IV.) übergaben die drei Brüder das von ihnen gestiftete Gut Ochsenhausen und durch Woldbert von Grünenbach bei Memmingen gaben die Schwestern der Stifter, die Töchter Hattos, ihre Zustimmung zu den Schenkungen in Gegenwart des Herzogs Welf.
  2. Die Urkunde wird verschieden gegeben, am richtigsten ist sie wohl in Gerbert Hist. s. n. T. III. p. 58. Sie lautet dort: „In nomine sanctae et individuae Trinitatis. Notum sit omnibus fidelibus tam futuris quam praesentibus, qualiter Hawinus et Adelbertus et Counradus per manum ducis Welfonis locum, qui vulgariter dictus est Ochsenhusen, id est, ecclesiam unam cum IIII. mansis dotatam, et unum molendinum, unamque tabernam et VI. mansos, unamque silvam in eadem villa, id est, Ochsenhusen, ad monasterium S. Blasii, quod est in Nigra Silva, in proprietatem tradiderunt, qui locus situs est in pago Ramechgowe, in comitatu Hartmanni Bozze. Traditus est autem idem locus a praedictis viris ad praedictum monasterium in praesentia domni Uotonis abbatis et Adelgozi advocati de S. Blasio coram multis testibus cum omnibus appendiciis suis, id est, utriusque sexus mancipiis, arcis, aedificiis, exitibus et redditibus, agris acquisitis et acquirendis, pratis, pascuis, aquis, aquarumque decursibus, molendinis, piscationibus, silvis et cum omnigena utilitate, quae ullo modo inde provenire vel excogitari potest absque omni contradictione, cum perhenni proprietate. Sed ego Uto indignus abbas de S. Blasio fraterna compassione admonitus et futurae utilitate providens post aliquos annos ad praedictum locum fratres nostros direxi ad instituendum Dei servitium.“ Es folgen nun die Bestimmungen über die Unterordnung des Klosters unter St. Blasien; darauf der Schluß: „Scripta est haec carta confirmationis anno MC. II. Kal. Januarii ex petione domni Utonis abbatis de S. Blasio, hoc confirmante et in Christo roborante archiepiscopo Salzburgensi et episcopo Constantiensi, ut praedictus locus, id est, Ochsenhusen deinceps in servitio Dei sub potestate monasterii S. Blasii, ut praedictum est, perpetuo jure permaneat. Isti sunt testes hujus traditionis: Hartmannus comes de Geroshusen. Manegoldus comes et filius ejus Wolferadus de Jsinun, et de Alshusen. Hartmannus comes et frater ejus Otto de Chilchberg. Luitfridus et Manegoldus de Billenhusen. Heinricus de Baldisheim. Reginhardus de Ursinum. Ocoz. Regenboto de Heigernbouch. Adelgoz de Luzelunburg. Ripertus et Wolftregel de Lovbon. Hatto de Ochsenhusen. Hartnit de Stevensriet.“ Die Urkunde wird von allen Schriftstellern ins Jahr 1100 gesetzt, offenbar aber unrichtig. Den II. Kal. Jan. 1100 ist der 31. Dezember 1099. In der handschriftl. Ochsenhauser Chronik werden Hartmann und sein Bruder Otto Comites de Neufen genannt, residentes in arce Kirchberg.
  3. Der Ritter Hanns Jakob von Landau, Kaiserl. Rath und Landvogt zu Nellenburg, hatte 1547 den Auftrag erhalten, die Unterwerfung des Klosters zu bewerkstelligen und zu dem Ende dasselbe unversehens mit einer kleinen Mannschaft zu besetzen. Der Ritter machte aber Vorstellungen gegen diesen Schritt, und so beschränkte man sich auf den obigen Schutz- und Schirms-Vertrag.
  4. Die Commission war Würtemberg und Baiern übertragen; die Entschädigungsmasse bestand aus den Abteien Baindt, Buxheim, Gutenzell, Heggbach, Isny, Ochsenhausen, Roth, Schussenried und Weissenau. Die beiderseitigen Commissarien waren von der Lühe und Hofer. Sie trafen am 12. November 1802 in Ochsenhausen ein, nahmen die Entschädigungsmasse, so gut es in der Kürze der Zeit seyn konnte, auf und traten zum Vortheil der Masse am 1. Dezember den Civilbesitz an, worauf dann die Vertheilung erfolgte, wie sie in den Reichsdeputations-Schluß vom 25. Februar 1805 aufgenommen wurde.