Beschreibung des Oberamts Brackenheim/Kapitel B 20

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Nordhausen,


Gemeinde III. Kl. mit 348 Einw., wor. 2 Kath. – Ev. Pfarrdorf, 1 Stunde nordöstlich von der Oberamtsstadt gelegen.
An dem östlichen sanften Ausläufer des Heidelbergs, wo das fruchtbare gegen den Neckar sich hinziehende Flachland beginnt, hat der erst im Jahr 1700 gegründete Ort an einem leicht gegen das mäßig eingefurchte Breibach-Thälchen geneigten Abhange eine gesunde sommerliche Lage. Das sehr freundliche Dorf bildet nur eine schnurgerade Straße, an der zu beiden Seiten die einstockigen hübschen Häuser in mäßigen, mit Gemüsegärtchen ausgefüllten Abständen hingebaut sind; hinter je zwei Häusern steht beinahe regelmäßig eine | gemeinschaftliche Scheune und hinter dieser sind schöne Obstbaumgärten angelegt, so daß der Ort gleichsam mit einem Obstbaumwäldchen umschlossen ist. Die ganz einfach gehaltene, betsaalartige Kirche steht an der Hauptstraße in der Mitte des Orts und wurde 1821, an Stelle der 1721 errichteten, erbaut; ihre Unterhaltung ruht auf der Gemeinde (s. auch unten S. 360).

Der ummauerte Begräbnißplatz liegt unmittelbar hinter der Kirche. Das ansehnliche, gut unterhaltene Pfarrhaus steht an der Südseite der Hauptstraße der Kirche gegenüber; es wurde im Jahr 1836 mit einem Aufwand von 4560 fl. neu erbaut, wozu der Interkalarfonds, der Staat, der reformirte Fonds, die Gemeinden im Neckar- und Schwarzwaldkreise und die reformirte Gemeinde in Frankfurt Beiträge lieferten. Die Verbindlichkeit der Unterhaltung hat die Gemeinde. Das Pfarrhaus enthält zugleich die Schule und die Gelasse für den Gemeinderath; der Schulmeister wohnt in dem der Gemeinde gehörigen ehemaligen Pfarrhause. Überdieß stehen noch im Eigenthum der Gemeinde ein Backhaus, eine Kelter mit zwei Bäumen, ein Armenhaus und ein Schafhaus. Durch den östlichen Theil des Dorfes führt die gut unterhaltene Nordheim–Brackenheimer Landstraße, von der unfern (südlich) des Orts die Vicinalstraße nach Hausen ablenkt. Die zunächst am Ort über den Breibach angelegte steinerne Brücke hat der Staat zu unterhalten.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend 5 Pumpbrunnen, auch sind 2 Wetten im Ort angelegt und überdieß entspringt der Breibach ganz nahe (südlich) am Ort und nimmt bald den an der südlichen Markungsgrenze hinfließenden „kurzen Breibach“ auf.

Die Einwohner, denen man ihre piemontesische Abstammung noch wohl ansieht, sind meistens hübsche, gut gewachsene Leute mit vorherrschend schwarzen Haaren und Augen neben etwas bräunlicher Gesichtsfarbe; sie verbinden mit einem lebhaften, etwas reizbaren Temperament großen Fleiß, Sparsamkeit, Betriebsamkeit und vielen religiösen Sinn. Ihre Vermögensumstände sind im Vergleich mit andern wohlhabenden Orten etwas geringer, dagegen ist ihr Auskommen bei dem vorherrschenden Fleiß gut. Der Grundbesitz des vermöglichsten Bürgers beträgt 60, der des sog. Mittelmanns 30 und der der minder bemittelten Klasse 5 Morgen. Auf angrenzenden Markungen besitzen die Einwohner etwa 300 Morgen. Die Haupterwerbsquellen bestehen in Feldbau, Viehzucht, Wein- und Obstbau, während die Gewerbe sich auf die nöthigsten Handwerker beschränken, von denen nur einige Schuster auch nach außen arbeiten. Zwei Schildwirthschaften und ein Kramladen sind vorhanden. Handel mit Bändern und Lumpen wird von mehreren armen weiblichen Personen getrieben; auch befindet sich ein Korbflechter im Ort.

Die kleine Markung hat eine flachwellige, theilweise hügelige | Lage und einen mittelfruchtbaren bis fruchtbaren Boden, der vorherrschend aus den schweren thonigen Zersetzungen des unteren Keupermergels, im östlichen Theil der Markung theilweise aus Lehm besteht und sich zum Anbau des Dinkels sehr gut eignet. Das Klima ist mild und erlaubt den Anbau der Rebe und anderer feinerer Kulturgewächse, denen jedoch zuweilen Frühlingsfröste und kalte Nebel schaden; auch ist die gegen Norden und Osten nicht geschützte Gegend starken Winden ausgesetzt. Hagelschlag kommt selten vor.

Die Landwirthschaft wird mit Anwendung verbesserter Ackergeräthe, namentlich des allgemein eingeführten Brabanterpflugs, sehr fleißig und umsichtig getrieben. Man baut außer den gewöhnlichen Getreidearten Kartoffeln, sehr viel Futterkräuter, namentlich Luzerne, Zuckerrüben, Hanf für den eigenen Bedarf und Mohn zum Verkauf. Von den Getreidefrüchten können jährlich etwa 400 Schffl. Dinkel, 200 Schffl. Gerste und 200 Schffl. Haber auf der Schranne in Heilbronn verkauft werden. Der nicht ausgedehnte aber ergiebige Wiesenbau liefert ein ziemlich gutes Futter, das theilweise auch nach außen abgesetzt wird. Auch Gemüse werden über den eigenen Bedarf verkauft. Von nicht großer Bedeutung ist der Weinbau, der in der gewöhnlichen Bauart mit 2800–3000 Stöcken auf einem Morgen getrieben wird; man pflanzt vorzugsweise schwarze Rißlinge und Elblinge und erzielt einen feurigen, aber etwas rauhen Wein, dessen Preise sich in den letzten 10 Jahren von 22–70 fl. pr. Eimer bewegten. Der höchste Ertrag eines Morgens wird zu 10 Eimern angegeben. Die niederen, zugleich auch die weniger geschützten Lagen werden den Winter über bezogen. Der Absatz des Weins geht hauptsächlich nach Heilbronn und in den Schwarzwald. In namhafter Ausdehnung wird die noch im Zunehmen begriffene Obstzucht getrieben; man pflanzt hauptsächlich Mostsorten, namentlich viel Luiken, und von Steinobst Zwetschgen. Das Obst wird gemostet, gedörrt und in günstigen Jahren etwa 3000 Simri nach außen verkauft. Die Jungstämme bezieht man meist von Heilbronn.

Die Gemeinde besitzt 221/2 Morgen Laubwaldungen, die alle drei Jahre 20 Klafter Prügel und 900 Stück Wellen abwerfen; das Holzerzeugniß wird verkauft und der Erlös mit etwa 700 fl. fließt in die Gemeindekasse. Überdieß bezieht die Gemeinde aus der Brach- und Stoppelweide, die ein Ortsschäfer den Herbst und Winter über mit 150 St. deutschen Schafen befährt, 80 fl., von der Pferchnutzung 200 fl. und vom Pacht aus Allmanden 25 fl.

Die Rindviehzucht (Kreuzung von einem tüchtigen Neckarschlag und Simmenthalerrace) ist in gutem Zustande, wird durch zwei Farren nachgezüchtet und immer mehr zu verbessern gesucht; auch der Handel mit Vieh, auf den Heilbronner Märkten, ist von Belang, deßgleichen die Schweinezucht von einiger Bedeutung; sie beschäftigt sich mit der | halbenglischen und Landrace und erlaubt einen mäßigen Verkauf an gemästeten Schweinen und Ferkeln.

Von Anstalten besteht außer der Volksschule noch eine Arbeitsschule, in der den Winter über Mädchen von 5–14 Jahren im Stricken, Nähen und Häckeln unterrichtet werden.

An besonderen Stiftungen sind 743 fl. vorhanden, deren Zinse nach dem Willen der Stifter meist zu Armenzwecken verwendet werden, mit Ausnahme von 50 fl., von denen der jeweilige Ortsgeistliche die Zinse erhält und von 71 fl., von denen sie dem Schulmeister zukommen.

Ein alter Römerweg, der von Hausen herkommt, führt durch den Ort und weiter, unter dem Namen „Rittweg“, in der Richtung gegen Groß-Gartach. Ein anderer alter Weg führt den Namen Diemenweg.

Der Ort bildete früher einen Bestandtheil der Markungen von Nordheim und Hausen und wurde erst im J. 1700 durch Waldenser aus Piemont gegründet. Diese wurden bekanntlich um ihres evangelischen Glaubens willen in ihrer Heimath durch den Herzog Victor Amadeus II. von Savoyen unter französischem Einflusse sehr bedrängt, beziehungsweise verjagt, und wurden nach längeren Verhandlungen zum Theil in Württemberg, besonders in den Ämtern Maulbronn und Leonberg aufgenommen, wobei sie solches Land als Geschenk erhielten, welches in Folge der Kriege des 17. Jahrhunderts ungebaut und herrenlos war. Diejenigen Waldenser, welche sich gerade in dieser Gegend niederließen, kamen etwas nach den anderen an, da sie zuvor in dem gräflich isenburgischen und wächtersbachischen Orte Waldenburg sich hatten niederlassen wollen, daselbst aber auf Anstände stießen. Sie stammten besonders aus der Stadt Pragela und den Gemeinden Mentoules und Usseaux in dem ebenfalls Pragela oder Cluson genannten Thale, welches an die im Westen von Piemont gelegenen Thäler Perouse und St. Martin gränzt. Am Feiertage Johannis des Täufers 1700 ließen sich 55 solche Familien, aus etwa 200 Köpfen bestehend, hier nieder, auf Grund des die Rechtsverhältnisse der Waldenser überhaupt ordnenden Concessionsbriefes des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg vom September 1699.[1] Der Ort erhielt seinen Namen nach seiner Lage, doch führten noch lange die verschiedenen Theile desselben im Munde der älteren Personen die heimatlichen Namen: der obere hieß Usseaux, der mittlere Mentoules und der untere La Ville; heutzutage wird dieser letzte noch „das Städtle“ genannt.

| Die Muttersprache dieser Einwanderer war ein italienischer Dialekt, welcher in der Gegend von Turin und in den piemontesischen Thälern damals gesprochen wurde, allein das französische war ihnen auch bekannt, und da keine Geistliche zu bekommen waren, um in der Muttersprache zu predigen, so wurde die französische Sprache die Kultussprache und auch in der Schule die Interpretationssprache. Doch wurden gewöhnlich nur die fähigeren Köpfe derselben mächtig, ein großer Theil verstand das französische nur schlecht, und sprach nach den Schuljahren wie früher in den Kinderjahren sein Patois, das durch die Länge der Zeit in ein unangenehmes Gemisch von Italienisch, Französisch und Deutsch überging, heutzutage aber nur noch von älteren Personen gesprochen wird, indem die Sprache des Orts jetzt die schwäbische geworden ist.

Nachdem auf einer Versammlung der Reformirten anerkannt worden war, daß in Rücksicht auf Glauben und Lehre kein wesentlicher Unterschied zwischen Lutheranern und Reformirten bestehe, und daß namentlich die Lehre von der unbedingten Gnadenwahl als antiquirt und vergessen ganz bei Seite gesetzt werden könne, wurden durch königliche Verordnung vom 7. Sept. 1823 die reformirten Kirchengemeinden des Landes mit der lutherischen Kirche vereinigt, dabei insbesondere der Gebrauch der französischen Sprache in Kirche und Schule abgeschafft, die Ernennung von Pfarrer und Schulmeister, welche bis dahin der Gemeinde zugestanden, der Regierung anheimgegeben. Die Beibehaltung ihres Ritus beim Abendmahl wurde den Waldensern jedoch zugesichert. – Der erste lutherische Pfarrer dahier wurde im J. 1826 ernannt.

Im Verlaufe der Zeit siedelten sich auch Lutheraner im Orte an, welche bis zur Vereinigung der reformirten Kirche mit der lutherischen nach Nordheim eingepfarrt waren.

Die erste Kirche wurde ganz, die jetzige zum Theil durch milde Beiträge meist reformirter Glaubensgenossen aufgebaut. Hand- und Frohnarbeiten, die Fuhren zur Herbeischaffung der Materialien nebst ungefähr 1000 fl. in baarem Geld leistete die Gemeinde selbst.

Am hiesigen kleinen Zehenten hatte die Pfarrei 9/16, schon von einer Schenkung des Herzogs Eberhard Ludwig herrührend, die Deutschordenskommende in Heilbronn, in der Folge der Staat Württemberg 4/16, das Hochstift Worms, beziehungsweise das Großherzogthum Hessen und dessen Rechtsnachfolger, die Bubsche Handelscompagnie in Heilbronn 3/16; der kleine Novalzehente stand allein der Pfarrei zu.


  1. Vrgl. über die Aufnahme, die Rechtverhältnisse und die Geschichte der Waldenser in Württemberg im Allgemeinen: Württ. Jahrb. Jahrg. 1868, S. 183 ff. und die daselbst angegebene Litteratur.
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