Beschreibung des Oberamts Calw/Kapitel A 3

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III. Einwohner.


1. Bevölkerung.
A. Stand derselben.

a) Am 3. December 1858 betrug die ortsangehörige Bevölkerung des Oberamts nach den amtlichen Bevölkerungslisten 25.401 Personen und zwar 12.418 männliche und 12.983 weibliche.

Nach den Ergebnissen der früheren Aufnahmen belief sich dieselbe

männl. weibl.
am 01. Nov. 1812 auf 18.374 und zwar: 08.931 und 09.443
1822 19.489 09.402 10.087
1832 21.301 10.338 10.963
15. Dez. 1842 25.693 12.461 12.908
03. 1846 26.020 12.776 13.244
1852 26.469 12.909 13.560
1855 25.754 12.575 13.181

Die ortsanwesende Bevölkerung dagegen betrug am 3. Dez. 1858 23.595 Personen, nämlich 11.097 männl. und 12.498 weibl. (worunter 41 Fremde, nämlich 28 männl. und 13 weibl.). Nach den Ergebnissen früherer Aufnahmen belief sich dieselbe und zwar im Jahre

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männl. weibl.
1812 auf 18.330 und zwar: 08.789 und 09.541
1822 19.946 09.520 10.426
1832 23.074 11.080 11.994
1842 24.552 11.705 12.847
1846 25.097 11.974 13.123
1852 24.770 11.705 13.065
1855 23.325 10.908 12.417

b) Was die relative Größe der Bevölkerung oder die Dichtigkeit derselben betrifft, so lebten auf einer geogr. Quadr.-Meile nach der Zählung vom 3. Dez. 1858 4363 Ortsangehörige und 4053 Ortsanwesende (nach der Zählung vom 3. Dez. 1846 4469 beziehungsweise 4310). Die Dichtigkeit der ortsangehörigen, beziehungsweise ortsanwesenden Bevölkerung des Bezirks steht der des ganzen Landes um 10,7 beziehungsweise 11,6 % nach. Hinsichtlich der Morgenzahl kommen auf einen Ortsangehörigen 4,01 und auf einen Ortsanwesenden 4,31 Morgen Landes.

c) Geschlechts-Verhältniß. Die weibliche Bevölkerung ist nach der Zählung vom 3. Dez. 1858 bei den Ortsangehörigen um 565 und bei den Ortsanwesenden um 1401 größer, d. h. es kommen auf 1000 männliche Personen bei den Ortsangehörigen 1045 (und bei den Ortsanwesenden 1126 weibliche).

Dieses Übergewicht war bei den Ortsangehörigen im Jahre

1812       512, 1822       685, 1832       625,
1842       497, 1846       498, 1852       651,
1855       608.

d) Altersstufen. Von der ortsangehörigen Bevölkerung des Jahres 1858 standen in einem Alter von

davon treffen
auf 10.000 Personen
männl. weibl. männl. weibl.
unter 1 Jahr 333 335 268 259
von 1 bis 6 Jahren 1390 1375 1119 1059
0 7 0 13
1778 1943 1433 1497
0 14 0 24
2597 2711 2091 2088
0 25 0 39
2867 3159 2309 2433
0 40 0 59
2575 2643 2073 2036
0 60 0 79
832 784 670 603
0 80 und darüber 46 33 37 25
zusammen 12.418 0012.983 10.000 10.000
Es zählte mithin die Altersklasse der schulpflichtigen Kinder 3721 = | 14,7 %, die des höheren Alters von 80 Jahren und darüber 79 = 0,3 % der ortsangehörigen Bevölkerung.

e) Familienstand am 3. Dezember 1858:

Verehelichte
7592 oder 3796
Paare (gegen 8448 im Jahr 1846)
Wittwer
618 0gegen0 560 im Jahr 1846 Paare gegen 0000
Wittwen
953 830
Geschiedene
42 39
Unverehlichte
16.196 16.142

Familien befanden sich im Bezirke 5370 und kamen daher auf 1 Ehe 6,3 und auf 1 Familie 4,34 Angehörigen, welche Verhältnisse mit denen des ganzen Landes nahezu übereinstimmen.

Am 15. Dezember 1843 zählte man 5225 und am 3. Dezember 1846 5355 Familien.

f) Kirchliches Verhältniß.

Christen im Jahr 1858 dagegen i. J. 1846
0a) evangelisch-lutherische 25.241 = 99,37 % 025.860 = 99,37 %
0b) römisch-katholische 158 = 00,62 % 158 = 00,62 %
0c) von andern christl. Confessionen 2 = 00,01 % 2 = 00,01 %
Juden –       –       –       –      
zusammen 25.401 = 100 0% 26.020 = 100 0%


B. Bewegung der Bevölkerung.

Nach zehnjährigen Durchschnitten von 1812/22, 1822/32, 1836/46 und 1846/56 betrugen die jährlichen

von dagegen von
Geburten: 1812/22 1822/32 1836/46[1] 1846/56
männliche 314 372 453 443
weibliche 336 385 448 401
zusammen 650 757 901 844

Darunter befanden sich im Durchschnitt jährlich uneheliche von

1812/22 1822/32 1836/46 1846/56
männliche 38 39 42 56
weibliche 37 34 47 58
zusammen 75 73 89 1140

Todt kamen zur Welt durchschnittlich in der Periode von

1812/22 1846/56[2]
männliche  17 24
weibliche 17 22
zusammen 34 46
|
Sterbefälle: 1812/22 1822/32 1836/46 1846/56
männliche 297 312 411 431
weibliche 277 294 391 404
zusammen 574 606 802 835

Wanderungen:

     Eingewandert sind: von 1812/22 von 1846/56
männl. weibl. männl. weibl.
aus fremden Staaten 6 5 20 22
aus innländischen Orten 91 88 169 136
97 93 189 158
   
zusammen  190   347
     Ausgewandert sind: von 1812/22 von 1836/46
männl. weibl. männl. weibl.
nach fremden Staaten 10 12 24 28
nach inländischen Orten 93 78 141 167
103 90 165 195
   
zusammen  193   360
Es sind somit von 1812/22 von 1836/46
männl. weibl. männl. weibl.
mehr eingewandert 3 24
mehr ausgewandert 6 37


C. Wachsthum der ortsangehörigen Bevölkerung und Verhältnisse im Gange derselben.

Die Zunahme der Bevölkerung überhaupt betrug alljährlich in der Periode von

1812/22   0561 männl. 0644 weibl. zusammen 1215 (5,94 %)
1836/46   2188 2082 4270 (16,95 %)
1846/56   0188 0323 0511 (2 %).

Der natürliche Zuwachs oder der Überschuß der Geborenen über die Gestorbenen betrug 1812/22 jährlich 8,10, 1822/32 11,78 und 1846/56 8,15 %.

Unter 1000 Seelen des Zuwachses überhaupt befanden sich 1812/22 jährl. 422 männl. und 578 weibl. und 1846/56 512 männl. und 488 weibl.

Unter 1000 Seelen des natürlichen Zuwachses befanden sich in der Zeit von

1812/22   jährlich 449 männl. und 551 weibl.
1822/32   429 571
1836/46   427 573
1846/56   565 435

Das Verhältniß der Geburten zu den Lebenden ist circa 1812/22 = 1 : 26,0; 1822/32 = 1 : 28,3; 1836/46 = 1 : 22,9 und 1846/56 = 1 : 27,0.

| Mit Unterscheidung der Geschlechter kamen auf 1000 geborene Mädchen 1812/22 1057, 1822/32 981, 1836/46 916 und 1846/56 1091 Knaben.

Das Verhältniß der unehelich Geborenen zu den ehelich Geborenen ist für das Jahrzehnt 1812/22 = 1 : 10,8, 1822/32 = 1 : 9,3, 1836/46 = 1 : 11,1 und 1846/56 = 1 : 7,0.

Unter 100 Geburten überhaupt waren unehelich 1812/22 11,73, 1836/46 10,85 und 1846/56 14,3.

Das Geburts-Verhältniß in Württemberg überhaupt stellt sich für 1812/22 = 1 : 26,4, 1822/32 = 1 : 25,6, 1832/42 = 1 : 23,7 und 1846/56 = 1 : 26,6. Es erscheint daher die Fruchtbarkeit der Ehen durchschnittlich für das Oberamt günstiger, als für das ganze Land. Das Verhältniß der unehelichen Geburten aber zeigt sich in unserem Bezirk günstiger, als im Landesdurchschnitt (1812/22 = 1 : 9,1 und 1836/46 = 1 : 8,8).

Das Verhältniß der Todtgeborenen zu sämmtlichen Geburten im Bezirk war 1846/56 = 1 : 21,0, während dasselbe sich für das ganze Land (= 1 : 26,0) weit günstiger stellt.

Das Verhältniß der Gestorbenen zu den Geborenen war 1812/22 = 1 : 32,8 und 1822/32 = 1 : 34,3, 1836/46 = 1 : 28,0 und 1846/56 = 29,7; im ganzen Lande aber = 1 : 31,5, beziehungsweise 24,5, 29,9 und 31,6.

Mit Unterscheidung der Geschlechter kamen auf 1000 weibliche Gestorbene 1812/22 992,0, 1822/32 1008,0, 1836/46 977 und 1846/56 1023 Gestorbene männlichen Geschlechts.

Nach Altersklassen starben während der Periode 1846/56

Unter 1000 Personen
die starben, verschieden:
männl. weibl. 0000
vor der Geburt 238 215 54
im Alter unter 1 Jahr 1737 1340 370
von 01 bis 08 Jahr 494 536 124
08 14 135 109 29
15 20 83 74 19
21 45 352 440 95
46 70 790 964 211
70 80 335 318 78
81 90 89 72 19
über 90 Jahre 2 4 1
4255 4072 1000

8327
| Das Verhältniß der Gestorbenen zu den Geborenen war für 1812/22 = 1000 : 1419 und 1846/56 = 1000 : 1144,0.

Nach Geschlechtern berechnet kommen auf 1000 Gestorbene männlichen Geschlechts, 1812/22 1375 und 1846/56 1175 Geborene desselben Geschlechts; sodann auf 1000 Gestorbene weiblichen Geschlechts 1812/22 1464 und 1846/56 1053 Geborene gleichen Geschlechts.

Die Zahl der Trauungen oder neugeschlossenen Ehen betrug 1812/22 1504, also durchschnittlich 136,0 oder jährlich auf 139 Einwohner Eine Trauung (Landesdurchschnitt = 1 : 143,8), 1836/56 3453, also durchschnittlich 172,5 oder jährlich auf 138 eine Trauung.

Aus den Durchschnittsberechnungen für die Jahre 1836/46 ergeben sich für die einzelnen Gemeinden des Bezirks folgende Verhältnisse:

Die meisten Geburten hatten jährlich Altbulach, auf 1000 Einwohner 54,0; Liebenzell 52,0; Gechingen 49,3; Ostelsheim 48,7 und Calw 48,5.

Die wenigsten Geburten zählen Ernstmühl, auf 1000 Einwohner jährlich 35,6; Hornberg 38,2; Röthenbach 39,1; Würzbach 39,5 und Dennjächt 39,8.

Die Ziffer der unehelichen Geburten war am größten in Agenbach, unter 100 Geburten überhaupt 18,3, Ernstmühl 16,4, Hornberg 14,2, Röthenbach 13,7 und Unterreichenbach 13,2.

Die wenigsten unehelichen Geburten hatten Stammheim, unter 100 Geburten überhaupt 4,8, Oberreichenbach 5,4, Liebelsberg 5,9, Oberkollwangen 6,3, Monakam 6,4 und Sommenhardt 6,3.

Die größte Sterblichkeit herrschte zu Agenbach, wo unter 1000 Einwohnern jährlich 41,8 starben, sodann in Althengstett 40,9, Dachtel 38,7, Möttlingen 37,5, Ostelsheim 36,2 und Würzbach 35,8.

Die wenigsten Sterbefälle kamen vor in Aichhalden, unter 1000 Einwohnern 25,7, Oberreichenbach 26,3, Speßhardt 27,2, Emberg 28,4, Hornberg 29,6.

Die meisten alten Leute, die das 80. Lebensjahr zurückgelegt hatten, fanden sich bei der Zählung von 1858 zu Martinsmoos, (unter 1000 Einwohnern 41,2), Emberg (38,6), Aichhalden (35,2) und Unterhaugstett (27,4); am geringsten war die Zahl derselben in Hirschau, (unter 1000 Einwohnern 9,4), Röthenbach (12,2) und Oberreichenbach (16,7).


2. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.
Die Einwohner, welche, mit Ausnahme der aus Piemont eingewanderten Waldenser zu Neuhengstett, sämmtlich dem schwäbischen Volksstamme angehören, sind durchschnittlich von mittlerer Größe | und von kräftigem Körperbau, jedoch macht sich der Unterschied bemerklich, daß die Bewohner der ärmeren Wald- und Thal-Orte ein mehr herabgekommenes, verkümmertes Aussehen, kleineren Wuchs und eine blässere, kränkliche Gesichtsfarbe zeigen, während die Bewohner der wohlhabenderen Ortschaften, insbesondere der Gäuorte, sich durch einen hohen Wuchs, blühendes, kräftiges Aussehen, und nicht selten durch wirkliche männliche und weibliche Schönheit auszeichnen. Dem entsprechend ist die körperliche Entwicklung der männlichen und weiblichen Jugend bei diesen eine normale, bei jenen häufig eine verspätete.

Der Volkscharakter ist im Allgemeinen gut und mit wenig Ausnahmen trifft man aller Orten vielen Fleiß, Sparsamkeit, Sinn für Religion, der sich in einzelnen Orten bis zum strengen Pietismus steigert, und deutsche Biederkeit. In den eigentlichen Waldgegenden sind die Leute in Folge ihrer vielen Beschäftigungen in den Wäldern einfach, einsilbig, schlicht, jedoch etwas rauh von Sitten, übrigens gutmüthig und ordnungsliebend; auch die Flößer, deren es namentlich in Unter-Reichenbach viele gibt, haben, ebenfalls in Folge ihrer harten, anstrengenden Beschäftigung, eine gewisse Derbheit, die übrigens selten in eigentliche Rohheit ausartet. Von der Thalmühle an bis Hirschau bildet die Nagold die Grenze zwischen den Gäubewohnern und den Schwarzwäldern, von da an macht sich auch der geologische und im Zusammenhang damit der Vegetations-Unterschied auffallend geltend. Die Bewohner von Ottenbronn, Unterhaugstett und Monakam sind ächte Schwarzwälder, während die Möttlinger, dem Muschelkalk angehörig, wahre Gäubauern sind, die sich durch Beweglichkeit, Anständigkeit und offenes Wesen mehr den Unterländern anschließen.

Die Nahrung der Bezirksbewohner besteht im Allgemeinen in rauhen Speisen, viel Sauerkraut (Sonntag und Donnerstag regelmäßig), Kartoffeln, Blätterkohl, Haferbrei, Schweinefleisch, sehr viel Milch etc.; besonders gilt dem Waldbauren ein Stück geräucherten Specks mit Roggenbrod für ein treffliches Mahl. Von Getränken wird Wein, Most und besonders Branntwein, namentlich der unter dem Namen Hobeerschnaps bekannte Heidelbeergeist genossen. In neuerer Zeit findet auch das Bier immer mehr Eingang. Bemerkenswerth ist die Aufeinanderfolge der verschiedenartigsten Gerüchte bei einer sogenannten Metzelsuppe auf dem obern Wald, sie ist folgende: 1) Kesselbrühsuppe, 2) Schweinefleisch und Brod, 3) Sauerkraut und Schweinefleisch, 4) gekochte Birnenschnitze mit Schweinefleisch, 5) Reisbrei, 6) süße oder gestandene Milch, zuweilen auch Zieger. Überhaupt bildet im Allgemeinen den Schluß des Mahls, auch des | gewöhnlichen, die Milch. Bei Taufen besteht das Mahl aus Sauerkraut mit Schweinefleisch, ihm folgt eine Reissuppe mit Ochsenfleisch, alsdann Fastnachtsküchlein und endlich Kaffee.

1

Eigenthümliche Sitten und Volksbelustigungen werden, wie aller Orten, allmälig seltener, nur weichen sie, besonders in den eigentlichen Waldgegenden, etwas langsamer. Der früher häufig übliche Tanz beschränkt sich in neuerer Zeit nur noch auf Kirchweihen, Märkte und Hochzeiten, welch’ letztere auf dem sogen. oberen Wald immer noch auf eine solenne Weise abgehalten werden; sie sind sogen. Zechhochzeiten, die öfters 2–3 Tage andauern. Zur Hochzeitfeier ladet ein sogen. Hochzeitlader die Gäste in der ganzen Umgegend ein, die alsdann ihre Gaben mitbringend, zahlreich erscheinen. Ist die Braut vom Orte, so ißt man in ihrem elterlichen Hause die sogen. Morgensuppe, bestehend aus Fastnachküchlein, die man öfters in Wannen aufstellt, nebst Kaffee, Wein, Schnaps etc. Den Tag vorher bringen die Weiber (Bäuerinnen) des Orts Butter, Schmalz, Mehl, Milch etc. zum Geschenk. Ist die Braut von einem fremden Orte, so wird sie zwei- oder vierspännig abgeholt, während sie ihr Hausgeräthe ein oder zwei Tage vor der Hochzeit hergebracht und dann ein stattliches Hochzeitbett aufgerichtet hat. Am Hochzeittage wird die Braut, nachdem zuvor in ihrem elterlichen Hause die Morgensuppe abgehalten war, von den jungen Leuten des Orts und Gespielinnen in’s Haus des Bräutigams begleitet. Bei dem Zug in die Kirche gehen die ledigen Bursche voran, ihnen folgen die ledigen Mädchen, dann die Braut, geführt von dem Brautführer nebst zwei Gespielen, ihr folgen der Bräutigam mit einem oder zwei Gesellen (der erste Gesell und der Nebengesell), hierauf die Brautväter und sofort. An der Spitze gehen nicht selten die Musikanten, welche aufspielend den Zug in und aus der Kirche begleiten. Nach der Trauung gehts in’s Wirthshaus, vor welchem der Schulmeister einen Hochzeitwunsch zu halten hat, hernach wird das Brauttüchlein herausgetanzt, weßhalb alle Bursche auf das „Amen“ warten und sich dann auf die Braut stürzen, um das Brauttüchlein und die Braut zum Brauttanz zu erhaschen. Während des Hochzeitmahls geht das Brautpaar jedes mit einer Bouteille Wein, die mit rothem Bande geziert ist, bei den Gästen umher und reicht jedem Gast das gefüllte Glas mit den Worten: „i will’s ech bringe“ (ich wills Euch bringen, d. i. zutrinken), wobei, da darauf sehr gesehen wird, Niemand übergangen werden darf. Die Braut und die Brautjungfern sind geschappelt, das heißt sie tragen Kronen von Goldflindern (Goldflitter) mit Krollen | (Korallen) von Glas etc. und müssen diese Schappeln den ganzen ersten Hochzeitstag aufbehalten. Bei Taufen holt die Gevatterin das Kind mit dem Gevattermann im elterlichen Hause ab, wo zuvor etwas getrunken und gegessen wird. Ehe die Gevatterin mit dem Kinde aus dem Hause geht, sagt sie der Wöchnerin einige Glückwünsche und den Dank für die Ehre, daß man sie und ihren Mann zu Gevatter gebeten habe, dann geht’s zur Kirche; nach der Taufe in das Wirthshaus, wo der Gevatter frei hält, und dann in das Haus der Wöchnerin, wo von dem Hausvater ein Essen gegeben wird.

In den Orten Gechingen und Deckenpfronn besteht noch die nette Sitte, daß am Tage nach der Hochzeit, bei Unbemittelten am Tage selbst die „Morgengabe gekröppelt“ wird; d. h. beinahe von jeder Familie des Orts bringt das Weib oder das Mädchen ein Schüssele voll Mehl, Linsen, Erbsen und Lebensmittel aller Art als Morgengabe in’s Brauthaus, so daß die Neuvermählten öfters ein ganzes Jahr davon zu leben haben. Daselbst ist ein Geiger und die Kameraden des Bräutigams tanzen dann mit den Mädchen, während das Mitgebrachte ausgeleert wird. Most oder Bier wird von dem Bräutigam gereicht; in der Kammer prangt ein Tannenbaum, behängt mit Kinderkleidungsstücken aller Art, welche der Braut von den Gespielinnen geschenkt wurden; man nennt diese Sitte „an den Maien stecken.“ Am Neujahrsfest werden in allen Häusern Kuchen (Gspikling) und große Brezeln (2 bis 4 Pfund schwer) gebacken; damit sowie mit einem Lebkuchen, Äpfeln, Nüssen etc. werden die Pathenkinder (Dötlein) statt am Christtag beschenkt. In der Neujahrsnacht wird heftig geschossen und der Bursche (Kerle) erhält dann von seinem Mädchen (Mensch) für das Pulver ein pfündiges Herz, d. h. einen Leb- oder Honigkuchen in Form eines Herzens (öfters 1 Pfund schwer). An der Fastnacht werden im Auftrag der ledigen Bursche von den Bäckern Laugenbrezeln an die Kunkeln der Mädchen gehängt und Kuchen gebacken, welch’ letzteres auch an Ostern, an der Confirmation, an Pfingsten, im Heuet, nach der Ernte (Sichelhänget), wenn es ausgedroschen ist (Pflegelhänget), an der Kirchweih, am Christfest etc. geschieht. Noch ist zu bemerken, daß in Gechingen etc. gefallene Mädchen den Lichtkarz nicht mehr besuchen, wie auch mit den Ledigen nicht mehr zum Abendmahl gehen.

Die Kirchweihen werden immer noch in ungebundener Fröhlichkeit mit Musik und Tanz gefeiert. Bei Leichenbegängnissen singt die Schuljugend vor dem Hause des Verstorbenen sowie während des Gangs zum Gottesacker und der Einsenkung des Sargs, geistliche Lieder unter Anführung des Schulmeisters, der nicht selten, besonders | bei Kindern auch die Leichenrede hält. Die Leichentrunke und das Leichenmahl werden allmälig seltener.

Von den Volksspielen ist das früher übliche Eierlesen am Ostermontag abgegangen und nur Stammheim hat es noch im Jahre 1856 abgehalten. In Ober-Haugstett wird Abends am Dienstag nach dem Nicolaustage nach dem sogen. Clos gejagt, indem man einem ledigen Burschen Kuhschellen anlegt, worauf er von den übrigen Burschen, häufig auch etwas älteren Knaben als sogen. Schanden-Clos (St. Nicolaus) durch das ganze Dorf scherzweise gejagt wird.

In der Stadt Calw bestehen folgende alte Gebräuche: das Fackeln der männlichen Schuljugend im Herbst. Über der am rechten Nagoldufer hinziehenden Straße, der Bischof genannt, steigt der östliche das Thal begränzende Berg steil auf bis zu einer gewaltigen Felsenmasse, der hohe Fels genannt. Am Fuße des Hauptfelsen liegt ein altarförmiger Sandsteinwürfel, nach jeder Richtung 4 bis 5 Fuß messend. An dieser Stelle, welche einen schönen Überblick über die Stadt gewährt, versammeln sich seit alten Zeiten, vermuthlich schon seit vielen Jahrhunderten, jedesmal am Tage nach dem Septemberjahrmarkt bei Einbruch des Abends die Schulknaben, jeder eine Fackel und ein Scheitchen Holz oder etwas Reisach mit sich bringend. Unter Leitung einiger der älteren Knaben wird auf dem Steinwürfel ein Feuer aufgemacht, an welchem die Fackeln angezündet werden, worauf die Fackelträger die oberen Felsen besteigen, und ihre Fackeln jauchzend schwingen. Beim Läuten der Abendglocke ordnen sie sich in eine Reihe, und ziehen auf den längs der Bergseite sanft abfallenden Wiesen in langem Fackelzuge, der von der Stadt aus gesehen einen prächtigen Anblick gewährt, bis zu dem unterhalb der Stadt gelegenen Brühl, wo die Fackeln gelöscht, und die kleineren Reste auf einen Haufen zusammengeworfen und verbrannt werden. Diese Sitte dauerte früher, je nach der Witterung, zwei bis drei Wochen jeden Abend fort, ist aber jetzt polizeilich auf eine Woche beschränkt worden. Der Ursprung dieser Sitte ist ganz unbekannt, sowohl der Zeit als der Bedeutung nach.

Der Umzug der Tuchmachergesellen fand jedesmal am Jahrestag der Tuchmacherzunft statt. Unter Vorantritt der Musik wurde die Zunftfahne, begleitet von sämmtlichen Tuchknappen, durch die Hauptstraßen der Stadt getragen. Der Fahnenträger und sein zum Theil die Zunftgeräthe tragendes Gefolge erschien in Hemdärmeln und mit dem grünen Arbeitsschurz umgürtet. Dieser Umzug wurde am letzten Jahrestage durch das K. Oberamt verboten.

Das Ehrengeläute am Jahrestage der Bäckerzunft | wurde der Überlieferung zufolge (denn das Document ist bei Zerstörung der Stadt zu Grunde gegangen) von Kaiser Leopold der Zunft verliehen, weil bei der Belagerung Wiens durch die Türken ein Bäckergeselle aus Calw während seiner nächtlichen Arbeit die unterirdischen Arbeiten der türkischen Minirer belauschte und rechtzeitig so genaue Anzeige machte, daß schnell Gegenarbeiten gemacht werden konnten, welche die Stadt Wien retteten. Der Kaiser ertheilte hierauf der Calwer Bäckerzunft das Privilegium, daß an ihrem Jahrestage die große Glocke von 12 bis 1 Uhr Mittags geläutet werden durfte. Dieses Ehrengeläute ist neuerdings oberamtlich auf eine Viertelstunde beschränkt worden.

Über den sogen. Eselsritt und den Hahnentanz zu Teinach siehe die Ortsbeschreibung von Teinach.

In vielen Orten, vorzugsweise in Unter-Haugstett, Monakam, Ottenbronn etc., ist es Sitte, vor den Häusern Hollunderbäume zu ziehen, die zur Blüthezeit den ganzen Ort mit Wohlgeruch erfüllen.

Die solide ländliche Kleidertracht ist noch ziemlich allgemein und hat sich insbesondere in den abgelegenen Waldorten noch gut erhalten, während sie in den Städten, Bädern und in Orten, die an frequenten Landstraßen liegen, der städtischen und halbstädtischen Tracht gewichen ist. Aber auch die ländliche Tracht ist insofern verschieden, als sie sich auf der rechten Seite des Nagoldthales mehr der Tracht des Unterlandes und hauptsächlich der des Gäus nähert, während auf der linken Seite des Thals die Schwarzwäldertracht auftritt. Erstere besteht bei den Männern in dem dreispitzigen Hut, meist blauen Tuchröcken, den Sommer über auch in Zwilchröcken, schwarzen oder gelben Lederhosen, Brusttüchern von dunklem Manchester mit gewöhnlichen oder Rollknöpfen, nicht selten auch noch, besonders in Deckenpfronn, Dachtel und Gechingen in rothen Brusttüchern mit enge besetzten Rollknöpfen; die ledigen Bursche tragen häufig die pelzverbrämte, mit goldener Trottel versehene Mütze und statt des Rocks ein tuchenes Wamms. Die weiblichen Personen sind meist dunkel gekleidet, tragen reich gefältelte Wilflingröcke und als Kopfbedeckung das deutsche Häubchen, den Sommer über nicht selten den Strohhut. Auf der linken Seite des Nagoldthales, hauptsächlich in den eigentlichen Waldorten ist die Volkstracht folgende: neben dem ziemlich allgemeinen dreispitzen Hut wird auch, besonders an Werktagen der Schlapphut getragen, der blaue, nicht selten weiß ausgeschlagene Tuchrock hat eine kurze, breite Taille und ist mit großen, platten Metallknöpfen nicht nur vornen, sondern auch an den Batten und Ärmelaufschlägen reich besetzt. Die kurzen Hosen sind von | schwarzem oder gelbem Leder; an Werktagen werden sowohl Hosen als Kittel auch von Zwilch getragen. Die dunklen, meist schwarzen Brusttücher oder Westen sind größtentheils aus Manchester gefertigt und mit zwei Reihen platten Metallknöpfen besetzt. Die Strümpfe tragen die ledigen Bursche weiß, die verheiratheten Männer aber schwarz und die Schuhe sind mit großen, viereckigen Schnallen von Messing geziert. Gegen Schnee und Kälte schützen den im Walde Arbeitenden die weiß wollenen Kamaschen (Straffstrümpfe). Die edle Sitte, daß bei Leichenbegängnissen die Leidtragenden schwarze Mäntel tragen und im Trauermantel jede Leiche angesagt wird, kommt immer mehr ab. Die ledigen Bursche tragen entweder eine pelzverbrämte Mütze mit goldener Trottel oder den dreispitzen Hut mit breitem Sammtband nebst großer stählerner Schnalle und Bandschleife. Die reich mit Silber beschlagene Tabackspfeife (meist Ulmerköpfe) und die silberne Uhrkette sind bei den Burschen noch allgemein. Die ledigen Mädchen tragen das anständige deutsche Häubchen mit breiten schwarzen Bändern (den Sommer über den mit schwarzen Rosetten gezierten Strohhut), kurze schwarze Leibchen, nicht selten auf der Brust eine rothe Bandschleife, blaue oder schwarze, reichgefältelte Wilflingröcke, eine blaue Schürze, weiße Strümpfe und Stöcklesschuhe. Die Weiber tragen schwarze Marlinhauben, schwarze Kittel ohne Schleife, schwarze Röcke und Schürze.

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Die Mundart ist im Allgemeinen die gemüthliche, an bezeichnenden Ausdrücken reiche schwäbische, die sich im Osten des Bezirks dem breiten Unterländer-Dialekt nähert, während sie in den übrigen Theilen schon einige Verwandtschaft mit der pfälzischen Sprachweise zeigt. In Neuhengstett haben sich nicht nur Spuren der früheren piemontesischen Mundart, welche ein Gemenge von der französischen und der italienischen Sprache war, erhalten, sondern dieselbe wird sogar in vielen Familienkreisen noch gesprochen. Von den in der Gegend von Deckenpfronn, Gechingen etc. üblichen eigenthümlichen Sprachausdrücken nennen wir folgende: Ätte statt Vater, Amme statt Mutter, Göttle statt Pathe, Götte, Vetter wird von den Dienstboten der Herr oder der Meister genannt, Bäßle die Frau oder die Meisterin, Ample statt dummes Mädchen, Weib, Schäppele wird eine fährige, wunderliche Person genannt, Bächts statt Gebackenes, Confect, Hinter Wind statt Abendwind, Vorderwind statt Morgenwind, Kopfhaus statt Küchenkasten, Speicher statt kleiner Keller, Gspikling statt Kuchen, Bregez auch Bärten statt Bräzel, vismich statt irgendwo, e nauth statt gegenwärtig, haußig statt einstweilen, guotich statt schnell, flink, tolls Mensch eine schmucke, schöne Weibsperson, liederlich statt sehr | krank u. s. w. Bei Leichenbegängnissen nähert sich der theilnehmende Verwandte oder Freund dem Tisch, um den die Hauptleidtragenden im Trauerhause sitzen und spricht: „Traist Di Gott in Deim Load, und i waunsch, daß Ihr in jeam Leaba naoch deam Leaba wieder z’säma kommet;“ d. h. „Tröste Dich Gott in Deinem Leid, und ich wünsche, daß Ihr in jenem Leben nach diesem Leben wieder zusammen kommet.“ Bei der Überreichung des Hochzeitsgeschenkes wird gesprochen: „Do schenk i Dier au ebbes zur Hauzich, wenns mei Nuz wäar, wie mei Schad, wet i Dier mai gea!“ d. h. „Hiemit schenke ich Dir auch etwas zur Hochzeit, wenn es mein Nutzen wäre, wie mein Schaden, wollte ich Dir mehr geben!“

Die Mundart auf der linken Seite der Nagold, die, wie schon angeführt wurde, mehr die des Schwarzwaldes ist, zeigt insofern einige Verschiedenheit, als in Zavelstein und den dazu gehörigen Filialorten, welche früher zu dem Bisthum Speyer gehörten, der pfälzische Dialekt sich etwas bemerkbar macht, während in den nahe gelegenen Orten Alt- und Neu-Bulach, Ober-Haugstett, Martinsmoos, Breitenberg, Zwerenberg, welche zum Bisthum Constanz gehörten, die schwäbische Sprachweise unverfälscht geblieben ist, hier sagt man „Floisch,“ in Zavelstein etc. „Fleisch,“ in Bulach etc. „i hans glesa,“ in Zavelstein „ich heb’s glosen (ich hab’s gelesen),“ ebenso „Noi,“ in Zavelstein aber „Nei etc.“; in Ober-Haugstett statt „spüren“ „speiren,“ in Schmieh statt „Kind“ „Kinn.“ In den Filialorten von Zavelstein (auf dem sogen. mittlern Wald) heißen die jungen Bursche „Kerle,“ so sagt der Bauer von seinen confirmirten Söhnen „meine Kerle,“ während er Leute, die kein Vermögen haben und etwas anrüchig sind, „Bursterer“ heißt. Ein Mädchen, das ihrer Zunge freien Lauf läßt und gerne zum Streiten aufgelegt ist, heißt: „ein Mädchen mit einem gängen Maul oder Mäule, „sie hat ein gängs Mäule.“ In Zavelstein sagt man Schier, Fier statt Scheuer, Feuer. Kommt man in Schmie, Emberg etc. in ein Haus, wo ältere Personen wohnen, so sagt der Hausvater zuerst „Grüß Gott“ und fügt hinzu: „Willkomm au.“ In dieser Gegend sagt man auch: „laufet zu mir auße,“ d. h. besuchet mich auch. Bei einer Begegnung außerhalb des Orts ist die Ansprache: „wo solls hin sein?“


3. Gesundheits-Verhältnisse.
Im Allgemeinen ist der Gesundheitszustand ein guter zu nennen. Was die herrschenden Krankheiten betrifft, so sind zwar Katarrhe, Rheumatismen und leichtere gastrische Zufälle an Zahl die häufigsten, wenn es sich aber um den Einfluß auf die Sterblichkeit handelt, so | kommen sie nur in untergeordneten Betracht. Wollte man sich von den Angaben der Leichenschauregister leiten lassen, so wären die Gichter bei weitem die häufigste Todesursache, indem in den letzten 6 Jahren (1852/58), über welche in’s Einzelne gehende Zusammenstellungen der Todesarten vorliegen, 19,8 Prozent oder nahezu ein Fünftel sämmtlicher Gestorbenen als von Gichtern hinweggerafft aufgeführt sind; allein unter diesem Namen werden, besonders auf dem Lande, die verschiedenartigsten Krankheiten der kleinen Kinder zusammengefaßt, namentlich Hirnentzündung, Meningitis, Apoplexie, Trismus, Bronchitis, Pneumonie, gastrisches Fieber, und deßhalb ist die Zahl der an Gichtern Verstorbenen als eine incommensurable Größe zu betrachten. Der Zeitraum von 6 Jahren ist freilich etwas zu beschränkt, um ein ganz richtiges Bild von den herrschenden Krankheitsverhältnissen zu geben, doch gibt er immerhin ein annäherndes, besonders wenn man berichtigend in’s Auge faßt, daß in diesem Zeitraum einige bedeutende Epidemieen von Ruhr und Scharlachfieber gefallen sind, welche das normale Sterblichkeitsverhältniß etwas gestört haben.

Die bedeutendste Rolle spielt die Lungenentzündung, unter welchem Namen hier Pneumonie und Pleuritis zusammengefaßt sind, da sie in den Leichenschauregistern nicht genau unterschieden sind. An dieser Krankheit gingen in den letzten 6 Jahren 600 Personen oder 11,5 Procent der Verstorbenen zu Grunde. Sie kommt in allen Monaten des Jahres und in allen Orten des Bezirks vor, doch ist sie bei weitem am häufigsten in den Wintermonaten, und in den Waldorten häufiger als in den Thal- und Gäu-Orten. Am stärksten trat sie auf in den Jahren 1852/53 und 1857/58 mit je 121 Todesfällen, am gelindesten 1853/54 mit 76 Todesfällen.

Die Ruhr raffte im letzten Sexennium 519 Personen oder beinahe ein Zehntel (9,8 Procent) der Gestorbenen weg, und zwar die meisten (177) im Jahr 1852/53 und (160) im Jahr 1854/55, die wenigsten (13) im Jahr 1855/56. Sporadisch zeigt sie sich beinahe jedes Jahr in den späteren Sommermonaten und im Herbst; zeitenweise aber bildet sie sich zu mehr oder minder ausgedehnten Epidemien aus. Solche Epidemieen kamen vor: zu Liebenzell im August und September 1804; im ganzen Oberamtsbezirk im Sommer und Herbst der Jahre 1811 und 1812; zu Teinach im August bis Oktober 1821; im ganzen Bezirk im Sommer und Herbst 1834, und noch bedeutender 1835; in letzterem Jahre brach noch spät, nachdem die Seuche fast überall erloschen war, zu Röthenbach eine Ruhrepidemie aus, welche vom Oktober bis in den Dezember dauerte, so daß der Arzt in den seltenen Fall kam, bei tiefem Schnee von Haus zu Haus | Ruhrkranke zu besuchen; im ganzen Bezirk, jedoch mit Ausnahme von Ostelsheim nicht mit sehr bedeutender Krankenzahl, im August bis November 1836; im ganzen Oberamt, aber mit mäßiger Stärke, im Sommer und Herbst 1842; zu Stammheim im August bis Oktober 1851; im ganzen Bezirk vom Juli bis Oktober 1852, besonders heftig zu Teinach, Neuhengstett, Sommenhardt, Röthenbach, Emberg, Ottenbronn, Calw; in einem großen Theil des Oberamts, namentlich zu Unterhaugstett, Monakam, Möttlingen, Simmozheim, Ostelsheim, Dachtel, Calw, Zwerenberg, Hornberg, Aichelberg, im Juli bis Oktober 1853, aber in diesem Jahr mit ungewöhnlicher Gutartigkeit, so daß nur wenige Kranke starben; zu Möttlingen und Simmozheim im August bis November 1854 sehr ausgebreitet und bösartig, in den übrigen Theilen des Bezirks ziemlich gemäßigt; im ganzen Oberamt vom Juli bis Oktober 1856, jedoch nur zu Stammheim mit größerer Heftigkeit; ebenso, jedoch ohne eine örtliche Exacerbation, vom Juli bis Oktober 1857.

Die dritte Stelle unter den Todesursachen nimmt die Lungenschwindsucht ein, worunter aber nicht bloß die eigentliche Lungentuberculosis, sondern auch die chronische Bronchitis, welche auf dem Lande und besonders in den Waldorten viele Personen zwischen 50 und 70 Jahren hinwegrafft, begriffen ist. Vernachläßigte und öfters wiederholte Katarrhe und Entzündungen der Athmungswerkzeuge legen häufig den Grund zu letzterer. Die Lungentuberculosis ist in der Mehrzahl der Fälle Familienkrankheit, und tödtet meistens schon im Jünglingsalter bis zum mittleren Mannesalter. An diesen Krankheiten starben in 6 Jahren 405 Personen oder 7,8 Procent der Gestorbenen.

Durch eine große Epidemie im Jahre 1855/56 und einige kleinere Epidemieen wurde das Scharlachfieber auf die vierte Stelle unter den tödtlichen Krankheiten der letzten 6 Jahre gehoben, indem an demselben 228 Personen oder 4,4 Procent der Gesammtzahl starben, und zwar größtentheils Kinder vom 2. bis 13. Jahre, seltener Kinder im ersten Lebensjahre und noch seltener Erwachsene. Mehr oder minder bedeutende Scharlach-Epidemieen kamen vor: zu Röthenbach, Altburg, Oberreichenbach und Oberkollbach im April bis Juni 1810; zu Zavelstein, Stammheim, Holzbronn, Emberg im Januar bis März 1815; zu Calw, Neubulach, Altbulach, Oberhaugstett, Liebelsberg, Teinach vom Januar bis Dezember 1832; im ganzen Oberamt, besonders stark zu Calw, Gechingen, Breitenberg, Oberkollwangen vom September 1836 bis November 1837; zu Gechingen und Deckenpfronn im Januar und Februar 1838; zu Oberkollwangen und Zavelstein | im April und Mai 1843; zu Calw (kleine Epidemie) im Spätjahr 1849; zu Calw vom August 1853 bis April 1854; zu Calw, Hirschau, Stammheim vom September 1854 bis Januar 1855; zu Liebelsberg und Oberhaugstett eine sehr bedeutende Epidemie vom November 1854 bis März 1855; im ganzen Oberamtsbezirk eine große Epidemie, von der nur die soeben durchgeseuchten Orte Liebelsberg und Oberhaugstett frei blieben, vom März 1855 dis August 1856; zu Deckenpfronn, Calw, Gechingen, Althengstett eine minder bedeutende Epidemie vom April bis Juni 1857. – In den Akten wird einer Epidemie von Rötheln (Rubeolae) zu Dachtel im Mai und Juni 1818 erwähnt.

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Der Abdominaltyphus (Nervenfieber, Schleimfieber) hat in den letzten 6 Jahren zwar jährlich Opfer gefordert, besonders im Spätjahr und Frühjahr, ohne sich aber zu einer größeren Epidemie zu gestalten; doch hat er 224 Personen oder 4,3 Procent der Gestorbenen getödtet. Der Typhus kommt sporadisch in allen Theilen des Bezirks vor, aber zu Epidemieen, welche jedoch meistens local bleiben, bildet er sich vorzugsweise in den Gäuorten Stammheim, Althengstett, Ostelsheim, Möttlingen und Deckenpfronn, und in den Waldorten aus. In die Oberamtsstadt wurde im Dezember 1813 der Kriegstyphus durch österreichische Soldaten eingeschleppt, deren 15 Mann bis zum Februar 1814 daran krank lagen, aber sämmtlich genasen; von diesen Soldaten wurden 6 Einwohner der Stadt, worunter 3 Krankenwärter, angesteckt, und 2 derselben starben, 4 genasen. Zu großen Epidemieen erhob sich der Typhus in Calw nach den furchtbaren Überschwemmungen am 29. Oktober 1824 und 1. August 1851. Nach der Überschwemmung von 1824 ging die Entwicklung der Epidemie äußerst langsam von Statten, so daß sie erst im Sommer 1827 ihren Höhepunkt erreichte, worauf sie schnell zu Ende ging, und im Winter 1827/28 erlosch. Ganz anders verhielt es sich nach der Überschwemmung von 1851, wo der Höhepunkt schon im Oktober und das Ende im Januar 1852 eintrat, nachdem von 678 Erkrankten 43 gestorben waren. In den Amtsorten kamen Typhusepidemieen vor: zu Deckenpfronn im September bis Dezember 1811; zu Altbulach, Würzbach und einigen andern Waldorten im Winter 1830/31; zu Ostelsheim im November 1832 bis April 1833; zu Oberkollwangen vom Mai 1834 bis Februar 1835; zu Ostelsheim und Sommenhardt vom August 1834 bis Mai 1835; zu Althengstett vom August bis Dezember 1837; zu Sommenhardt vom November 1838 bis April 1839; zu Möttlingen vom November 1839 bis Juni 1840; zu Althengstett vom Oktober bis Dezember 1841; zu Altbulach vom Januar | bis Mai 1849 (neben Menschenpocken); zu Stammheim vom August bis Oktober 1851; zu Oberhaugstett im März und April 1852; zu Neuweiler im Januar bis März 1855. Die Entstehung des Typhus in den angeführten Gäuorten (mit Ausnahme Deckenpfronns) wird begünstigt durch ihre Lage in flach kesselförmigen Bodenvertiefungen, welche von träge schleichenden Bächen durchzogen werden; die Quelle des in dem hoch und frei gelegenen Deckenpfronn im Jahr 1811 ausgebrochenen Typhus wird schwerlich mehr auszumitteln seyn. In den ebenfalls hoch und frei gelegenen Waldorten entspringt der Typhus vornehmlich aus der armseligen Lebensweise, der schlechten Bekleidung, den engen, schlecht gelufteten und meistens übermäßig geheizten Wohnungen, und der Unreinlichkeit des ärmeren Theils der Bewohner, und seine Verbreitung wird durch die Gewohnheit der zahlreichen Krankenbesuche von Verwandten und Bekannten befördert.

Von den übrigen Krankheitsformen hat keine einen solchen Einfluß auf die Sterblichkeit, daß die an derselben Gestorbenen 3 Procent der Gesammtzahl betragen hätten.

Entzündungen des Gehirns und seiner Häute und hitzige Hirnwassersucht kommen bei kleinen Kindern, jedoch nicht sehr häufig, ganz selten bei Erwachsenen vor; wiewohl sie meistens tödtlich sind, so liefern sie doch wegen ihrer geringen Häufigkeit keinen erheblichen Beitrag zur Sterblichkeit. In heißen Sommern, besonders während der Erndte, erfolgen zuweilen schnelle, fast plötzliche Todesfälle durch den Sonnenstich; gewöhnlich sind es vollblütige Mädchen von 20–25 Jahren, die demselben unterliegen. Vom Schlagfluß (Hirnapoplexie) werden besonders Personen beiderlei Geschlechts, welche das 40–50. Lebensjahr überschritten haben, befallen, doch ist diese Krankheit nicht besonders häufig. Der Starrkrampf (Tetanus) ist bisweilen Folge von Verwundungen, und wird durch Vernachlässigung oder Nichtbeachtung der ersten Symptome desselben tödtlich, während bei rechtzeitigem ärztlichem Einschreiten in der Regel die Kranken gerettet werden. Der rheumathische Starrkrampf ist bei Erwachsenen äußerst selten, aber bei Neugeborenen kommt Trismus und Tetanus hie und da vor. Wasserscheu in Folge des Bisses eines wüthenden Thieres ist im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts bei keinem einzigen Menschen im ganzen Oberamtsbezirk ausgebrochen. Convulsionen sind bei kleinen Kindern ein häufig eintretendes Begleitungssymptom verschiedener, besonders entzündlicher Krankheiten; bei Erwachsenen, namentlich Gebärenden und Wöchnerinnen, sind sie selten, ebenso auch die Epilepsie und der Veitstanz, welch’ letzterer bisweilen Kinder beiderlei Geschlechts vor dem Beginn der geschlechtlichen | Entwicklung befällt, jedoch in den gewöhnlichen Fällen in einigen Monaten vorübergeht. Hysterische Frauenzimmer gibt es, wie überall, doch ist die Hysterie nicht besonders häufig.

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Von den Geisteskrankheiten sind Melancholie, Manie und Säuferwahnsinn nicht häufig, dagegen ist der Cretinismus in einigen Orten endemisch, und hat stets das häufigere Vorkommen des Kropfes zum Begleiter. Die Herrschaft des Cretinismus und des Kropfes wird durch die Lage und den Boden der Ortschaften bestimmt. In dem östlichen, rechts vom Nagoldthal auf Muschelboden gelegenen Theil des Oberamtsbezirks, dem Gäu, gibt es nur wenige Kröpfe, und der Cretinismus fehlt beinahe ganz, wenigstens sieht man dort die höheren Grade desselben nicht. Die Heimath von Kropf und Cretinismus ist die Formation des bunten Sandsteins mit ihren hohen bewaldeten Bergen, tiefen und engen Thälern, vielen Nebeln, und dem guten, fast chemisch reinen Trinkwasser. Man würde sich aber sehr irren, wenn man den Cretinismus bloß in den tiefeingeschnittenen, nebelreichen Thälern der Nagold und ihrer Zuflüsse suchen, oder wenn man (mit Dr. Rösch) seine Entstehung in den Bergorten hauptsächlich den aus den Thälern aufsteigenden Nebeln zuschreiben wollte. Dies ist an den Beispielen von Calw, Neubulach und Zavelstein ersichtlich. In Calw, wo neuerdings der Cretinismus sehr selten geworden ist, kamen in früherer Zeit ziemlich viele Cretinen vor, welche aber ihre Wohnstätte beinahe alle in dem gegen Altburg gelegenen höchsten Theile der Stadt hatten. Zavelstein liegt zwar auf einer Berghöhe, welche ringsum von höheren Bergen umgeben ist, so daß sie einigen Schutz vor den heftigeren Winden hat, aber im Zustand der Stagnation ist die Luft daselbst keineswegs, und die vom Teinachthal aufsteigenden Nebel reichen gewöhnlich nur bis nahe an den Kamm des Berges, und ziehen sich selten bis in das Städtchen hinauf. Neubulach liegt auf einer ganz freien, hervorragenden Höhe und kennt Nebel gar nicht. Von Sumpfluft findet sich nirgends um diese Orte eine Spur. Wenn man aber die ökonomischen Verhältnisse der Einwohner in’s Auge faßt, so findet man, daß die Herrschaft des Cretinismus sich hauptsächlich auf die ärmeren Thal- und Wald-Orte erstreckt, während die wohlhabenden beinahe oder ganz frei davon sind. In der schlechten Stubenluft, worin die Kinder der Armen ihre ersten Lebensjahre zubringen, scheint die Hauptquelle des Cretinismus zu liegen, und zwar besonders in der Unreinlichkeit und in der Gewohnheit der ärmeren Bewohner dieser Wald- und Thal-Orte, ihre engen Wohnzimmer übermäßig zu heizen und nicht zu lüften. Der reiche Bauer bewohnt geräumige Zimmer, die er, | weil er besser bekleidet ist, nicht so übermäßig heizt und öfters lüftet; für seine kleinen Kinder hält er Kindsmägde, welche sie in’s Freie tragen; der arme Taglöhner und sein Weib gehen den ganzen Tag ihrer Arbeit nach, und ihre Kinder werden von größeren Kindern oder Nachbarn nothdürftig versorgt, kommen aber aus der schlechten, eingeschlossenen, dumpfen Stubenluft fast nicht eher hinaus, als bis sie ihr selbst zu entlaufen im Stande sind. Der schlimme Einfluß der schlechten Luft wird natürlich noch verstärkt durch grobe Nahrung und oft auch durch rohe Behandlung, wozu dann allerdings die noch unbekannte endemische Einwirkung der Gebirgsformation kommt, welche sich so auffallend in dem häufigen Vorkommen der Kröpfe ausspricht. – Die Taubstummheit (bei sonstiger guter Bildungsfähigkeit) wird oft als dem Cretinismus parallelgehend angenommen, und demzufolge könnte man vermuthen, daß sie in ähnlichem Verhältnis wie dieser, auf die drei Gebiete des Bezirks vertheilt seyn werde. Dem ist aber nicht also; das vom Cretinismus, wenigstens von seinen höheren Graden, fast ganz freie Gäu hat verhältnißmäßig die meisten, der Wald, der Hauptsitz des Cretinismus, die wenigsten Taubstummen, das Thalgebiet steht in der Mitte. Wahnsinnige im weiteren Sinne (Melancholische, Verrückte und Tobsüchtige) sind am seltensten auf dem Wald, am häufigsten im Thalgebiet. Im Jahr 1853 wurde eine genaue Zählung der Geisteskranken und Taubstummen vorgenommen, welche folgende Ergebnisse lieferte:
Gebiete. Ortsan-
gehörige Bevölke-
rung.
Melancholische, Verrückte und Tobsüchtige. Cretinen. Taubstumme.
Zahl. 1 Geisteskr. kommt auf Einw. Zahl. 1 Cret. kommt auf Einw. Zahl. 1 Tbst. kommt auf Einw.
Gäuorte, auf Muschelkalk, östlich vom Nagoldthal, 9 Gemeinden 0.8137 12 0678 014 581 14 542
Thalorte, an der Nagold und der Teinach, auf buntem Sandstein, 7 Gemeinden 0.7590 11 0690 039 195 12 632
Waldorte, auf buntem Sandstein, größtentheils westlich, doch einige auch noch östlich vom Nagoldthal, 27 Gemeinden 10.742 08 1343 057 188 15 671
Summe 26.469 31 0854 110 241 41 616
Die größte Zahl von Cretinen und zugleich die höchsten Grade dieser Entartung haben aufzuweisen: Teinach (Thalgebiet) mit 15 | (2,89 % der ortsangehörigen Bevölkerung), Liebenzell (Thalgebiet) 14 (1,32 %), Neubulach (Waldgebiet) 11 (1,47 %), Calw (Thalgebiet) 8 (0,19 %), Zavelstein (Waldgebiet) 7 (1,75 %), Altburg (Waldgebiet) 6 (0,72 %). Die Stadt Calw steht also nach der Verhältnißzahl dem Gäu (0,17 %) beinahe gleich, aber sie zählt unter ihren Cretinen einige Exemplare höchsten Grades, wie sie im Gäu nicht vorkommen. Erfreulich ist es, daß in neueren Zeiten der Cretinismus in allen Theilen des Bezirks immer mehr abnimmt.

Wechselfieber sind fast ganz unbekannt; wenn welche im Bezirke vorkommen, so sind sie entweder aus Fiebergegenden eingeschleppt, oder Recidive von in solchen Gegenden entstandenen Fiebern, und verschwinden nicht selten bei längerem Aufenthalt im Bezirke von selbst. Sie haben gewöhnlich den Quotidiantypus, selten den Tertiantypus. Im Bezirke selbst ohne vorgängigen Aufenthalt in einer Fiebergegend entstandene Wechselfieber sind sehr selten.

Unter den Krankheiten der Respirationsorgane (von welchen die Lungenentzündung und Schwindsucht bereits erwähnt ist) sind am häufigsten die Katarrhe, welche insbesondere jeden Winter und Frühling in größerer Menge vorkommen. Zuweilen nehmen sie einen epidemischen Charakter an, und verbreiten sich als Grippe (Influenza, Catarrhus epidemicus) fast wie durch Zauberschlag über die ganze Gegend. Diese Grippe-Epidemieen beginnen gewöhnlich im Dezember oder Januar, doch trat eine solche im Jahre 1833 im Mai und Juni auf. Weitere Grippen-Epidemieen fielen in die Jahre 1836 (Januar bis März), 1837 (Januar bis April, die größte dieser Epidemieen), 1843 (Februar, März), 1847/48 (Dezember, Januar), 1849 (Januar, Februar), 1855 (Januar bis März), 1857/58 (Dezember bis März).

Der Croup (Laryngitis membranacea) tritt jedes Jahr sporadisch auf, so daß jährlich 10–20 Kinder daran starben. Im Jahr 1857/58 aber gelangte er zu fast epidemischer Ausbreitung, besonders vom Oktober bis zum Mai, und es wurden von ihm in diesem Jahre 58 Kinder hinweggerafft, in den letzten 6 Jahren zusammen aber 143, oder 2,7 Prozent der Gestorbenen.

Der Krampfhusten (Keuchhusten) erscheint von Zeit zu Zeit als Epidemie, aber auch in den Zwischenzeiten zeigen sich beinahe jedes Jahr einzelne sporadische Fälle. Epidemieen, welche sich über einen mehr oder minder großen Theil des Bezirks erstreckten, kamen vor im Jahr 1836/37 (September bis März), 1839 (April bis November), 1843 (Mai bis Oktober), 1845 (Juni bis November), 1849/50 (Juli bis März), 1852 (Januar bis März, und wieder Oktober 1852 bis April 1853); vom Spätjahr 1854 bis zum Frühjahr 1858 herrschte | der Krampfhusten beständig bald in diesem, bald in jenem Theil des Bezirks, bisweilen nur in sporadischen Fällen fortschreitend, aber dazwischen in einzelnen Orten sich zu kleinen Epidemieen erhebend. In den letzten 6 Jahren starben am Krampfhusten 97 Kinder, 1,9 Prozent der Gestorbenen.

Herzkrankheiten sind nicht häufig, sie sind bisweilen Folge des Rheumatismus acutus.

Unter den Krankheiten des Verdauungsapparats sind (außer den schon erwähnten, Ruhr und Typhus) die häufigsten das gastrische Fieber und der Brechdurchfall. Das einfache gastrische Fieber und der fieberlose Gastricismus kommt in allen Monaten des Jahres vor, doch am häufigsten im Sommer und Spätjahr; es wird nicht leicht tödtlich. Der Brechdurchfall (Cholerine) erscheint in der Regel nur im hohen Sommer und in heißen Sommern am zahlreichsten; Erwachsene werden oft plötzlich davon befallen, und sinken zu einem tiefen Grade von Schwäche herab, von welcher sie sich aber in der Regel bald erholen; doch ist im Sommer 1857 eine erwachsene Weibsperson in Neubulach daran gestorben. Für kleine Kinder dagegen ist die Brechruhr sehr gefährlich; im Sommer 1837 sind in der Stadt Calw alle im Juni geborenen Kinder an dieser Krankheit gestorben. Im letzten Sexennium erlagen dem Brechdurchfall 137 Personen, 2,6 Prozent der Gestorbenen. – Die Magenerweichung kleiner Kinder fällt zwar oft mit der Brechruhr zusammen, ist aber auch öfters für sich bestehend, und bindet sich nicht so sehr an die Jahreszeit, wenn sie gleich im Sommer häufiger ist. Es starben daran in 6 Jahren 44 Kinder, 0,8 Prozent der Gestorbenen.

Entzündungen des Magens, der Gedärme, des Bauchfells, der Leber kommen nicht sehr oft vor. An Unterleibsentzündung starben in den letzten 6 Jahren 69 Personen, 1,3 Prozent der Gesammtzahl.

Chronische Magenbeschwerden, welche bisweilen mit Magengeschwüren, Magenverhärtung und Krebs endigen, sind nicht selten, namentlich unter dem ärmeren Landvolk, welches bei rauher Nahrung sich dem Genuß des Branntweins oft zu viel hingibt. Auch Hämorrhoidalbeschwerden sind keine seltene Erscheinung, und zwar nicht nur bei Leuten mit sitzender Lebensweise, sondern oft auch bei Feldbau treibenden Landleuten. – Unterleibsbrüche kommen bei beiden Geschlechtern vor, jedoch nicht in ungewöhnlicher Anzahl.

Wurstvergiftungen sind in den letzten Jahren mehrmals vorgekommen, während dagegen oft eine Reihe von Jahren vorübergeht, ohne daß ein einziger Fall bemerkt wird. Sie sind am häufigsten | in den Waldorten, wo es eine Sache des Ehrgeizes unter den Bauern ist, wer am längsten seine Schweine mästen und daher am spätesten im Frühjahr schlachten kann. So geschieht es oft, daß die Schweine, deren Fleisch nebst den Würsten zum Einsalzen und Räuchern bestimmt ist, bei sehr warmer, diesem Geschäft gar nicht günstiger Witterung geschlachtet werden. Hiezu kommt, daß zu Vermehrung der Wurstmasse gewöhnlich bei den Metzgern der Oberamtsstadt sogenanntes Eingeschlächt, d. h. Eingeweide und Blut von anderem Schlachtvieh, das oft schon einige Tage aufbewahrt war, gekauft und zugesetzt wird, sowie auch Milch und bisweilen, jedoch seltener, Wecken, und daß es mit der Reinlichkeit nicht immer ganz genau genommen wird. Im Gäu, wo das Spätschlachten nicht als Ehrensache betrachtet wird, sind Wurstvergiftungen viel seltener. Übrigens erkrankten auch in der Oberamtsstadt im Jahr 1854 dreizehn Personen an Wurstvergiftung nach dem Genuß frischbereiteter Würste, wobei die Entstehung des Giftes nicht genügend zu ermitteln war; die Vergifteten wurden aber alle gerettet.

Krankheiten der Harnwerkzeuge werden nicht viele gefunden. Nierensteine und Harnsteine sind eine ganz außerordentliche Seltenheit. Die Zuckerharnruhr gehört auch zu den Seltenheiten. Die Bright’sche Nierenkrankheit wird selten anders, als im Gefolge des Scharlachfiebers, gesehen.

Die vielgestaltigen Störungen und Leiden im Gebiete des weiblichen Sexualsystems sind hier nicht häufiger als anderswo. Das Kindbettfieber kommt zwar sporadisch vor, ist aber noch niemals epidemisch geworden.

Unter den acuten Hautkrankheiten ist nach dem (schon erwähnten) Scharlachfieber die wichtigste die Masern (Morbillen), woran in 6 Jahren 84 Personen (1,6 Proz.) starben. Höchst selten erscheinen sie sporadisch, sondern gewöhnlich in großen, rasch um sich greifenden, aber auch rasch vorübergehenden Epidemieen. In der Stadt Calw dauert eine Scharlachepidemie gewöhnlich 5–9 Monate, eine Masernepidemie 2–3 Monate. Masernepidemieen herrschten im Oberamtsbezirk im Jahr 1814 (Mai bis September), 1818 (Februar bis Juni), 1832/33 (Dezember bis Mai), 1837/38 (Oktober bis Juli, sehr starke Epidemie, während welcher an einigen Orten anstatt der Morbillen das Scharlachfieber herrschte), 1841 (Januar und Februar, nicht bedeutend), 1842/43 (Dezember bis Juni), 1847/48 (Oktober bis April), 1853 (März bis August), 1856 (Juni bis September, nur in den 3 Gäuorten Deckenpfronn, Simmozheim und Dachtel, in letzterem | Orte neben Scharlachfieber), 1857/58 (Juni bis Januar, bedeutende Epidemie).

Die Wasserpocken (Varicella) kommen jedes Jahr theils sporadisch, theils als kleinere oder größere Epidemie vor; da aber die davon befallenen Kinder sich meistens fast gar nicht krank fühlen, so erhalten die Ärzte nur unvollständige Kenntniß von der Ausbreitung der Krankheit.

Die Menschenpocken (Variolae und Varioloides) sind gegenwärtig fast verschollen, da die letzte Epidemie schon vor 10 Jahren stattfand. In Folge der allgemeinen durchgeführten Kuhpockenimpfung tritt die Krankheit in der großen Mehrzahl der Fälle in der milderen Form der Variolois auf, und ist deshalb die Sterblichkeit eine geringe. Wenn sich aber die Krankheit wegen Unterlassung der Vaccination oder bisweilen wegen aus irgend einem Grunde erloschener Schutzkraft der Impfung zu vollständigen ächten Variolen entwickelt, so ist ihre Bösartigkeit und Tödtlichkeit so stark als in früheren Jahrhunderten. Im Laufe der letzten 50 Jahre wurde der Oberamtsbezirk von drei größeren Pockenepidemieen heimgesucht, zwischen welche sich das Vorkommen von einzelnen sporadischen Fällen hineinschiebt. Die erste große Pockenepidemie dauerte vom Juni 1814 bis April 1815, und ergriff die Waldorte in viel größerem Umfang als die Gäuorte; es erkrankten in Calw 48 Personen, Althengstett 2, Neuhengstett 25, Altburg 10, Weltenschwann (unbekannte Zahl), Röthenbach (unbekannt), Oberreichenbach (unbek.), Zavelstein (unbek.), Teinach (unbek.), Liebelsberg 15, Neubulach 6, Altbulach 5, Oberhaugstett 12, Martinsmoos 9, Hofstett 2, Neuweiler 17, Breitenberg 12, Oberkollwangen 2, zusammen in 13 Ortschaften 165 Personen, während von 5 Ortschaften die Zahl der Erkrankten, und von sämmtlichen die Zahl der Gestorbenen unbekannt ist. Vom Jahr 1816–1834 kamen bloß 2 sporadische Fälle, der eine in Altbulach, der andere in Holzbronn, beide im März 1832, vor. In den Jahren 1835 und 1836 häuften sich die sporadischen Fälle in verschiedenen Ortschaften dergestalt, daß sie zusammen eine kleine Epidemie bildeten; es erkrankten in Calw 8 Personen, in Liebenzell 1, Unterreichenbach 1, Ottenbronn 8, Althengstett 2, Simmozheim 7, Ostelsheim 4, wovon 1 starb, Stammheim 2, Kentheim 1, Teinach 1, Neubulach 3, wovon 1 starb, Oberhaugstett 2, Röthenbach 4, Würzbach 2, zusammen in 14 Ortschaften 46 Personen, wovon 2 starben. In den folgenden Jahren geschah das Auftreten der Pocken nur ganz sporadisch, in Hirschau bei 1 Person im Juli 1838, in Oberkollwangen bei 6 Personen vom August bis Oktober 1838, in Kentheim bei 3 im Januar 1839, in Neubulach bei 4 im April 1839, in Liebelsberg bei 4 zu derselben Zeit, | in Hornberg bei 2 im April und Mai 1841, in Oberkollwangen bei 1 im Oktober 1847. Dieser letztere Fall war gleichsam das Vorspiel zu der großen Pockenepidemie, welche vom März 1848 bis Juli 1851 den ganzen Oberamtsbezirk heimsuchte und ihre Höhe in den Jahren 1849 und 1850 erreichte. Während dieser Epidemie erkrankten in Calw 31 Personen, gestorben 2, in Hirschau 4, Ernstmühl 2, Liebenzell 22, gestorben 6, Unterreichenbach 3, Monakam 8, Oberhaugstett 3, Möttlingen 15, gest. 3, Simmozheim 5, Althengstett 1, Ostelsheim 100, gestorben 5, Deckenpfronn 20, gest. 3, Stammheim 5, Holzbronn 10, Teinach 4, Zavelstein 4, Emberg 1, Sommenhardt 3, Altburg 13, Alzenberg 1, Röthenbach 1, Oberkollbach 2, Oberreichenbach 5, Breitenberg 9, Oberkollwangen 6, Neubulach 2, Altbulach 11, Liebelsberg 1, Neuweiler 1, Oberweiler 4, Zwerenberg 3, zusammen in 31 Ortschaften 300 Personen, von welchen 19 starben. Von da kamen nur noch 2 isolirte Fälle in Calw vor, nämlich im November 1854 bei einem wandernden Handwerksburschen, welcher mit Varioloiden behaftet nach Calw kam, und im Mai 1858 bei einer Wollarbeiterin, welche vielleicht durch von auswärts gekommene wollene Strickwaaren mit Varioloiden angesteckt wurde.

Der Friesel ist bei Wöchnerinnen, besonders auf dem Lande, nicht selten die Folge zu warmen Verhaltens und zu vielen Schwitzens, neben der Scheue vor gehörigem Wechsel des verschwitzten Leibweißzeugs. Auf dieselbe Weise wird er oft auch bei acuten Krankheiten künstlich erzeugt.

Von Rothlaufen kommen hauptsächlich die Gesichtsrose, bisweilen in lebensgefährlichem Grade, und Fußrothlauf vor; sie treten zuweilen, namentlich im Frühjahr und Spätjahr, in etwas größerer Anzahl auf. Das bösartige Erysipelas neoratorum wird äußerst selten beobachtet. Der zu den Rothlaufkrankheiten in naher Beziehung stehende Wochentölpel (Parotitis benigna) erscheint bisweilen als Kinderepidemie, so in den Jahren 1850 und 1856.

Von chronischen Ausschlägen kommen bei Kindern öfters scrophulose Kopf- und Gesichts-Ausschläge vor. Der verbreitetste chronische Ausschlag ist die Krätze, besonders in den Waldorten. Eine auffallende Zunahme der Verbreitung der Krätze war vom Jahr 1849 an wahrzunehmen, und im Jahr 1851/52 steigerte sie sich zur wahren Epidemie, welche in einigen Orten amtlich behandelt werden mußte. Vom Juli 1852 trat eine merkliche Abnahme ein, und seither hat sie sich so vermindert, daß sie fast seltener ist, als vor dem Jahre 1848.

Rheumatismen mit und ohne Fieber sind sehr gewöhnliche | Erscheinungen, besonders in den kühleren Jahreszeiten. Das hitzige Gliederweh (Rheumatismus acutus) befällt besonders gerne jüngere Leute, und war vom Herbst 1858 bis Frühjahr 1859 ungewöhnlich häufig; es legt öfters den Grund zu Herzkrankheiten. Sehr zahlreich sind die Fälle von intermittirenden rheumatischen Kopf- und Gesichtsschmerzen, welche gewöhnlich bloß die eine Hälfte befallen (Rheumatalgieen, Hemigrania et Hemiprosopalgia intermittens, Neuralgia orbitalis intermittens).

Die Gicht erscheint häufig, und zwar einestheils bei Personen, welche recht gut leben und keine angemessene Bewegung haben, anderntheils bei solchen, welche bei mangelhafter Bekleidung sich viel den Unbilden der Witterung aussetzen müssen.

Scorbutische Krankheiten sind selten. Die Bleichsucht befällt oft junge Mädchen zur Zeit der Pubertätsentwicklung. Scrophelkrankheit ist nicht besonders häufig, Rhachitis beinahe selten zu nennen. Wassersuchten sind gewöhnlich die Folgen von chronischen Herz-, Lungen- und Leberkrankheiten, deren letztes Stadium sie zu bezeichnen pflegen. Krebsartige Übel kommen nicht viele vor.

Die Syphilis, welche in früheren Zeiten fast ganz unbekannt war, hat seit etwa 30 Jahren, besonders aber vom Jahr 1848 an, sich mehr verbreitet, doch ist sie keine allgemeine Krankheit geworden, und hat in den letzten 3–4 Jahren wieder merklich abgenommen.

Von Selbstmord sind in den 10 Jahren 1848/58 28 Fälle vorgekommen, von welchen auf das Jahr 1851/52 4 und auf 1852/53 7, auf die übrigen Jahre je 1–3 Fälle kamen.

Was die Krankheiten der Hausthiere betrifft, so sind im Laufe dieses Jahrhunderts kaum ein paar Fälle von erwiesen wüthenden Hunden vorgekommen, und es ist in keinem Falle die Wasserscheu auf Menschen übertragen worden.

Die Lungenseuche erscheint sporadisch unter dem Rindvieh fast jedes Jahr, aber in den Jahren 1854–56 gewann sie eine epizootische Verbreitung.

Die Maul- und Klauen-Seuche herrschte im Herbst 1855 als Epizootie unter dem Rindvieh. Bei den Schafen kommt das Klauenweh beinahe jedes Jahr vor.

Im Sommer 1857 wüthete unter den Schweinen der Milzbrand als verderbliche Epizootie.

Die Schafraude macht dem Oberamtsthierarzt jedes Jahr bedeutend zu schaffen.


  1. In Folge der im Jahre 1842 erfolgten Vereinigung der Gemeinde Liebenzell mit dem Oberamts-Bezirk Calw.
  2. Für andere Perioden fehlen die dießfälligen Notizen.
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