Beschreibung des Oberamts Calw/Kapitel B 19

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Liebenzell,
Gemeinde II. Kl. mit 914 Einw., wor. 8 Kath. a. Liebenzell, Stadt, mit Papiermühle und 2 Spinnereien. b. Oberes Bad. c. Unteres Bad. d. Kaffeehaus. e. Kupferhammer. f. Maisenbacher Sägmühle. – Evang. Pfarrei; die Kath. sind nach Weil d. Stadt, O.A. Leonberg, eingepfarrt.


Die Stadt Liebenzell[1] liegt unter 26° 23′ 41,09″ östlicher Länge und 48° 46′ 28,61″ nördlicher Breite, 11/2 Stunden nördlich von der Oberamtsstadt. Die Erhebung über das Mittelmeer beträgt an dem unteren Badgebäude 1113 Württ. Fuß. Sie ist der Sitz eines Revierförsters, eines Amtsnotars und eines Stadt- und Badearztes; auch befindet sich ein prakticirender Arzt und eine Apotheke daselbst.

Der unregelmäßig gebaute, mittelgroße Ort hat eine äußerst freundliche, geschützte, übrigens meist unebene Lage, theils an einem Bergausläufer des zwischen dem Nagoldthale und dem Längenbachthälchen sich hinziehenden Schloßberges, theils in den Ebenen dieser Thäler und gewährt mit den hinter dem Ort sich erhebenden, großartigen Ruinen der Burg Liebenzell eine äußerst malerische Ansicht.

Das ummauerte Städtchen, den nordwestlichen Theil des Orts bildend, ist sehr klein und war ursprünglich nur ein aus 17 Gebäuden bestehender Weiler, in welchem neben einzelnen Bürgern vorzugsweise die Beamten wohnten; gegenwärtig besteht dasselbe aus 22 gedrängt stehenden Gebäuden. Das Städtchen hatte 2 Thore mit Thürmen, von denen das sogen. untere Thor in der Nähe des gegenwärtigen Rathhauses und das obere am westlichen Ende des Städtchens stand; sie wurden nach dem Brande, welcher vom 23. auf den 24. Juni 1785 das ganze Städtchen in Asche legte, abgebrochen, dagegen sind die Stadtmauern mit Zwinger größtentheils noch gut erhalten. In Folge des Neubaues, behufs dessen am 21. Nov. 1785 eine Brandcollecte ausgeschrieben wurde, sind die Gebäude in dem eigentlichen Städtchen ziemlich ansehnlich und gut erhalten.

Die theils weitläufig, theils gedrängt und unregelmäßig gebaute | Vorstadt, der andere Theil des Orts, in welchem sich neben anderen älteren Gebäuden auch die Kirche befindet, lehnt sich an die östliche und nördliche Seite des Städtchens an und lagert sich einerseits an dem Ausläufer des Schloßberges und in der Nagoldthalebene, andererseits in dem Längenbachthälchen und an den Gehängen gegen dasselbe.

Die Ortsstraßen sind gepflastert.

Von öffentlichen, dem Staat gehörigen Gebäuden sind zu nennen:

Die Pfarrkirche, welche erhöht im östlichen Theile der Vorstadt, innerhalb des ummauerten, 2 Morgen großen Begräbnißplatzes liegt; für ihr hohes Alter zeugt ein an dem Langhaus befindliches, aus romanischer Periode stammendes, rundbogiges Fensterchen, sie erlitt aber im Lauf der Zeit mehrfache Veränderungen und im Jahr 1855 eine neue Verblendung. Indessen hat sich der mit einem halben Achteck schließende, mit Strebepfeilern versehene Chor in seiner frühgermanischen Bauweise noch erhalten. Der Thurm ist in seinen unteren Theilen sehr alt und mit einem Zeltdach, aus dem eine sogen. Laterne emporwächst, gedeckt; auf demselben hängen zwei Glocken, von denen die größere folgende Umschrift trägt: Mathäus, Johannes, Marcus, Lucas. Anno domini 1457. Die kleinere ist von Heinrich Ludwig Goßmann in Magstatt gegossen worden. Das Innere des Langhauses enthält einen germanisch gehaltenen Taufstein; ein spitzer Triumphbogen führt von dem Schiff in den Chor, in welchem noch gut geschnittene, leider verdorbene Chorstühle stehen. In der Sacristei, deren Gewölbeschlußstein die Ebersteinische Rose enthält, wird noch ein sehr alter gestickter Teppich, auf dem die Anbetung Christi dargestellt ist, aufbewahrt.

Das innerhalb des Begräbnißplatzes stehende, sehr ansehnliche Schulhaus, enthält außer 2 geräumigen Lehrzimmern auch die Wohnungen des Schulmeisters und des Lehrgehilfen.

Das Stadtpfarreigebäude liegt an der Hauptstraße in der Vorstadt und befindet sich in gutem wohnlichen Zustande.

Das ehemalige, innerhalb des eigentlichen Städtchens gelegene Oberamteigebäude enthält gegenwärtig die Wohnungen des Diacons und des Revierförsters.

Im Eigenthum der Gemeinde sind folgende Gebäude:

Das im Jahr 1533 erbaute, noch ziemlich gut erhaltene Rathhaus, ferner ein öffentliches Schlachthaus, ein Waschhaus, das übrigens nicht benützt wird und ein Arrestlokal mit dem Stations- und Ortsgefängniß, der Criminalthurm genannt, welcher ursprünglich ein Thurm an der Stadtmauer war.

| Überdieß ist noch das Marienstift zu nennen, ein schönes, im modernen Styl erbautes Gebäude, welches Ihre K. Hoheit die Prinzessin Marie von Württemberg im Jahr 1847 erbauen ließ; es enthält eine Industrieschule und Kleinkinderschule mit je 2 Lehrerinnen. Die Verpflegung der Kinder, wie die Besoldung der Lehrerinnen bestreitet die Prinzessin.

Der Ort und die Umgegend ist sehr wasserreich und 6 laufende Brunnen liefern vortreffliches Trinkwasser; überdieß besteht noch ein reichlicher Schöpfbrunnen, der Bischofsbrunnen genannt. Der Längenbach fließt durch den Ort und wird in dem unteren Theil desselben zu einem 21/8 Morgen großen Weiher geschwellt, in welchem Forellen gezogen werden. Der Weiher, dessen künstlicher Ablauf die untere Mühle und die Wollenspinnerei in Bewegung setzt, ist Eigenthum des Staats, der ihn verpachtet. Bei starken Regengüssen und schnellem Schneeabgang schwillt der Längenbach öfters sehr stark an und wird den nahe stehenden Gebäuden gefährlich, wie er denn im Jahr 1824 nicht nur ein Haus weggerissen, sondern auch sonst großen Schaden an Gütern etc. angerichtet hat.

Außerhalb des Orts entspringen mehrere reichliche Quellen, von denen der 1/4 Stunde unterhalb der Stadt auf der linken Seite der Nagold hervorkommende Markgrafenbrunnen nicht nur die bedeutendste ist, sondern auch vortreffliches Wasser liefert, das eine etwas höhere Temperatur hat, als die gewöhnlichen Quellen. Bemerkenswerth ist, daß außer dem Markgrafenbrunnen und den Badequellen (s. hier. unten) einige Quellen auf dem rechten Ufer der Nagold, wie auch ein laufender Brunnen in dem westlichen Theile der Stadt, ebenfalls eine etwas wärmere Temperatur haben; das Wasser des letzteren soll sehr gesund sein und wird häufig von Kranken getrunken. Unfern der unteren Brücke entspringt der sogen. Kropfbrunnen, der sehr hartes Wasser führt, eine Eigenschaft, die noch einigen anderen, unterhalb des Kropfbrunnens entspringenden Quellen zukommt.

Die Nagold, welche an der Ostseite des Orts vorüber durch ein üppiges, ziemlich erweitertes Wiesenthal fließt und an der Wollenspinnerei den Längenbach aufnimmt, hat hier eine Breite von 60–70′, während die Tiefe im Allgemeinen von 4–8′ wechselt. Sie tritt öfters aus ihren Ufern und überschwemmt die ganze Thalebene; im Jahr 1851 hat der angeschwollene Fluß nicht nur großen Schaden an den Feldern etc. angerichtet, sondern auch die 3 über die Nagold führenden Brücken theils weggerissen, theils beschädigt. Die Fischerei in der Nagold haben die beiden Badinhaber und einige Bürger; | von der Sägmühle bis zu dem oberen Bad besteht über das Fischrecht ein Streit zwischen dem Staat und dem Besitzer des oberen Bads. In den nur Forellen führenden Wassern des Längenbachs und des Kollbachs verpachtet der Staat die Fischerei. Über die Nagold führen 3 hölzerne Brücken und zwar bei dem obern Bad, bei dem untern Bad und unterhalb des Orts; letztere unterhält die Gemeinde, während die beiden andern je von den betreffenden Badbesitzern unterhalten werden müssen.

Die klimatischen Verhältnisse sind günstig, indem der Ort durch Bergvorsprünge geschützt ist und sich einer milden, von den Ausdünstungen der Nadelwaldungen gewürzten, durch die rasch fließenden Gewässer erfrischten Luft erfreut.

Die im Allgemeinen körperlich nicht ansehnlichen Einwohner sind rührig und fleißig und suchen ihr Auskommen hauptsächlich durch gewerbliche Arbeiten sowohl im Ort, als in den Fabriken zu Pforzheim zu sichern. Ihre Vermögensumstände sind mit wenigen Ausnahmen ziemlich gering und der ausgedehnteste Güterbesitz beträgt nur etwa 20 Morgen, während sehr viele gar kein Grundeigenthum besitzen.

Größere Gewerbe sind: Die Wollspinnerei von Hermann Wetzel; sie ist an Wilhelm Neuner verpachtet und beschäftigt 16 Personen; die Wollspinnerei von Wilhelm Neuner beschäftigt 5 und die von Johannes Weick 10 Personen; eine Papiermühle, welche Pappendeckel und Packpapiere fabricirt, beschäftigt 5 Personen; eine Fabrik von künstlichen Wetzsteinen und Bimsstein von Claß und Weisser ist seit neuester Zeit im Betrieb; das hiezu nöthige Material findet sich ganz in der Nähe des Fabrikgebäudes. Überdieß bestehen im Ort zwei Mühlen mit je 4 Mahlgängen und einem Gerbgang, 8 Schild- und 6 Gassenwirthschaften, auch eine Apotheke, 2 Kaufleute und ein Mehlhändler. Die gewöhnlichen Gewerbe sind nicht nur für den Ort hinlänglich vertreten, sondern arbeiten auch theilweise für die Umgegend, namentlich sind vorhanden:

Meister Gehilf.   Meister Gehilf.
Bäcker 10 1 Schmiede 2
Barbiere 1 Schlosser 4
Bürstenbinder 1 Schneider 4 1
Dreher 1 Schreiner 6
Färber 1 1 Schuhmacher 8
Fischer 2 Seifensieder 1
Flaschner 1 1 Seiler 2 1
Glaser 3 Steinhauer 1
Hafner 4 2 Stricker 1
Küfer und Kübler 2 Tuchmacher 1 2
Maurer 1 Wagner 3
Metzger 6 Zimmerleute 2 4
Musikanten 1 Mit Weberei sind beschäftigt
Nagelschmiede 2      in Leinen 2 1
Nähterinnen und Strumpfweber u.
     Büglerinnen 5      Strumpfstricker 4
| Die Hafner oder Töpfer beziehen ihr Material aus mehreren Erdegruben im Badwald.

Endlich zählt die Stadt: Frachtfahrer und Fuhrleute 6 mit 20 Pferden und Hauderer 1 mit 1 Pferd.

Der landwirthschaftliche Betrieb ist ganz untergeordnet und besteht meist in Wiesenbau und Obstzucht, welch letztere ziemlich ausgedehnt ist und sich nicht nur mit Mostsorten, sondern auch mit etwas Tafelobst beschäftigt; in günstigen Jahren reift an den Kammerzen die Weintraube. Die Wiesen sind im Ertrag etwas besser als in Hirschau und kosten 400–500 fl. per Morgen, während sich die Preise eines Morgens Acker von 400–450 fl. bewegen.

Der vorherrschend aus Allgäuer und rother Landrace bestehende mittelmäßige Rindviehstand wird durch 2 Farren, die ein Bürger im Namen der Gemeinde gegen einen jährlichen Ersatz von 135 fl. hält, nachgezüchtet.

Die Winterschafweide ist an einen Pachtschäfer, der auch die Pferchnutzung hat, um 150 fl. jährlich verliehen.

Was die Schweinezucht betrifft, so werden die Ferkel theils im Ort gezogen, theils auswärts aufgekauft und etwa 3/4 derselben gemästet zum Verkauf gebracht.

Die früher bedeutende Zahl der Ziegen hat bis auf 15 Stücke abgenommen und die Zucht der Bienen beschränkt sich auf etwa 50 Stöcke.

Die in neuester Zeit namhaft verbesserte Landstraße (Wilhelmsstraße) von Calw nach Pforzheim führt durch den östlichen Theil des Orts, auch bestehen Vicinalstraßen über Schömberg nach Neuenbürg und über Unter-Haugstett nach Weil der Stadt, wodurch dem Ort der Verkehr mit der Umgegend hinreichend gesichert ist.

Die Gemeinde ist im Besitze von 94 Morgen Waldungen, deren jährlicher Ertrag verkauft und der Erlös unter die Bürgerschaft ausgetheilt wird, so daß jedem Bürger 1 fl. 30 kr.–2 fl. zukommen. Überdieß hat die Gemeinde das Recht, alljährlich 225 Klafter Nadelholz | und 25.000 St. Wellen aus den Staatswaldungen zu beziehen, hievon erhält jeder Bürger 3/4 Klafter und 50 St. Wellen; der Überschuß wird zu Gunsten der Gemeindekasse angelegt.

Auch besitzt die Gemeinde noch etwa 5 Morgen Güter, die ihr einen jährlichen Pacht von 67 fl. eintragen.

Das Vermögen der Stiftungspflege belauft sich auf etwa 4000 fl. Stiftungen zu Brod, Schulbücher etc. sind ziemlich viele vorhanden, und den Ortsarmen wird jährlich von Seiten der Gemeinde 4–500 fl., von Seiten der Stiftungspflege 190 fl. zur Unterstützung gereicht; im Ganzen werden ungefähr 30 Personen unterstützt. Die Gemeindeschadensumlage beträgt daher gegenwärtig 1300 fl. (über Gemeinde- und Stiftungshaushalt s. Tabelle III.)

Die Gemeinde hat das Recht, alljährlich 5 Flachs-, Vieh- und Krämermärkte und überdieß noch einen besonderen Flachsmarkt abzuhalten, welch letzterer sehr besucht wird.

Wappen der Stadt Liebenzell.

Das Stadtwappen ist ein in einer Wanne Badender, seit der Ankunft der Stadt an Württemberg mit einem württembergischen Hirschhorn darüber.

Nordwestlich der Stadt erhebt sich der Schloßberg, ein schön geformter Bergvorsprung zwischen dem Längenbach- und dem Nagoldthale; auf ihm erheben sich die malerischen Ruinen der Burg Liebenzell, welche wohl zu den schönsten in Württemberg gezählt werden dürfen. Von drei Seiten natürlich fest, war die vierte, nordwestliche, durch einen tiefen, nun größtentheils ausgefüllten Graben unzugänglich gemacht, überdieß ist an dieser Seite ein sehr fester, noch wohl erhaltener Thurm angebracht, an dessen beiden Seiten eine je 35′ lange, 10′ dicke und 62′ hohe Mauer (Mantel) fortzieht, die mit der Rückseite des Thurms eine gleichlaufende Fläche bildet und an ihren beiden Enden vollkommen häuptig gearbeitet ist. Dieser Thurm mit dem anstoßenden Mantel (Flankenmauer) diente ebenfalls zur Befestigung der von Natur zugänglichen Seite und bildete den ältesten Theil der Burg, an den die übrigen Gebäude erst später angebaut wurden. Der Thurm ist viereckig und wie der anstoßende Mantel aus Buckelsteinen erbaut; seine Höhe beträgt 120′ und die Dicke seiner Mauern 8′. Der ursprüngliche rundbogige Eingang befindet sich an der Ostseite 30′ über der Erdfläche. Der Thurm hatte bis zu einer Höhe von etwa 100′ nie einen steinernen Einbau, was sich aus der ganzen Construktion leicht wahrnehmen läßt, indem an den Innenseiten desselben noch deutlich die Absätze (Kragsteine) sichtbar sind, auf denen | die hölzernen Böden der verschiedenen Stockwerke aufgesetzt waren; erst in einer Höhe von etwa 100′ befindet sich ein einfaches, massives Tonnengewölbe, zugleich beginnt hier eine schön construirte steinerne Wendeltreppe, die innerhalb der Thurmmauer bis zu der noch ziemlich gut erhaltenen Zinne des Thurms führt. An der innern Fläche erscheinen spärlich angebrachte Steinmetzenzeichen (abgebildet bei Hartmann 71). Der hölzerne Einbau des Thurms war längst verschwunden, als im Jahr 1841 von unten herauf bis zur steinernen Wendeltreppe eine hölzerne Treppe errichtet und somit dieses interessante Bauwerk wieder zugänglich gemacht wurde. Auf der Zinne des Thurms, von der man eine reizende Aussicht über die Stadt hinweg in das Nagoldthal genießt, waren 4 gewölbte Nischen mit Lichtöffnungen angebracht, von denen nur noch eine erhalten ist, während die übrigen 3 bei der in neuester Zeit an dem Thurm vorgenommenen Reparatur abgegangen sind. An der Ost- und Westseite des Thurms sind Schlitze, mittelst deren derselbe schwach erleuchtet wird. An der Innenseite der nördlichen Flankenmauer (Mantel) befindet sich 30′ über der Erdfläche ein rundbogiger Eingang, welcher zu einer, in der Mauer aufwärts gehenden Wendeltreppe und zu einem Gang durch die westliche Mauer des Thurms nach dem südlichen Flügel des Mantels führt; der Mantel selbst enthält 2 rundbogige Fenster. Thurm und Mantel bilden ein nach den Regeln der Kunst zusammengefügtes Ganze, dessen Gründung nach dem, an beiden angewendeten romanischen Styl in das 11. Jahrhundert gesetzt werden dürfte[2]. Außer diesen wohl erhaltenen Überresten der Burg Liebenzell sind noch mehrere halb zerstörte Umfangsmauern von Gebäuden vorhanden, die sich an die Ostseite des Mantels anlehnen, deren zum Theil noch erhaltene Fensteröffnungen der Übergangsperiode von dem romanischen in den germanischen Baustyl angehören und sichtlich bekunden, daß diese Gebäude in einer spätern Periode als der Thurm und Mantel erbaut wurden. Sämmtliche Burggebäude, nebst einem Hofraum, werden von 2 hinter einander laufenden, starken Mauern umschlossen.

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Auf dem sogen. Klosterbuckel (Finkenberg), einem schön gerundeten Bergvorsprung, zunächst (südlich) am Ort, befindet sich ein sehr tiefer, ringförmiger Graben, der einen namhaften Hügel umschließt, auf dessen Kuppe ausgedehnte, feste Gebäudesubstruktionen unter der | Oberfläche gefunden wurden; auch sind daselbst eine Menge sehr lange, glasirte, spitz zulaufende Ziegel, Nägel, einzelne Thürgloben, Hufeisen, ein Schlüssel mit Schloß und eine aus thönernen Teicheln bestehende Wasserleitung aufgefunden worden. Die Volkssage, wie der Name des Hügels sprechen für ein ehemaliges Kloster, während der tiefe Graben eher auf eine Befestigung, Burg, hindeutet. Über diesem sogen. Klosterbuckel erhebt sich der Steinberg, auf dessen östlichster Spitze eine Burg gestanden sein soll, von der übrigens nur noch ein geebneter Platz, den man Burgstall nennt, übrig ist.

Innerhalb des Orts befindet sich an der Landstraße ein etwas vorstehender Felsen, in welchen eine kleine spitzbogige Nische und ein Kreuz eingehauen ist.

Jenseits der Nagold, zunächst der Monakamerbrücke, liegt der sogen. Beutelstein, ein großartiger, überhängender Felsen, unter dem sich eine 12′ hohe und 10′ weite Höhle befindet.

Das wildromantische Kollbachthälchen, in welchem der rasche Bach mehrere Wasserfälle bildet, bietet dem Freunde der Natur manche malerische Parthie.

Der Ortsname Liebenzell weist darauf hin, daß hier ursprünglich eine Zelle, ein Klösterlein, gestanden hat, welches von einer Gründerin Lioba den Namen erhalten haben mochte; indeß heißt der Ort häufig und zwar schon um 1129 nur Zell (Celle). Gegen 1191 erscheint er als oppidum Zell[3].

Er gehörte ursprünglich den Grafen von Calw. Uta († um 1196), die Erbtochter des Calwer Grafen und rheinischen Pfalzgrafen Gottfried brachte ihrem Gemahl Herzog Welf VI. († 1191) in die Ehe den Ort sammt dem Wald und aller Zugehör und beschenkte am Ende wenigstens mit einem Antheil desselben das Kloster Hirschau[4].

Dabei aber hatte Liebenzell einen kräftigen Ortsadel, welcher auf der Burg seinen Sitz hatte. In der Mitte des 13. Jahrhunderts erscheinen drei Gebrüder Wolfram, Reinhard (beide † vor 14. März 1260) und Ludwig, und die Söhne des mittleren, Reinhard und Wolfram (Mone Zeitschr. 1, 248), von denen der Vater Reinhard schon in einer Maulbronner Urkunde von 1250 vorkommt. | Diese Ritter stunden unter gräflich calwischer, später (da Graf Simon von Zweibrücken Herr zu Alteberstein die Tochter des gegen 1263 verstorbenen letzten Grafen von Calw geehlicht hatte) kurze Zeit noch unter gräflich zweibrückischer Lehensoberherrlichkeit. Reinhard (d. ä.) und Ludwig verkauften um 1258 Güter zu Königsbach (im bad. Amte Durlach) an Pforzheimer Bürger (Maulbronner Urk. vom 26. Januar 1259), und Ludwig schenkte im Jahre 1272 dem Kloster Herrenalb zur Vergütung zugefügten Schadens den Kirchensatz zu Merklingen (Mone a. a. O. 1, 476), welchen er von dem Grafen Simon von Zweibrücken zu Lehen trug, was dieser bestätigte. Als Wappen führten diese Ritter zwei aufgerichtete von einander abgekehrte Schlüssel (Mone a. a. O. 1, 249). Die Burg Liebenzell selbst veräußerte Ludwig um 1272 an den Deutschorden, und trat, nunmehr dieses Vatererbes baar, selbst in diesen Orden, in welchem er in Preußen durch seine siegreichen Kämpfe gegen die Samaiten und durch seine Überredungskunst, wodurch er 1600 Sudauer für das Christenthum gewann, sich auszeichnete. Vom Jahr 1294 bis 1300 war er Comthur vom Ragnit. Zum mittelbaren Nachfolger in derselben Comthurei, 1317–1318, hatte er seinen nahen Anverwandten, den gleichfalls sehr tapfern Friedrich von Liebenzell (Stälin Wirt. Gesch. 3, 746). In der Mitte des 14. Jahrhunderts verlautet nichts mehr von diesem Geschlecht. Der Deutschorden verkaufte jedoch bereits im J. 1273 für 1200 Mark Silber Liebenzell an den Markgrafen Rudolph von Baden (Württ. Jahrb. 1853b, 204). Eben dieses Markgrafen Rudolphs Gemahlin Kunigunde, geb. von Eberstein, war es, welche in dieser Burg im April 1284 verschied [5].

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Der Sage gehört an als Besitzer der Burg der „Tirann“ Erkinger von Merklingen. Ihn bekämpfte, so heißt es, ein Markgraf von Baden, unterlag zwar anfänglich, siegte jedoch darauf mit Unterstützung des Pfalzgrafen Ruprecht (1353–1390)[6], nahm Liebenzell ein und ließ den Tirannen vom Thurm hinabschleudern (Crusius Annal. Suev. 3, 182; sonstige Sagen über ihn s. bei Meier deutsche Sagen 1, 151). Es kommt zwar ein Erkinger von Merklingen | auch urkundlich vor im Jahr 1359 (Mone Zeitschr. 8, 329. 330, vgl. 450), jedoch blos in friedlichen Beziehungen.

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Als die Söhne des Markgrafen Karl II. von Baden theilten, kam Liebenzell an den ältesten derselben, den Markgrafen Ernst Friedrich, welcher es mit Altensteig 1596 dem Herzog Friedrich I. zum Verkauf anbot. Dieser war auch gleich bereit, beide ihm wohlgelegene Ämter zu kaufen, aber er wollte verschiedene in Baden gelegene Güter mit in den Kauf geben. Dieses waren außer Rodt unter Rieppur lauter ehemalige Klostergüter; die Kellereien Malsch und Langensteinbach, mit den Orten: Auerbach, Dietenhausen, Ittersbach, Spielberg und der Obermutschelbacher Markung, die Pflege Ottersweier und Weingarten. Dadurch entstanden Schwierigkeiten, weil der Markgraf die Klostergüter nicht annehmen wollte, aus Furcht, man möchte ihn einmal zur Wiederherausgabe zwingen. Beinahe wäre hiedurch der Handel wieder rückgängig geworden, wenn sich der Herzog nicht zur Erhöhung des Kaufpreises und zu einer Sicherheitsleistung wegen obiger Güter verstanden hätte. Neue Verzögerungen machte der Anschlag der zu verkaufenden und vertauschenden Besitzungen, da jeder Theil sie zum höchstmöglichen Werthe anzubringen suchte. Erst am 20. Dezember 1603 wurde daher der Kauf- und Tauschvertrag ganz fertig. Als Gründe des Kaufs und Tausches werden hier die „Irrungen und Mißverständnisse“ angegeben, welche wegen dieser Besitzungen zwischen Württemberg und Baden lang geherrscht hätten, dadurch aber nun abgeschnitten seien. Herzog Friedrich hatte neben den obengenannten Gütern noch 481.762 fl. 50 kr. zu zahlen, dafür erhielt er die beiden Ämter Altensteig und Liebenzell als freies Eigenthum, mit aller Obrigkeit, hoher und niederer Gerichtsbarkeit, dem Forst- und Wildbann, der forstlichen Obrigkeit, der Reise und Folge, allen Regalien, Geleite, Zoll, Umgeld, Steuern, Frohndiensten und andern Dienstbarkeiten, mit allem Zugehör, mit Leibeigenen, Leibeigenschaftsrechten und Abgaben. Als Bestandtheile des Amts Liebenzell sind angegeben Stadt und Burgstall Liebenzell mit der Pfarr-, Schul- und Amtsbehausung und den dazu gehörigen Stadeln und Scheunen, wie sie mit der Mauer umfangen sind, nebst der Vorstadt, den Wirthschaften, Läden, Kramläden und Häusern, an was Orten und Enden sie von der Stadt gebaut stehen, die Orte: Dennjächt, Ernstmühl, Monakam, Unter-Haugstett und Unter-Reichenbach (im jetzigen O.A. Calw), Beinberg, Bieselsberg, Igelsloch, Maisenbach, Ober- und Unter-Lengenhardt, Schönberg, Schwarzenberg und Unter-Kollbach (im jetzigen O.A. Neuenbürg). Am Schluß verpflichtete sich Herzog Friedrich zur Übernahme der | Gewährleistung für alle Ansprüche, welche auf die vertauschten Güter erhoben werden könnten und verschrieb zu mehrerer Sicherheit dem Markgrafen als Unterpfand Besigheim und Mundelsheim, woran sich dieser, wenn er wegen der Klostergüter angegriffen würde, sollte schadlos halten dürfen (Schoepflin H. Z. B. 7, 166 ff., Kausler Neuenbürg 162).

Jetzt aber hatte der Herzog auch noch mit Georg Friedrich, dem Bruder des Markgrafen, zu schaffen, der sich viel Mühe gegeben hatte, den Handel zu hintertreiben und der den Verkauf erst am 20. November 1604 gegen Abtretung der Kollatur des Pfarr- und Meßnerdienstes zu Bauschlott und gegen Bezahlung von 28.240 fl. bestätigte. (Sattler Herz. 5, 261.) Auch die württembergischen Landstände waren mit dem Kauf nicht zufrieden, „weil die Orte theils strittig, theils durch geistliche Güter und Gefälle erkauft, auch mehrentheils schlecht und gering seien, so daß wenig Schatzung daraus erhoben werden könne.“ Endlich jedoch willigten sie bei stärkerem Drängen des Herzogs in die Bezahlung des Kaufschillings und beide Ämter wurden am 25. Januar 1605 der Landschaft incorporirt (Landesgrundverfassung 319). Als aber 1622 Baden-Durlach die Kellerei Malsch und die Pflege Ottersweiher an Baden-Baden abtreten mußte, begehrte es von Württemberg eine Entschädigung, namentlich die Übergabe von Besigheim und Mundelsheim, und es entstand ein langwieriger Proceß, welcher erst durch den Vergleich vom 29. Nov. 1753 beendigt wurde, durch welchen Württemberg an Baden seine Rechte auf die Grafschaft Eberstein, den Ort Neuenbürg (bei Bruchsal) und die Burgvogtei Gernsbach abtrat und noch 130.000 fl. zahlte (Schöpflin a. a. O. 258. Breyer elementa 90. 91. Ausg. 2).

Was die hiesige Kirche betrifft, so schenkte sie schon die oben genannte Herzogin Uta um 1191 an das Kloster Hirschau. Der jeweilige Prälat zu Hirschau war zugleich Pfarrer in Liebenzell, das er durch einen Vikar versehen ließ. Indeß erscheint noch im Jahr 1376 ein rector der hiesigen Kirche (Urk. v. 26. Juli d. J.) und ein Verzeichniß des 15. Jahrhunderts führt auf eine Pfarrei und zwei Frühmessereien, eine zum Altar der heil. Maria und eine zu dem des heil. Nicolaus (Würdtwein Subsid. 10, 338).

Als Markgraf Karl von Baden bei der Reformation in seinen Landen (1556) die hiesigen geistlichen Stellen einziehen wollte, wandte Abt Johann von Hirschau sich klagend an den Herzog Christoph von Württemberg, welcher darüber mit Baden verhandeln ließ (1556. Christmann 350. Steck 221), am Ende aber bei einem größeren | Austausch solche an den Markgrafen abtrat. Zur Einführung der Reformation bediente sich der Markgraf wie anderwärts, so im Jahr 1560 allhier Max Mörlins früheren Coburgischen Hofpredigers, Jakob Schmidlin’s und Michael Diller’s, Heidelbergischen Hofpredigers (Fecht Hist. eccl. sec. 16 suppl. 2, 118). Im Jahre 1603 kam dann mit Liebenzell selbst auch der Kirchensatz an die Herrschaft Württemberg, welche das frühere Pfarrvikariat in ein Diakonat verwandelte, und solcher steht auch heut zu Tag sowohl zur Stadtpfarrei als auch zum Diakonat der Krone zu. Die Stadtpfarrei hat zu Filialien Beinberg, Maisenbach, Zainen, Unterlengenhardt (sämmtlich O.A. Neuenbürg); Filialien des Diakonats sind die rechte Uferseite von Ernstmühl (also den Haupttheil dieses Dorfs) und Monakam.

Im Jahr 1645 wurde Liebenzell durch die Franzosen ausgeplündert. Um demselben Schicksal zu entgehen, mußte es 1688 dem französischen General Feuquiere 3000 fl. zahlen. Im Sept. 1692 litt es abermals durch französische Ausplünderung.

Parzellen der Gemeinde und innerhalb der Markung der Stadt gelegen sind die beiden Bäder, nämlich:

a) Das obere Bad, gegenwärtig Eigenthum von Stock, eine mit freundlichen Gärten und üppigen Wiesengründen umgebene Gebäudegruppe, in deren Rücken sich der dicht bewaldete Thalabhang steil erhebt, beinahe 1/4 Stunde südlich von Liebenzell in der Thalebene auf der rechten Seite der nahe vorbeifließenden Nagold gelegen. Dasselbe ist längst Privateigenthum, und besteht in einem einfach erbauten, zweistockigen Hauptgebäude, welches 30 Zimmer enthält, mit einer zwar beschränkten, aber dennoch freundlichen Aussicht in das anmuthige Nagoldthal. Außer dem Hauptgebäude sind noch einige Nebengebäude vorhanden; auf einem derselben hat der Badeigenthümer einen Saal neu erbauen lassen, der mit dem Hauptgebäude mittelst eines Ganges verbunden ist. Die Badeanstalt mit geräumigen Badekabineten und Doucheeinrichtungen erhält ihr Wasser durch ein mit der Quelle in Verbindung gebrachtes, gußeisernes Pumpwerk. Zunächst dem Hauptgebäude steht der Kupferhammer (s. unten). Eine schattige Lindenallee, welche der Erbprinz Friedrich Ludwig von Württemberg im J. 1719 anlegte und 1727 mit einem Lusthaus verschönerte[7], führt in der wiesenreichen Thalebene nach dem nur etwa 600 Schritte nördlich gelegenen unteren Bad.

| b) Das untere Bad ging erst 1824 von dem Staat in den Besitz der Familie Neuner über und ist gegenwärtig Eigenthum von Theol. Cand. Hermann Wetzel und seiner Gattin Ernestine, geb. Neuner. Das ansehnliche, dreistockige Badgebäude, welches 1808 für den Besuch der Königin Katharine von Westphalen ganz umgebaut wurde, enthält in den obern Stockwerken 42 Zimmer und in dem Erdgeschoß 2 Reihen freundlicher Badkabinette. Die Badewannen sind versenkt, mit Hahnen und theilweise mit Einrichtungen zu Douchen versehen. Von der Belletage führt ein Ausgang zu ebener Erde in den schön ausgestatteten runden Kursaal, welchen Neuner erbaute, und in die freundlichen Gartenanlagen, welche die Gebäude rings umgeben, während von den Anlagen Spazierwege mit mäßiger Steigung in die nahe gelegenen Waldungen gehen, wo an geeigneten Stellen Ruheplätze angelegt sind.

Die Lage des unteren Bades, ebenfalls auf der rechten Seite der Nagold, ist noch reizender als die des oberen; man erblickt über die saftigen Wiesengründe und den nahen Fluß hinweg das nur etwa 600 Schritte entfernte Städtchen Liebenzell, in dessen Hintergrunde sich die malerischen Ruinen der Burg Liebenzell kühn erheben. Auf den Bergen, welche von den Thälern bis zur Hochebene mit üppigen Waldungen prangen, sind die Orte Beinberg und Unterlengenhardt theilweise noch sichtbar.

Für die Verschönerung der beiden Bäder sind in den letzten Jahrzehnten namhafte Summen verwendet worden, namentlich hat auch die Staatsverwaltung durch die nahen Waldungen Wege nach allen Richtungen anlegen lassen, so daß sich die Kurgäste im Schatten dichter Buchen- und Nadelholzbestände ergehen und an der balsamischen Waldluft erquicken können. An Regentagen aber erlauben die Säle und Corridore in den beiden Badehäusern eine geeignete Bewegung. Auch sind in beiden Bädern kleine Lesebibliotheken den Gästen zur Verfügung gestellt.

In jedem der Badehäuser entspringt eine heilsame, in Sandsteinquadern sorgfältig gefaßte Hauptquelle; überdieß befindet sich in dem unteren Bad noch eine dritte, weniger ergiebige, deren Wasser getrunken wird. Die Temperatur der Quellen wechselt nach einer Reihe von Beobachtungen von dem Jahr 1747 bis 1848 zwischen + 18,7° bis 20° R., im unteren, und + 17,5° bis 19° R. im oberen Bad. Der Zufluß beträgt im oberen Bade in einer Stunde 6 Eimer, und beinahe ebensoviel im unteren Bade; nach einer annähernden Berechnung würde der Wasservorrath in beiden Badeanstalten zu 160 Bädern täglich ausreichen. (Über die Bestandtheile der Quellen s. den allgemeinen Theil, Abschn. Mineralquellen).

Die Quellen treten in dem bunten Sandstein hervor, scheinen aber | in dem Urgebirge ihren Ursprung zu haben, indem in der Nähe des obern Bades der Granit zu Tage geht, welcher sich an mehreren Stellen als Überrest eines in schiefer Richtung vom rechten Nagoldufer nach dem linken das Thal aufwärts durchschneidenden Granitriffes verfolgen läßt.

Das Wasser der Liebenzeller Heilquellen wirkt bei dem inneren Gebrauch im Allgemeinen lösend, besänftigend, erweichend, die Schleimhäute durchfeuchtend, reinigend; bei dem äußeren Gebrauch theilt es die Wirkungen des warmen Wassers im Allgemeinen, modificirt und erhöht durch die physischen und chemischen Eigenthümlichkeiten der Therme. Als Bad wirkt das Wasser der Liebenzeller Heilquellen specifisch auf die Herstellung einer normalen Hautthätigkeit, beruhigt das Gefäß- und Nervensystem in den Centren, wie in der peripherischen Ausbreitung, vermehrt die natürlichen Ausscheidungen, insbesondere die des Urins, und verleiht dem ganzen reproduktiven Leben eine die gesunde Ernährung des Ganzen und der Theile befördernde Richtung.

Die Fälle, in welchen die Quellen am häufigsten gebraucht werden und in denen ihre Wasser einen ausdauernden Heilwerth gezeigt haben, lassen sich übersichtlich unter folgende Gruppen vereinigen: krankhafte Zustände der Catamenien, wohin auch die Neigung zu Fehlgeburten und die Sterilität der Frauen im Allgemeinen gehört; krankhafte Erscheinungen des Wachsthums und der Entwicklung, die Anlage und das erste Stadium der Lungenschwindsucht, chronische Entzündung der inneren Organe, Nervenkrankheiten, einige Hautkrankheiten, die geringeren Grade der Scrophelsucht, insbesondere der scrophulösen Augenentzündungen, Rheumatismus und Gicht, die Hämorrhoidalkrankheit und in gewissen Fällen die habituelle Hartleibigkeit, Krankheiten des Alters durch die zunehmende Vertrocknung der flüssigen Theile entstanden u. s. w.

Die heilsamen Quellen, in Vereinigung mit der reizenden, geräuschlosen Gegend und der balsamischen, gesunden Waldluft, haben Liebenzell in frühen Zeiten zu einem sehr besuchten Kurort gestempelt. Schon im Anfang des 15. Jahrhunderts wurden die beiden Bäder als von der Markgrafschaft Baden (damaligen Markgrafen Bernhard) rührende Erblehen, welche an badische Unterthanen als Badewirthe gegeben wurden, erwähnt. Das untere Bad ist das ältere; es wurde im J. 1403 an Hirtenhans von Pforzheim gegen 24 fl. Jahreszins verliehen, das obere, bald nach 1403 errichtete, im J. 1415, als das „neue Wildbad zu Liebenzell, genannt das obere Bad“ bezeichnet, an Benz Reuer von Liebenzell gegen 22 fl. Fremde Bader z. B. von Darmstadt und Baden-Baden, welche sich hier schon im 15. Jahrhundert niederließen, beweisen den damaligen starken Besuch der Bäder. (Mone Zeitschrift 2, 279–282). Der badische Markgraf Friedrich bestimmte durch seine Badeordnung vom 1. Mai 1597 die Rechte der Gäste und Wirthe. Auch unter Württemberg waren die Bäder herzogliches Eigenthum und Erblehen ihrer Besitzer. Diese Bäder erfreuten sich | überhaupt ein Paar Jahrhunderte lang vieler hoher und berühmter Gäste aus ganz Schwaben, Franken, Rheinland und aus entlegeneren Landschaften. Von dem württembergischen Fürstenhaus weiß man schon, daß Margarethe von Savoien, Gemahlin Graf Ulrichs des Vielgeliebten im Jahr 1474 sie gebrauchte. Im Juni 1510 verlobte sich hier Markgraf Ernst von Baden, Christophs Sohn, mit Elisabeth, Tochter des Markgrafen Friedrich von Brandenburg im Beisein königlicher Abgesandter (Baselii additio ad Naucleri Chron.). Aus dem württembergischen Hause waren Badegäste 1519 und 1520 Graf Georg (Bruder Herzog Ulrichs), 1593 Herzog Ludwig, 1609 Herzog Johann Friedrich, 1642 Herzog Eberhard III. Im Juni 1656 feierte allda seinen Verspruch der Herzog Eberhard III. mit Maria Dorothea Sophia, geb. Gräfin von Oettingen. Derselbe gebrauchte noch im Juni 1674 (kurz vor seinem Tode) wegen apoplectischer Anfälle dieses Bad vom Kloster Hirschau aus. Von berühmten Gelehrten war Joh. Reuchlin im J. 1522 Kurgast. Eine sehr große Reihe fürstlicher, adelicher u. a. Gäste stifteten je in das von ihnen besuchte Bad ihr auf eine Holztafel gemaltes Wappen zum Aufhängen in den Gängen zwischen den Zimmern[8]; im obern Bad gingen diese Wappen bis 1506 und im untern bis 1512 zurück, doch so daß einige der älteren, welche unrichtig sind, nicht gleichzeitig sein konnten. Die interessante Liste dieser Wappen bis zum J. 1667 herab gibt Walch in seiner angeführten Schrift S. 58–161. Im untern Bad waren solche Wappen noch bis zum Jahr 1808 an ihrer Stelle; beim damaligen Umbau zurückgestellt gingen sie später zu Grunde.

Das Bad überhaupt kam erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts unter Staatspächtern ganz herunter; hob sich aber nach dem Anfang des gegenwärtigen wieder ansehnlich. Durch die in neuerer Zeit von den Badebesitzern vorgenommenen Verbesserungen, sowie durch die Bemühungen des württembergischen ärztlichen Vereins gewann es sichtlich und erfreut sich gegenwärtig einer steigenden Frequenz nicht blos aus dem Inlande, sondern auch aus allen Theilen Deutschlands, der Schweiz und den übrigen Ländern Europa’s; durchschnittlich wechselt die Zahl der Kurgäste jährlich zwischen 143 und 243. Der ehrenvollste Besuch wurde ihm 1851 durch die Frau Kronprinzessin von Württemberg kais. Hoheit zu Theil.

Außer den Bädern sind noch folgende zur Gemeinde gehörige einzelne Wohnsitze zu erwähnen:

Kaffeehaus, ein einzelnes Haus, welches 1/8 Stunde östlich von dem unteren Bad in einer geschützten, wiesenreichen Mulde, eine ziemlich hohe, sehr freundliche Lage an dem Saume des Waldes | hat; der Besitzer desselben betreibt eine Kaffeewirthschaft, die von den Badegästen gerne besucht wird.

Kupferhammer, zunächst bei dem oberen Bad gelegen, im Besitz von Zahn und Comp. in Stuttgart und von diesen 1817 erbaut, und

Maisenbacher Sägmühle, 1/4 Stunde südlich vom Mutterort an der Straße von Calw nach Liebenzell zunächst der Einmündung des Kollbachs in die Nagold gelegen.


  1. Literatur Hieronymus Walch, Physikus zu Calw, eigentliche und gründliche Beschreibung deß uhralten heilsamen minerischen Bads bey Lieben-Zell. Stuttg. 1668. 16. J. A. G. (Joh. Albrecht Geßner.) Historisch-physikalische Beschreibung des Bads Liebenzell. Stuttg. 1748. 8. J. A. Hartmann, Liebenzell nach dem Ergebniß einer 19jährigen Erfahrung beschrieben. Stuttg., 1852. 8. In Verbindung mit Wildbad: Joh. Gaertner de thermis ferinis at que Zellensibus physico-medice consideratis (diss. praes. Jo. Zeller). Tubing. 1729. 4.
  2. Mone in den Schriften des Alterthumsvereins für Baden 1, 336 und Krieg von Hochfelden Gesch. der Militärarchitektur 94. 102. 103. (wo auch ein Grundriß) halten den Thurm für römisch.
  3. Um 1129 nach Chron. Sindelf. 2 ed. Haug, gegen 1191 nach Cod. Hirsaug. 84a; beide Aufzeichnungen sind übrigens den obigen Jahren nicht gleichzeitig.
  4. Über den Hirschauer Jagdbezirk in der Gegend s. die Kundschaft von 1418 bei Besold Doc. 573.
  5. Chron. Sindelf. Nicht sie war es, welche Liebenzell an Baden brachte; der eberstein’sche Weiler Zelle im Verkaufsbrief Otto’s von Eberstein an Markgraf Rudolph von Baden vom Jahr 1283 ist wahrscheinlich Marxzell, v. Krieg Grafen von Eberstein 361. 43.
  6. Urkundlich kommt dieser vor als zeitweiliger Pfandinhaber von Liebenzell. Schoepflin Cod. dipl. Hist. Zar. Bad. ad a. 1362. S. 464.
  7. Das herrschaftliche Alleenhaus wurde 1755 auf den Abbruch verkauft.
  8. Die am 26. Juni 1606 für Liebenzell errichtete Mahler- und Dreherordnung (Reyscher Samml. 12, 628) beweist, daß in der Stadt selbst gewerbliche Kräfte hiefür vorhanden waren.
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