Beschreibung des Oberamts Freudenstadt/Kapitel B 19

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Hochdorf,
Gemeinde III. Kl. mit 301 Einw. a. Hochdorf, Dorf, 178 Einw., Pfarr-Filial von Göttelfingen. b. Schernbach, Weiler, mit der Schernbacher Sägmühle, 123 Einw. Filial von Grömbach.


a. Der freundliche, reinlich gehaltene, etwas weitläufig gebaute Ort Hochdorf liegt 4 Stunden nördlich von der Oberamtsstadt und 3/4 Stunden östlich von dem Mutterort auf einer freien Hochfläche, welche sich zwischen den tief eingeschnittenen Thälern der Nagold, des Omersbachs und des Tannbachs hinzieht. Die Gebäude sind meist ansehnliche, zum Theil noch mit Schindeln gedeckte Bauernwohnungen und verrathen einen Wohlstand der Einwohner.

Die am östlichen Ende des Dorfs frei gelegene Kirche, welche Eigenthum der Gemeinde ist, wurde im Jahr 1799 in einem einfachen Styl neu erbaut, sie ist geräumig und hell. Der ummauerte Begräbnißplatz liegt am westlichen Ende des Orts.

Es ist ein Schulhaus, das zugleich die Wohnung des Lehrers und die Gelasse für den Gemeinderath enthält, vorhanden; auch besteht eine Industrieschule.

Vermöge der hohen, freien Lage genießt man von dem Orte eine weitgedehnte Aussicht über das Gäu und an einen großen Theil der Alp, dabei ist das Klima ziemlich rauh, so daß die im Zunehmen begriffene Obstzucht auf Mostsorten beschränkt ist, die nur in günstigen Jahrgängen einen etwas erheblichen Ertrag gewähren.

Mehrere laufende Brunnen liefern das ganze Jahr hindurch gutes Trinkwasser, das 1/2 Stunde weit von dem Ursprung der Nagold hergeleitet wird.

Die körperlich kräftigen und gesunden Einwohner sind sehr fleißig, betriebsam und sichern sich ihr Auskommen hauptsächlich durch Viehzucht, Holzhandel und Feldbau; letzterer wird willkürlich mit | theilweiser Anwendung verbesserter Ackergeräthschaften betrieben. Auch die Düngerstätten sind meist zweckmäßig angelegt und zur Besserung des etwas leichten, durchgängig rothsandigen Bodens werden, außer dem Stalldünger und der Jauche, keine weiteren Düngungsmittel angewendet. Zum Anbau kommt vorzugsweise Roggen, weniger Hafer, Dinkel, Weizen, Erbsen und Kartoffeln; Futterkräuter wollen nicht gedeihen, daher auch keine gebaut werden. Der Hanf- und Flachsbau wird ziemlich stark betrieben und das Erzeugniß theils verkauft, theils im Ort versponnen. Der durchschnittliche Ertrag eines Morgens beträgt 3–4 Scheffel Roggen, 5–6 Scheffel Dinkel und 4–5 Scheffel Hafer. Die ergiebigsten Äcker werden mit 110 fl., die mittleren mit 80 fl. und die geringsten mit 40 fl. per Morgen bezahlt. Das erzeugte Getreide wird im Ort selbst verbraucht.

Die durchgängig zweimähdigen Wiesen erhalten Wässerung und liefern etwa 45 Centner gutes Futter per Morgen; ihre Preise bewegen sich von 100–280 fl.

Pferdezucht wird nicht getrieben, dagegen ist die Zucht des Rindviehs, bei dem man eine tüchtige Landrace bevorzugt, in gutem Zustande und erlaubt einen ziemlich lebhaften Handel nach Frankreich, Baden und in die Schweiz. Gute Zuchtstiere hält ein Ortsbürger mit Unterstützung von Seiten der Gemeinde. Viehaustrieb findet theilweise noch statt. Die Schafzucht (deutsche Race) nimmt zu; der Abstoß der Schafe geht nach Baden und Frankreich, der Absatz der Wolle in das Inland. Schweinezucht findet nicht statt, dagegen werden Ferkel von Außen aufgekauft und für den eigenen Bedarf gemästet.

Der Ort liegt an der Vicinalstraße von Altensteig nach Urnagold, wo sie in die Freudenstadt-Wildbader Landstraße eingeht; von ersterer geht auf der Markung Hochdorf eine Vicinalstraße nach Simmersfeld ab. Außer diesen ist eine Vicinalstraße mit steilen Steigen durch das Nagoldthal nach Grömbach angelegt, von der eine weitere nach Schernbach ablenkt.

Über das Vermögen der Gemeinde und Stiftungspflege von Hochdorf und Schernbach s. Tabelle III.

Hochdorf kommt um 1130 erstmals vor; Adelbert, Sohn Gunzelins von Hochdorf (Hodorf juxta Sneite, Schnaitbach) beschenkte damals das Kloster Reichenbach (Cod. Reichenb. 16a).

Dieser Ort war ursprünglich pfalzgräflich Tübingisch und wurde im Jahre 1228 mit benachbarten von dem Pfalzgrafen Rudolf dem Hochstift Straßburg zu Lehen aufgetragen (Wenk, Hess. Landesgesch. 2. Urk. 146).

| Von der Tübinger Pfalzgrafenfamilie kam Hochdorf theilweise, über die Grafen von Eberstein, an das Kloster Reichenbach. Als 1469 Württemberg und Baden sich in den Schirm dieses Klosters theilten, wurde der Schutz der Güter des letzteren in Hochdorf an Baden zugetheilt (Kuen Collectio 2b, 48). Auch das Enzklösterle hatte Einkünfte allhier, welche mit demselben den 1. Nov. 1330 an das Kloster Herrenalb kamen (Reg. Boic. 6, 347).

Im 15. Jahrhundert faßte die Herrschaft Württemberg allhier immer festeren Fuß; Graf Ludwig schenkte dem Stift Herrenberg, welches er in den 1430er Jahren errichtet hatte, hiesige Besitzungen und anderwärtige Einkünfte des abgegangenen Enzklosters, welche sonach von Herrenalb hinweg zur Verfügung der Herrschaft Württemberg gekommen waren. Nebenbei erwarb sich einen bedeutenden Antheil das Kloster Reichenbach, welches im Jahre 1485 mit dem Stift Herrenberg wegen Besetzung der Amtmanns- und der Richterstelle einen Vertrag schloß (St.A.).

Das württembergische Landbuch von 1623 nennt Hochdorf als halb dem Kloster Reichenbach, halb dem Stift Herrenberg zugehörig. Den Stab hierüber hatte Kloster Reichenbach bis zur Aufhebung der Klosterämter; Strafen der zum Stift Herrenberg gehörigen Lehnsunterthanen wurden übrigens zu diesem Stift bezahlt.

b. Der Weiler Schernbach liegt eine Stunde südwestlich von Hochdorf und eine Stunde westlich von Grömbach, auf einer freien Hochebene oberhalb der linken Gehänge des Nagold-Thales. Der reinlich gehaltene, freundliche Ort, dessen weitläufig stehende Gebäude meist ansehnlich und theils mit Ziegeln, theils Schindeln gedeckt sind, hat keine laufende Brunnen, dagegen so viele Cisternen, daß nur höchst selten Wassermangel entsteht. Das kleine Kirchlein (Kapelle), welches im Jahr 1761 erbaut wurde, hat nichts Bemerkenswerthes; die Unterhaltung besorgt die Gemeinde. Ein eigener ummauerter Begräbnißplatz wurde im Jahre 1835 außerhalb des Orts an der Straße nach Erzgrube auf Kosten der Gemeinde angelegt; früher mußten die Verstorbenen nach Grömbach gebracht werden. Seit dem Jahr 1839 hat der Ort ein gemeinschaftlich mit Erzgrube neu erbautes Schulhaus, in welchem sich die Wohnung des Lehrers befindet.

Die im Allgemeinen sehr fleißigen und betriebsamen Einwohner sind in befriedigenden Vermögensumständen. Ihre Nahrungsquellen bestehen in Feldbau, Viehzucht und Handel mit Holz- und Schnittwaaren.

Obgleich das Klima rauh und der Boden ein leichter, rothsandiger ist, so steht doch in Vergleichung mit der Umgegend der landwirthschaftliche | Betrieb hier auf einer ziemlich hohen Stufe, wozu der umsichtige, im Jahr 1845 verstorbene Schultheiß Mast wesentlich beitrug; derselbe hat auf seinem Gute das Felderbrennen abgeschafft und die Stallfütterung eingeführt, wie auch auf die Benützung verbesserter Ackergeräthschaften hingewirkt. Zur Besserung des Bodens verwendet man neben dem gewöhnlichen Stalldünger, welcher hier aus Heiden, Tannenreis, Sägemehl und Stroh bereitet wird, viel Compost, Jauche und zuweilen Hallerde. Die sogenannte Hardt, eine ziemlich ausgedehnte, unter die Bürger vertheilte Heide, wird ausschließlich gemäht und zu Streu benützt.

Ganz geschlossene Güter sind nicht vorhanden, jedoch ist der größere Theil ziemlich arrondirt und das ausgedehnteste derselben mag etwa 80 Morgen betragen. Wenn gleich ein eigentliches Vereinödungssystem nicht statt findet, so stehen die meisten Gebäude doch in der Art, daß jeder Eigenthümer sein Feld in der Nähe hat und dasselbe beliebig, ohne seinen Nachbar zu belästigen, bebauen kann. In der sogenannten Koppel oder Wechselwirthschaft werden hauptsächlich Dinkel, Hafer, Roggen, dreiblättriger Klee, Hanf und Flachs gebaut. Als eigentliche Brache bleibt nichts liegen, indem die Güter entweder angebaut oder für den Graswuchs benützt werden. In günstigen Jahrgängen und auf guten Feldern erträgt ein Morgen Acker 8–9 Scheffel Dinkel, 3–4 Scheffel Roggen und 6–7 Scheffel Hafer; letzterer ist früher immer am besten gerathen, seit einigen Jahren aber stellte sich bei demselben eine besondere Krankheit ein, welche den Ertrag so vermindert, daß man öfters kaum die Saatfrucht wieder erhält. Die höchsten Preise eines Morgens Acker betragen 200 fl., die mittleren 100 fl. und die geringsten 50 fl. Die Felderzeugnisse werden im Ort verbraucht.

Die durchaus zweimähdigen, mit Wässerung versehenen Wiesen, sind ergiebig und liefern per Morgen 30 Centner Heu und 12–15 Centner Öhmd; ihre Preise bewegen sich von 200–500 fl.

Die Obstzucht, welche sich ebenfalls durch die Bemühungen des Schultheißen Mast sehr gehoben hat, ist ausgedehnter, als in den Nachbarorten; man pflegt von Äpfeln hauptsächlich den Rambour, Constanzer, Luiken, Ledersüßling, Breitling, und an Birnen die Schnabels-, Wasser-, Frankfurter-, Schweizer-, Winter-Bergamot-, und die Wadelbirne; Steinobst wird mit Ausnahme weniger Kirschen und Pflaumen nicht gezogen. Eine Baumschule liefert nicht nur dem Ort selbst, sondern auch der Umgegend die nöthigen Jungstämme. Die Bäume leiden zur Blüthenzeit nicht selten durch Frühlingsfröste. Das Obst bleibt im Ort. Die Weiden werden für das Rindvieh | nur noch zum Theil benützt, indem zum großen Theile die Stallfütterung eingeführt ist.

Der Rindviehstand ist gut und besteht aus einer tüchtigen Landrace, welche theilweise mit der Rigirace gekreuzt ist. Die Gutsbesitzer Ph. Mast und J. C. Keppler zeichnen sich durch Züchtung eines sehr schönen Viehstandes aus und halten eine reine Rigirace. Es wird viel Vieh gemästet und mit demselben ein einträglicher Handel nach Frankreich betrieben. Schweine werden als Ferkel auswärts gekauft und für den eigenen Bedarf gemästet. Die Zucht der Bienen wird in neuerer Zeit mit mehr Umsicht betrieben und läßt für die Zukunft gute Ergebnisse hoffen,.

Von Gewerben sind hauptsächlich zwei Holzhändler zu nennen, die Langholz theils aus bürgerlichen, nicht unbeträchtlichen Waldungen, theils aus Staatswaldungen beziehen und bis Mannheim verflößen. Überdieß wird von mehreren Bürgern ein namhafter Handel mit Schnittwaaren, welche auf der Achse weiter gebracht werden, getrieben. Auch besteht eine Schildwirthschaft im Ort.

Der Verkehr mit der Umgegend ist durch Vicinalstraßen nach Göttelfingen, Altensteig, Grömbach und Erzgrube hinreichend gesichert.

Zwei hölzerne Brücken führen über die Nagold, eine nach Grömbach, die andere nach Erzgrube und ein Steeg oberhalb Gutwöhr nach Pfalzgrafenweiler.

Das Fischrecht in der Forellen führenden Nagold gehört, so weit diese die Markung Schernbach berührt, dem Staat, der es jährlich um 16 fl. verpachtet hat.

Auf der Markung wurde früher einiger Bergbau auf Brauneisenstein betrieben, den man jedoch wegen nicht befriedigender Ausbeute wieder aufgab. Gegenwärtig benützt man zuweilen noch den in Gängen sich vorfindenden Schwerspath.

Die zur Gemeinde gehörige Schernbacher Sägmühle liegt im Nagold-Thale an der Vicinalstraße nach Grömbach; sie liefert viele Schnittwaaren, die weithin, namentlich in das Großherzogthum Baden ihren Absatz finden.

Die älteste Schreibung ist Schirmen (1228, erstmaliges bestimmtes Vorkommen des Ortes), Schermen (1249).

Lehensoberherrliche Rechte über einen Theil des Orts mochten ursprünglich dem Reiche gehören und von Kaiser Heinrich II. im Anfang des 12. Jahrh. an seine Lieblingsstiftung, das Bisthum Bamberg, welchem sie jedenfalls in der Mitte des 13. Jahrh. gehörten, gekommen seyn. Sonst war der Ort pfalzgräflich Tübingisch und wurde nebst benachbarten Dörfern durch den Pfalzgrafen Rudolf | im Jahr 1228 dem Hochstift Straßburg zu Lehen aufgetragen (Wenk, Hess. Landesgesch. 2 Urk. 146). Wahrscheinlich durch Mechthild Tochter obigen Pfalzgrafen kamen er und noch fortbestehende oberlehensherrliche Rechte an deren Gemahl Graf Burkhard von Hohenberg, neben welchem auch der Graf Wolfrad von Veringen Oberlehensherr über ein Gut war. Von beiden ebengenannten Grafen trug ansehnliche hiesige Besitzungen in der Mitte des 13. Jahrh. Hiltebold von Isenburg zu Lehen, vergabte aber solche an das Kloster Reichenbach, wozu der Hohenberger Graf im Jahr 1249 (Schmid, Pfalzgr. von Tüb. Urk. 231) und der Veringer im Jahr 1252 (Kuen Collectio 2b, 70) ihre Einwilligung ertheilten; der Hohenberger wandte sich im Jahr 1249 auch an das Hochstift Bamberg, um das von diesem zu Lehen rührende Grundstück, welches Hiltebold gleichfalls an Reichenbach vergaben wollte, vom Lehensverband zu lösen.

Mit Reichenbach kam dieser Klosterort an Württemberg.


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