Beschreibung des Oberamts Herrenberg/Kapitel B 10

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel B 9 Beschreibung des Oberamts Herrenberg Kapitel B 11 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Hildrizhausen,
Gemeinde II. Klasse mit 1071 Einw., wor. 3 Kath. und 9 eig. Confession, – Evang. Pfarrei. Die Kathol. sind nach Altingen eingepfarrt.

Der Ort[1] hat auf der Hochebene des Schönbuchs eine hohe, theils gegen die Würm, theils gegen den Ablauf des Heilbrunnens sanft geneigte Lage; die ihn umgebende Feldmarkung ist auf drei Seiten von weit gedehnten Waldungen begrenzt und nur gegen Osten dem freien Zutritt der Winde offen, was einen günstigen Einfluß nicht nur auf das Klima der Gegend, sondern auch auf den Gesundheitszustand der Einwohner äußert.

Das Dorf, in welchem ein Revierförster seinen Sitz hat, ist von mittelgroßer Ausdehnung und von reinlich gehaltenen, durchaus gepflasterten Straßen durchzogen; die Gebäude, von denen einzelne noch das Gepräge ächter Ländlichkeit an sich tragen, sind aus Holz erbaut und größtentheils mit steinernen Unterstöcken versehen.

Beinahe in der Mitte – doch mehr im nördlichen Theil des Dorfes – steht die alte, ehrwürdige Pfarrkirche, deren Thurm mit seinem schlanken, spitzen Zeltdach hoch über das freundliche Dorf emporragt und der Ansicht desselben viel Malerisches verleiht.

An der Stelle der im Jahre 1165 von Herzog Welph im Kriege mit dem Pfalzgrafen Hugo von Tübingen zerstörten Burg (siehe unten) erhob sich wahrscheinlich aus den Trümmern derselben die gegenwärtige Kirche mit einem befestigten Kirchhofe, dessen gegenwärtig noch vorhandene Ringmauern früher mit Zinnen und Umlauf versehen waren[2]. Die Kirche, ursprünglich eine im früh romanischen Styl erbaute, dreischiffige Basilika, deren Seitenschiffe niederer als das Hauptschiff – und mit Pultdächern gedeckt waren, wurde im Laufe der Zeit durch Umwandlung, theils in den Spitzbogenstyl, theils in den modernen mit oblongen, geradlinigen Fenstern, sehr entstellt, zumeist hat der in neuerer Zeit| vorgenommene Abbruch des nördlichen Seitenschiffs das Gebäude verunstaltet. Ungeachtet der vielen Veränderungen und Erweiterungen, dergleichen eine im Jahre 1627 der bekannte Baumeister Heinrich Schickard vornahm (v. Gemmingen Schickards Lebensbeschr. 17), hat sich auf der südlichen Langseite des Schiffs die äußere Wulst des ursprünglich rundbogigen Eingangs noch erhalten, während das Innere desselben in eine Spitzbogenthüre umgewandelt wurde; die bei dieser Veranlassung herausgenommene Lünette ward über eine kleine Thüre eingemauert; sie ist in zwei gleiche Hälften getheilt und enthält in jeder derselben eine roh gearbeitete Rosette; um das Ganze steht mit lateinischen Lettern: „Hic lapis ornatus templum Nicomedis honorat illum quivis homo rogitet suo pectore prono quod delicta sibi demat pro nomine Christi.“ Der erst später im germanischen Styl angebaute Chor ist viel höher als das Schiff und hat je zwischen zwei Strebepfeilern dreitheilige, in den Bogenfeldern mit schönem Maßwerk gefüllte Spitzbogenfenster. Dasselbe wurde nach oben angeführter Chronik 1515 unter der Regierung Herzogs Ulrich von einem Baumeister Jacob Halltmayer erbaut. An die Außenseite des Chors wurde ein Grabstein, den man im Jahre 1821 im Schutt auf dem Kirchhof fand, eingemauert; auf demselben steht: „Als man zahlt 15 und 4 Jar (1504) starb der ersam Her Steffan Capplan, dem Got gnedig sei.“ Der viereckige Thurm ist in seinen unteren Theilen massiv und mit schmalen, gedrückten Spitzbogenfenstern versehen; die auf ihm hängenden drei Glocken sind aus neuerer Zeit. Im Innern der Kirche haben sich die rundbogigen Arcaden, welche von viereckigen, an den Ecken abgestutzten, Säulen getragen werden, erhalten; auch stammt der Taufstein noch aus der Zeit der Erbauung der Kirche. An der Nordseite stehen ausgerichtet schöne, in einem edlen, germanischen Geschmack ausgeführte Chorstühle von 1529. Von dem Langhaus führt ein spitzbogiger Triumphbogen in den mit einem Netzgewölbe versehenen Chor, dessen Schlußsteine in der Richtung von Westen nach Osten folgende Bilder darstellen: 1) das Wappen von Tübingen, 2) das Brustbild eines Bischofs, 3) das württemb. Wappen, 4) der heil. Nicomedes (Schutzpatron der Kirche) mit der mehrschlingigen Geißel in der Rechten, 5) wie 3) und 6) Maria mit dem Christuskinde. An den im Chor stehenden, sehr alten, einfach gehaltenen Chorstühlen ist das württembergische Wappen mit dem Jägerhorn über dem Helm, aus dem 15. Jahrhundert, und ein weiteres, mit einer Axt in dem Schilde, eingeschnitten. An der Orgelbrüstung hängt ein 1/3 lebensgroßes, sehr| gut geschnittenes Bild des Gekreuzigten. Die Sacristei war früher eine Seiten-Capelle mit Altar und hatte ein Kreuzgewölbe, von dem nur noch die Consolen vorhanden sind. Das untere Stockwerk des Thurmes ist mit einem Kreuzgewölbe, auf dessen Schlußstein Agnus dei dargestellt ist, versehen. Die Kirche wie den um dieselbe liegenden Begräbnißplatz hat die Stiftungspflege im Bau zu unterhalten.

Das nur durch eine Straße von der Kirchhofmauer getrennte Pfarrhaus, welches der Staat zu unterhalten hat, wurde 1606 durch Heinrich Schickardt von Herrenberg erbaut. Auf der andern (nördlichen) Seite der Kirche steht das ansehnliche Schulhaus, welches vor der Reformation als Kaplaneihaus gedient haben soll und in den Jahren 1825–26 namhaft verbessert wurde; dasselbe enthält auch die Wohnung des Schulmeisters und Lehrgehilfen, welche an der Volksschule, neben der seit 1851 noch eine Industrieschule besteht, unterrichten.

Auch das freundliche Försterhaus wie das Rathhaus stehen in der Nähe der Kirche; letzteres ist schon ziemlich alt, aber noch gut erhalten.

Ein Gemeinde-Back- und Waschhaus wurde im Jahr 1847 erbaut.

Ein sechsröhriger Brunnen versieht den Ort in reichlicher Fülle mit vortrefflichem Trinkwasser, das von dem 1/8 Stunde westlich vom Dorf in mehreren starken Quellen entspringender Heilbrunnen in Teicheln zugeleitet wird; außer diesem sind noch fünf Schöpf- und Pumpbrunnen vorhanden.

Die Würm[3] entspringt 1/8 Stunde südlich vom Ort im sogenannten Horberthal, und etwa 1/8 Stunde südöstlich von dem Ursprung beginnen der Gaisenbrunnen und der Seebrunnen, die sich bald vereinigen, um der Würm, noch ehe sie das Dorf erreicht, den ersten Zufluß zu gewähren. Als ein bescheidener Bach durch den östlichen Theil des Orts fließend, erhält sie dort den Abfluß des Ortsbrunnens und einen vom Heilbrunnen herführenden Bach, nebst einigen andern Seitenzuflüssen, so daß sie stark genug wird, ganz in der Nähe des Orts die obere Mühle mit zwei Mahlgängen und einem Gerbgang, und einige Schritte weiter unten, die untere Mühle mit einem Mahl- und einem Gerbgang das ganze| Jahr hindurch in Bewegung zu setzen. Bei dem Seebrunnen lag früher ein drei Morgen großer See, der vor etwa 70 Jahren abging, und in der Nähe des Ortsbrunnens bestand ein Bad, das längst in eine Bauernwohnung umgewandelt wurde, auf der übrigens bis zum Jahr 1836 noch besondere Gefälle lasteten. Periodisch fließende Quellen (Hungerbrunnen) befinden sich in der Nähe des Heilbrunnens und im Örlach.

Die ziemlich große Markung, von der übrigens noch über die Hälfte Wald ist, grenzt gegen Norden an die Markungen Rohrau und Mauren (Oberamts Böblingen), gegen Osten an Altdorf (Oberamts Böblingen), gegen Süden an Kayh und Herrenberg und gegen Westen an Nufringen und Rohrau. Die Feldgüter liegen mit Ausnahme des erst unterhalb des Dorfs tiefer einschneidenden Würmthals ziemlich eben und haben im Allgemeinen einen minder ergiebigen Boden, als die übrigen Gegenden des Oberamtsbezirks; im nordöstlichen Theil der Markung besteht derselbe aus einem leichten, mageren Sandboden, der in der Richtung gegen den Ort und an den Gehängen des Würmthals in einen schwer zu bebauenden rothen Thon (Verwitterung des Keupermergels) übergeht. Auf der Hochebene, welche den größten Theil der Feldmarkung ausmacht, kommt ein zäher, gelber, naßkalter Lehm vor, mit einem die Feuchtigkeit nicht durchlassenden Liaskalk als Unterlage, daher die Güter dieses Districts in trockenen Jahrgängen einen reichlicheren Ertrag liefern, als in nassen. Südlich und südwestlich vom Dorf tritt ein grauer, unergiebiger Thon (Verwitterung des Turnerithons) auf, der gegen Süden und Westen bald von einem sandigen Lehmboden, dessen Unterlage der weiße, grobkörnige Stubensandstein bildet, verdrängt wird; letzterer bildet den größten Theil der mit Wald bestockten Fläche. Die besten Güter liegen in der Nähe des Dorfs, im Heuweg, Gairen, Rosne, Länderäcker, Hofäcker u. s. w.

Ungeachtet der im Allgemeinen nicht ungünstigen klimatischen Verhältnisse wirken schädliche Nebel und Thaue nicht selten nachtheilig auf den Obstbau; Hagel führende Gewitter, die früher häufig waren, stellen sich seit 30 Jahren weniger ein.

Die Einwohner sind im Allgemeinen kräftige, gut gewachsene Leute, die sich durch Einfachheit, Fleiß und Sittlichkeit vortheilhaft auszeichnen; uneheliche Kinder sind selten, und das Wirthhaus wird wenig besucht, ebenso ist die Kleidung eine einfache, ländliche, und zuweilen trägt der Enkel noch den Rock des Großvaters.

Hier ist den 18. Januar 1796 geboren Johann Michael Holder, ein rühmlich bekannter Miniaturmaler.

| Die Gemeinde zählt viel Arme, überhaupt gehören die Einwohner zu den minder Vermöglichen des Bezirks, und der Meistbegüterte besitzt nur 40 Morgen. Den Haupterwerb bilden Feldbau und Viehzucht, nebenbei treiben Viele noch Holzhandel nach Stuttgart; die Gewerbe dienen zunächst nur dem örtlichen Bedarf, mit Ausnahme einer nicht unbeträchtlichen Anzahl Hafner, welche in den benachbarten Oberamtsbezirken ihre Waaren auf Märkten absetzen. In der neuesten Zeit beschäftigt die Weißstickerei etwa 50 Mädchen. Weniger Bemittelte arbeiten als Holzmacher in den nahe gelegenen Staats- und Gemeindewaldungen; Einzelne handeln mit Silbersand, den sie im Schönbuch gewinnen, und auswärts, zuweilen sogar bis in die Schweiz, absetzen.

Die Landwirthschaft wird so gut, als es die natürlichen Verhältnisse erlauben, betrieben; nach Dreifelder-Eintheilung mit zu 1/3 angeblümter Brache werden mit beinahe allgemeiner Anwendung des Flanderpflugs und der Walze, Dinkel, Hafer, welcher sehr gut geräth, Gerste, Einkorn, wenig Weizen, Roggen nur um des Bindstrohs willen, Erbsen und Linsen gebaut. Zur Besserung des Bodens kommt außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln auch Gips, Hallerde und Compost in Anwendung. In der Brache pflanzt man Kartoffeln, Futterkräuter, Angersen, Kraut, Kohlraben, Ackerbohnen (diese zuweilen auch unter den Hafer) und in neuester Zeit die Riesenmöhre; von Handelsgewächsen zieht man viel Hanf, der sehr gerne gedeiht, etwas Reps und nur wenig Mohn. Auf den Morgen wird ausgesät 1 Scheffel Dinkel, 4 Sri. Hafer, 2 Sri. Gerste, 4 Sri. Einkorn etc., und der durchschnittliche Ertrag wird zu 6–7 Scheffel Dinkel, 4–5 Scheffel Hafer, 3–4 Scheffel Gerste etc. angegeben. Der höchste Preis eines Morgens Acker beträgt 300 fl., der mittlere 150 fl. und der geringste 25 fl. Früchte werden nur wenig nach Außen verkauft.

Der Wiesenbau ist sehr beträchtlich; die Wiesen, wovon nur 8 Morgen bewässert werden können, sind, mit Ausnahme der Ackerwiesen, zu 2/3 zweimähdig und ertragen durchschnittlich per Morgen 20 Centner Heu und 10 Centner Öhmd. Die Preise eines Morgens bewegen sich von 60–300 fl.

Weinbau wurde früher in den sogenannten Reutenen getrieben, ging übrigens schon vor etwa 300 Jahren ab (siehe die oben angeführte geschriebene Chronik).

Die Obstzucht, hauptsächlich Mostsorten und Zwetschgen, ist von namhafter Ausdehnung und erlaubt in günstigen Jahren einen erheblichen Verkauf nach Außen. Die jungen Stämme werden von Mauren, Einsiedel und Hohenheim bezogen.

| Die Rindviehzucht ist ziemlich gut und besteht in einer rothen und rothschäckigen Landrace, für welche drei Landfarren von einem Bürger auf Kosten der Gemeinde gegen jährliche 50 fl. und die Nutznießung von drei Morgen Wiesen gehalten werden.

Der Handel mit Vieh ist nicht unbeträchtlich.

Die Schäferei hat 43 Morgen Weidfeld nebst der Brach- und Stoppelweide zur Benützung und nährt 350 Bastardschafe, die auch im Ort überwintert werden; jeder Bürger kann nach dem Maße seiner Steuerpflicht Schafe einschlagen und bezahlt für ein altes Schaf 1 fl., für ein Lamm 30 kr. Weidgeld, was nebst dem Pferchgeld der Gemeindekasse jährlich 500 fl. einträgt.

Die Zucht der Schweine, des Geflügels, der Ziegen und der Bienen ist unbedeutend. Krebse werden in der Würm gefangen.

Was die Verkehrsmittel betrifft, so führt nur eine Vicinalstraße von Herrenberg durch den Ort und weiter nach Altdorf, die übrigens ziemlich lebhaft benützt wird. Kleine steinerne Brücken bestehen im Ort fünf und außerhalb desselben sieben.

Etwa eine Stunde westlich vom Ort, an der Straße nach Herrenberg, befindet sich ein Steinbruch, aus dem eine harte Abänderung des Stubensandsteins gewonnen wird, den man zu Straßenmaterial benützt; am sogenannten Heuweg wird Liaskalk gebrochen. Ein weiterer im weißen Stubensandstein angelegter Bruch im sogenannten Stellrücken liefert Bausteine, auf dem Kirnberg werden Liassandsteine zu Pflastersteinen gebrochen. Mehrere Thongruben, aus denen 18–20 Hafnermeister ihr Material beziehen, befinden sich am Waldsaume südwestlich vom Ort.

Neben einem Kapitalvermögen von 4000 fl. (vergl. Tab. III.) besitzt die Gemeindepflege 9246/8 Morgen Waldungen, welche, mit Ausnahme von etwa 40 Morgen Nadelholzkulturen, meist mit Eichen, Buchen und Birken bestockt sind und theils als Hoch-, theils als Mittelwaldungen bewirthschaftet werden. Aus denselben erhält jeder Bürger jährlich 1/2 Klafter und 15 Stück Wellen; ein Theil des Ertrags wird verkauft und der Erlös an die Bürgerschaft vertheilt, so daß außer der Holzgabe jedem Bürger jährlich noch 6–10 fl. zukommen.

Neben den Waldungen und dem obengedachten Weidfeld besitzt die Gemeindepflege noch 123/8 Morgen Feldgüter, welche, mit Ausnahme der zur Farrenhaltung bestimmten Wiesen, an die Ortsbürger und Wittwen als Krautländer vertheilt werden. Die Gemeindeschadens-Umlage belief sich im Jahre 1852–1853 auf 960 fl.

Das Vermögen der Stiftungspflege beträgt 5000 fl.,| worunter eine Stiftung begriffen ist, deren jährliche Zinse mit 36 fl. zu Brod für Arme verwendet werden. Zu Schulbücher, Papier etc. ist ein Kapital vorhanden, das jährlich etwa 40 fl. abwirft.

Von den abgelösten Grundgefällen hatte der Staat den großen Zehenten zu beziehen, der kleine Zehente gehörte dem Pfarrer und zu einem kleinen Theil der Meßnerei.

Das Nominations- und Confirmationsrecht zur Pfarrei hat die Krone.

Bei dem Stellehäusle an der Straße nach Herrenberg, von wo aus die Aussicht an die Alp (Teck, Messelberg, Stuiffen, Rechberg, Stauffen etc.) reicht, konnte man früher kaum die Firste der Gebäude des Schaichhofs sehen, gegenwärtig aber ist über die Hälfte der Dächer sichtbar; ebenso sah man vom Dorfe Hildrizhausen aus nur einen ganz kleinen Theil von Mauren, gegenwärtig aber erblickt man einen großen Theil des Schlosses etc.

Etwa 1/4 Stunde südöstlich vom Dorf erhebt sich der Kirnberg, auf dem man eine freundliche Aussicht über die Böblinger Waldungen und die Orte Altdorf, Hildrizhausen, Holzgerlingen und Mauren genießt. Im Rücken dieses Punktes, ungefähr 1/4 Stunde südwestlich befindet sich der Eselstritt, eine Stelle, wo sich natürliche Vertiefungen in dem anstehenden Liassandstein zeigen, die wegen ihrer Ähnlichkeit mit Eselstritten zu der Volkssage Veranlassung gegeben haben mögen, daß über diese Stelle Christus auf einem Esel geritten sei. In neuerer Zeit hat zur Bezeichnung der Stelle der nun verstorbene Oberförster Vogelmann von Bebenhausen auf dem Eselstritt eine Sandsteinplatte mit einer eingemeiselten Eselsfährte setzen lassen.

Über den Eselstritt führte die von Ehningen und Hildrizhausen herkommende Römerstraße (Rheinstraße) und eine weitere römische Straße zog von Altdorf südlich an Hildrizhausen vorüber nach Herrenberg (s. hierüber den allg. Theil).

Eine St. Johanniskapelle stand am Fußweg nach Rohrau, dabei war ein Garten und ein Häuschen; letzteres wurde in das Dorf versetzt und zu einem Armenhaus gemacht. (Heß.)

Der Ortsname Hildratshusin (bei 0tto de S. Blasio Chron. c. 18), Hilterathusen (1255 Nov. 16. Sindelfinger Urk. bei Haug zu Chron. Sindelf. 29), Hiltrateshusen (1263, Mone Zeitschr. 3, 206) ist abzuleiten von dem altdeutschen Namen Hilderat. Der Ort wird auch öfters blos Hausen (häufig mit dem Beisatz im Schönbuch) genannt.

Seine erstmalige Nennung fällt in’s Jahr 1165, als Welf VII.| dem Pfalzgrafen Hugo von Tübingen dessen hiesige Burg zerstörte (Otto de S. Blasio a. a. O.).

Der Ort gehörte unter die Landeshoheit der Pfalzgrafen von Tübingen-Herrenberg; bei der Gebietstheilung derselben, am 23. Febr. 1334, fiel er dem Pfalzgrafen Konrad zu (Schmid Urk. 166). Genannter Konrad erkaufte noch am 5. Jan. 1350 von Heinrich von Hailfingen, Altschultheiß in Hagenau, und von dessen Sohne Georg um 40 Pfd. guter Heller einen Hof zu Hildrizhausen (Heinrichs vf dem Hof gut genannt), welcher eine jährliche Gilt von 4 Pfund Heller weniger 4 Schilling abwarf (Schmid Urk. 178), und am 28. Oct. 1377 ertauschte sein gleichnamiger Sohn Leibeigene von seinem eigenen Dienstmann, Erpf Truchseß von Höfingen (Schmid 448). Seine hiesigen Güter brauchte am 23. April 1370 der ältere Pfalzgraf Konrad, um die Heimsteuer und Morgengabe der Gemahlin seines ebengenannten Sohnes Verena von Fürstenberg mit 1800 fl. anzuweisen (Schmid Urk. 186).

In Hildrizhausen saßen tübingische Dienstleute, aus deren Reihe Werner von Hildrizhausen in den Jahren 1328–1336 vorkommt (Schmid 475).

In sehr früher Zeit soll das Dorf einen eigenen Stock und Galgen und 5 Thore gehabt haben (Heß Herrenberger Chronik).

An Württemberg gelangte es den 10. Febr. 1382 mit Herrenberg.

Bei der hiesigen Kirche, deren Patronat ursprünglich tübingisch war und gleichfalls im Jahre 1382 an Württemberg gelangte, ist merkwürdig, daß mit derselben ein kleines Canonicatstift verbunden war (1281 April 8. Fridericus canonicus in Hyltrathusen. Mone Zeitschr. 3, 417). Im Jahre 1352 stifteten zwei hiesige Kanoniker, Dietrich Brossing (von einer reichen Herrenberger Familie) und Burkhard mit Zustimmung Pfalzgraf Konrads als Kirchenpatrons eine Pfründe zum Altar des h. Kreuzes, welche sie reichlich ausstatteten (Schmid 432–435). Auf hiesige Canonicate hin wurde mitunter, durch Verpflanzung derselben, im 15. Jahrhundert das Herrenberger Stift gegründet.

Die Kirche wurde dem neuen Stifte Herrenberg alsbald, den 6. Jul. 1439, einverleibt; auch wurden demselben Stift von Graf Ludwig von Württemberg († 1457) am 22. Dec. 1456 die 50 Malter Dinkel, welche er jährlich von den hiesigen Zehenten erhielt, geschenkt (Sattler Gr. 2 Beil. Nr. 105).

Die Heiligengefälle in Hildrizhausen bestunden im Jahre 1536 in folgenden, welche hernach combinirt wurden: 1) der Heilige selbst, 2) die Präsenz, 3) Salve , 4) Pfarrgefäll, 5) Frühmeß, 6) Caplanei.

| Das Kloster Bebenhausen brachte sich im Jahre 1296 durch Abtretung der Pfalzgrafen Eberhard und Rudolf in den Besitz eines Theils, im Jahr 1304 durch Entäußerung des letztern Pfalzgrafen in den Besitz des ganzen Dorfes (Schmid 253. Urk. 77), doch fand später wieder eine Rücklösung an das pfalzgräfliche Haus statt. Einzelne Leibeigene erkaufte es noch im Jahre 1339 von den Gebrüdern Graf Gotfried von Tübingen (Wilhelms Sohn) und Graf Heinrich, genannt Wilhelm (Schmid Urk. 138).

Auch das Kloster Blaubeuren hatte hier einen Hof, überließ jedoch solchen am 25. Aug. 1434 an die Grafen Ludwig und Ulrich von Württemberg für das ihm nachgelassene Hundsmahl und andere Forstrechte auf seinen Hof Heimbach (s. Unter-Jesingen). Ferner erhielt das Kloster Pfullingen im Jahre 1280 hier einige Einkünfte geschenkt.

Im Herbst 1542 starben hier 35 Personen an der Pest; in den Jahren 1546 und 1547 litt das Dorf viel durch spanische Soldaten, welche hier lagen.


  1. Hilfsmittel: Barth. Eiselins (geb. v. Hildrizhausen, Pfarrer daselbst 1577 bis 1622) Hildrizhauser Chronik, geschrieben 1619, handschriftlich z. B. auf dem K. Staatsarchiv.
  2. In Eiselins Chronik steht Folgendes: Und hat die Kirchmauer vor Jahren rings herumb einen Kranz gehabt mit Schlüz und Schießlöchern, daß man darauff herumb gehen können, wie auff Einer Statt-Maur, deren ich guten Theil selbs gesehen, vom Linden-Thörlin an auff der linkhen Hand im Eingang dem Hayligen Häußlin hinauff, bis an des armen Leuth-Häußlin und Leonhard Garthen Schmitten hinumb, so jez in Abgang kommen und den Kranz verlohren hat u. s. w.
  3. Um den Ursprung der Würm streiten sich die beiden Orte Hildrizhausen und Altdorf (O.A. Böblingen), indem dieselbe in zwei Quellen (bei Altdorf und Hildrizhausen) entspringt, deren Abflüsse sich erst 1/4 Stunde südlich von Mauren vereinigen.


« Kapitel B 9 Beschreibung des Oberamts Herrenberg Kapitel B 11 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).