Beschreibung des Oberamts Herrenberg/Kapitel B 14

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Mötzingen,


Gemeinde III. Klasse mit 960 Einwohnern, worunter 2 Katholiken. – Evang. Pfarrei. Die Katholiken sind nach Hailfingen, O.A. Rottenburg, eingepfarrt.

Am westlichen Saume des Gäus liegt 23/4 Stunden südwestlich von Herrenberg, frei und hoch das namhafte, übrigens ziemlich unregelmäßig gebaute Dorf. Die Gebäude sind von mittelmäßigem Ansehen, und die im Jahre 1782 in einem nicht kirchlichen Styl erbaute Ortskirche hat nichts Bemerkenswerthes; auf dem Thurme, der als ein sog. Dachreiter auf dem westlichen Giebel sitzt, hängen zwei Glocken, von denen die eine im Jahre 1649, die andere 1803 gegossen wurde. Die Unterhaltung der Kirche steht der Gemeinde und der Stiftungspflege gemeinschaftlich zu.

Statt des früher um die Kirche gelegenen Begräbnißplatzes wurde 1813 außerhalb des Orts an die Vicinalstraße nach Nagold ein neuer angelegt, weil aber auf demselben die Leichname zu lange nicht verwesten, so ließ die Gemeinde im Jahre 1840 eine weitere| 21/2 Viertel 191/5 Ruthen große Begräbnißstätte an der Vicinalstraße nach Bondorf herstellen.

Außer den genannten Vicinalstraßen sind noch weitere nach Unter-Jettingen, Öschelbronn, Beisingen, Vollmaringen und Iselshausen angelegt, die den Ort nach allen Richtungen in seinem Verkehr erleichtern.

Das in der Nähe der Kirche, an der östlichen Ortsseite gelegene Pfarrhaus, dessen Unterhaltung dem Staat obliegt, befindet sich in gutem Zustande und bildet mit seinen Nebengebäuden, Garten etc. einen angenehmen, geschlossenen Pfarrsitz.

An der Hauptstraße steht das 1745–46 erbaute, gut erhaltene Rathhaus; dasselbe enthält zugleich die Volksschule und die Wohnung des Lehrgehilfen, während der Schulmeister in einem 1832 neu erbauten, der Gemeinde gehörigen Hause nächst der Schule wohnt.

Außer einem von den Ortsbürgern benützten Backhaus, das übrigens einem Privatmann gehört, sind noch zwei der Gemeinde zustehende Waschhäuser vorhanden; zwei Zehentscheunen gingen in Folge der Ablösung im Jahre 1851 von dem Staat in Privathände über.

An dem südöstlichen Ende des Dorfes steht das Schloß, zu dem früher ein besonderes Schloßgut gehörte (s. unten). Dieses in einem einfachen Styl erbaute Gebäude ist sowohl in seinem Innern als Äußeren sehr herunter gekommen und hat nichts Bemerkenswerthes[1].

Gutes Trinkwasser liefern ein Rohr-, ein Schöpf- und mehrere Pumpbrunnen, überdies besteht eine Wette im Ort und ein kleiner Weiher im Schloßgarten. Etwa 1/4 Stunde südwestlich vom Dorf befindet sich eine periodisch fließende Quelle, der Erlenbrunnen, außer demselben sind auf der Markung noch mehrere, das ganze Jahr hindurch fließende Quellen, wie der Zigeunerbrunnen, der Iselsbrunnen etc., vorhanden; in der Nähe des letzteren bestand früher ein See, der Iselbronner Weiher genannt.

Die Einwohner sind im Allgemeinen gesunde, kräftige Leute, welche sich durch Feldbau und Viehzucht ihr redliches Auskommen sichern, und mit einer eingezogenen Lebensweise großen Fleiß verbinden; wie sich denn auch hier die selten gewordene Erscheinung zeigt, daß selbst in neuester Zeit die öconomischen Verhältnisse der Einwohner| im Allgemeinen sich gebessert haben. Die Gewerbe sind ganz untergeordnet und von solchen nur drei Schildwirthschaften, worunter eine mit Bierbrauerei, und zwei Kramläden zu nennen.

Die natürlichen Verhältnisse sind ziemlich günstig; die mittelgroße, gut arrondirte Markung ist größtentheils eben, und nur von einigen Thälchen und Rinnen durchzogen; sie grenzt nördlich an die Markungen Unter-Jettingen und Öschelbronn, östlich an Bondorf, südlich an Baisingen und Vollmaringen, O.A. Horb und westlich an Nagold. Sie hat durchschnittlich einen ergiebigen Boden, der theils aus einem fruchtbaren, tiefgründigen Diluviallehm, theils aus Verwitterung des Muschelkalks oder zuweilen der Oberfläche nahe tretenden Mergel und Sandsteine der Lettenkohlengruppe besteht. Das Klima ist gesund, übrigens etwas rauher als in Bondorf, namentlich macht sich dieses in dem westlichen Theile der Markung, wo schon der nahe gelegene Schwarzwald einigen Einfluß äußert, geltend; dagegen kommt Hagelschlag selten vor. Die ergiebigsten Güter liegen im langen Weg, in der Hirschgrube, Röthe, Thalacker etc. Der größte Besitz beträgt 95 Morgen Feldgüter.

Die Landwirthschaft wird mit Anwendung des deutschen Pflugs und der gewöhnlichen Düngungsmitteln, nebst Gips und Hallerde, gut betrieben; zum Anbau kommen hauptsächlich Dinkel und Hafer, unter letzteren häufig Ackerbohnen, die übrigens auch unvermischt gezogen werden. Der Bau der Gerste ist untergeordnet und noch mehr der des Roggens; dagegen nimmt in neuerer Zeit der Weizenbau zu, während Einkorn immer seltener gebaut wird. In der zu 1/4 angeblümten Brache zieht man Kartoffeln, dreiblättrigen Klee und ziemlich viel Reps, der jedes Jahr etwa 30–40 Morgen einnimmt; Hanf, Kraut etc. wird in eigenen Ländern gepflanzt. Bei einer Aussaat von 7 Simri Dinkel, 4 Simri Hafer, 3 Simri Gerste und 21/2 Simri Weizen wird der durchschnittliche Ertrag per Morgen angegeben zu 10 Scheffel Dinkel (auf sehr ergiebigen Gütern 12–14–15 Scheffel), zu 6 Scheffel Hafer, 41/2 Scheffel Gerste und 4 Scheffel Weizen. Getreide (Dinkel, Hafer) wird in großer Menge meist von Händlern im Ort aufgekauft. Die höchsten Preise eines Morgens Acker betragen 400 fl., die mittleren 200 fl. und die geringsten 100 fl.

Der ausgedehnte Wiesenbau liefert ein vortreffliches Futter und erlaubt einen bedeutenden Viehstand, der einen namhaften Erwerbszweig der Einwohner bildet; die durchgängig zweimähdigen, übrigens nicht wässerbaren Wiesen ertragen per Morgen durchschnittlich| 25–30 Cent. Heu und 12–15 Cent. Öhmd. Die Preise eines Morgens bewegen sich von 100–300 fl.

Das in großer Ausdehnung gezogene Obst (Mostsorten und Zwetschgen) gedeiht im östlichen Theile der Markung gerne, während es im westlichen, dem Schwarzwald näher gelegenen, weniger gerathen will. In günstigen Jahren wird ein beträchtlicher Handel mit Obst in den Schwarzwald getrieben; die jungen Stämme werden meist in Privatbaumschulen gezogen, deren mehrere vorhanden sind. Weinreben wurden früher nordöstlich vom Ort gepflegt.

Neben 172 Morgen Gemeindewaldungen sind noch gegen 300 Morgen Privatwaldungen vorhanden; von dem Ertrag der ersteren wird das zur Heizung der Raths- und Schulzimmer nöthige Holz bestritten und der Rest gegen einen jährlichen Erlös von etwa 120 fl. verkauft.

Zur Schafhaltung von etwa 250 Stück ist die Brach- und Stoppelweide seit einigen Jahren um jährlich 150 fl. verpachtet, woneben die Pferchnutzung der Gemeindekasse noch 200–220 fl. einträgt.

Der Rindviehstand, in einem tüchtigen, meist rothbraunen und rothschäckigen Neckarschlag bestehend, wird durch drei Farren, Nachkömmlinge der Simmenthaler Race, unterhalten, für deren Pflege ein Ortsbürger neben der Nutznießung von zwei Morgen Wiesen aus der Gemeindekasse jährlich 90 fl. bezieht. Der Handel mit Vieh, namentlich auch mit gemästeten Rindern und Ochsen, ist sehr beträchtlich und wird nicht nur auf benachbarten Märkten, sondern auch in das Großherzogthum Baden lebhaft betrieben. Butter kommt sehr viel zum Verkauf, und ist, wie das Vieh, bei der diesem zukommenden guten Fütterung sehr gesucht.

Die Zucht von Schweinen ist unbedeutend, dagegen die Bienenhaltung ziemlich namhaft; auch Geflügel wird viel gehalten und mit demselben, wie mit Eiern, ein kleiner Handel getrieben.

Auf der Markung befinden sich viele Erdfälle, von denen ein im tiefen Schlipf gelegener, das Pommerlesloch genannt, zu einer in dem Muschelkalk befindlichen Höhle führt.

Über das nicht ansehnliche Gemeinde- und Stiftungsvermögen s. Tab. III.; neben den Einkünften der Gemeindepflege ist noch eine jährliche Gemeindeschadensumlage von 900 fl. erforderlich. Unter den Kapitalien der Stiftungspflege befinden sich 250 fl., deren jährliche Zinse am Ostermontag an Arme vertheilt werden, ferner 100 fl. zur Anschaffung von Schulbüchern für unbemittelte Kinder.

| Bis zur Ablösung hatte nebst andern Grundgefällen der Staat den großen, früher dem Stift Herrenberg gehörigen, Zehenten; den kleinen wie den Heuzehenten aber die Pfarrei zu beziehen.

Im Jahre 1802 wurden an der Westseite des Dorfs mehrere alte Gräber, in denen menschliche Skelette und verschiedene Waffenstücke enthalten waren, aufgedeckt.

Etwa 1/2 Stunde östlich vom Ort wird eine Flur „Gaisburg“ genannt.

Mötzingen kommt erstmals im Jahre 1100 vor, als Adalbert von Salzstetten (O.A. Horb) das Kloster Hirschau mit der hiesigen Kirche und einem Gute begabte (Cod. Hirsaug. 29b), hierauf um’s Jahr 1130, als Burkhard von Ostelsheim dasselbe Kloster Hirschau mit einer halben Hube auf der Markung des Orts beschenkte (Cod. Hirsaug. 43b). Gleichfalls im 12. Jahrhundert erhielt das Hirschauer Priorat Reichenbach ein hiesiges Zinsgut von Konrad von Ihlingen (Cod. Reichenb. 35a). Im Jahre 1388 kaufte sich das Kloster Reuthin hier an.

Auch dieser Ort mag in ältester Zeit unter Ahnherrn der Tübinger Pfalzgrafen gestanden haben; im dreizehnten Jahrhundert waren bereits die Grafen von Hohenberg auch hier, wie sonst in benachbarten tübingischen Besitz eingerückt.

Die Vogtei über den Ort selbst besaßen in früher Zeit gleichfalls gräflich hohenbergische Dienstmannen, die Böcklin von Böcklinsau; im Jahre 1305 verkaufte Dietrich, genannt Böcklin, Bürger zu Horb, an die Probstei und das Kapitel zu St. Johannes in Constanz den von diesen zu Lehen rührenden Hof nebst Widem für 50 Mark Silbers. Noch mehrere Jahrzehende nachher treffen wir die Familie der Böcklin vom Eutinger Thal als Inhaber der Vogtei und in Verhandlungen wegen hiesigen Besitzes. Bereits im 14. Jahrhundert hatten indeß die Herren von Ehingen an hiesiger Vogtei Antheil und 1455 hatte sie Diepold von Ehingen allein. Im 15. Jahrhundert war sie an Engelbrecht von Rodenstein gekommen, von dessen Kindern Philipp und Agnes (zunächst deren Vormündern, Domdechant Andreas von Oberstein, Hans von Rodenstein etc.) der Bischof Markward von Speier (1560–1581) Schloß und Dorf Mötzingen mit allen Zugehörungen, Gerichtsbarkeit und Herrlichkeit am 6. Juni 1580 für 12.000 fl. erkaufte, wozu das Domkapitel nachträglich den 26. Jul. d. J. seine Genehmigung ertheilte. Aber schon am 13. Febr. 1581 veräußerte der Bischof diese Erwerbung um den Ankaufspreis wieder an den Herzog Ludwig von Württemberg (Remling, Geschichte der Bischöfe zu| Speyer 2, 387. 388, Sattler Herz. 5, 59). Durch den Landtagsabschied vom 17. März 1583 wurde Mötzingen der Landschaft einverleibt (Landesgrundverfass. 190).

Das Rittergut gehörte zum ritterschaftlichen Kanton Neckarschwarzwald. Am 10. Sept. 1601 befahl Kaiser Rudolf II. dem Herzog Friedrich I. von Württemberg, die Ritterschaft im Collectationsrecht zu Mötzingen nicht zu irren (Lünig R.A. 12, 159); doch erhielt Württemberg im Vertrag mit der Ritterschaft vom 30. Oct. 1769 allhier das Steuerrecht mit allen damit verbundenen Rechten (Cramer Wetzlar. Nebenstunden 112, 600).

Bald nach dem Ankauf Mötzingens verlieh Herzog Ludwig Schloß und zugehörigen Hof, Garten und Scheunen mit Einräumung der modica coërcitio und unter Vorbehalt der Öffnung, an seinen Obervogt in Herrenberg, Burkhard von Anweil, † 1593 (Sattler a. a. O.); der letzte Herr von Anweil, Eberhard Friedrich († am 17. März 1664), ließ dies Gut, vieler darauf haftender Schulden halber, noch bei Lebzeiten heimfallen, worauf Herzog Eberhard III. im Jahre 1663 seinen (des Herzogs) Rath und französischen Sprachlehrer Du May (Tochtermann Joh. Albrechts von Anweil) und dessen Nachkommen beiderlei Geschlechts damit belehnte (Sattler Herz. 10, 34). Die Erben Du Mays verkauften es im Jahre 1686 für 5650 fl. an die herzogliche Rentkammer, von der es, bedeutend an Ausdehnung und Rechten verringert und auf Schloß, Burggarten, 41 Morgen umsteinter Markung und Waldung und drei Morgen Ackerfelds reducirt, doch als adeliges Gut den 30. März 1692 an den Dragonerobersten und Obervogt zu Nagold etc., Karl Friedlich Carolin von Sommaripa, für 1500 fl. veräußert wurde. Im Jahre 1715 kaufte Schloß nebst Zugehörungen Georg Sigfried von Leininger von der hinterlassenen Wittwe Sommaripa’s und deren zweitem Gemahl, Oberstwachtmeister von Rudolphi, Obervogt zu Herrenberg und Sulz, und lebte hier von 1715 bis zu seinem Tode den 11. Oct. 1741, worauf es auf seinen Schwiegersohn Christian Heinrich von Göllnitz, württ. Regierungsrath und Hofgerichtsassessor († 1770), sich vererbte. Am Ende kam es in bürgerliche Hände, zwischen hinein wieder, nach dem Anfang dieses Jahrhunderts in die der Gattin des württemb. Staatsministers Grafen von Normann-Ehrenfels, welche das Schloß mit dem anstoßenden vier Morgen großen Garten an einen Ortsbürger verkaufte.

Die hiesige Kirche, welche, wie bereits erwähnt, dem Kloster Hirschau geschenkt worden war, verkaufte dieses im Jahre 1265 an Eberhard von Horb, Canonicus in Sindelfingen, und seinen| Bruder Dieterich; nachher kam sie an die Böcklin von Böcklinsau, hierauf Kirche, Fronhof und Kirchensatz an das Stift Herrenberg zu Zeiten des Probstes Spenlin (1445–65); es hatte dieses Stift überhaupt die jurisdictio ecclesiastica und ließ solche durch seine Stiftsherren versehen.

Durch die Reformation gelangte der ganze Kirchensatz, das jus patronatus und advocatiae an das Haus Württemberg und steht jetzt der Krone zu.



  1. Burkhardt von Anweil, Hofrichter und Obervogt zu Herrenberg, ließ das Schloß in den 1580ger Jahren durch Heinrich Schickard erbauen.


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