Beschreibung des Oberamts Herrenberg/Kapitel B 21

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Pfäffingen,
Gemeinde III. Klasse mit 494 Einw., wor. 1 Kath. – Evang. Pfarrei. Die Kathol. sind nach Poltringen eingepfarrt.
Die Lage des Orts in dem anmuthigen, über 1/8 Stunde breiten, wiesenreichen Ammerthale ist eine äußerst freundliche, und gestattet eine anziehende Aussicht dem Thal entlang bis nach Tübingen und an einen Theil des Steilabfalls der Alp. Auf der rechten Seite der Thalebene lehnen sich nur flache Ackergelände an, die sich in mäßiger Entfernung zu einer mit Reben und Obstbäumen bepflanzten, auf der Anhöhe mit Wald bewachsenen Hügelgruppe erheben. An der äußersten östlichen Spitze derselben (Pfaffenberg), genießt man eine Aussicht in die Thäler des Neckars und der| Ammer, wie an einen Theil der Alp und des Schönbuchs, welche zu den schönsten des Bezirks gezählt werden darf. Auf der rechten Seite des Thals drängt sich der steile, obst- und weinreiche Schönbuchabhang bis an die Thalsohle und bietet der Gegend einigen Schutz gegen rauhe Nordwinde, während die Ostwinde freien Zutritt haben, indem sich das Thal gerade gegen diese Himmelsgegend öffnet. Die Luft ist daher gesund, dagegen schaden nicht selten starke Nebel und Frühlingsfröste den Obstbäumen und den Reben. Im Allgemeinen ist die Gegend sehr fruchtbar und bringt alle gewöhnlichen Feldfrüchte hervor, wozu der humusreiche Alluvialboden in der Thalebene und der fruchtbare Diluviallehm in der Nähe des Orts vieles beitragen. Im südlichen Theil der Markung treten minder fruchtbare Thon- und Mergelböden auf, die sowohl für den Obst- und Weinbau, als auch für den Anbau von Luzerne und Esper benützt werden.

Das mit geringer Ausnahme auf der rechten Seite der Ammer gelegene, ziemlich kleine Dorf besteht eigentlich nur aus zwei Häuserreihen, die längs der breiten, reinlich gehaltenen Ortsstraße hingebaut sind; die Gebäude sind meist klein, aber heimlich und gut aussehend.

Die an dem südlichen Ortsende gelegene Pfarrkirche ist im Jahre 1711 in einem einfachen Styl neu erbaut worden; auf der westlichen Giebelseite steht ein viereckiges, in ein Achteck übergehendes Thürmchen, in welchem zwei von der früheren Kirche dahin gebrachte Glocken hängen, von denen die eine, sehr alte, die Namen der vier Evangelisten trägt, während die andere, noch ältere, weder Schrift noch Zeichen hat. An der nördlichen Außenseite sind zwei Gültlingische Grabdenkmale, welche in der früheren Kirche aufgestellt waren, eingemauert, das eine (Jergs von Gültlingen) von 1539, das andere von 1551.

Innen ist die Kirche geräumig und hat außer fünf alten, gut geschnittenen Holzfiguren, die an der Orgelbrüstung stehen und ebenfalls aus der früheren Kirche dahin gebracht wurden, nichts Bemerkenswerthes.

Um die Kirche lag der ummauerte Begräbnißplatz, statt dessen schon Anfangs dieses Jahrhunderts außerhalb (westlich) des Orts ein neuer angelegt wurde. Die Unterhaltung desselben hat die Gemeinde zu 2/3 und die Stiftungspflege zu 1/3, während die Baukosten der Kirche in den inneren Theilen der Stiftungspflege, dagegen alles Bauwesen an dem Thurm und an dem Äußeren der Kirche der Gemeinde obliegt.

Die frühere Kirche stand nebst Pfarr- und Schulhaus| außerhalb des Orts jenseits der Ammer und wurde abgebrochen, weil das Austreten der Ammer, welches häufig auch den nahe liegenden Gütern Schaden bringt, zuweilen den Besuch der Kirche hinderte.

Das der Kirche gegenüber an der Hauptstraße gelegene Pfarrhaus, welches der Staat zu unterhalten hat, ist im Jahre 1752 erbaut worden.

Auf der Stelle eines ehemaligen von Gültlingen’schen Schlosses steht das im Jahre 1811 erbaute Rathhaus, in welchem sich auch die Volksschule, und die Wohnung des Schulmeisters befindet. Übrigens ist auch eine Industrieschule vorhanden.

Über die Ammer gehen im Ort eine steinerne Brücke und ein hölzerner Steg.

Wasser liefern zwei Rohr-, drei Pump- und Schöpfbrunnen, sowie drei in der Nähe der Ammer in Stein gefaßte Quellen zwar hinlänglich, allein das Wasser der Rohrbrunnen ist schlecht und zum Kochen unbrauchbar, und dem wiewohl bessern Wasser der in Stein gefaßten Quelle mangelt die Reinheit und Frische.

Ein sogenannter Hungerbrunnen befindet sich in dem Sulzthal und südwestlich vom Ort bestand früher ein kleiner Weiher.

Die Einwohner sind zwar im Allgemeinen gesund, übrigens körperlich nicht besonders ansehnlich, wie denn vermuthlich in Folge des schlechten Trinkwassers, Kropf und Neigung zum Cretinismus vorkommen, welche Übel jedoch immer mehr abnehmen und sich namentlich bei der Jugend neuerer Zeit in viel geringerer Ausdehnung zeigen. Die Vermögensumstände sind, trotz der eingezogenen Lebensweise und des Fleißes der Einwohner, gering, so daß nur Wenige zu den einigermaßen Bemittelten gezählt werden dürfen.

Die an sich kleine Markung ist noch überdies etwa zum dritten Theil im Besitz von Bürgern der angrenzenden Orte Unter-Jesingen, Poltringen und Oberndorf.

Feldbau, Viehzucht, Obst- und Weinbau bilden die Hauptnahrungsquellen, während die Gewerbe, mit Ausnahme einer Mühle (drei Mahlgänge und ein Gerbgang) und einer in der Nähe derselben stehenden Sägmühle nebst Hanfreibe, ganz untergeordnet sind; von den weiblichen Personen wird viel um den Lohn gesponnen.

Mit vielem Eifer und mit Benützung der deutschen, und in neuerer Zeit auch der Brabanter Pflüge, wie mit fleißiger Anwendung der Jauche wird die Landwirthschaft betrieben; man baut in dem üblichen Dreifeldersystem hauptsächlich Dinkel und Gerste,| wenig Hafer und auf geringeren Böden Einkorn. In der zu 1/3 angeblümten Brache werden Kartoffeln, dreiblättriger Klee und Esper gezogen. Hanf, der gut gedeiht, Kraut und Angersen kommen in eigenen Ländern zum Anbau und in neuerer Zeit pflanzt man mit gutem Erfolg Hopfen, während der Repsbau ganz unbedeutend getrieben wird. Auf den Morgen rechnet man Aussaat 8 Simri Dinkel, 4 Simri Gerste, ebensoviel Hafer und 5 Simri Einkorn; der durchschnittliche Ertrag wird zu 4–10 Scheffel Dinkel, 4 Scheffel Gerste, 4 Scheffel Hafer und 3 Scheffel Einkorn per Morgen angegeben. Die höchsten Preise eines Morgens sind 400 fl., die mittleren 200 fl. und die geringsten 40 fl. Ein Theil des Dinkelertrags kommt nach Tübingen, und beinahe der ganze Gerstenertrag an Bierbrauer zum Verkauf.

Der Wiesenbau, dem keine Wässerung zukommt, ist ausgedehnt und liefert per Morgen durchschnittlich 25–30 Centner Heu und 12–15 Centner Öhmd. Das Futter ist etwas leicht und mitunter sauer. Die Wiesenpreise bewegen sich von 300–400 fl. per Morgen.

Der auf etwa 25 Morgen betriebene Weinbau (für welchen auch eine Gemeindekelter vorhanden ist, nimmt täglich mehr ab; Elblinge (rothe und weiße), Klevner, Butscheeren und etwas Veltliner kommen hauptsächlich zum Anbau und liefern per Morgen durchschnittlich 3–4 Eimer Ertrag, einen sogenannten Schiller, der nur in ganz günstigen Jahren angenehm wird, und im Jahre 1846 um 40–44 fl. verkauft wurde.

Von namhafter Ausdehnung ist die Obstzucht; es werden vorzugsweise Luiken, Fleiner, Reinetten, Knausbirnen, Reichenäckerin, Palmischbirnen, Bratbirnen, Zwetschgen etc. gepflanzt und in günstigen Jahren auch nach Außen abgesetzt.

Eine besondere Erwerbsquelle bildet die sehr beträchtliche Rindviehzucht, welche sich mit einem kräftigen, meist rothbraunen Landschlag beschäftigt und durch zwei Farren, von denen einer der Simmenthaler Race angehört, nachgezüchtet und verbessert wird. Die Farren hält ein Bürger für jährliche 62 fl. aus der Gemeindekasse. Der Handel mit Vieh ist von ziemlicher Bedeutung, ebenso kommt viel Milch und Butter nach Rottenburg zum Verkauf.

Die Schäferei hat seit einigen Jahren aufgehört, früher fanden etwa 180 Bastardschafe im Ort Überwinterung. Jeder Schafbesitzer entrichtete der Gemeindekasse von dem Schaf jährlich 1 fl. und von dem Lamm 30 kr., was derselben nebst dem Pfercherlös eine Einnahme von 200 fl. gewährte.

Eigentliche Schweinezucht besteht nicht; Geflügel wird nur| für den eigenen Bedarf gehalten und die Bienenzucht ist im Abnehmen.

Was die Mittel zum Verkehr betrifft, so setzt eine Vicinalstraße nach Poltringen und eine auf die Herrenberg-Tübinger Landstraße den Ort mit der Umgegend in Verbindung.

Die Gemeindepflege besitzt 1156/8 Morgen 41 Ruthen Wald, worunter 50 Morgen begriffen sind, welche für eine Schönbuchsgerechtigkeit von dem Staat abgetreten wurden. Die durchgängig mit Laubhölzern schlecht bestockten Waldungen sollen allmählig in Nadelwaldungen (Forchen), für die sich der vorhandene magere Sandboden besser eignet, umgewandelt werden. Von dem jährlichen Ertrag, dermalen in 2125 Stück Wellen bestehend, erhält jeder Bürger 25 Stück als Gabholz.

Indessen siehe über den Gemeinde- und Stiftungshaushalt Tab. III.

Einige Schulstiftungen sind vorhanden.

Bis zur Gefäll-Ablösung hatte außer den Gülten der Staat, mit Ausnahme eines kleinen der Universität Freiburg zugestandenen Theils, den großen, sowie den Heu- und 1/3 des Weinzehenten zu beziehen; der kleine Zehenten stand der Pfarrei zu.

Südlich vom Ort erhebt sich ein kleiner Hügel, der „auf dem Keller“, auch „auf dem Kern“ genannt wird; nach der Volkssage soll hier ein Gebäude (Burg) gestanden sein.

Herren von Pfäffingen, als pfalzgräflich tübingische Dienstmannen, kommen in erhaltenen Urkunden erstmals vor um 1188, nemlich Wolpoto de Phaffingen Zeuge bei der Verhandlung, welche Pfalzgraf Rudolf mit seinem Bruder Hugo in Betreff der Stiftung des Klosters Bebenhausen hatte (Schmid Urk. 5). Am 30. Jul. 1191 war Cunradus de Phaffingen bei dieser Stiftung selbst zugegen (Schmid Urk. 7). Spätere Namen sind Albert 1225 (Albertus de Phaiphingin, Mon. Zoller. Nr. 112), Werner 1228 (Merz 28 Wernherus de Pfaffingen Zeuge Pfalzgraf Rudolfs von Tübingen für Kloster Salmannsweiler), Hugo 1268 (Neugart Cod. dipl. Alem. 2, 264). Konrad, Elisabeth, Hailwig und Irmingart Geschwistrige, Wolframs sel. Kinder von Pfäffingen gaben den 17. Aug. 1299 mit Gutheißen ihrer Vettern Heinrich, Konrad und Ludwig zwei Morgen Ackers zwischen Pfäffingen und Poltringen dem Abt von Kreuzlingen für fünf Pfund und fünf Schill. Heller zu kaufen (Pupikofer Regg. des Stifts Kreuzlingen Nr. 119, vergl. auch Nr. 125). Im Jahre 1311 erscheint wieder ein Wolpot von Pfäffingen.

Nach dem Aussterben des Herrn von Pfäffingen kam der Ort an die Herrn von Hailfingen, in welcher Familie Wilhelm| Johanniterordenscomthur den 30. Jan. 1431 seine hiesigen Leibeigenen an die Grafen Ludwig und Ulrich von Württemberg verkaufte; er war damals eine Mundat (Lünig 12a, 260), aber den 2. Okt. 1479 that Graf Eberhard in Bart kund, daß er mit seinem Getreuen Marx von Haifingen in Pfäffingen „aus unserer Freiheit und Regalien“ ein Gericht eingeführt habe, das er ihm nun mit den „armen Leuten“ übergibt, um es immer zu haben und zu nutzen ohne seine und seiner Amtleute Irrung (Sattler Grafen 4 Beil. 44). Nach dem Tode Wendels von Hailfingen, des letzten seines Stammes (1527) kam Pfäffingen an Sebastian von Gültlingen und seine Söhne Jakob und Georg (Lünig 12a, 155). Als dieser als Lehensmann Herzog Ulrichs (s. oben bei Oberndorf) 1546–7 am Schmalkaldischen Krieg Theil nahm, befahl Kaiser Karl V. dem Grafen Hans Nicolaus von Zollern, ihm sein Schloß und Dorf Pfäffingen wegzunehmen und die Unterthanen huldigen zu lassen. Sebastian aber entschuldigte sich (1548), er sei als Lehensmann zur Theilnahme am Krieg verpflichtet gewesen und habe die Leute des Kaisers nicht beschädigt; auch sei ja Herzog Ulrich mit dem Kaiser durch den Heilbronner Vertrag wieder ausgesöhnt. Nach seinem Tode belehnte Herzog Ludwig den 13. Okt. 1569 dessen Sohn Paul mit Schloß und Dorf sammt dazu gehörigen Schönbuchsrechten (Lünig 12a, 155). Im Jahre 1699 dagegen verkaufte Johann Konrad von Gültlingen das Dorf an den Herzog Eberhard Ludwig (Sattler Topogr. 307, Herzoge 7, 48. 219. 12, 48), seine Nachkommen wurden aber erst am 13. Nov. 1753, wegen Ansprüchen, welche sie noch machten, vollständig abgefunden (Scheffer 227).

Wegen der reichsritterschaftlichen Collektation in Pfäffingen gab es ebenfalls Streit, sie wurde jedoch im Vertrag vom 30. Okt. 1769 der Ritterschaft Kantons Neckarschwarzwald bestätigt (Cramer Nebenstunden 112, 601).

Außer dem Schlosse der Herren von Gültlingen waren in Pfäffingen noch zwei Schlösser, in einem saß Albrecht von Kröwelsau 1428, sein Enkel Albrecht, genannt der Pfäffinger 1497 und 1507, dessen Sohn Hans 1537; wahrscheinlich kam dieses Schloß sammt Zugehör an die Herren von Gültlingen.

Im dritten Schlosse saß 1409 Ostertag von Lustnau (Steinhofer 3, 135), welcher dasselbe mit Gütern und Gülten für 1700 fl. an Hans Truchseß von Höfingen verkaufte. Dieser trug es den 6. Jul. 1458 an Württemberg zu Lehen auf, veräußerte es aber bereits wieder 1460 an Konrad von Fürst. Später kam das adelige Gut an die Herren von Diemar, denen es Württemberg 1744 für 20.435 fl. abkaufte.

| Bis zum Jahre 1813 gehörte dieser „Kammerort“ zum O.A. Tübingen.

Ein hiesiges Geschlecht waren die von Tischingen; in der Mitte des 13. Jahrhunderts lebte ein Heinrich von Tischingen, im Jahre 1296 dessen Sohn Johannes (Schmid Urk. 201, vergl. Schmid Text 322. 367. 271).

Von fremden Familien waren noch die Herren von Ow hier begütert. Reinhard, Conrads sel. Sohn von Calw und Volkarts von Ow Tochtermann, nennt sich den 20. Okt. 1315 „von Pfäffingen“ (Mone Zeitschr. 5, 456). Marquard und Hermann von Ow machten im Jahre 1346 an das Kloster Bebenhausen und Heinrich von Ow 1349 an die Kirche in Pfäffingen Veräußerungen hiesigen Besitzes.

Eines der hiesigen Schlösser brannte den 10. September 1598 ab.

Das Patronat über die hiesige Kirche, wozu ein Hof in Altingen gehörte, stund dem Kloster Blaubeuren zu, welches am 17. Jan. 1359 sich die Kirche incorporiren ließ (Scheffer 26), aber am 21. Febr. 1378 diesen Besitz an Theoderich Last, Dekan der Kirche in Speier, für 500 fl. veräußerte (Cleß 2a, 282), wozu der Bischof Heinrich von Konstanz am 15. März d. J. seine Bestätigung ertheilte. Später jedoch erhielt Blaubeuren diese Kirche zurück und ließ sich solche abermals incorporiren. Mit dem Kloster Blaubeuren kam das Patronat an Württemberg, wie es denn auch heut zu Tage der Krone zusteht.

Hiesige Besitzungen in Händen des Klosters Bebenhausen kommen schon am 8. März 1229 vor, in der Bestätigungs-Bulle Pabst Gregors IX. für das genannte Kloster.



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