Beschreibung des Oberamts Herrenberg/Kapitel B 24

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Rohrau,
Gemeinde III. Klasse mit 537 ev. Einw. Pfarr-Filial von Nufringen.
Das kleine, freundliche Dorf liegt still und abgeschieden am Fuß der Schönbuchsterrasse, 1/2 Stunde von dem Mutterort und 5/4 Stunden östlich von der Oberamtsstadt. Ein laufender Brunnen versorgt das ganze Jahr hindurch die Einwohner hinreichend mit Wasser, das übrigens Gipstheile mit sich führt und wohl auch Ursache von dem nicht selten in der Gemeinde vorkommenden Kretinismus sein mag. Wette ist keine vorhanden, dagegen kann der 1/2 Stunde südwestlich vom Ort in dem sogenannten kalten Brunnen entspringende Krebsbach, der Rohrau auf der östlichen Seite berührt, bei Feuersgefahr mittelst einer Stellfalle geschwellt werden. Der Bach, welcher von den in ihm häufig sich aufhaltenden Krebsen seinen Namen erhalten hat, tritt bei starken Regengüssen und schnellem Schneeabgang öfters aus seinem Bett und schadet dann den nahe liegenden Wiesengründen. Etwa 1/8 Stunde nördlich vom Ort befindet sich in dem flachen Wiesenthälchen eine Quelle, das Sulzbrünnle genannt, deren Wasser zuweilen von Kranken –| besonders von solchen, die mit Krätze behaftet sind, gebraucht wird (s. hierüber den allg. Theil).

Die im Jahre 1700 in einem nichtssagenden Styl erbaute Kirche, deren schadhaft gewordener Thurm im Jahre 1749 neu errichtet wurde, steht in geringer Entfernung außerhalb (westlich) des Orts auf einem künstlich aufgeworfenen Hügel, welcher die Burg genannt wird, wie denn der Sage nach auf demselben ein Schloß und später eine Kapelle gestanden sein soll; der Hügel war mit einem See umgeben, der längst abgegangen ist. In der Kirche befindet sich ein aus Holz gut geschnittenes Bild des Gekreuzigten. Auf dem viereckigen Thurme, dessen unteres Stockwerk aus Stein, das übrige aus Holz erbaut ist, hängen zwei Glocken, von denen die eine 1686 gegossen wurde, die andere aber uralt zu sein scheint, und außer vier Kreuzen weder Zeichen noch Schrift enthält. Die Unterhaltung der Kirche liegt der Gemeinde ob. Ein Begräbnißplatz wurde im Jahre 1833 östlich vom Ort angelegt; früher mußten die Verstorbenen in Nufringen beerdigt werden.

Auf einem freien Platze, beinahe in der Mitte des Orts, steht das ziemlich gut erhaltene Rathhaus, in welchem, sich auch die Schule nebst der Wohnung des an derselben angestellten Schulmeisters befindet; seit einigen Jahren besteht eine Industrieschule. Ein Gemeindebackhaus wurde 1844 errichtet, und ein Gemeindewaschhaus besteht schon längst. Die am westlichen Ortsende stehende hofkammerliche Zehentscheuer hat die Gemeinde in neuester Zeit um 400 fl. angekauft.

Die Einwohner sind körperlich nicht sehr bevorzugt, und bei ihrer in Folge der schon erwähnten Neigung zum Kretinismus schwächlichen Körperconstitution und der Abgeschiedenheit ihres Wohnorts weniger gewandt als die Nufringer, im Allgemeinen übrigens fleißig, sparsam und kirchlich gesinnt. Ihre Vermögensumstände gehören mit wenigen Ausnahmen zu den geringeren. Erwerbsquellen sind: Ackerbau und hauptsächlich Viehzucht; die Unbemittelten, deren es viele gibt, bauen den östlich vom Ort anstehenden Keupergips ab, den sie in den zwei im Ort vorhandenen Gipsmühlen mahlen und dann in der Umgegend absetzen. Einzelne gewinnen auch aus den nicht fern von den Gipsgruben gelegenen Sandsteinbrüchen weißen Stubensand, durch dessen Absatz sie sich einen spärlichen Verdienst sichern.

Die verhältnißmäßig nicht unbedeutende Markung wird nördlich von den Markungen Eningen, östlich von Hildrizhausen, südlich von Hildrizhausen und Nufringen, und westlich von Nufringen und Gärtringen begrenzt; sie ist mit Ausnahme der im Süden| hinziehenden Schönbuchsterrasse ziemlich eben, hat aber im Allgemeinen einen minder fruchtbaren, meist strengen Thonboden, der als eine Verwitterung des Keupermergels zu betrachten und schwer zu bebauen ist. Nur nördlich vom Ort besteht der Boden aus einem ziemlich fruchtbaren Lehm, dem der Keupermergel zur Unterlage dient.

Zu diesen minder ergiebigen Bodenverhältnissen gesellt sich überdieß noch ein ungünstiges Klima, indem Frühlingsfröste und kalte Nebel, welche in der Richtung von Eningen her in die Gegend ziehen, nicht nur häufig dem Obst, sondern auch zuweilen dem Dinkel in der Blüthe schaden. Hagelschlag kommt nicht selten vor.

Unter diesen von Natur ungünstigen Verhältnissen ist es wohl erklärlich, daß die Landwirthschaft, trotz der Emsigkeit der Einwohner, dennoch auf keiner blühenden Stufe steht; indessen wird die Rindviehzucht durch einen ziemlich ausgedehnten und ertragreichen Wiesenbau kräftig unterstützt und bildet eine Hauptnahrungsquelle der Einwohner. Landwirthschaftliche Neuerungen finden nur langsam Eingang, und der deutsche Wendepflug ist noch immer beinahe allgemein im Gebrauch; auch die Düngerstätten sind noch nach der früheren Weise angelegt, obwohl für die Gewinnung der Jauche manches gethan wird. Zur Erhaltung und Verbesserung des düngerbedürftigen Bodens wird außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln: Gips, Asche, Hallerde und der aus den Wassergräben ausgeschlagene Schlamm benützt, welcher wegen der ihm beigemengten Gips- und Salztheile als Dünger sehr gesucht ist.

Nach der Dreifelderwirthschaft baut man Dinkel, Gerste, Hafer und ziemlich viel Einkorn, welch letzteres sehr gut gedeiht. Kartoffeln werden im Haferfeld und Ackerbohnen gemeinschaftlich mit dem Hafer gebaut. Hanf und Kraut zieht man in eigenen Ländern; der Repsbau ist ganz unbedeutend. Die Brache wird beinahe gar nicht angeblümt; der Morgen Acker, auf den man 7 Simri Dinkel, 3 Simri Gerste, 4 Simri Hafer, und eben so viel Einkorn als Aussaat rechnet, beträgt durchschnittlich 7–8 Scheffel Dinkel, 3–4 Scheffel Gerste, 5–6 Scheffel Hafer und 6 Scheffel Einkorn. Die höchsten Ackerpreise per Morgen sind 200–300 fl., die mittleren 150 fl. und die geringsten 30–40 fl. Der Getreideabsatz nach Außen ist von geringem Belang. Der größte Güterbesitz besteht in 30 Morgen.

Die Wiesen, welche nicht bewässert werden, jedoch durchgängig zweimähdig sind, liefern sehr gutes Futter, von dem zuweilen nach Außen verkauft wird; der durchschnittliche Ertrag derselben| wird zu 25 Centner Heu und 12 Centner Öhmd per Morgen angegeben. Die Preise eines Morgens bewegen sich von 200 bis 300 fl. An einer östlich vom Ort gelegenen Halde, im Weingarten genannt, die gegenwärtig zu Baumgütern benützt wird, wurde früher Weinbau getrieben[1].

Die Obstzucht wird nicht nur wegen des ungünstige Klimas, sondern auch wegen des vorherrschenden, hitzigen Keupermergelbodens, in geringer Ausdehnung betrieben, und liefert nur Mostsorten und etwas Zwetschgen.

Eine unbedeutende Weidefläche von etwa 6 Morgen, nebst der Brach- und Stoppelweide, wird zur Schäferei benutzt, zu der die Bürger nach Maßgabe des Steuerbetrags Schafe gegen ein Weidegeld einschlagen dürfen, das der Gemeindekasse, sammt der Pferchnutzung, etwa 300 fl. jährlich einträgt.

Die Rindviehzucht, in einer kräftigen, meist gelbrothen Landrace bestehend, ist beträchtlich; zwei Schweizerfarren, denen schon öfters der Preis auf dem landwirthschaftlichen Feste zu Herrenberg zukam, hält ein Ortsbürger gegen die Nutznießung von 7/4 Morgen Wiesen, acht freien Pferchnächten und jährlich 30 fl. Geld aus der Gemeindekasse. Mit Vieh, namentlich mit Mastvieh, wie auch mit Butter wird ein ziemlich lebhafter Handel getrieben.

Die Zucht der Schweine, wie die der Ziegen ist unbedeutend, dagegen wird in namhafter Ausdehnung Geflügel gehalten, und mit diesem, wie mit Eiern, einiger Handel getrieben.

Die Gewerbe sind von keinem Belang und beschränken sich auf die nöthigsten Handwerker; eine Schildwirthschaft und zwei Krämer befinden sich im Ort.

Vicinalstraßen gehen nach Nufringen und Gärtringen.

Über den Gemeinde- und Stiftungshaushalt s. Tab. III.

Der Zehente stand der k. Hofdomänenkammer zu, die auch von einigen vierzig Theilhabern an den zwei früher bestandenen Maierhöfen (dem Werner’schen und dem Schmid’schen Hofe) bis zu der im Jahre 1852 erfolgten Ablösung jährlich 75 Scheffel Dinkel und 50 Scheffel Hafer zu erheben hatte, wofür diese 50 Klafter Holz (je zur Hälfte Buchen und Eichen) aus den Staatswaldungen bezogen, was für die Gemeinde von um so größerem Werthe war, als sie keine eigenen Waldungen besitzt und erst in jüngster Zeit angefangen hat, einige Morgen Ödung mit Fichten auszupflanzen.

| Etwa 1/4 Stunde südlich vom Ort stand auf einem ziemlich steilen, bewaldeten Bergvorsprung (Schloßberg) die Burg Rohrau (auch Horn genannt), von der noch Graben und Wall sichtbar sind.

Der ursprünglich pfalzgräflich tübingische Ort kam, vielleicht um 1270, durch Heirath an das gräfliche Haus Hohenberg.

Ein früh vorkommender Dienstmann auf der Burg ist „Herr Tragebot von Rorowe“ den 24. Februar 1302 Bürge für Konrad Schultheißen von Herrenberg (Schmid Urk. 91).

Den 13. Dezember 1330 verschrieben Graf Rudolf von Hohenberg († 1336) und sein gleichnamiger Sohn ihre Burg „Rorowe“ mit aller Zugehörde an die Grafen Rudolf und Konrad Gebrüder die Scheerer als Pfand für 650 Pfund Heller und versprachen dafür zu sorgen, daß der St. Johanniterorden sich seiner Ansprüche auf dieselbe verzöge (Schmid Urk. 160). Genannte Ansprüche des Ordens wurden wirklich durch den obigen Grafen Rudolf von Hohenberg d. ä. am 5. Dezember 1332 vermittelst Überlassung des Fronhofes und Kirchensatzes in Dätzingen befriedigt, und nun veräußerten den 30. Januar 1338 die Grafen Albrecht, Hugo und Heinrich von Hohenberg, Söhne eben dieses Grafen Rudolf d. ä., dessen gleichnamiger Sohn inzwischen gestorben war, ihre Burg Rohrau mit aller Zugehörde „für ein frei Eigen“ um 1020 Pfund Heller an den Grafen Konrad den Scheerer (Schmid Urk. 177), welcher noch im Jahre 1342 Hölzer von Röffeli von Gärtringen hinzukaufte.

Aber nicht lange war Rohrau zu dem Haus der früheren Oberherren zurückgekommen, als Pfalzgraf Konrad, der gleichnamige Sohn des Rückkäufers, Burg und zugehörenden Ort am 10. Februar 1382 mit Herrenberg an Württemberg (dessen hiesige, im Jahre 1383 verzeichnete Einkünfte bei Schmid 501 nachzusehen) verkaufte.

Unter Württemberg wurde die Burg sammt dazu gehörigem Hof im Jahre 1441 von den Grafen Ludwig und Ulrich an ihren Schreiber Konrad Lyher für 2000 fl. und 400 Pfund Heller auf Wiederkauf veräußert, aber bereits im Jahre 1448 durch den Grafen Ludwig wieder zurückgelöst (Steinhofer 2, 823. 901, Sattler Grafen 2, 161. 162).

In kirchlicher Beziehung gehörte Rohrau vor dem Jahre 1540 zur Pfarrei Ehningen (O.A. Böblingen) und mit derselben vor der Reformation zur Karthause Güterstein. An diese Karthause hatte Eberhard Sölr von Richtenberg den 12. März 1450 den hiesigen Laienzehnten und ebenso den zu Ehningen verkauft (nach| dem Willen Graf Ludwigs von Württemberg, Oberlehensherrn der Kirche zu Ehningen und des Laienzehnten zu Ehningen und Rohrau); auch hatte Albrecht Röfflin von Richtenberg am 25. desselben Monats auf Kirche, Kirchensatz und Zehenten zu Ehningen und zu Rohrau zu Gunsten eben dieser Karthause verzichtet (St. A. Pez Cod. dipl. hist. epist. pars 3, 266. 272). Eine hiesige Caplanei wurde im Jahre 1481 eingeweiht in die Ehre der h. Maria, St. Antonius, St. Johannes des Täufers, St. Sebastian, St. Nicolaus, St. Ursula und der 11000 Jungfrauen. Im Jahre 1540 wurde Rohrau Filial von Nufringen.



  1. In dem Landbuch von 1624 ist einer Kelter zu Rohrau erwähnt.


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