Beschreibung des Oberamts Laupheim/Hüttisheim

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Groß-Schaffhausen Beschreibung des Oberamts Laupheim Illerrieden »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Hüttisheim.
Gemeinde III. Kl. mit 775 Einw.   a. Hüttisheim, Pfarrdorf, 635 Einw.   b. Humlangen, Weiler, 140 Einw. – Kath. Pfarrei.
Der große, weitläufig gebaute Ort liegt theils auf einer Anhöhe, theils an dem leicht gegen Nordosten geneigten Abhange gegen das Schmiehe-Thal, in dessen Ebene noch einzelne Häuser zu beiden Seiten des Bachs hingebaut sind. Die Kirche, das Pfarr- und Schulhaus liegen, eine sehr malerische Gruppe bildend, 1/8 Stunde vom Ort auf einem zwischen zwei kleinen Thälchen vorspringenden Hügel der rechten Schmiehe-Thalgehänge. Außer diesem vereinzelten Wohnsitze befinden sich noch auf der Markung zwei Ziegelhütten, eine nordwestlich, die andere südwestlich vom Ort gelegen, die 1/8 Stunde südöstlich vom Ort gelegene obere Mühle mit zwei Mahlgängen und einem Gerbgang, die untere Mühle mit zwei| Mahlgängen und einem Gerbgang, und ein einzeln stehendes Haus auf dem sogenannten Bergböck.

Nur in den höher gelegenen Theilen des Dorfs genießt man gegen Nordwesten eine Aussicht in das Donau-Thal, während sich dem Auge bei der Kirche und namentlich auf dem Thurm derselben ein ausgebreitetes Panorama öffnet, das sich über 64 bewohnte Plätze ausdehnt.

Die Gebäude sind zum Theil ansehnlich, häufiger aber etwas heruntergekommen aussehend und nicht selten noch mit Stroh gedeckt. Der Boden, auf dem das Dorf steht, ist ziemlich wasserreich, namentlich in dem östlichen Theile, daher dort nicht einmal Keller angelegt werden können und die gepflanzten Obstbäume kein gutes Gedeihen zeigen. Dieser nasse Untergrund, wie die Nähe der Schmiehe, hat Einfluß auf das Klima, welches ziemlich feucht ist und mitunter die Ursache von dem nicht selten verheerend auftretenden Nervenfieber sein mag. Übrigens hat der Ort gutes Trinkwasser im Überfluß, auch ist im Allgemeinen der Gesundheitszustand der Einwohner gut und Leute von hohem Alter gehören nicht zu den Seltenheiten.

Die Pfarrkirche zum heil. Erzengel Michael, zu der vom Thal aus neben einem Fahrwege noch eine steinerne Treppe mit 15 Abtheilungen führt, ist im neueren Styl schmucklos gehalten und schließt mit einem einfachen dreiseitigen Chor; dagegen hat sich der hohe, imposante, viereckige Thurm in seiner ursprünglichen germanischen Bauweise, an den unteren Theilen noch an den romanischen Styl erinnernd, unverändert erhalten. Derselbe ist massiv von Stein erbaut und zeigt an seinem ersten Stockwerke ein schön verziertes Rundbogenfries, während unter dem obersten mit spitzbogigen Fenstern versehenen Stockwerke ein Spitzbogenfries angebracht ist. Auf dem Thurme sitzt ein Satteldach, dessen Giebelseiten durch quer und senkrecht ziehende Lisenen verziert sind, während an den vier Giebelecken und an den zwei Giebelspitzen einfache, viereckige Säulchen emporstreben. Von den drei Glocken ist die größte 1514 und die mittlere 1543 gegossen worden; die kleinste und zugleich älteste trägt die vier Evangelistennamen als Umschrift. Das Innere der Kirche ist im Rococcostyl ausgestattet, die flache Decke des Schiffs und die gewölbte des Chors sind weiß getüncht und mit Gold verziert. Auf den beiden im Langhaus angebrachten Altären stehen einige aus Holz geschnittene Figuren, von denen namentlich die Brustbilder des heil. Georg und des heil. Veit ausgezeichnet gut gehalten sind und der kunstfertigen Hand eines Sürlins keine Unehre machen würden. An der nördlichen Innenseite des Schiffs hängt eine hölzerne | Tafel mit den Wappen der Herren Hans und Ulrich von Ober- und Unter-Griesingen, welche besagt, daß in der Kirche ihrer drei v. Griesingen begraben liegen und daß die beiden genannten Stifter und Gutthäter waren. Über die Verpflichtung der Unterhaltung der Kirche ist gegenwärtig ein Rechtsstreit anhängig.

Um die Kirche liegt der 130 Ruthen im Meß haltende Begräbnißplatz, welcher nur auf zwei Seiten mit einem hölzernen Zaun umfriedigt ist, auf den anderen aber an den zum Pfarrhause gehörigen Garten und an die Pfarrwiese grenzt.

Das angenehm gelegene Pfarrhaus wurde im Jahr 1804, wegen Unvermögenheit der Kirchenpflege, von dem damaligen Zehentherrn, dem Stift Wiblingen und der Pfarrstelle, neu erbaut und im Jahr 1847 namhaft verbessert.

Das ziemlich alte Schulhaus enthält zugleich die Wohngelasse des Schulmeisters.

Beinahe in der Mitte des Orts steht das 1841/42 neu erbaute Rathhaus, ein freundliches, gut eingerichtetes Gebäude, in dessen unterem Stockwerke das öffentliche Backhaus eingerichtet ist.

An der westlichen Seite des Dorfs steht die Kapelle zum heil. Antonius von Padua, welche im Jahr 1702 zu erbauen angefangen – wegen des eingetretenen spanischen Successionskrieges aber erst im Jahr 1718 vollendet wurde. Ihr Stifter ist Pater Fortunat Zimmermann, ein Religiose des Klosters Wiblingen, der von 1701–1718 Pfarrer in Hüttisheim war. Die Kapelle ist im Rococcostyl mit verziertem Giebel und dreiseitig schließendem Chor erbaut; auf dem Chorgiebel sitzt ein viereckiger, oben in ein Achteck übergehender Thurm, sogenannter Dachreiter, der ein kuppelförmiges Dach trägt. Der den 12. Juli 1748 feierlich eingeweihte Altar zeigt in guter Ausführung die Legende des heil. Antonius, wie ihm im Traumgesicht das Jesuskind die Krone aufsetzt. Die Kapelle hat keinen Fonds und wird als Eigenthum der Gemeinde von dieser unterhalten.

Die Einwohner sind sehr fleißig und haben vielen religiösen Sinn, in ihrer geistigen Ausbildung aber stehen sie gegen die Bewohner der Umgegend zurück, da in Folge der Vernachläßigung unter zwei auf einander gefolgten Schullehrern sehr viele Erwachsene nicht einmal lesen und schreiben können. Der Ort gehörte früher zu den wohlhabenderen des Bezirks, durch die in den Jahren 1830–1840 von mehreren Bauern im Leichtsinn und Unverstand betriebene Leihkasse und deren unheilvolles Ende ist aber sowohl der Privat- als Gemeindehaushalt dermaßen ruinirt worden, daß nun auf den Einwohnern eine Pfandschuld von 2.800.000 fl. lastet, und daß in | Ermangelung eines unabhängigen, willensfesten Orts-Angehörigen auf Verlangen der Bürgerschaft ein Schultheiß von Seiten des Staats aufgestellt wurde, um wieder Ordnung in den Haushalt zu bringen. Die Haupterwerbsmittel der Einwohner bestehen in Feldbau und Viehzucht; zu den vorhandenen, öfters bis auf 150 Morgen sich ausdehnenden Bauerngütern und Sölden gehören Gemeinde-Gerechtigkeiten an Feld und Wald, die sich des schlechten Haushalts ungeachtet noch unvertheilt erhalten haben.

Die Gewerbe sind von keinem Belang, abgesehen von den schon angeführten Ziegelhütten und Mühlen, neben welchen noch eine Schildwirthschaft mit Brauerei und drei Krämer vorhanden sind.

Die mittelgroße, zu einem namhaften Theil mit Wald bestockte Markung, liegt mit Ausnahme der Gehänge des nicht tief eingeschnittenen Schmiehe-Thals ziemlich eben und hat im Allgemeinen einen fruchtbaren Boden, der zu 1/3 aus einem schweren, nur in trockenen Jahrgängen fruchtbaren Thon – zu 2/3 aber aus einem ergiebigen, tiefgründigen Diluvial-Lehmboden besteht; der erstere ist neuerer Zeit mittelst Aufführung von Kalk, Mergel etc. gemildert worden, während im Allgemeinen zur Verbesserung des Bodens, außer dem gewöhnlichen Stalldünger, der Pferch, der Gyps und besonders die Gülle in Anwendung kommt.

Das Klima ist bedeutend milder als auf den nahe gelegenen Holzstöcken; die Ernte tritt etwas früher ein als auf jenen, dagegen um acht Tage später als im Iller-Thale. Hagelschlag kommt selten vor.

Die Landwirthschaft wird gut betrieben; im System der Dreifelderwirthschaft baut man hauptsächlich Dinkel, Roggen, Gerste, nur wenig Hafer, dagegen ziemlich viel Wicken; in der etwa zur Hälfte angeblümten Brache zieht man Kartoffeln, dreiblätterigen Klee, Kohlraben, Angersen und Flachs. Kraut kommt in eigenen Ländern zum Anbau. Der durchschnittliche Ertrag wird zu 10 Scheffel Dinkel, 3–4 Scheffel Roggen, 3–4 Scheffel Gerste und 6–7 Scheffel Hafer per Morgen angegeben; die Preise eines Morgens Acker bewegen sich von 200–400 fl. Das über den Selbstverbrauch gewonnene Getreide wird in namhafter Quantität auf den Fruchtmärkten in Laupheim und Ulm abgesetzt.

Die zum Theil sauren Wiesen sind größtentheils zweimähdig und ertragen im Durchschnitt 20–22 Centner Heu und 12 Centner Öhmd per Morgen. Ihre Preise bewegen sich von 250–450 fl. per Morgen.

Die Obstzucht ist unbedeutend und leidet nicht allein durch den nassen Untergrund, sondern auch durch schädliche Nebel und Frühlingsfröste. | Aus 325 Morgen Waldungen haben 49 Hofbesitzer das Recht, den Ertrag zu beziehen, so daß je einer etwa 1–1½ Klafter und 200 Stück Wellen jährlich erhält.

Die Brach- und Stoppelweide wird von der Gemeinde an einen Schäfer um 180–200 fl. jährlich verliehen; die Pferchnutzung trägt derselben 125–150 fl. ein.

Für das Rindvieh wurde im Jahr 1794 Stallfütterung auf 30 Jahre zur Probe eingeführt und im Jahr 1824 nach erlangter Überzeugung von ihrer Zweckmäßigkeit für immer beibehalten. Es wird eine meist gelbrothe Landrace gehalten und durch drei Farren, welche ein Bürger anschafft und gegen eine jährliche Gemeindeentschädigung von 80 fl. unterhält, nachgezüchtet. Übrigens wird die Rindviehzucht der Pferdezucht hintangesetzt, aber auch diese unzweckmäßig betrieben, indem man keine besondere Race züchtet und die Stuten von dem nächsten besten, häufig gebrechlichen Hengste bedecken läßt, auch die Fohlen zu jung in Gebrauch kommen und zuweilen schon einjährig in die Egge gespannt werden. Der Handel mit Rindvieh ist unbeträchtlich; auch der früher bedeutende Handel mit Pferden hat sehr abgenommen.

Schafzucht wird nicht betrieben und die Zucht der Schweine hat in neuerer Zeit abgenommen, so daß man die meisten Ferkel zur Mast auswärts aufkauft.

Das Fischrecht in der Schmiehe hat die Gemeinde, welche es um 5 fl. jährlich verpachtet.

Zur Förderung des Verkehrs sind Vicinalstraßen nach Dellmensingen, Weinstetten und über Ober-Holzheim und Bronnen nach dem 1¾ Stunden südwestlich gelegenen Oberamtssitze Laupheim angelegt; eine hölzerne Brücke führt in dem Orte über die Schmiehe.

Über den Gemeinde- und Stiftungshaushalt, s. Tabelle III.

Für das Armenpflegevermögen stiftete Anton Eich im Jahr 1813 ein Kapital von 300 fl. zur Erquickung armer Kranken, und ein gewisser Dilger 100 fl. für die Bedürfnisse mittelloser Kinder.

Auf der Stelle der gegenwärtigen Kirche stand früher eine feste Ritterburg, von der bei dem Neubau des Pfarrhauses (1804) Wall und Graben zum Vorschein kamen und gegenwärtig noch theilweise sichtbar sind; etwa 1000 Schritte nördlich von diesem Punkte bestand auf dem sogenannten Bergböck eine zweite Burg, von der vor ungefähr 50 Jahren Grundreste aufgedeckt wurden, und jetzt noch ein kleiner Rest des ehemaligen Burggrabens vorhanden ist. Etwa ¼ Stunde südöstlich vom Ort wird ein Distrikt „auf der Freiburg“ genannt. | Hüttisheim kommt als Hittinishaim im Jahr 1152 erstmals vor unter den Dörfern, in welchen das Kloster Roth Besitzungen hatte. (Eine spätere hiesige Erwerbung des Klosters Roth vom Jahr 1268 s. bei Stadelhofer Hist. Roth. 1, 133.) Unter den Widemsgütern des Klosters Wiblingen erscheint es in der Bulle Pabst Cölestins III. vom 1. Juni 1194.

Es lag im Bezirk der Grafschaft Kirchberg, deren Besitzern die hohe Obrigkeit und mehrere Rechte und Nutzungen allda noch bis auf späteste Zeiten verblieben. Betheiligt waren aber auch noch die Herren von Warthausen, die Ulmer Patricier Roth (in welcher Familie z. B. „Ott der Rot von Hittishain“ in den Jahren 1375–1417 vorkommt) und andere Ulmer Bürger, wie die Ungelter, die Junker von Griesingen, welche auch das Patronat und Vogtrecht besaßen. Kloster Wiblingen brachte nach und nach insbesondere in den Jahren 1346–1579 den ganzen Ort mit Patronat und Vogtrecht, großen und kleinen Zehnten, an sich; es erkaufte namentlich den 27. November 1346 von dem Grafen Wilhelm von Kirchberg und dessen Gemahlin die hiesige Vogtei für 180 lb. guter Heller und erwarb noch im Jahr 1507 für 915 fl. den Burgstall. Nur vier Haushaltungen und die Mühle oberhalb dem Dorf (letztere seit 1492) gehörten dem Deutschorden.

„Was die kleine Frevel in und außerhalb Etters, auch auf der Gassen betrifft, so gehören die dem Gotteshaus Wiblingen, welches Gerichts- und Dorfs-Herr ist, auch alle Ehhaften, Zwäng und Bänn im Namen der Grafschaft Kirchberg besitzt. Was aber auf Ordensgütern sich an Frevel der niederen Obrig- oder Vogteilichkeit anhängig zutragen und begeben, die hat man von der deutschen Ritter Ordenshaus Ulm wegen zu rechtfertigen, büßen und strafen. Genanntes Haus hat aus seinen vier Gütern zu Hüttisheim alle Gebot und Verbot.“

Mit dem Kloster Wiblingen kam das ganze Besitzthum 1806 an die Krone Württemberg.

Im Bauernkrieg 1525 wurde das Dorf abgebrannt.

Der in den Pfarr- und Gemeindeverband gehörige Weiler Hummlangen, ist 3/8 Stunden nördlich vom Mutterort, theils auf der Anhöhe, zum größeren Theil aber an einem sanft südlich geneigten Abhange gegen ein Seitenthälchen des Schmiehe-Thals gelegen. Der weitläufig gebaute Ort besteht meist aus ländlichen, freundlichen Wohnungen und hat eine angenehme gesunde Lage. Gutes Trinkwasser ist hinreichend vorhanden. Am nordwestlichen Ende des Weilers steht eine alte Kapelle zum heil. Veit, die 1819 renovirt wurde und deren Unterhaltung der Gemeinde | zusteht. Außer Privatmessen wird in derselben kein Gottesdienst gehalten.

Die ziemlich ebene, verhältnißmäßig beträchtliche Markung gleicht nach ihren Boden-, wie klimatischen und landwirthschaftlichen Verhältnisse jener des Mutterorts; dagegen sind die ökonomischen Verhältnisse besser als in Hüttisheim. Der Ort war früher nach Burgrieden eingepfarrt, wurde aber dennoch längst von Hüttisheim versehen, weshalb jeder Communicant jährlich 4 kr. an die Pfarrei Burgrieden entrichten mußte, bis im Jahr 1820 diese Einnahme der Pfarrei Hüttisheim zugewiesen wurde.

Die Grundherrlichkeit hatte Graf Fugger Kirchberg als Kronlehen, welches er im Jahr 1855 allodificirte.

Im Jahr 1803 epavisirte Österreich in Folge der Säcularisation des Klosters Heggbach den diesem zugestandenen Zehnten zu Hüttisheim, gab aber durch Vertrag vom 6. Februar 1805 denselben an den Grafen von Bassenheim zurück unter der Bedingung, daß ihn der Graf als österreichisches Mannlehen anerkenne und eine jährliche Recognitionsgebühr von 100 fl. bezahle (OA.-Beschr. Biberach 206). Seit 1813 wird diese Gebühr nicht mehr entrichtet. Außer dem Filial Humlangen sind noch acht Häuser von Ammerstetten der Pfarrei Hüttisheim zugetheilt, von denen sie auch den Zehnten bezieht.