Beschreibung des Oberamts Leonberg/Kapitel B 1

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B.


Ortsbeschreibung,


in alphabetischer Reihe die den Oberamts-Bezirk bildenden 27 politischen Gemeinden oder Schultheißereien; jedoch unter Vorausstellung der Oberamtsstadt. Die am Schluß beigefügten Tabellen gewähren übersichtliche Zusammenstellungen, I. der Bevölkerung, der Gebäude und des Viehstandes, II. des Flächenmaßes nach den verschiedenen Bestandtheilen und III. des Steuer-Catasters, des Gemeinde- und Stiftungshaushaltes.

Die Oberamtskarte zeigt die geographische Lage der Orte.




Leonberg,
Gemeinde II. Kl. mit 2485 Einw., a. Leonberg, Stadt 2496 Einw., wor. 9 Kath., b. Gäßlensmühle 7 Einw., c. Fleischmühle, 9 Einw. – Ev. Pfarrei, mit Ausnahme der nach Ditzingen eingepfarrten Fleischmühle, dagegen mit Einschluß der Claußenmühle (s. u. Eltingen); die Kath. sind nach Weil der Stadt eingepfarrt.
Die Stadt Leonberg (ehemals Löwenberg),[1] 26° 40′ 36,41″ östlicher Länge und 48° 48′ 6,69″ nördlicher Breite, 41/2 geometrische Stunden nach der Landstraße, 3 in horizontaler Entfernung west-nordwestlich von Stuttgart. Die Erhebung über dem Mittelmeer, und zwar die der Erdfläche an der Kirche, beträgt 1345,5 würt. F. = 1186,6 Par. F., die der Erdfläche am Lamm 1586,5 württ. F. = 1207 Par. Fuß. Als Oberamtsstadt ist dieselbe der Sitz des Oberamtsgerichts und Gerichts-Notars, des Oberamts, des Cameralamts und eines Forstamts. Überdieß ist Leonberg der Sitz eines Umgeldsbeamten, auch befindet sich daselbst (seit | 1847) eine Posthalterei. Neben dem Oberamtsarzt und dem Oberamtswundarzt, der zugleich prakticirender Arzt ist, wohnen hier ein prakticirender Arzt und ein Oberamts-Thierarzt.

Die Grundherrlichkeit des Orts ist schon längst mit der Landeshoheit in dem Besitze des Hauses Württemberg vereinigt. Zehntherr war bisher die Landes-Universität, in deren Namen jedoch neuerer Zeit die Staatsfinanz-Verwaltung die ihr pachtweise überlassenen Zehenten bezog. Den kleinen Zehenten, welcher ehedem der Stadtpfarrei überlassen war, schenkte später Herzog Ulrich dem hiesigen Spital, weßhalb noch gegenwärtig die Pfarrei hiefür eine jährliche Entschädigung aus der Cameralamts-Kasse bezieht. Auch der Heuzehente stand ursprünglich der Stadtpfarrei zu, welcher jedoch Geld-Surrogate hiefür gereicht wurden. In Folge der Gesetze von 1848 und 1849 kommen nun die Zehenten überhaupt zur Ablösung.

Am Saume des Strohgäus auf einem Ausläufer des Engelbergs gelegen, der sich westlich gegen das Glemsthal, südlich und nördlich gegen zwei Seitenthälchen des Glemsthales steil abdacht, ist die Stadt gleichsam auf 3 Seiten von Natur fest und nur von Osten her leicht zugänglich. Ihre ursprüngliche Anlage und Befestigung ist durch diese Terrainverhältnisse bedingt und ihre Erweiterung nur gegen Osten, wo sich auch die erst später entstandene Vorstadt befindet, möglich. Die Lage der Stadt ist frei und den Winden sehr ausgesetzt, welchen nur der im Rücken der Stadt sich erhebende Engelberg von Osten her den Zutritt etwas erschwert; dagegen stoßen sich die West- und Ostwinde, auch die durch das Glemsthal ziehenden Südostwinde an diesen Gebirgsausläufer und unterhalten einen beständigen Zug, der öfters sehr empfindlich und namentlich die Ursache von häufig vorkommenden rheumatischen Krankheiten wird. Übrigens ist die Luft im Allgemeinen zwar scharf aber rein und nicht ungesund; Frühlingsfröste schaden selten, und wirken auch, da die Vegetation um etwa 14 Tage später ist, als z. B. in Stuttgart, weniger nachtheilig; ebenso gehört Hagelschlag zu den Seltenheiten, auch soll Regen weniger fallen als in der Umgegend.

Die Anlage der Stadt ist, wie ein Blick auf den der Oberamtskarte angefügten Plan zeigt, ziemlich unregelmäßig und überdieß meist uneben; die Straßen sind mit Ausnahme der steinbeschlagenen Hauptstraße gepflastert und nicht breit, zum Theil sogar sehr enge und winkelig, dagegen ist der Marktplatz, welcher mehr eine sehr breite Straße bildet, von namhafter Ausdehnung. Außer diesen sind noch folgende Plätze vorhanden: ein freier, mit einigen Bäumen besetzter Raum vor dem Gasthof zum Lamm, der ehemalige Kirchhof um die Kirche, ein Theil des Spitalhofs und der vormalige Schloßhof. Die Stadt zerfällt in die eigentliche oder innere |
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Stadt und in die Vorstadt; erstere ist mit einer Mauer, an der sich Halbrondele befinden, und theilweise noch mit Zwinger umgeben; sie hatte zwei Thore, das obere bei dem ehemaligen Vogts-Gebäude und das untere gegenüber dem Forstamtsgebäude, welche erst im gegenwärtigen Jahrhundert abgebrochen wurden. An dem obern Thor war das hieneben abgebildete, noch aus der Grafenzeit stammende, württ. Wappen in Stein eingemauert, welches nun auf dem Rathhause aufbewahrt wird.

Die Vorstadt, östlich an die eigentliche Stadt sich anlehnend, besteht aus den beiden Hauptstraßen (auf dem Graben), der Eltinger Straße und der Seegasse; sie ist weitläufiger gebaut und die Wohnungen sind hier etwas ansehnlicher als in der innern Stadt, die mit wenigen Ausnahmen aus meist kleinen und alten Gebäuden besteht.

Von öffentlichen, der Stadt gehörigen Gebäuden sind zu nennen:

Die im westlichen Theil der Stadt gelegene, sehr ansehnliche Pfarrkirche; sie ist dreischiffig und gehört, ohne die kleinen an ihr vorgenommenen Veränderungen, offenbar drei Perioden an. Das auffallend hohe Mittelschiff mit ursprünglicher Basilika-Anlage gehört mit seinen theils rundbogigen, theils gedrückten, spitzbogigen, schmalen Fenstern in die Übergangsperiode von dem romanischen in den germanischen Baustyl; die Seitenschiffe mögen aus gleicher Zeit stammen wie das Hauptschiff, nur wurden diese später durch Veränderungen an den Fenstern und durch neu eingebrochene Lichtöffnungen so sehr entstellt, daß ihnen von ihrem früheren Baustyl beinahe gar nichts mehr geblieben ist. Der mit einem halben Achteck schließende im früh germanischen Styl gehaltene Chor mit Strebepfeilern und hohen, schmalen, gothisch gefüllten Fenstern ist sichtlich erst später an das Langhaus angebaut worden. Jünger als der Chor ist endlich | der westliche Theil der Kirche, unter welchem ein spitzbogiger Durchgang (Paradies) mit einem einfachen Kreuzgewölbe angebracht ist; an demselben sind die gothischen (germanischen) Fenster auffallend breiter, als die des Chors. Von diesem sogenannten Paradies führt ein Eingang mit spitzbogigem Frontispice, in welchem eine schön gearbeitete Wandrose mit dem Haupt Johannis angebracht ist, in das Mittelschiff der Kirche. Sowohl in der Vorhalle als an den Langseiten des Schiffs sind Grabdenkmale, meist aus dem 17. und 18. Jahrhundert, aufgestellt, welche zum größten Theil den Familien Besserer und Dreher angehören. Der an der Nordseite stehende 144 Fuß hohe Thurm hat ein vielseitiges Zeltdach und fünf Stockwerke, von denen die drei untersten in der Periode des Mittelschiffs, das vierte in der des westlichen Anbaues und das fünfte mit Umlauf einer noch späteren (Renaissanceperiode) angehören. Von den vier Glocken trägt eine in sehr alten Schriftzügen die vier Evangelisten-Namen und Baptista, auf einer andern steht: Anno dom. 1312, die dritte und zugleich größte ist im Jahr 1740 von Christ. Jacob Rechlin in Stuttgart gegossen worden; die vierte hat weder Zeichen noch Schrift. Im Innern ist die Kirche geräumig, aber durch schlecht bemalte Emporkirchen verdunkelt; auf acht achteckigen, durch Spitzbögen verbundenen Säulen ruhen die Seitenwände des Mittelschiffs, welches noch eine sehr alte hölzerne Flachdecke hat, deren Bemalung, wie die der Kirche und des Chors, durch eine 1817 vorgenommene weiße Tünchung zugedeckt wurde. Der sehr alte Taufstein gehört wohl in die Periode der ursprünglichen Erbauung der Kirche; von seinen acht Seiten sind vier ohne Verzierung, auf den übrigen befinden sich zwei schräge liegende, leere Wappenschilde, ein gerade stehender Schild mit einem Kreuz und eine Rosette.

Die schön und kunstreich in Holz gearbeitete Kanzel steht, da sie im Rococostyl gehalten ist, mit der Bauweise der Kirche nicht im Einklange. Von dem Langhaus führt ein spitzbogiger Triumphbogen in das mit einem einfachen Kreuzgewölbe gedeckte Chor, dessen Schlußsteine in der Richtung von Westen nach Osten folgende Bilder enthalten: 1) eine Rosette mit einem Kopf, 2) das Lamm Gottes (Agnus Dei), 3) den Kopf Johannis des Täufers.

Die Kirche ist aus der Stiftungskasse zu unterhalten.

Die lateinische Schule, in der sich die Wohnungen des Präceptors und Collaborators befinden, liegt in geringer Entfernung nördlich der Kirche; das ziemlich alte Gebäude war ursprünglich ein Nonnenkloster, „der Mutter und den andächtigen Schwestern williger Armuth“, und wurde erst später zur Schule eingerichtet.

Das Schulhaus, oder die deutsche Schule mit Lehrerwohnung, | an der nordwestlichen Ecke der Stadt gelegen, wurde vor etwa 40 Jahren auf der Stelle der zu diesem Zweck abgebrochenen Spitalkirche erbaut, und ist gut erhalten.

Die zunächst bei dem Schulhaus gelegene Kleinkinderschule wurde 1847 neu erbaut und zweckmäßig eingerichtet; in dem obern Stockwerk desselben wohnt der Knabenschullehrer.

Der Spital, den letztgenannten beiden Gebäuden gegenüber gelegen, war ein Franciscaner- oder Barfüßerkloster, das 1552 der Stadt zu dem gegenwärtigen Zweck geschenkt wurde; es ist ein großes Gebäude, an dem noch Überreste des früheren Kreuzganges mit spitzbogigen, gothisch gefüllten Fenstern vorhanden sind.

Das Rathhaus, ein imposantes, dreistockiges, auf dem Marktplatz gelegenes Gebäude, das weit über die Stadt hervorragt und im untern Stock eine auf Rundbogen ruhende Halle hat; es ist sehr alt, wurde aber im Jahr 1824 bedeutend renovirt, so daß es gegenwärtig in gutem baulichen Zustande sich befindet.

Von Gebäuden, welche dem Staat gehören, sind anzuführen:

Das ehemalige Schloß, welches Herzog Christoph mit einem Aufwand von 18.956 fl. beinahe ganz neu erbaute (Pfister, Herzog Christoph 2, 17), ist mit einigen an dasselbe anstoßenden Nebengebäuden an die südwestliche Stadtmauer angebaut und gewährt, von dieser Seite aus gesehen, nicht nur einen großartigen Anblick, sondern trägt besonders auch zu der malerischen Ansicht der Stadt wesentlich bei. Das eigentliche Schloßgebäude, welches gegenwärtig die Amts- und Wohngelasse im ersten Stockwerk für das Oberamtsgericht und in dem zweiten für das Cameralamt enthält, ist massiv in einem einfachen Styl erbaut und mag im Laufe der Zeit durch Veränderungen manches von seiner früheren Bauweise verloren haben; an der Vorderseite ist ein Erker mit Wappen angebracht. An die Südostseite des Schlosses ist der ehemalige, gegenwärtig zu Stallungen und Remisen benützte, Marstall angebaut und an die nordwestliche Seite stößt der Fruchtkasten. An der Nordseite des früheren Marstalls steht die herrschaftliche Kelter, und gegenüber dem Schloß die ehemalige Schloßwächters-, gegenwärtig Cameralamtsdienerswohnung; an dieses Gebäude anstoßend und mit demselben einen stumpfen Winkel bildend, steht die Hausschneiderei, gegenwärtig zur Wohnung des Oberamtsgerichtsdieners und zu Gefängnissen eingerichtet. An letzteres Gebäude stößt mit einer Ecke die ehemalige, jetzt als Fruchtkasten benützte Kellerei. Sämmtliche Gebäude gehörten früher zum Schloß und schließen in Gemeinschaft mit demselben und mit einem Theil der Stadtmauer einen namhaften Hofraum, den ehemaligen Schloßhof, ein.

Die Oberamtei, in welcher sich früher die geistliche Verwaltung | befand, ist ein zwar altes, aber gut erhaltenes Gebäude, das mit seiner Rückseite auf der südlichen Stadtmauer steht und von dieser Seite aus eine angenehme Aussicht in das Freie gewährt.

Das Forsthaus mit namhaften Nebengebäuden steht an der Ecke zweier Hauptstraßen in der Vorstadt; Herzog Ludwig erkaufte es von Christoph Mangen und Herzog Johann Friedrich ließ es 1612 zu einem Forsthaus einrichten.

Das am nordwestlichen Ende der Stadt gelegene Dekanathaus ist ein schönes, wohlerhaltenes Gebäude mit Garten und Hof, und wird Namens der Universität Tübingen vom Staat erhalten.

Das unfern der Kirche in der Pfarrgasse stehende Diaconathaus wurde von dem in dem Keppler’schen Proceß vorkommenden Untervogt Einhorn, dessen Wappen mit der Umschrift „Lutherus Einhorn 1626“ über dem Eingang angebracht ist, erbaut und in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts vom Kirchenrath erkauft und wird jetzt vom Staat erhalten. Dieses Gebäude ist die Wiege dreier in divergirender Richtung sehr ausgezeichneter Denker: Paulus, Schelling und Hochstetter, deren Väter als hiesige Diacone sich unmittelbar folgten (s. unten).

Noch ist der ehemaligen Vogtswohnung zu erwähnen. Das Kloster Bebenhausen kaufte 1440 das Steinhaus beim obern Thor, hinten an die Stadtmauer stoßend, nebst dem anstoßenden Haus von Württemberg für 800 Pfund, verkaufte es wieder 1512 an Wilhelm von Sperberseck, dessen Wittwe 1529 an Hans Krauß, und dieser 1539 für 600 fl. an Herzog Ulrich von Württemberg, der es zur Vogtswohnung machte (Sattler, Topogr. 126-127). Das alterthümliche, mit Strebepfeilern versehene Gebäude, das nun wieder in Privathände übergegangen ist, überragt nicht nur wegen seiner erhöhten Lage, sondern auch wegen seiner Großartigkeit die ganze Stadt und scheint ursprünglich mehr zur Vertheidigung gedient zu haben.

Der Begräbnißplatz befindet sich am östlichen Ende der Stadt; er ist mit einer Mauer umfriedigt und wurde 1841 bedeutend erweitert.

Mit gutem Trinkwasser, welches 6 laufende und 3 Pumpbrunnen spenden, ist die Stadt hinreichend versehen; die laufenden sind folgende: 1) der Marktbrunnen mit dem steinernen lebensgroßen Standbild des Herzogs Christoph, auf dessen Schild das württembergische Wappen und die Jahrszahl 1566 angebracht ist; seine vier Röhren erhalten ihr Wasser aus einer am Engelberg gefaßten Quelle; 2) der Brunnen am Lamm, der ebenfalls von der Quelle am Engelberg gespeist wird; 3) der Schloßbrunnen hat seine Quelle 3/4 Stunden westlich der Stadt auf Eltinger Markung und wird durch eine namhafte Leitung quer über das Glemsthal bis zur Anhöhe, auf der die Stadt liegt, geführt; | 4) der Vogtsbrunnen, dessen Quelle nordöstlich der Stadt sich befindet und 700 Fuß lang theils durch Gewölbe, theils durch in Felsen gehauene Gänge geleitet wird; 5) der Spitalbrunnen und 6) der Brunnen beim Dekanathaus.

Ein See besteht am Ende der Vorstadt, und am Fuß des Hügels, auf welchem die Stadt liegt, fließt die muntere Glems vorüber.

Am südlichen Ende der Stadt bestand früher ein Badhaus mit eigener Quelle; in neuerer Zeit ist im östlichen Stadttheil ein von den Einwohnern häufig besuchtes Bad eingerichtet worden, dessen Wasser hinter dem Badhaus mittelst eines Pumpbrunnens gewonnen wird.

Im Glemsthale zunächst der Stadt befinden sich mehrere Muschelkalksteinbrüche, welche Straßenmaterial liefern, und am Engelberg werden Keuperwerksteine abgebaut, die in der ganzen Umgegend gesucht sind.

Die Einwohner sind im Allgemeinen fleißig, sparsam und haben viel religiösen Sinn, der nicht selten in Pietismus übergeht. Im Allgemeinen sind die Vermögensumstände der Einwohner mittelmäßig, zum Theil sogar dürftig; die Mittel des Erwerbs bestehen in Feldbau mit Viehzucht und in einem nicht unbeträchtlichen Gewerbebetrieb.

Was die Bevölkerungs-Verhältnisse betrifft, so zählte die Stadtgemeinde am 3. Dezember 1848 2445 Angehörige, und zwar 1196 männliche, 1249 weibliche. Im Jahr 1846 (3. Dez.) hatte sie deren 2379, und zwar 1160 männliche, 1219 weibliche, welche mit Ausnahme von 9 Katholiken und 1 von besonderem christlichem Bekenntniß sämmtlich der evangelisch-lutherischen Kirche angehören.

Am 1. November 1832 war die Zahl der Angehörigen 2033 (982 männliche, 1051 weibliche); davon waren damals ortsabwesend 323, Fremde anwesend 212; die ortsanwesende Bevölkerung belief sich also auf 1922.

Am 3. Dez. 1846 betrug die ortsanwesende Bevölkerung 2306.

Die Zahl der Ehen war 1832 - 366; 1846 - 401
0"e Z"hl d"r Wittwer 1832 - 38; 1846 - 46
0"e Z"hl d"r Wittwen 1832 - 62; 1846 - 58
0"e Z"hl d"r Geschiedenen       1832 - 2; 1846 - 5.

Familien waren vorhanden 1846 535. Auf 1 Familie kamen daher 1846 4,4, auf 1 Ehe 5,9 Angehörige.

Im Durchschnitt der zehn Jahre von 1836-46 war die Zahl der jährlichen Geburten 98,0; darunter uneheliche 9,9. Es kommen hienach auf 1000 Einwohner 44,0 Geburten (oder auf 23 Einwohner 1 Geburt); unter 100 Geburten waren 10,1 unehelich, oder die unehelichen Geburten verhalten sich zu den ehelichen wie 1:10. Dieses Verhältniß | ist zwar günstiger als das vom ganzen Lande, aber nicht so günstig, als das des Oberamts (s. o. S. 25.).

Gestorben sind nach dem erwähnten Durchschnitt jährlich 72,3 (33,9 männliche, 38,4 weibliche); es kommen also auf 1000 Einwohner 32,5 Sterbefälle (oder 1 Gestorbener auf 31 Lebende), und zwar auf 1000 Menschen männlichen Geschlechts 31, auf 1000 weiblichen Geschlechts 34 Sterbfälle.

Auf 100 Gestorbene fallen 135,5 Geborene. Der natürliche Zuwachs zur Volkszahl betrug von 1836-46 257 Seelen (168 männliche, 89 weibliche); der Zuwachs durch Wanderung belief sich auf 34 (14 männliche weniger, 48 weibliche mehr); der Zuwachs überhaupt auf 291 (154 männliche, 137 weibliche).

Über sechzigjährige waren vorhanden am 3. Dez. 1846 182 (96 männliche, 86 weibliche). Auf 1000 Einwohner kommen also Leute dieser Altersklasse 76,5, während im Oberamt 73,3, im ganzen Lande 75,7 auf 1000 kommen.

Ehe wir zu den berühmten Männern, welche Leonberg hervorbrachte, übergehen, erwähnen wir aus dem 17. Jahrhundert ein in Leonberg wohnhaftes Mädchen, welches durch ein psychisch-religiöses Wunder, das an ihr geschah, merkwürdig geworden ist. Es war im Jahr 1644 am 13. Sonntag nach Trinitatis (15. September), als – nach einer in Gegenwart des Herzogs Eberhard III. gehaltenen Predigt über den barmherzigen Samariter - Katharina, aus Ohmden O. A. Kirchheim gebürtig, uneheliches Kind der Maria, Wittwe Hans Hummels, ein 26jähriges Mädchen,[2] deren Füße schon 9 Jahre lang zusammengebogen waren und welche daher an Krücken ging, plötzlich eine aufrechte Gestalt erhielt, die Krücke wegstellte und unter Lob Gottes von dem Special in die Mitte der Kirche geführt wurde. Auf des Herzogs Befehl wurde deßhalb am 22. September 1644 eine Dankpredigt gehalten. (Bengel in Gnomon zu Marc. 16, 17. Paulus Sophronizon Bd. 4, Heft 2, S. 30-45.)

Leonberg ist die Vaterstadt folgender ausgezeichneter Männer: Heinrich Eberhard Gottlob Paulus, Sohn des hiesigen Diakonus, geboren den 1. September 1761, gleich berühmt als Orientalist, Philosoph und rationalistischer Theologe, wie als Publicist; ein ausgezeichneter Lehrer und von umfassender schriftstellerischer Thätigkeit in den verschiedensten | Fächern; 1789 Professor der orientalischen Sprachen in Jena, 1794 der Theologie ebendaselbst, 1803 Professor der Theologie in Würzburg, 1807 Landesdirektionsrath in Kirchen- und Schulsachen in Bamberg, 1809 Kreis-Kirchen- und Schulrath in Nürnberg, 1810 deßgleichen in Ansbach, 1811 bis 1844 Professor der Exegese und Kirchengeschichte mit dem Titel eines Geheimen Kirchenraths in Heidelberg, wo er zuletzt im Ruhestand lebte und am 10. August 1851 beinahe 90jährig verschied.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der geniale Schöpfer des nach ihm genannten philosophischen Systems, Sohn des hiesigen Diakonus, geboren den 27. Januar 1775, 1798 außerordentlicher Professor der Philosophie in Jena, 1803 ordentlicher Professor der Philosophie in Würzburg, 1806 Mitglied der Academie der Wissenschaften zu München, 1808 Direktor und Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste daselbst, 1820 Professor der Philosophie in Erlangen, 1826 deßgleichen in München, 1827 Vorstand der königl. bayerischen Akademie der Wissenschaften und General-Conservator der wissenschaftlichen Sammlungen des Staats, 1830 mit dem Titel eines wirklichen Geheimen-Raths, 1842 Professor der Philosophie in Berlin mit dem Rang eines Geheimen Ober-Regierungs-Raths.

Karl Wilhelm Hochstetter, Sohn des hiesigen Diakonus, geboren den 31. Dezember (nicht 1. Januar) 1781, in den Seminarien gebildet und gleich den zwei Voranstehenden Stiftsprimus, später in Tübingen als einer der geistreichsten Schüler Kielmeyer’s, hernach in Göttingen und Bern der Naturwissenschaft und der Medizin beflissen. Er starb, zum großen Verlust für die Naturwissenschaften, allgemein bedauert erst dreißigjährig im Jahr 1811 als Professor in Bern, in der Nähe dieser Stadt, auf der Heimkehr von einer wissenschaftlichen Reise an’s adriatische Meer. (Siehe über ihn: Süddeutsche Miscellen für Leben, Literatur und Kunst 1812, Nr. 45-47.)

Die den Ort zunächst umgebende Markung der Stadt gehört zu den kleinsten in dem Oberamtsbezirk; sie dehnt sich hauptsächlich nur gegen Osten, Nordosten und Norden aus, während die südliche Grenze so nahe an die Stadt tritt, daß sogar noch einzelne Häuser von Leonberg auf Eltinger Markung liegen; ebenso die westliche Grenze, welche nur einige 100 Schritte von der Stadt im Glems-Thale hinzieht. Außerdem besitzt aber die Stadt jenseits der Eltinger Markung, südlich an die Grenzen der Oberämter Böblingen und Stuttgart, sowie an einen Stuttgarter Stadtwald anstoßend, noch einen in Wald bestehenden isolirten Markungstheil, welcher dem Umfange der Stadtmarkung beinahe gleichkommt. (Eigentliche Stadtmarkung 1110 Morgen, isolirte Markung 989 Morgen.)

Leonberg scheint ursprünglich eine andere Bestimmung, als die einer bürgerlichen Niederlassung gehabt zu haben, da es erst, nachdem | das früher nordöstlich der Stadt gelegene Dulcheshausen abgegangen war, durch Zuziehung der Feldgüter desselben, eine selbstständige Markung erhielt, welche jedoch immer noch nicht zureichte, um die Bedürfnisse der Einwohner zu befriedigen, daher diese genöthigt waren, Güter auf den Markungen Eltingen, Höfingen und Gerlingen anzukaufen. Die Lage der Markung ist mit Ausnahme des Engelbergs, der Gehänge des Glems-Thales und dessen Seitenthälchen meist eben. Der im Allgemeinen fruchtbare Boden besteht im nördlichen und nordöstlichen Theil aus einem ziemlich tiefgründigen, sehr ergiebigen Diluviallehm, im östlichen aber, welchen der Engelberg bildet, ist derselbe thonig, mergelig und auf dem Bergrücken selbst ein etwas magerer, düngerbedürftiger Sandboden, der meist aus einer Verwitterung des grobkörnigen Keupersandsteins entstanden ist, und entweder den Sandstein selbst, oder Thon (Letten) zur Unterlage hat.

Die steilen Thalgehänge sind meist unergiebige Muschelkalkwände, die nicht selten aller Kultur entbehren und nur magere Weide produciren. In der Thalebene selbst lagert ein dem Wiesenbau zuträglicher Alluvialboden.

Die Landwirthschaft ist in gutem Zustande; zweckmäßige Neuerungen, wie die Einführung des Brabanterpflugs, die Anlage vortheilhafter Düngerstätten, die Abschaffung des Doppeljochs u. s. w. haben längst Eingang gefunden. Zur Besserung des Bodens bedient man sich außer dem gewöhnlichen Stalldünger, insbesondere der Jauche, des Pferchs und des Compostes; beim Kleebau wird zuweilen Gyps angewendet.

Im System der Dreifelderwirthschaft werden besonders viel Dinkel und Hafer, ferner Einkorn, Weizen, Gerste, Ackerbohnen, Erbsen und Linsen gebaut; in der beinahe ganz zur Anblum kommenden Brache zieht man Kartoffeln, Angersen, besonders viel Futterkräuter, etwas Hanf, Mohn und nur wenig Reps. Buchbinder Wild von Leonberg baut Coriander, Anis u. s. w. Auf den Morgen rechnet man Aussaat: 6 Sri. Dinkel, 4 Sri. Hafer, 21/2 Sri. Weizen, 4 Sri. Einkorn, 21/2 bis 3 Sri. Gerste, und der durchschnittliche Ertrag wird zu 8-9 Scheffel Dinkel, 5-6 Scheffel Hafer, 3 Scheffel Weizen, 8 Scheffel Einkorn und 5 Scheffel Gerste per Morgen angegeben. Dinkel, Hafer und Gerste kommt viel nach Außen zum Verkauf.

Die geringsten Preise für den Morgen Acker sind 180 fl., die mittleren 350 fl. und die höchsten 450 fl.

Der Gartenbau beschränkt sich, mit wenigen Ausnahmen, auf den nöthigen Gemüsebau.

Die Wiesen, welche zweimädig, zuweilen sogar dreimädig sind, liefern durchschnittlich 25 Ctr. Heu und 12 Ctr. Öhmd per Morgen; die Preise | derselben bewegen sich zwischen 300 und 400 fl. per Morgen. Futter wird viel nach Außen verkauft.

Was den Weinbau betrifft, so wird dieser auf der Markung nur in einer Ausdehnung von 30–40 Morgen betrieben, dagegen besitzen die Bürger von Leonberg noch ziemlich viel Weinberge auf Eltinger und Gerlinger Markung; man baut hauptsächlich Silvaner, Trollinger, Elbling, Gutedel etc., die einen sogenannten Schiller geben, welcher zu den geringen, übrigens haltbaren Weinen gezählt wird. Die Reben werden nicht bezogen. Das Erzeugniß, welches meist im Ort bleibt, wurde 1846 mit 50-60 fl., 1849 mit 15-16 fl. und 1850 mit 12-13 fl. per Eimer bezahlt. Als Nebennutzungen zieht man in den Weinbergen Welschkorn, Bohnen, junge Obstbäume u. s. w. Ein Morgen Weinberg kostet 200 bis 300 fl.

Die Obstzucht, hauptsächlich von Mostsorten, als: Knausbirnen, Palmischbirnen, Luiken etc., ist, obgleich das Obst nicht besonders gut gedeiht, doch sehr ausgedehnt; von Steinobst werden etwas Zwetschgen gezogen. Eine Privatbaumschule ist vorhanden, übrigens werden die meisten Jungstämme von Außen bezogen.

Die Stadt besitzt auf verschiedenen Markungen etwa 1400 Morgen Waldungen, die meist mit Laubhölzern theils gut, theils mittelmäßig bestockt sind, und außer diesen noch etwa 100 Morgen mit Nadelholz bewachsene Weiden. Der Spital ist im Besitz von 78 Morgen gemischter Waldungen. Der jährliche Ertrag aus den Gemeindewaldungen beträgt 180 Klafter und 15.000 Stück Wellen; hievon erhält jeder Bürger jährlich 1/4 Klafter und 25 Stück Wellen, der Rest wird verkauft und der Erlös dermalen meistens zu Kulturen, zunächst aber zur Bewirthschaftung der Waldungen verwendet. Der jährliche Ertrag aus den Spitalwaldungen, in 12-15 Klaftern und 3-4000 Stück Wellen bestehend, wird verkauft und der Erlös fließt in die Kasse der Stiftungspflege. Die Waldungen sind auswärtigen Holzexcedenten sehr ausgesetzt und befinden sich daher nicht in dem besten Zustande.

Auf der Markung liegen ungefähr 15 Morgen Weiden, welche mit der Stoppel- und Brachweide und mit einem Weidedistrikt auf Eltinger Markung dermalen um jährliche 500 fl. verpachtet sind.

Die Rindviehzucht, welche sich hauptsächlich mit einer stark gebauten, rothen Landrace beschäftigt, ist in einem blühenden Zustande und wird durch fünf, theils Land- theils Simmenthaler Farren, zu deren Haltung der Spital verpflichtet ist, immer noch verbessert. Der Handel mit Vieh ist unbedeutend.

Die Schafzucht ist von geringer Bedeutung; nur einzelne Bürger lassen einige 100 Stück Bastarde mit der Heerde des Pachtschäfers auf | der Weide laufen. Die Winterung geschieht im Ort und die Wolle kommt theils nach Kirchheim zu Markt, theils wird sie in der Stadt selbst abgesetzt. Die Pferchnutzung trägt der Gemeinde jährlich etwa 350-400 fl. ein.

Die Schweinezucht beschränkt sich auf 6–8 Mutterschweine und einen Eber, zu dessen Haltung der Spital verpflichtet ist; sonst werden noch viele Ferkel von außen aufgekauft und gemästet.

Ziegen halten Unbemittelte und die Zucht der Bienen ist ganz unbedeutend.

Zu den Gewerben der Stadt gehören, wie schon im allgemeinen Theil erwähnt worden, einige fabrikmäßig betriebene Geschäfte, namentlich: die Baumwollenzeugfabrik von Josenhans und Weck, welche namhafte Geschäfte in das In- und Ausland macht; die Baumwolleweberei von Gebrüder Schuster, welche ihre Fabrikate im Ort und auf Märkten absetzt; die Strumpfstrickerei wird von Vöhringer in’s Große betrieben. Von den Professionisten sind die Gerber am zahlreichsten vertreten, andere dienen meist nur den örtlichen Bedürfnissen, mit Ausnahme einiger Zimmerleute, Maurer, Schuster und Schneider, welche theils in, theils nach Stuttgart arbeiten.

An Getränkfabriken sind 4 Bierbrauereien und mehrere Branntweinbrennereien vorhanden; ferner bestehen 7 Schildwirthschaften, ein Kaffeehaus mit Billard, 2 Apotheken, 2 Mühlen (s. unten) und eine Ziegelhütte.

Der Handel besteht hauptsächlich in dem Verkaufe der oben angeführten Fabrikate; außer diesen sind noch 9 Kaufleute, worunter zwei zugleich Conditorei treiben, in der Stadt angesessen.

Die Stadt hat das Recht, jährlich 4 Krämer- und Viehmärkte, 3 weitere Vieh- und Schweinemärkte, einen Pferdemarkt und jeden Mittwoch und Samstag einen Wochenmarkt abzuhalten; der früher viel besuchte Pferdemarkt hat seit der Errichtung des Pferdemarkts in Stuttgart bedeutend abgenommen.

Die Durchfuhr ist wegen der von den Verkehrs-Routen ziemlich abgeschiedenen Lage der Stadt nicht bedeutend.

Neben der vorher bestandenen Briefpost ist seit 1847 ein Poststall hier errichtet worden (s. oben). Überdieß fahren ein Omnibus wie auch 2 Boten in der Woche dreimal nach Stuttgart und ein weiterer Bote 2–3mal nach Ludwigsburg; auch gehen an den Wochentagen Dienstag, Donnerstag und Freitag 2 laufende Boten nach Stuttgart. Frachtwagen, einer zwischen Stuttgart und Karlsruhe, ein anderer zwischen Heilbronn und Calw fahren einmal in der Woche.

Die Poststraße von Stuttgart über Weil d. St. nach Calw führt | durch die Stadt; Vicinalstraßen gehen über die Solitude nach Stuttgart, nach Gerlingen, nach Höfingen und nach Rutesheim.

Der Gemeindehaushalt ist geordnet; über das Vermögen der Gemeinde, wie über das der Stiftungspflege, welche aus der Spital-, Heiligen- und Armenkastenpflege zusammengesetzt ist, s. Tabelle III. Die jährliche Gemeindeschadensumlage beträgt etwa 1600 fl., einschließlich des hienach zu erwähnenden Deficits der Stiftungspflege. (s. Tab. III.)

Die Stiftungspflege hat als Fonds 15.524 fl. Activ-Capitalien und ein Capital von 18.212 fl. in Gülten, Zehenten; diese im 20fachen Betrage berechnet, und besitzt an Grundeigenthum 64 Morgen Äcker, Wiesen, Gärten, und 78 Morgen Laubwaldungen. (s. oben.)

Diese Verwaltung umfaßt die frühere Hospital-, Armenkasten- und Siechenpflege und hat die Verpflichtung, die Kirche, Schulen und die Armen zu unterhalten, wozu jedoch gegenwärtig die jährlichen ordentlichen Einnahmen nicht mehr zureichen, so daß die Stadtkasse im Durchschnitt jährlich 500 fl. zuschießen muß.

Als besondere Stiftungen sind zu erwähnen:

1. Die Heck’sche Stiftung vom Jahr 1530.

Stifter Albrecht Heck, Prediger zu Marbach, neben welchem noch verschiedene Personen Legate vermacht haben.

Der Fonds belauft sich auf 10.160 fl. Capital und 576 fl. Gefälle, in 20fachem Betrag capitalisirt.

Aus dem Ertrag werden Kleider, Brod und Schmalz jährlich an die Armen ausgetheilt, auch Armen sonstige Unterstützungen gereicht. Sodann sollte an 6 studirende Bürgerssöhne ein Stipendium von 86 fl. verabfolgt werden, und zwar den durch die Kloster-Seminare laufenden immer neun Jahre, den übrigen Studirenden aber immer vier Jahre je 21 fl. 30 kr.

2. Nast’sche Familien-Stiftung.

Expeditionsrath und Kloster-Verwalter Johann Conrad Nast zu Maulbronn hat 500 fl. unterm 22. October 1793 gestiftet, deren Ertrag Studirenden seiner Descendenten als Stipendium zu beziehen haben. Falls aber das Stipendium mit Studirenden nicht besetzt ist, solle vom Zins, so weit er reicht, jedes der dem Stifter am nächsten verwandten Mädchen seiner Descendenten zur Hochzeit 5 Dukaten an Gold erhalten; weiter solle jährlich vor der Ernte der Zins aus 150 fl. an die Armen in Brod ausgetheilt werden. Der Fundus beträgt gegenwärtig 2066 fl.


3. Die Ulrich’sche Stiftung.

Diese Stiftung hat keinen Capital-Fonds.

| Herzog Ulrich bestimmte nach des Hospitals Bestätigungsbrief, d. d. ult. Mai 1541:

„Insonderheit sollen Sie (die von Leonberg) und ihre Nachkommen hinfürter zu ewigen Zeiten uff unserer Universität Tübingen sammt der Amtsflecken bemeldeten Amts Leonberg allwegen zween Stipendiaten, so nit eigens Vermögens mit dem studiren fürzufahren, sondern allein armer frommer Leut Kinder in der Stadt oder dem Amte gebohren, und eines christlichen, gottesfürchtigen und fleißigen Wesens und Anfangs, und zu studiren geschikt seyn, unterhalten und uff deren Jeder, Jährlich 25 fl. verwendet werden sollen."

Diese 50 fl. werden, so wie weitere 10 fl. für den Präceptor und 5 fl. für den Collaborator von der Stadt und der Gemeindekasse des früheren Leonberger Amts an Martini jährlich eingezogen und ausbezahlt.

Das Wappen der Stadt ist ein aufrecht stehender, doppeltgeschwänzter schwarzer Löwe von der linken Seite im goldenen Feld.

Kirchliche Anstalten. An der Kirche sind angestellt: ein Stadtpfarrer, zugleich Dekan der Diöcese Leonberg und der Diacon. Das Nominationsrecht für die Stadtpfarrei hat die Universität Tübingen, – das für das Diaconat der Staat.

Was die Schulen und sonstigen Anstalten betrifft, so bestehen: 1) eine lateinische Lehranstalt, an der ein Präceptor und ein Collaborator unterrichten; 2) eine deutsche Schule mit 2 Lehrern und 3 Unterlehrern; 3) eine 1816 gegründete Industrieschule und 4) eine Kleinkinderschule, welche 1847 errichtet wurde, sowie 5) ein Musikverein.

Als Wohlthätigkeits-Anstalt besteht der Hospital, aus dessen Fonds nicht nur den Ortsarmen Unterstützung gereicht wird, sondern welcher auch Einzelne in Wohnung und Verköstigung aufnimmt. Ein Privatwohlthätigkeits-Verein, der nicht nur Unbemittelte, sondern auch durchreisende Handwerksbursche unterstützt, besteht durch freiwillige monatliche Beiträge. Sodann sind eine Leihkasse für den Oberamtsbezirk, und eine Viehleihkasse vorhanden. –

Als einzelne auf der Stadt-Markung gelegene Wohnsitze sind zu nennen:

a) Die Gäßlens-Mühle mit 2 Mahlgängen und einem Gerbgang, liegt ganz in der Nähe der Stadt an der Glems.

b) Die Fleisch-Mühle mit 3 Mahlgängen und einem Gerbgang, ebenfalls an der Glems 3/4 Stunden nordöstlich von der Stadt gelegen, gehört nur politisch nach Leonberg, kirchlich aber nach Ditzingen.

| Über einige theils an der Stadt vorbei, theils auf dieselbe zuführende Römerstraßen, sowie über aufgefundene römische Alterthümer, siehe den allgemeinen Theil. Dieses Zusammentreffen mehrerer Römerstraßen an der Stelle des gegenwärtigen Leonbergs spricht dafür, daß die Römer hier einen Wohnplatz, oder, was wahrscheinlicher ist, ein Castrum angelegt hatten, wofür die Lage des Punkts ganz geeignet war.

Östlich der Stadt erhebt sich der Engelberg (ursprünglich Endelberg), eine dominirende Bergspitze, von der man eine ausgedehnte, überaus anziehende Aussicht genießt; auf ihr steht ein alter Wartthurm (ein schlankes, rundes Thürmchen). Am westlichen Abhange des Engelbergs wird ein kleiner Bergvorsprung „die Burghalde"[3] genannt, und ein dahin führender Weg (Burggasse) zeigt noch Spuren von ehemaligem Pflaster. An dieser Stelle hat in neuester Zeit Herr Dekan Haug von Leonberg ein thönernes Bild, die Minerva oder Diana vorstellend (vom Kopf bis zu den Knieen 4″ hoch) gefunden.

Etwa 1/2 Stunde nordöstlich von Leonberg stand in der Nähe der Tilghäuslens-Mühle der längst abgegangene Ort Dulcheshausen (siehe unten); auf der Anhöhe südlich der Mühle befindet sich noch ein Schutthaufen, der letzte Rest einer zu Dulcheshausen gehörigen Kapelle, von der noch vor etwa 60 Jahren eine Giebelseite und einiges Gemäuer sichtbar war.

Östlich der Stadt, unfern der Vicinalstraße nach Stuttgart, steht ein gut gearbeiter Bildstock vom Jahr 1514.

Was die ältere Geschichte von Leonberg betrifft, so verdankt der Ort, eine ursprünglich unbedeutende Ansiedlung, seine i. J. 1248 erfolgte Erhebung zur Stadt, mit welcher eine Ummauerung und Aufrichtung neuer Gebäude verbunden war, dem Grafen Ulrich von Württemberg.[4]

Über die Erbauung des frühesten hiesigen Schlosses sind keine Nachrichten vorhanden. Am 1. September 1480 starb allda Graf Ulrich von Württemberg, der Vielgeliebte, plötzlich auf der Hirschjagd erkrankt. Seit das jetzige Schloß durch Herzog Christoph erbaut war, bekam der Ort, zumal als Wittwensitz, erweiterte Bedeutung für das fürstliche Haus. Im Jahr 1608 erhielt die Wittwe des Herzogs Friedrich, Sibylle von Anhalt, | das Schloß zum Wittwensitze und bezog es sogleich; darauf kaufte im Jahr 1609 ihr Sohn Herzog Johann Friedrich für sie von der Stadt und etlichen Bürgern den Stadtgraben am Schloß und einige Gärten und machte daraus einen Lustgarten. Diese Herzogin Wittwe starb bereits am 16. November 1614 eben im hiesigen Schlosse.[5] Nach dem westphälischen Frieden wurde letzteres der Wittwe des Herzogs Administrators Julius Friedrich, Anna Sabina, Prinzessin von Holstein-Sonderburg, zum Wittwensitz angewiesen, auf dem sie bis zu ihrem Lebensende, den 18. Juli 1659, wohnte.

In den Zeiten des 30jährigen Kriegs, den 13. März 1635, kam in demselben Schlosse der Übergabs-Accord der belagerten Reichsstadt Augsburg zwischen dem kaiserlichen (General-Lieutenant Grafen Gallas etc.) und dem bayerischen Bevollmächtigten einer - und den Deputirten der Stadt Augsburg und der schwedischen Commandantschaft anderer Seits zu Stande. Dieser sogenannte Leonbergische Accord war für Augsburg die Quelle unzähliger Leiden und Bedrückungen.

In der württembergischen Verfassungsgeschichte ist Leonberg bekannt durch den Landtag, welcher hier Ende 1457 aus Veranlassung des württembergischen Vormundschaftsstreits zwischen Graf Ulrich dem Vielgeliebten und dem Pfalzgrafen Friedrich gehalten wurde; dieser Landtag gilt als das erste sichere Lebenszeichen von einer Landstandschaft der Städte in Württemberg. S. Reyscher’s Sammlung I., 90, vergl. Memminger’s Beschreibung von Württemberg 1841. S. 64.

Bei dem Wanderleben der deutschen Kaiser des Mittelalters diente Leonberg auch einigen deutschen Kaisern, wie dem K. Karl IV. den 9. December 1347 (Urk. K. Karls IV. für Kl. Königsbronn, Orig. in Carlsruhe) und dem K. Friedrich III. den 26. Juni 1473 zu vorübergehendem Aufenthalte.

Am 28. October 1498 traf die Stadt ein großes Brandunglück; 46 Häuser sanken in Asche.

Die hiesige Kirche war ursprünglich eine Kapelle, Filial der Kirche von Dulcheshausen (s. u.). Mit dieser gelangte sie an das Stift Sindelfingen (welchem Graf Ulrich von Württemberg den 1. Juni 1331 und Graf Eberhard wiederholt den 5. Juni 1471 die hiesige Kirche freiten) und mit genanntem Stifte im Jahr 1477 an die Universität Tübingen | bald nach deren Stiftung. Vor dieser Übergabe an Tübingen bestand eine Pfarrstelle und 5 Pfründen (plebania in Lewenberg quinque beneficia ibidem Würdtw. subs. 10, 342); in den Jahren 1480 und 1489 wurde die Frühmesse und statt derselben hernach die Nicolai-Pfründe der Pfarrei einverleibt, damit der Pfarrer Muße gewänne, auch seine öffentlichen Vorträge zu studiren (Cleß C., 466-7).

Außer einem Beguinenhaus bestand in der Stadt ein erst 1467 von dem nahen Beisheim hieher verlegtes Franciscanerkloster (s. u. bei Höfingen), dessen Räume nach seiner Aufhebung in den Jahren 1540-1551 den von Pfullingen vertriebenen Clarissinnen vorübergehend zum Aufenthalt dienten und hernach zum Spital verwendet wurden (s. oben).

Eine Kloster Adelberger Urkunde vom Jahr 1273, ohne Tag, nennt einen frater Wernherus commendator domus hospitalis in Lewenberg, und ähnlich zwei Kloster Salemer Urkunden vom 28. Februar und 6. Juli 1273, frater Wernherus commendator in Lewenberc.

Ein vielleicht mit diesem nicht im Zusammenhang stehendes Spital kaufte im Jahr 1477 von Kl. Hirschau den Niblungshof in Gebersheim (s. Gebersheim). Mit Erlaubniß Graf Eberhard’s im Bart wurde es 1480 erweitert und durch denselben Grafen den 3. October 1485 mit den Freiheiten des Uracher Spitals versehen. Herzog Christoph schenkte ihm 1552 das Franciscaner-Kloster und ließ solches für ihn einrichten.

Nördlich von Leonberg an der Glems lag der abgegangene Ort Dulcheshausen, dessen Name in der Tilgshäuslens-Mühle (s. Höfingen) sich erhalten hat. Um’s Jahr 1100 beschenkte Goswin von „Tullinshusen“ das Kloster Hirschau mit all seinen Besitzungen zu Wahlheim (cod. Hirs. ed. Stuttg. S. 35); noch am 16. November 1255 erscheint als Zeuge F. de Dulcheshousen, Sindelfinger Stiftsherr (Urk. bei Haug zur Sindelfinger Chronik S. 29). Am 7. Januar 1110 wurde die hiesige Kapelle (Capella Tulheshusen) von Bischof Gebhard von Constanz in die Ehre des heil. Erzengels Michael eingeweiht (Sindelf. Chronik). Heinrich von Hailfingen, seit 1275 Probst in Sindelfingen, schenkte seinem Stift das Patronatrecht über die Kirche Dulcheshausen und deren Tochter-Kapelle in Leonberg (ecclesia Dulcheshusen matrix ecclesia et capella in Lauwenberg que dictae matrici ecclesiae subjacet) mit allen Zehnten und sonstigen Besitzungen, wozu 1277, Juli 27, der Bischof von Speyer und 1309, April 27, Pabst Clemens V. ihre Bestätigung ertheilten.



  1. Noch früher Lewinberch. Der Name stammt wohl eher von Lewer, Hügel (Schmeller Wört. 2, 528), als von Löwe; von letzterer Ableitung wurde indeß schon ausgegangen, als das Stadtwappen angenommen wurde. Ein Lagerbuch von 1533 und ein Statutenbuch von 1582 befinden sich in der Ortsregistratur.
  2. „Deren beide Schenkel heftig geschwollen, zuletzt also verdorben und bei den Kniescheiben zusammengewachsen, daß sie in dem Fortgehen sich der Hände bedienen, auf zwei niedern Krücklein, so sie in beeden Händen gehabt, einherkriechen und die zusammengekrümmte Füß hat hernachschleppen müßen,“ heißt es in dem amtlichen Bericht.
  3. In dem Eßlinger Spitalbuch wurden schon 1304 Weingärten in der Burghalden bei Lewenberg erwähnt.
  4. 1248. civitas Levinberck fundata fuit: inchoata novis aedificiis et muro a comite de Wirtenberch. Chron. Sind.
  5. Von ihr rührten die zwei großen Dockenkästen mit den schön angekleideten lebensgroßen Puppen her, welche erst im Jahr 1828 durch neuere Baueinrichtungen, die in dem Schlosse vorgenommen wurden, weggeräumt worden sind. Sie wurden vor Zeiten oftmals erwähnt, zum Theil deßhalb, weil muthwillige Leute an dieselben die Namen alter Jungfrauen anschrieben.
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