Beschreibung des Oberamts Leutkirch/Wurzach

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a. Gemeinde 23. Wurzach,

bestehend aus der Stadt und 3 Parzellen auf Einer Markung, mit 1098 Einwohnern.

Wurzach, Stadt an der Ach, 4 geom. Stunden nordwestlich von Leutkirch und 37½ (über Waldsee) von Stuttgart, unter 47° 54' 34" nördlicher Breite und 27° 33'| 36,5" östlicher Länge (das Schloßthürmchen als Mittelpunkt angenommen). Die Erhebung über dem Mittelmeer s. o. Die Einwohnerzahl der Stadt selbst beträgt 1054, darunter 2 Evangelische. Wurzach ist somit unter den Ortschaften des Oberamtsbezirks der Bevölkerung nach die zweite, und als Gemeinde der zweiten Klasse zugehörig. Die Stadt ist der Hauptort der fürstlichen Standesherrschaft Waldburg-Zeil-Wurzach, die gewöhnliche Residenz des Fürsten, der Sitz des K. fürstlichen Bezirksamtes und der fürstlichen Domänenkanzlei, auch eines K. Postamtes. Ein praktischer Arzt hat hier in der Eigenschaft eines Stadtarztes seinen Sitz.

Den großen Zehenten auf der Stadtmarkung bezieht zu 7/8 die Stadtpfarrstelle, zu 1/8 das Stift Zeil; den kleinen Zehenten ebenfalls zu 7/8 die Stadtpfarrstelle und zu 1/8 die Frühmeßkaplanei; auch gehört ersterer der Heuzehenten in der ganzen Pfarrgemeinde. Die Getreidezehenten werden durchgehends in Natura erhoben. – Die hohe und niedere Jagd gehört dem Fürsten, ebenso das Fischrecht.

Das Städtchen liegt am südlichen Rand des ausgedehnten Wurzacher (eigentlich Haidgauer) Riedes, am Fuß von sanften Anhöhen, welche den Ort auf der Süd- und Ostseite umschließen, und zwischen welchen das Achflüßchen sein Anfangs sehr schmales Thal sich gefurcht hat. Die Ansicht der Stadt ist am vortheilhaftesten von der nördlichen oder Riedseite her, wo das ansehnliche fürstliche Schloß mit seinem Park, die schöne Pfarrkirche und das wohlgebaute ehemalige Frauenkloster einen sehr gefälligen Vordergrund bilden (siehe das Titelbild). Von andern Seiten her wird die Heiterkeit des Bildes sehr durch den düstern Eindruck gestört, welchen die weite Fläche des schwarzen Torfmoores hervorbringt.

Das Klima gehört zwar zu den minder rauhen dieses Bezirks; die Luft aber ist bei der niedrigen und sumpfigen Lage der Stadt ziemlich feucht und neblich, und besonders durch häufige Frühlingsfröste der Vegetation nicht günstig. Der Bodenertrag stellt sich zu den mittleren des Oberamts.

| Der Flächenraum der Stadt ohne die Gärten beträgt 222/8 Morgen. Die Ach scheidet den östlichen, eine Vorstadt bildenden Theil von dem eigentlichen Städtchen, das durch seine breiten, sehr reinlich gehaltenen Straßen und größtentheils verblendeten Häuser ein gutes Aussehen darbietet. Durch Regelmäßigkeit zeichnet sich besonders die sogenannte Herrengasse aus, welche ihre Entstehung dem Fürsten Eberhard verdankt. Nur gegen Leutkirch und Memmingen stehen noch Stadttore, das Ach- und Mühlthor, die im Jahr 1832 erweitert, erhöht und ausgebessert wurden; im Übrigen ist Wurzach ein offener Ort; die Umfangsmauern sind, so weit sie nicht Häusern zur Stütze dienen, nach und nach abgebrochen worden. Auf der nördlichen Seite wichen sie schon vor mehr als 100 Jahren dem neuen Schloßbau. Landstraßen ziehen durch Wurzach folgende: die Staatsstraße von Memmingen nach Wolfegg, Ravensburg und an den Bodensee, eine frequente, besonders durch Fruchttransport belebte Route; die Straßen von Leutkirch nach Waldsee, und die von Leutkirch nach Ochsenhausen und Biberach. Im Ganzen befinden sich in Wurzach mit Oberried 172 Haupt- und 71 Nebengebäude. Staatsgebäude sind nicht vorhanden. Unter den standesherrlichen Gebäuden steht oben an: das fürstliche Schloß. Schon seit alten Zeiten befand sich in Wurzach eine Burg, und es ist sehr wahrscheinlich, daß sie, freilich mit Veränderungen, noch in dem älteren Schlosse erhalten ist, einem einfachen sehr massiven Gebäude, das die Schloßkapelle zum h. Georg in sich begreift, und mit dem neuen Schlosse in Verbindung steht. Um die Zeit der Theilung (1675) war das alte Schloß so sehr in Abgang gekommen, daß es dem Grafen Sebastian Wunibald keine angemessene Wohnung darbot, und ihm daher für die Dauer seines Lebens ein Antheil am Schlosse Zeil vorbehalten wurde, den er jedoch nie selbst bewohnte, indem er in Wien seine Tage zubrachte und (als Reichshofraths-Vicepräsident) auch beschloß. Nachdem man von dem| Plan der Wiederaufbauung des Schlosses Marstetten (s. d.) zurückgekommen war, hatte zwar Graf Sebastian Wunibald die Absicht, ein neues Residenzschloß in Wurzach zu erbauen; allein es scheint bei einer bloßen Renovation des alten Schlosses geblieben zu seyn.[1] Erst der Sohn und Nachfolger des genannten Stifters der Wurzacher Linie, Ernst Jakob, der 1700 succedirte und 1734 starb, fing im Jahr 1721 den Bau eines neuen Schlosses an. Wann er beendigt wurde, sagt keine Nachricht. Dieses neue Schloß ist im Geschmack jener Zeit, dem sogenannten Renaissance-Styl, erbaut, geräumig, bequem eingetheilt und durch Eleganz des innern Baues ausgezeichnet. Zu beiden Seiten der gegen die Stadt (gegen Süd) gerichteten Hauptfronte springen zwei nicht ganz vollendete Flügel vor; die Nordseite bietet eine ebenfalls ansehnliche Façade gegen den Park, der früher in altfranzösischem Geschmack angelegt war, von dem gegenwärtigen Fürsten aber in eine angenehme englische Anlage mit herrlichen Linden- und Kastanien-Alleen umgewandelt worden ist. Dieser Schloßgarten ist 142/8 Morgen groß, und mit einem breiten Kanal umgeben. Das Schloß enthält die geschmackvolle Hofkapelle mit zwei Oratorien und drei Altären; das fürstliche Archiv, in welchem sich unter andern wichtigen Dokumenten das Diplom befindet, nach welchem vom römischen Senat und Adel im Jahr 1560 den Truchseßen von Waldburg und ihren Nachkommen aus Hochachtung für den Kardinal Otto, Truchseß, das römische Bürgerrecht verliehen wird. Die fürstliche Bibliothek besteht aus 4000 Bänden; sie bewahrt unter anderen sehr schätzbaren Werken das Originalmanuscript der Pappenheim’schen Chronik der Truchseßen. Mit der Bibliothek ist eine schöne Kupferstich- und Landkarten-Sammlung verbunden. Sehenswerth ist im fürstlichen Schlosse auch das Treppenhaus, nicht weniger ausgezeichnet | durch seine zierliche Konstruktion, als durch das vortreffliche Freskogemälde des Plafond, den Olymp vorstellend. Am Eingang in den Schloßhof befindet sich eine von der Bürgerschaft Wurzachs gestiftete marmorne Tafel, dem Andenken an den tragischen Tod des Erbgrafen Leopold, Vaters des gegenwärtigen Herrn Fürsten, gewidmet, der auf dieser Stelle den 17. Juni 1800 unter den Säbelhieben österreichischer Soldaten fiel, die ihn für einen französischen Offizier hielten. Die Inschrift rühmt mit dankbarer Verehrung die aufopfernde Sorgsamkeit des Erbgrafen für den Schutz der Bürger in jenen stürmischen Zeiten.

Von den übrigen standesherrlichen Gebäuden ist vorzüglich zu nennen das sehr schön und großartig eingerichtete Brauhaus. Des ehemaligen Frauenklosters und Bruderhauses wird weiter unten Erwähnung geschehen.

Unter den öffentlichen Gebäuden der Stadt nimmt den ersten Rang ein die Pfarrkirche zu St. Verena. Sie ist ein modernes, sehr ansehnliches Gebäude, mit einem hohen, wohlgebauten Glockenthurm, die vornehmste Kirche des Oberamtsbezirks und eine der schönsten in ganz Oberschwaben. Die frühere Pfarrkirche befand sich mit der Pfarrwohnung in der Stadt selbst; die gegenwärtige wurde in den Jahren 1774–77 in der Vorstadt auf einem kleinen Hügel erbaut, wodurch der an sich schon geschmackvolle Bau noch mehr hervorgehoben wird. Das Innere ist in einem gefälligen leichten Styl gehalten, hoch und geräumig, reich geschmückt, doch keineswegs überladen mit Ornamenten. Das Plafondgemälde ist ein Meisterstück des seiner Zeit geachteten Künstlers Brugger von Langenargen. Der Thurm hat ein schönes Geläute von 5 Glocken; die Kirche enthält eine gute Orgel von 38 Registern, ein fürstliches Oratorium und die fürstlich Wurzach’sche Familiengruft unter dem Chor. Auch sieht man in derselben das in Stein ausgehauene Bild des berühmten Truchseß Georg III., des sogenannten Bauernjörgs. Man kann dieser schönen Kirche nicht gedenken, ohne der Verdienste eines ehemaligen| Pfarrherren ehrend zu erwähnen, der zu ihrer Erbauung wesentlich beigetragen hat. Dr. Theol. Johann Nepomuk von Kolb, welcher 50 Jahre lang bischöflich konstanzischer geistlicher Rath, und 40 Jahre Stadtpfarrer zu Wurzach und Dekan des Wurzacher Landkapitels war, und dessen amtliche Thätigkeit lange in dankbarer Erinnerung lebte, hat dem Bau der neuen Kirche sein nicht unbedeutendes Privatvermögen auf die uneigennützigste Weise zum Opfer gebracht. Die Kirche ist von dem Friedhof umgeben, in dessen einer Ecke die sogenannte Seelenkapelle, ein freundliches kleines Kirchlein mit dem ehemaligen Begräbniß der Klosterfrauen, sich befindet. Die Unterhaltung dieser Kapelle liegt der fürstlichen Kammer ob. Das Stadtpfarrgebäude, ganz in der Nähe der Kirche, ist schön und geräumig, und wird von den Dezimatoren unterhalten. Das Kaplaneihaus ist in zwei Wohnungen für den Kaplan zum heil. Kreuz und den zu St. Verena abgetheilt. Die Baulast an demselben liegt zur Hälfte der fürstlichen Kammer, zur Hälfte dem Stiftungsrath ob.

Das Rathhaus, dem Schloß gegenüber, in welchem sich zugleich die Schranne befindet, bietet nichts Ausgezeichnetes. Nach einer an demselben befindlichen Inschrift scheint es im Jahr 1482 erbaut worden zu seyn. Als eine Merkwürdigkeit enthielt es bis vor wenigen Jahren eine der beiden großen Kisten (die andere war in der Sakristei der Pfarrkirche), in welchen die Gemahlin des Truchseßen Hans, eine geborne Gräfin von Cilly, ihren reichen Brautschatz beigebracht haben soll, jenen Brautschatz, welchem das Truchseßische Haus viele seiner schönsten Erwerbungen verdankte (s. Chronik der Truchs. I. S. 70). Man scheint aber keinen großen Werth auf diese Reliquie gelegt zu haben, da sie im Jahr 1825 um 18 fl. verkauft wurde. – Die Gefängnisse befinden sich im fürstlichen Amtsdieners-Haus.

Das Spitalgebäude ist klein und unansehnlich; von der Stiftung selbst s. unten.

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Die Einwohner und ihr Nahrungsstand.

Die ortsangehörige Bevölkerung der Stadtgemeinde betrug am 15. Dez. 1841 550 männliche, 548 weibliche, zusammen 1098 Seelen. Am 15. Dez. 1840 waren von 1079 Angehörigen abwesend 165, dagegen Fremde anwesend 108, daher Ortsanwesende vorhanden 1022. Im Jahr 1832 waren von 1110 Angehörigen abwesend 116 und Fremde anwesend 107. Die Zahl der Anwesenden belief sich daher damals auf 1101. Die Zahl der Ehen war im Jahr 1832 173, auf eine Ehe kamen daher 6,4 Köpfe.

Geboren wurden nach dem Durchschnitt der Jahre 1830/40 37,3, es kommen daher auf 1000 Einwohner 34 Geburten (oder 1 Geb. auf 29,4 Einw.); unter 100 Geburten befinden sich 12,9 uneheliche.

Gestorben sind nach dem erwähnten Durchschnitt 39,8 oder von 1000 Personen jährlich 36,2 (1 Gestorbener auf 27,6 Einw.); auf 100 Gestorbene kommen hier nur 93,7 Geburten.

Über sechzigjährige zählte man im Jahr 1832 138 oder auf 1000 Einwohner 124.

Während der zehnjährigen Periode von 1830/40 hatte die Bevölkerung der Stadt um 17 Seelen abgenommen (nämlich um 4 männliche zu und um 21 weibliche ab), wobei die natürliche Abnahme 25 betrug, welche durch den Überschuß der Eingewanderten über die Ausgewanderten um 8 Personen wieder ersetzt wurde.

Nach den von der fürstlichen Domänenkanzlei mitgetheilten Notizen zählte Wurzach im Jahr 1806 479 männliche und 507 weibliche, zusammen 986 Einwohner. Die Bevölkerung hätte sonach von 1806/40 zugenommen um 60 männliche und 33 weibliche, zusammen um 93 Personen.

Als geborene Wurzacher, die sich auswärts durch Talent und besondere Tüchtigkeit bervorgethan, nennt man uns einen Verstorbenen und zwei Lebende.

Reparatus Frey, geboren 1767, bis 1838 in Wien| ansäßig, wo er starb, hat sich als Kupferstecher einen wohlbegründeten Ruf erworben.

Fidelis Schabet, Historienmaler in München, durch Fresken in der dortigen Ludwigskirche, ein großes Ölgemälde im Dom zu Regensburg, den englischen Gruß vorstellend, und andere vorzügliche Leistungen rühmlichst bekannt. Vergl. O.A.Beschr. von Wangen S. 257.

Johann Nepomuk Lang, früher Kandidat der Theologie, trat im Jahr 1798 in österreichische Artilleriedienste, schwang sich durch ausgezeichnetes Benehmen im Felde zur Stelle eines Hauptmanns bei dieser Waffe empor, wurde im Jahr 1813 Professor der Mathematik an der Kriegsschule zu Sziget, und befindet sich jetzt in gleicher Eigenschaft zu Lanczin in Galizien.

Die Nahrungsquellen der Einwohner bestehen in Landbau, Viehzucht und Gewerben. Die beiden ersten werden vorgezogen, die letzteren dagegen nur soweit betrieben, als die landwirthlichen Geschäfte gestatten. Im Durchschnitt ist der ökonomische Zustand mittelmäßig. Reiche Einwohner zählt Wurzach nicht, dagegen giebt es nur wenige eigentlich Arme, und der Umstand, daß beinahe jeder Bürger Feldbau und Viehzucht besitzt, schützt vor Mangel. Die Bewohner sind meistens von gesunder, kräftiger Constitution und lebensfrohem Sinn. Leute über 80 Jahre befinden sich in der Stadtgemeinde mehrere.

Das Areal der Stadtmarkung beträgt 4.531 M. Die Vertheilung dieser Fläche auf die einzelnen Rubriken ist aus der Tabelle Nr. II. zu ersehen, wobei wir bemerken, daß sich unter den Wiesen allein 6457/8 Morgen geringe Mooswiesen befinden. Die Torfstiche nehmen 163/8 Morgen ein. Die Markung ist nicht vereinödet; es besteht Dreifelder-Wirthschaft. Der Anbau kann kaum mittelmäßig genannt werden. Der Boden ist kalt und lehmig, und nördlich von der Stadt sumpfig. Doch haben nach der letztern Richtung Beispiel und Bedürfniß nicht verfehlt, beträchtliche Leistungen zu Tage zu fördern, und den| unfruchtbaren Boden des Riedes zum Theil in schöne Wiesen und Felder zu verwandeln, wie denn in einem Zeitraum von nicht ganz zwei Menschenaltern der bis zum Fürstl. Schloßgarten reichende Sumpf auf mehr als eine halbe Viertelstunde zurückgedrängt worden ist. Die Stallfütterung ist nur theilweise eingeführt; das Vieh wird nach der Ernte ausgetrieben. Einen wohlthätigen Einfluß auf die ökonomischen Verhältnisse der minder Begüterten hatte die Vertheilung von 180 Morgen Allmanden. Die Gartencultur wird nur für das nächste Bedürfniß betrieben, indem jeder Bürger seinen Küchenbedarf in einem eigenen Gärtchen oder ein paar Ländern erzielt. Die Obstbäume gedeihen in dem nassen Boden mit lehmiger Unterlage schlecht; auch wirken die vielen Nebel und Fröste im Frühjahr zerstörend auf die Blüthe. Nur an höher gelegenen Stellen finden Kirschen- und andere Obstarten ein besseres Fortkommen. – So sehr die wiederholt hier abgehaltenen Viehmärkte und deren theilweise sehr günstiges Resultat zur Verbesserung des Rindviehstandes veranlassen sollten, so muß doch behauptet werden, daß die Viehzucht in der Gemeinde Wurzach sowohl hinsichtlich der Anzahl (es befinden sich hier nur 240 Kühe und tragbare Kalbeln) als auch der Beschaffenheit nur mittelmäßig ist. Käserei befindet sich nur Eine in der Stadtgemeinde, nämlich auf dem Fürstl. Cameral-Hofe Einöde. Pferdezucht wird hier nicht betrieben. Den Bedarf liefern die Märkte der Nachbarschaft und auch Bayern. – Erwähnung verdienen die schönen Edelkrebse, welche in der Ach zahlreich gefangen und zum Theil in entfernte Orte versendet werden. Schon im Jahr 1685 ist die Rede von einem „herrschaftlichen Krebsfangen."

Sehr bedeutend ist die Torfgewinnung. Sie beträgt jährlich ungefähr 1½ Millionen Stücke.

Fabrikmäßige Gewerbe befinden sich in Wurzach nicht. Überhaupt ist der Gewerbebetrieb nur unbedeutend, wiewohl auch in dieser Hinsicht eine Zunahme der| Thätigkeit in neuerer Zeit unverkennbar ist. Am erheblichsten sind noch die Geschäfte der Rothgerber und Schreiner. Übersetzt ist das Gewerbe der Schuster. Als Nebengewerbe wird hier die Musselinstickerei sehr fleißig betrieben.

Der neueste Stand der Gewerbetreibenden ist folgender: 1) Abtheilung: Feldmesser 1, Fischer 1, Hafner 4, Kornmesser 5, Linnenweber 9, Lumpensammler 1, Nähterin 1, Rechenmacher 1. 2) Abteilung: Barbier 2, Buchbinder 1, Bürstenbinder 1, Frachtfuhrmann 1, Glaser 3, Kübler 6, Maurermeister 2, Nagelschmied 1, Sailer 2, Schneider 3, Schuhmacher 13, Siebmacher 1, Strumpfweber 5, Wagner 4, Zimmerleute 4. 3) Abheilung: Beindreher 3, Blaicher 1, Bäcker 7, Flaschner 1, Schmiede 3, Hutmacher 1, Kleemeister 1, Maler 1, Metzger 8, Seckler 1, Sattler 3, Schlosser 4, Schreiner 4, Seifensieder 1, Tuchmacher 1. 4) Abtheilung: Büchsenmacher 1, Färber 1, Gold- und Silberarbeiter 3, Kaminfeger 1, Klein-Uhrmacher 2, Rothgerber 4, Weißgerber 1.

Von Mühlwerken werden nur zwei Lohmühlen genannt.

Wirthschaften und zwar Schildwirthschaften bestehen 4, Bier- und Branntweinschenken 6. Getränke-Fabrikanten sind: Branntweinbrenner 3, und die Fürstliche Bierbrauerei nebst Branntweinbrennerei. Diese zeichnet sich durch zweckmäßige Einrichtung und bedeutenden Betrieb vor allen übrigen Gewerben aus. Die Handlungen sind bloße Detailgeschäfte und dienen nur den Bedürfnissen der Stadt und deren nächster Umgebung. Es bestehen eine Apotheke, 11 Kramläden, 2 Leinwandhändler, 1 Händler mit Schmalz, 2 Essighändler, 1 Lein- und Kleesaamenhändler, 5 sonstige Kleinhändler und 2 Weinhändler, von welchen das Geschäft des Einen nicht ganz unbedeutend zu nennen ist.

Der summarische Kataster-Anschlag sämmtlicher Gewerbe mit Einschluß der Fürstlichen Brauerei und Branntweinbrennerei beträgt 388 fl. 14 kr.

| Wurzach hat fünf Jahrmärkte, zu Michaelis, Martini, Lichtmeß, Fasten und Pfingsten, die sich eines zahlreichen Besuches aus der Umgegend erfreuen und fortwährend an Bedeutung zu gewinnen scheinen. Mit jedem Jahrmarkt ist ein Viehmarkt verbunden, der in der Regel günstige Resultate liefert, worüber schon oben, so weit es möglich war, nähere Nachweisungen gegeben wurden. Dagegen haben die eine Zeitlang jeden Monat abgehaltenen Viehmärkte keinen Anklang gefunden, und sind daher wieder eingegangen. – Außer diesen Märkten wird jeden Donnerstag ein Kornmarkt gehalten, der jedoch – hauptsächlich des benachbarten ungleich beträchtlicheren Waldseer Marktes wegen – nur von geringer Bedeutung ist. Im Jahre 1840 wurden auf demselben 1525 Scheffel Kernen, 319 Scheffel Roggen, 76 Scheffel Gerste, 1516 Scheffel Haber und 7 Scheffel Wicken verkauft. Eine sehr merkliche Einwirkung auf die Hebung dieses sämmtlichen Marktverkehrs hat die Straßenanlage durch das Ried geäußert, worüber wir oben Seite 84 das Nähere gesagt haben.


Gemeindewesen.

Durch die oben erwähnte Übernahme der Landschaftsschulden auf den Staat, ist auch die Stadt frei von Passiven geworden, und besitzt nunmehr ein Activ-Kapital von 6000 fl., wozu eine jährliche Einnahme von 1000 fl. an Bürgersteuer, Aufnahmsgeldern, Pflastergeld, Waghausgefällen u. dergl. kommt. Die Ausgaben der Stadtpflege betragen jährlich 2370 fl. und werden, soweit obige Einnahmen nicht zureichen, durch Umlagen gedeckt. – Weitere, der ganzen politischen Gemeinde zu Gut kommende Einnahmen haben das Hospital (wovon unten) und die Kirchenpflege. Diese besitzt an:

 Capitalien 3.100 fl.  
 Gefällwerth 1.100 fl.
 Zehntcapital 1.400 fl.
 Gütern 330 fl.
 Waldungen     5.000 fl.
10.930 fl.
| worauf keine Passiva haften.

Es findet eine eigenthümliche Theilung der Bürger in alte, oder sogenannte Realbürger, und neue, oder sogenannte Hofbürger Statt. Bis um das Jahr 1780 war Wurzach eine kleine Gemeinde von kaum 100 Bürgern. Graf Eberhard Ernst war bemüht, das Städtchen durch Aufnahme neuer Ansiedler zu erweitern, und zog verschiedene Professionisten hieher, die mit Vorschub des Grafen Häuser erbauten, und eine eigene Classe von Bürgern bildeten, Hofbürger genannt, die keinen Antheil an den Gemeindenutzungen hatten, dagegen aber auch nicht an den Abgaben und Lasten der Altbürger Antheil nahmen. Dieser Unterschied besteht bis auf den heutigen Tag; so jedoch, daß zur Bestreitung der städtischen Ausgaben auch die Hofbürger nach Verhältniß ihres Steueranschlags beigezogen werden.

Persönliche Gemeindenutzungen besitzt die Bürgerschaft keine, dagegen kommen den sogenannten Realbürgern, deren Zahl sich auf 105 beläuft, um so bedeutendere Realrechte zu Gut. Diese haben das Vermögen der sogenannten Revenuenpflege als ungetheiltes Eigenthum inne. Die Nutzungen aus dem letzteren stehen jedoch, in Folge früherer schlechter Verwaltung, mit dem ursprünglichen Werth der Besitzungen in keinem Verhältniß. Das gemeinschaftliche Eigenthum der Realbürger begreift:

 Gärten und Plätze in der Stadt 93/8 Morgen  
 Gärten und Plätze außerhalb derselben 84/8      "     
 Äcker und Wiesen 270 "     
 Waldungen und Allmanden 1571 "     
Dazu kommt das Torfstichrecht im Ried
 im Capital-Werth von ungefähr 5.000 fl.       
 Fruchtzehenten im Capitalwerth von 900 fl.       
 Fruchtgülten ebenso 2.830 fl.       
 Gefälle ebenso 2.070 fl.       
 Capitalien 1.500 fl.       
| Obgleich die Nutzungen der einzelnen Realberechtigten von jeher klein waren, und daher bei zweckmäßiger Verwaltung eines so ansehnlichen Fonds eine jährliche Zunahme desselben hätte Statt finden müssen, so war doch das Letztere nicht nur nicht der Fall, sondern es haften auch noch auf ihm Passiva im Betrag von 3.500 fl., und überdieß befindet sich der Wald, diese wichtigste Einkommensquelle in einem ganz verwahrlosten Zustande. Die gegenwärtig einem Realbürger zukommende Nutzung besteht in zwei Klaftern Holz, der Benützung von zwei Morgen Allmand, auch dem Recht, nach Bedürfniß auf dem Ried Torf zu stechen.

Von Städtischen Gebäuden gehören den Realberechtigten das Rathhaus, die Stadt-Metzig und zwei Thorhäuser, im Brandanschlag von 7.400 fl. Die Stadtpflege besitzt bloß 3 Wasch- und Backhäuser und 1 Feuerschopf, nach dem Brandanschlag im Werth von 1.400 fl.

Fürstliche Lehen befinden sich nur vier in der Stadt, 3 Schildwirthschaften und 1 Färberei; alles Übrige ist freies Grundeigenthum der Einwohner. Der Fürst aber, als ehemaliger Landesherr, übt die standes- und grundherrlichen Rechte, wie sie in der oben angeführten Deklaration festgestellt sind.

Das Wappen der Stadt führt drei Krebse in einem Schild, den ein Helm ziert. Ob der Reichthum der Ach an schönen Krebsen (s. oben) zu diesem Emblem Veranlassung gegeben, wissen wir nicht zu sagen.


Kirchliche Einrichtungen.   Schule.   Klosterstiftungen.
Der Pfarrgottesdienst wird in der Kirche zu St. Verena von dem Stadtpfarrer und einem Caplan besorgt. Die St. Verena-Caplanei ist jedoch gegenwärtig unbesetzt. Das Patronat steht dem Fürsten von Waldburg zu Zeil-Wurzach zu, der ein Vogtgeld von 50 fl. jährlich bezieht. Den| Pfarrsprengel bilden ausser der Stadtgemeinde noch folgende Parzellen anderer Gemeinden, und zwar von Gospoldshofen: Albers, Oberschwanden, Reinstein, Reute, Truschwende, Unterried, Unterschwanden und Wiesen; von Hauerz: Baierz und Floders; von Arnach (Ob. Waldsee): Niedermühle und der Wolfegg’sche Antheil von Truschwende. Ausgepfarrt wurden 1811 Rothegg nach Hauerz, Brändlings nach Dietmanns, Rohrbach nach Ziegelbach. Pfarrgenossen zählt man 1566.

Wann die Pfarrei gegründet wurde, läßt sich nicht angeben. Zwei Pfründen, die St. Georgen-Caplanei aus alter Zeit, und eine 1500 von Truchseß Johann gemachte weitere Meßstiftung wurden 1608 dem Collegiatstift Zeil einverleibt. Die Caplanei zu St. Verena wurde 1717 von Graf Ernst Jakob gestiftet. Derselbe hatte 1704 auch die Caplanei zum heil. Kreuz (s. unten) errichtet. Dazu kommt noch die Hof- oder Schloßcaplanei. Von diesen Caplaneien ist nur die zum heil. Kreuz besetzt. Bei der Unzulänglichkeit des Kirchenfonds, dessen Betrag oben angegeben worden, tragen subsidiär die Zehentherren die Baulast, die Gemeinde die Kultkosten.

Wurzach war bis auf die neuern Zeiten ein eigener Capitel-Sitz.

Die evangelischen Einwohner, 10 an der Zahl, sind Filialisten von Leutkirch.

In Wurzach ist eine Schule für den ganzen Pfarrsprengel mit einem Lehrer und einem Unterlehrer. Mit derselben ist eine Industrie- und Zeichnungsschule verbunden. Das Schulhaus ist 1828 von der Gemeinde neu erbaut worden.

Das Frauenkloster der dritten Regel vom Orden des heil. Franziscus, wurde 1514 gestiftet von der Wittwe des Truchsessen Johann von Waldburg, Helena, geborener Gräfin von Zollern. Diese berief anfänglich aus den Klöstern zu Leutkirch und Kißlegg je zwei Nonnen, und begründete dieses Schwesterhaus, welchem sie den Namen Mariä Rosengarten gab, und in welches sie sich später| selbst zurückzog. Außer einem kleinen Capital, mit welchem die Stifterin das Kloster beschenkte, hatten die Schwestern keine Einkünfte und waren daher genöthigt, ihren Unterhalt durch die in Klöstern gewöhnlichen Frauenarbeiten, Sticken von Amuleten, Fassen von Reliquien, Bereiten von Confekt, Wachsarbeiten u. drgl. zu erwerben. Gleichwohl brachten sie es durch gute Öconomie und unterstützt durch fromme Schenkungen so weit, daß sie nicht nur anständig leben, sondern auch verschiedene Güter erwerben konnten. Bei der Säcularisation besaß das Kloster mehrere Lehengüter zu Diepoldshofen, Reichenhofen, Truschwende, einige Grundstücke zu Wurzach, und einen eigenen, 20 Jaucherten haltenden Wald. Im Jahr 1763 mußte das sehr schadhafte Klostergebäude neu hergestellt werden. Es geschah dieß mit großem Aufwand, so daß die Kosten sich auf mehr als 30.000 fl. belaufen haben sollen. Die Aufhebung erfolgte noch unter Fürst Eberhard Ernst im Jahr 1805, worauf das ganze Vermögen für die Fürstl. Kammer eingezogen wurde. Doch blieben die Klosterfrauen im Genuß bis 1821, von wo an jeder Conventualin eine jährliche Pension von 150 fl. aus der Fürstl. Rentamts-Casse bezahlt wurde. Noch (Febr. 1842) leben 2 Nonnen in dem schönen und geräumigen von der Standesherrschaft sonst wenig benützten Klostergebäude. Erwähnung verdient, daß das in Oberschwaben so sehr beliebte Confekt der Trisenet-Schnitten von diesen Klosterfrauen in vorzüglicher Qualität bereitet und weit umher versendet wird. – Zur Zeit seines Bestandes hatte das Kloster eine eigene Capelle zur Privat-Andacht der Klosterfrauen, in welcher als kostbare Reliquie ein Dorn aus der Dornenkrone des Erlösers aufbewahrt wurde. Auch besaß das Kloster ein reiches Naturalien-, namentlich Conchylien-Cabinet, welches 1826 von der Universität Tübingen um einen verhältnißmäßig sehr geringen Preis acquirirt wurde. Kirche und Bruderhaus zum heil. Kreuz auf dem Gottesberg. Auf einem freistehenden Hügel, südlich| von der Stadt, mit herrlicher Aussicht nach den Alpen, auf welchem früher eine alte Capelle gestanden hatte, erbauten 1709 Graf Ernst Jakob und seine Gemahlin Anna Ludovica, geborene Gräfin von Waldburg-Wolfegg eine ansehnliche Kirche mit Thurm und Meßnerhaus. Die Kirche, zum heil. Kreuz genannt, wurde von der Gräfin mit einem Fond ausgestattet, nachdem schon 1704 von dem Grafen eine eigene Kaplaneipfründe für dieselbe gestiftet worden war. Im Jahr 1763 wurde das Meßnerhaus einer Brüderschaft von 7 Mitgliedern von der Regel der niedern Brüder Scti Francisci de Paula eingeräumt. Diese standen unter dem Schutz der Reichsabtei Roth, besorgten die Meßnerdienste, und ernährten sich größtentheils mit Damast- und Wollenweberei, indem ihnen gestattet war, ihre Fabrikate stückweise zu verkaufen, und um Lohn zu arbeiten. Unbewegliche Güter zu erwerben war ihnen untersagt. Im Jahr 1806 erlosch dieses eigenthümliche Institut, und in Gemäßheit der Revenuen- und Diener-Ausscheidung zwischen der Krone Württemberg und dem Fürstl. Hause Wurzach fiel das Gebäude dem letzteren zu; die Capitalien der Brüder aber wurden vom Staate eingezogen und dafür die Brüder pensionirt. Der letzte derselben starb 1836. Das Haus dient jetzt zu Wirthschaftszwecken. Die Kirche wird von der Fürstl. Kammer unterhalten.


Wohlthätigkeitsanstalten und Stiftungen.
Das Hospital mit einer Capelle. Seine Stiftung verliert sich in die älteren Zeiten. Aus Urkunden erhellt, daß die an dasselbe angebaute Capelle schon im Jahr 1482 eingeweiht wurde. Das „Sel und verkündtbuch" des Spitals vom Jahr 1494 nennt den Truchseß Johann als Stifter des Spitals und Jahrtags, und ein weiterer Stiftungsbrief vom 5. Juli 1610 besagt, daß Johanna, Erbtruchsessin, Freifrau von Waldpurch, geborene Gräfin von Zimmern ein Capital von 1040 fl. stiftete. Die Einkünfte dieser Anstalt entsprechen dem Bedürfniß keineswegs,| da nicht bloß alte und kranke, sondern überhaupt hülflose Bürger und Bürgerinnen aufgenommen werden. Das Vermögen besteht aus
Aktiv-Capitalien 8.500 fl.
Gefällwerth 1.180 fl.
Gütern 2.700 fl.
Gebäuden 5.000 fl.
 17.380 fl.

Die Capelle hat keinen besonderen Gottesdienst und wird von der Spital-Stiftung unterhalten.

Das ehemalige Leprosorium. In geringer Entfernung von der Stadt an der Poststraße nach Wolfegg befand sich auf einer sanften Anhöhe, dem sogenannten Leprosenberg, nach welchem eine schöne Vogelbeerbaum-Allee führt, das Sondersiechenhaus, das 1782 von dem Grafen Franz Ernst incamerirt wurde, weil mit dem Verschwinden der Lepra (des Aussatzes) Zweck und Bestimmung der Anstalt weggefallen sey. Seinen letzten Dienst hat das Leprosenhaus in den Jahren 1813/14 geleistet, als mit Genehmigung der Standesherrschaft 4003 verwundete Soldaten darin verpflegt wurden, von welchen im Ganzen nur 16 Mann starben. Doch genießen noch immer einzelne Arme aus Gnade dort Wohnung, Beholzung und andere Unterstützung. – Diesem Gebäude ist eine Capelle angebaut, welche ihre Entstehung, der Sage und einem in derselben aufgehängten Ölgemälde zu Folge, der merkwürdigen Rettung eines Ritters, wahrscheinlich eines Freiherrn von Waldburg, verdankt. Auf der Jagd in dem damals noch weit ausgedehnteren Ried verirrt, war jener Ritter aus Ermüdung in den Schnee niedergesunken und eingeschlafen. Hier eine sichere Beute des Todes, wurde er nur dadurch gerettet, daß sein treuer Hund die Leprosen auf dem nahen Berge zu wecken und soweit zu verständigen wußte, daß sie dem voraneilenden Thiere mit Fackeln folgten und endlich den Ritter fanden. Aus dankbarem Andenken an diese wunderbare Hülfe ließ er diese ansehnliche Capelle| erbauen, die übrigens in ihrer jetzigen Gestalt von der Renovation im Jahr 1749 herrührt. Sie wird von dem Fürstl. Hause unterhalten.

Noch bestehen folgende Capital-Stiftungen zu wohlthätigen Zwecken

1) Die Stiftung der Regina Vogler mit 1000 fl. für Handwerkslehrlinge.
2) Des Pfarrers Gößer mit 4000 fl. zur Unterstützung von Studirenden der Theologie und Handwerkslehrlingen, gemeinschaftlich mit der Standesherrschaft Zeil und mit der Stadt Wangen, siehe O.A.Beschr. von Wangen S. 132, auch siehe oben bei Aichstetten.
3) Des Grafen Carl von Waldburg-Wurzach, Deutsch-Ordens Commenthur von Rohr und Waldstetten mit 6000 fl. zur Erlernung von Handwerken und Ausstattung zweier Mädchen.


Sonstige Anstalten.

Durch eine hier befindliche K. Postanstalt hat die Stadt Eilwagen-Verbindung mit Stuttgart durch Ochsenhausen und Ulm, ferner mit Augsburg über Memmingen und mit Ravensburg über Wolfegg.

Mit Trinkwasser ist Wurzach hinreichend versehen, indem fünf öffentliche laufende Brunnen und 30 Privat-Pumpbrunnen bestehen. In erstern wird das Wasser aus ¼ Stunde weit entlegenen Brunnquellen in hölzernen Teucheln geleitet.

Der Begräbnißplatz befindet sich in der Vorstadt und umgiebt die Pfarrkirche. S. oben.


Geschichte und frühere Verhältnisse.
Die erste Erwähnung der Stadt Wurzach oder Wurzen, wie in älteren Schriften geschrieben ist, geschieht bei Gelegenheit der Vermählung des Truchseßen Hans von Waldburg mit Clara, einer Gräfin von Neuffen (1330), von welcher es bei Pappenheim Chron. der Truchseßen (I. s. S. 50) heißt: „die bracht jme zum Hewrattguet zue die Herrschaft| Wolfegg vnnd die Stadt Wurtzach.“ Auf diese Art kam die Stadt an das Waldburg’sche Haus, bei welchem sie bis auf diesen Tag verblieben ist.

Man schließt[2] aus diesem Zusammenhang, daß Wurzach mit Wolfegg den Edeln von Otterswang gehörte, durch die Heurath der Tochter Mangolds von Otterswang an einen Grafen von Aichelberg, und von dem letzteren Hause an die Grafen von Neuffen gekommen seyn möge. Schon im Jahr 1330 verwendete sich der neue Besitzer bei Kaiser Ludwig dahin, daß der Stadt Wurzach „eine Freiheit und dazu das Memminger Recht“[3] ertheilt ward. Kaiser Wenzeslaus bestätigte 1379, und Kaiser Friedrich 1447 die Freiheiten der Stadt. In der ersten Theilung der truchseßischen Gesammtgüter von 1429 fiel Wurzach dem Stifter der Georg’schen Linie, Truchseß Georg, in der zweiten Theilung (1601 und 1605) aber zwischen Heinrich und Froben, dem letzteren oder der Zeil’schen Linie zu. Daß nach der dritten Theilung 1675 Wurzach einer eigenen, noch blühenden Linie den Namen gab und Residenz derselben wurde, wie auch, daß Graf Eberhard Ernst durch Herbeiziehen neuer Unterthanen die Stadt vergrößerte, ist oben gesagt worden.

Was die besonderen Schicksale der Stadt betrifft, so wird als eine Merkwürdigkeit erwähnt, daß, als im Jahr 1349 eine große Pest ganz Deutschland und besonders auch diese Gegend Oberschwabens heimsuchte, nur Wurzach| vollkommen verschont blieb. Zur bleibenden Erinnerung errichtete die Stadt das sogenannte schwarze Kreuz, das seit jener Zeit einigemal erneuert, noch jetzt an dem Punkte, wo die Straße nach Waldsee von der nach Wolfegg sich scheidet, zu sehen ist.

Um so mehr wurde Wurzach von den Unruhen des Bauernkriegs im Jahr 1525 berührt. Unter der Anführung des Pfaff Florian von Aichstetten hatte der zum Theil aus Unterthanen des Truchseß Georg III. bestehende Allgäuer Haufen das Städtchen besetzt und eine für die Reiterei des Truchseß ungünstige Stellung auf dem Ried genommen. Die Forderungen des letzteren an seine Unterthanen, die Waffen niederzulegen und den rebellischen Pfaffen auszuliefern, wurden von dem 7000 Mann starken, und durch einen Zuzug von 1500 Mann aus der Illergegend verstärkten Haufen abgewiesen, worauf der Truchseß seine an dem Gottesberg aufgepflanzten achtzehen Feuerschlünde spielen ließ, und nach einer dreimaligen Salve die Aufrührer auseinander sprengte. Manche ertranken in der Ach, andere fielen der nachsetzenden Reiterei in die Hände, und wurden zusammengehauen. Die Übrigen retteten sich von der Nacht begünstigt, nach Gaisbeuren, wo der starke Seehaufe sich niedergelassen hatte. Die Stadt Wurzach wurde eingenommen; die Bürger und die Bauern, welche sich in dieselbe geworfen hatten, ergaben sich mit dem eidlichen Versprechen, hinfort keine Waffen zu tragen. Dieß geschah den 15. April 1525. (Siehe Walchner und Bodent Biogr. des Truchseß Georg III. S. 89 ff.)

Auch der dreißigjährige Krieg hatte für Wurzach schmerzliche Erfahrungen in seinem Gefolge, wiewohl sich Einzelnes hierüber nicht aufgezeichnet findet. – Bedeutendes Brandunglück wird nur aus dem Jahr 1736 erwähnt, wo den 27. Mai die Vorstadt in Flammen aufgieng. Eine Brunst im Jahr 1777 verzehrte 4 Wohnhäuser. Die erste Feuerspritze erhielt Wurzach im Jahr 1697. Von Militärdurchzügen hatte das Städtchen seit dem Ausbruch der| Revolutions-Kriege viel zu leiden. Nur allein von 1813–14 wurden hier 35.301 Mann, darunter 23 Generäle, 159 Staabs- und 2090 Subaltern-Offiziere verpflegt. Endlich gehörten zu den Calamitäten des Orts die verheerenden Viehseuchen der Jahre 1796 und 1800.

Nachdem im Jahr 1806 sämmtliche Fürstl. Waldburg’sche Besitzungen unter Württemberg’sche Landeshoheit gekommen war, erfolgte in Wurzach die Huldigung den 16. Oktober. Anfänglich war die ganze Standesherrschaft dem Oberamt Waldsee, seit 1810 aber ist sie dem Oberamt Leutkirch zugetheilt.

Der beiden Nebenparzellen Heil. Kreuzberg und Leprosenberg ist bereits Erwähnung gethan. Hier ist nur noch aufzuführen:

Oberried, Weiler mit 42 Einw., mit einem fürstl. Ökonomiegebäude. Die Bewohner, bestehend aus 6 Familien, sind Riedcolonisten, arme Leute, die dem von der fürstl. Kammer ihnen überlassenen Moosboden einen kärglichen Ertrag, meist nur in saurem Futter bestehend, abgewinnen.


  1. Über einer Thüre dieser sogenannten „alten Burg“ ist die Jahreszahl 1691 in Stein gehauen. Im Jahr 1689 war noch ein Burgwart hier angestellt.
  2. Herr Domcapitular v. Vanotti in seiner Gesch. des Waldb. Hauses Württ. Jahrb. 1834. Vergl. OA.-Beschr. von Waldsee S. 120. 206.
  3. Das Memminger Marktrecht nämlich, oder die Befugniß, mit gleichen Rechten wie in Memmingen, Jahr- und Wochenmärkte zu halten, öffentliche Schranne und Waghaus zu errichten, dabei das Memminger Maaß, Gewicht, Eich und Elle etc. einzuführen und zu gebrauchen, wie dieses alles bis zum Eintritt der Staatsveränderung 1806 angewendet wurde. – Reichsfrei war Wurzach nie, sondern zu allen Zeiten seinem Waldburgschen Landesherrn steuerpflichtig, und dessen Jurisdiction, Polizei- und Administrativ-Gewalt unterworfen, wie denn bis 1806 der jeweilige Stadtammann darauf vereidet war, „von wegen Ihro Gnaden den Stab zu halten u. s. w.“