Beschreibung des Oberamts Mergentheim/Kapitel B 38

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38. Roth,
Gemeinde III. Klasse, mit 463 Einw., worunter 81 Evang. a. Roth, Pfarrdorf, 272 Einw.; b. Dörtel, Weiler, 131 Einw.; c. Schönbühl, Weiler, 60 Einw. Die Evang. sind nach Wachbach eingepfarrt.


Eines der schönsten Dörfer des Oberamtsbezirks, sehr wohlhabend, an der Quelle des Wachbachs gelegen, von Obstbäumen umgeben; großes steinernes Krucifix an der Hauptstraße. –

Die dem h. Petrus und Paulus geweihte Kirche steht ganz auf der Höhe und wurde 1652/54 von Stadtpfarrer Vögler in Mergentheim erbaut; ihr Westeingang ist etwas verziert mit Blumen und Früchten. Innen hat das Schiff eine flache Stuckdecke, der quadratische Chor ein Rippenkreuzgewölbe noch im | gothischen Stil, die Rippen ruhen auf Blätter-Konsolen; im Schlußstein das Deutschordenskreuz. Die drei ansprechenden Altäre und die Kanzel samt Schalldeckel wurden 1867 von Maintel in Horb gefertigt. Im halbrunden Triumphbogen ein schöner, schlanker, lebensgroßer und lebenswahrer Crucifixus, in Holz aus der Renaissancezeit. Der auf der Kirche sitzende achteckige Dachreiter trägt 3 neuere Glocken, die größte 1868 gegossen von König in Langenburg. Die Unterhaltung der Kirche ruht auf der Gemeinde. Der ummauerte Friedhof geht um die Kirche; an seiner Mauer steht ein älterer Grabstein mit Christus am Kreuz. Man hat von hier aus einen schönen Blick in’s Tauberthal, bis Königshofen und Bischofsheim, und an den Spessart.

Im Filial Schönbühl besteht eine 1739 von Bauer Caspar Müller auf seine Kosten erbaute Kapelle zur Privatandacht.

Das Pfarrhaus, mit zwei Morgen großem Pfarrgarten, 1652 eingerichtet und später um ein Stockwerk erhöht, ist zu 2/3 vom Staat und 1/3 von der Gemeinde zu unterhalten.

Das früher sehr alterthümliche Schulhaus wurde 1859 umgebaut und enthält neben einem sehr geräumigen Schulzimmer die Wohnung des Schulmeisters. Auch eine Industrieschule besteht. Rathhaus besteht keines, es sind zwei Zimmer im Lamm gemiethet. Im Schafhaus ist auch Raum für Armenwohnungen.

Trinkwasser liefern stets hinreichend 4 laufende, ein Schöpf- und 18 Pumpbrunnen; bei regnischer Witterung wird das Wasser trüb, bläulich und bekommt einen starken kalkigen Bodensatz; 1876 wurde in der Mitte des Orts eine Wette angelegt. Die Markung ist nicht quellenreich; früher waren in unmittelbarer Nähe des Orts zwei künstlich angelegte je einen Morgen große Weiher, jetzt Wiesengrund.

Vicinalstraßen führen von hier nach Herbsthausen, und über Dörtel nach Wachbach oder in die Staatsstraße von Herbsthausen nach Mergentheim.

Bezüglich der Vermögensverhältnisse zählt der Ort zu den ersten Gemeinden des Oberamts. Der größte Grundbesitzer hat 100 Morgen, der Mittelmann 50, die ärmere Klasse 10–16 Morgen Feld; etwa die Hälfte der Güter liegen auf angrenzenden Markungen. Haupterwerbsmittel sind Feldbau, Viehzucht, Obstzucht und etwas Weinbau. Gewerbetreibende gibt es wenige hier, den größten Theil der gewerblichen Arbeiten besorgen auswärtige Handwerksleute. Zwei Schildwirthschaften sind im Ort.

| Der Boden ist meist fruchtbar und tiefgründig, das Klima im allgemeinen mild, jedoch wegen der hohen Lage rauher als in den benachbarten Thalorten; die kalten Nebel und Gewitter sind selten, ebenso Hagelschlag.

Gegen Hachtel hin liegen auf der Markung treffliche Kalksteinbrüche; in der ganzen Umgegend findet man nirgends so schöne Bausteine, wofür die ansehnlichen Gebäude des Orts Zeugnis geben; die Steine werden auch nach auswärts abgesetzt. Der gegen Südosten gelegene Theil der Markung ist reich an Lehm.

Die Landwirthschaft wird rationell betrieben; in Anschaffung von neuen landwirthschaftlichen, Geräthen, Sämereien u. s. w. geht der Ort andern Gemeinden rühmlich voran; und da die Viehzucht hier sehr bedeutend ist, so wird auch viel Dünger erzeugt, der sorgfältig gesammelt wird, daneben verwenden die Landwirthe noch Gips, Asche, Kompost, und namentlich werden im Winter die Äcker durch Aufführen von Erde zu verbessern gesucht. Mancher Bauer führt im Winter 500–1000 Wagen Erde von tiefgründigen Wiesen auf bedürftige Äcker. – Von Getreidefrüchten können nach außen verkauft werden 250 Schffl. Dinkel, 500 Schffl. Gerste, ebensoviel Haber, 100 Schffl. Weizen und 15 Schffl. Roggen. Der Futterkräuterbau ist bedeutend und steigert sich jährlich. Auch der Wiesenbau ist ausgedehnt, die Wiesen sind zweimähdig, 15 Morgen können bewässert werden.

Der im Abnehmen begriffene Weinbau erstreckt sich auf nur 24 Morgen, die aber in guten Jahren einen trefflichen rothen Wein geben. Die Obstzucht dagegen nimmt in erfreulicher Weise zu; man pflanzt hauptsächlich Mostobst und viel Zwetschgen.

Die Gemeinde besitzt keinen Wald, wohl aber haben die Bürger auf hiesiger und auswärtigen Markungen ziemlichen Privatbesitz an Wald. Aus der Brach- und Stoppelweide und dem Pferch bezieht die Gemeinde jährlich 500 fl., aus 11 Morgen Allmanden 165 fl.

Die Zahl der Pferde im Ort beläuft sich auf 45, meist schöne und wohlgenährte Thiere; die Rindviehzucht (meist Neckarschlag) und Viehmastung ist sehr beträchtlich, zwei Farren sind aufgestellt. Sommers und Winters laufen 360 Bastardschafe auf der Markung. Der Eierhandel von hier aus ist bedeutend.

| Die Schulstiftung mit 1800 fl. wurde im Jahr 1844 von dem damaligen Pfarrer Schauder mit einem Grundkapital von 400 fl. gegründet und von mehreren Wohlthätern auf die jetzige Höhe gebracht.

Eine Viertelstunde gegen Süden heißt eine Flur „Hof“, hier soll ein Männerkloster gestanden haben, das im Bauernkrieg zerstört wurde; man fand hier schon Gebäudeschutt und alte Waffen; in der Nähe der jetzige Staatswald „Mönchswald“, der Eigenthum jenes Klosters gewesen sei. –

Zwischen hier und Herbsthausen stand an der alten Straße bis vor etlichen Jahren ein jetzt abgegangener „Centbaum“, ein großer und vielknorriger Baum. Als das deutsche Reich noch in Centgauen eingetheilt war, war jeder von 100 Centbäumen abgegrenzt, die in Entfernungen von dreiviertel Stunden bis eine Stunde von einander standen. Wurde z. B. in Mergentheim unter deutschorden’scher Herrschaft ein Verbrecher hingerichtet, so mußte Tags zuvor binnen 24 Stunden der Centbote die ganze Centgrenze umreiten, Nachts von ortskundigen Boten mit Laternen begleitet. Aus jedem Centbaum mußte er sich mit seinem Beil einen Span aushauen und dabei die Worte sprechen: „Stehet auf, ihr Todten, und kommt zum Gerichte.“ Die nummerirten Späne mußte er in Mergentheim beim peinlichen Gericht abgeben. Am Tag nach der Hinrichtung umritt dann ein anderer Centbote die Grenze und paßte die Späne wieder an ihren Ort. – Vor etwa 6 Jahren wurden auf hiesiger Markung 8 Goldmünzen, mit türkischem oder Nürnberger Gepräge, gefunden.


Roth, altes Ruit, Rode d. i. gereutetes, gerodetes Land, gieng aus Hohenlohischem Besitz schon 1276 an die Deutschherren zu Mergentheim über. Ein Gütlein daselbst besaß im 14. Jahrhundert die Familie Stolz v. Mergentheim, welche es 1337 an die Frauenklause Neunkirchen veräußerte. Mit deren sämmtlichen Gütern gieng es 1479 an das Frauenkloster Heidingsfeld bei Würzburg und 1534 an den Spital in Mergentheim über. Centbar war Roth gen Mergentheim. Die Schäferei allda erstreckte sich auch über die Markungen Ailringen, Dörtel, Hachtel, Igelstrut, Otzendorf, Alt- und Neu-Hollenbach.

Durch die Umpfarrung von Hollenbach nach Ailringen im Jahr 1629 führte der Deutschorden das Dorf zur katholischen Konfession zurück und pfarrte es in Stuppach ein. 1667 erhielt | es eine eigene Pfarrei durch eine reiche Stiftung des Stadtpfarrers Vögler in Mergentheim. Pfarrer: M. Johs. Markard 1667. . . Karl Jak. Eberlin 1791. Franz X. Wiest 1801. Joh. Alb. Kurz 1833. Franz Jos. Schauder 1837. Alois Neß 1862. Joh. Bapt. Hänle 1867. Joh. Ruf 1875.


? 1245. Konrad v. Roth. W. F. 1849. S. 24.

? Hermannus de Rode, Johanniter-Komthur in Mergentheim. W. F. 1848 II. S. 5.

1276. Heinrich v. Hohenlohe verkauft mit seinem Besitz in Hollenbach auch seinen Neubruch bei Hollenbach, welcher gewöhnlich Ruit genannt wird, an DO. W. F. 4, 120. 5, 138.

1337. Stolz v. Mergentheim, Edelknecht, und Frau verkaufen den Klausnerinnen zu Neunkirchen ihr Gut in Rode für 10 Pfd. Hllr. St.A.

1527. Bei dem Strafgericht, welches der Hoch- und Deutschmeister nach dem Bauernkrieg hält, trifft Roth die hohe Summe von 100 fl., davon den Andreas Weiß allein 46 fl. Schönh. Chron. v. Merg. 60.

1534. Unter den ehemaligen Besitzungen der Frauenklause zu Neunkirchen, welche der Mergentheimer Spital von den Klosterfrauen zu Heidingsfeld kauft, sind auch solche in Roth. Ebend. 36.

1619. Das nach Hollenbach eingepfarrte Weiler Roth wird sammt allen Pfarr- und Schulkompetenzen der katholischen Pfarrei Ailringen de facto inkorporirt. Wib. 1. 717.

1654 ff. Stadtpfarrer Vögler in Mergentheim läßt der Gemeinde eine Kirche und ein Pfarrhaus erbauen und legt einen Pfarrfonds an.


Der Weiler Dörtel, 3/4 Stunden nordwestlich von Roth in dem lieblichen obstreichen oberen Wachbachthale gelegen, und bekannt durch sein früheres Bad.

Das frühere Bad Dörtel. Dörtel liegt in dem Anhydritgebirge. Da die aus demselben kommenden Quellen wegen ihres bitteren Geschmacks zu Trinkwasser nicht geeignet sind, so werden die 3 Röhren des mitten im Ort befindlichen Gemeindebrunnens durch eine 300 Meter lange Brunnenleitung von einer Quelle aus den Muschelkalkschichten über dem Anhydritgebirge gespeist.

Bei dieser Lage des Ortes erscheinen die durch Volkssagen und Urkunden auf uns gekommenen Nachrichten über das „Wildbad“ zu Dörtel [1], daß sich hier früher eine sowohl zum Trinken als zum Baden viel benützte Mineralquelle befand, welche sogar in Fäßchen in das Ausland versandt wurde, sehr glaubhaft.

| Die Quelle soll im Jahr 1689 durch einen Wolkenbruch gänzlich verschüttet worden sein. Bei Nachforschungen, welche im Jahr 1804 die Regierung von Mergentheim anstellen ließ, will man sogar den alten Brunnenkasten und den, aber leider trockenen, rothinkrustirten Kanal dieser Quelle aufgefunden haben.

Im Jahr 1824 brach in einem Viehstall der Deutschorden’schen Hofrait zu Dörtel abermals eine Quelle aus, nach deren Wasser das Vieh so unbändig verlangte, daß es sogar von der Kette losriß, woraus hervorzugehen scheint, daß dieses Wasser salzhaltig war.

Noch jetzt befindet sich neben dem Hause Nro. 10 des Joh. Dörr in Dörtel ein ausgemauerter Brunnenschacht, von dessen Wasser noch vor 40 Jahren der Krug zu 1 Kreuzer verkauft wurde. Die Quelle ist aber jetzt vernachläßigt, durch den angrenzenden Stall verunreinigt und seit der Entdeckung der Mergentheimer Quelle vergessen.


Dörtel, alt Turtal, Turtel, Türtel, vielleicht vom alt- und mittelhochdeutschen Namen der Grasart Trespe turd, also trespenreiches Thal, ist altwürzburgisches Lehen, das in verschiedene Hände kam, wie die Regesten ausweisen. Deutschorden als Besitzer eines Hofguts hatte die Obrigkeit; centbar war der Ort zum Neuhaus. Das Wildbad und der Bronnen ist erstmals 1470 erwähnt (s. u.). 1853 wurde eine evangelische Schule errichtet, welche auch die evangelischen Kinder von Hachtel besuchen.

1221. Heinrich v. Salhach trägt dem Bischof v. Würzburg seine Besitzungen in Turtal und Stuppach auf. Reg. bo. 2, 121.

1346. Hans v. Maienfels, mit seinen 4 geistlichen Brüdern in Murrhard, verkauft seine Gilten zu Türtel, Unterapfelbach und Hauchtel an einen Mergentheimer. W. F. 4, 108.

1366. Die Johanniter-Kommende zu Mergentheim hat Einkünfte in Turtal. W. F. 8, 280.

1404. Vela Holzschuherin zu Mergentheim verkauft Gilten in Turtal etc. an Heinrich Topler, Bürgermeister von Rothenburg. Dieser schenkt sie der Frühmesse Vorbachzimmern.

1420. Leupolt v. Seldeneck verkauft Güter zu Wachbach und Dörtel an DO. (B.)

1421. Agnes Schreiberin zu Mergentheim verkauft Güter zu Turtel, welche sie von Leopold v. Seldeneck erkauft hatte, an Konrad v. Weinsberg. Wib. 4, 83.

1470. Karl Mertin v. Mergentheim und Afra Reglin seine Hausfrau verkaufen ihre Güter und Zehnten zu Turtel, auch 36 Heller Gattergilt | von dem Wildbad daselbst an Deutschorden. Württ. Jahrb. 1836. II. 134.

1501. Das Stadtgericht Mergentheim erkennt, daß die von Türtel nach wie vor ihre Läutseile: zwo Garben, eine Korn und eins Habern, dem Meßner von Wachbach zu geben haben. W. F. 4, 105.

1534. Der Spital in Mergentheim erwirbt von Kloster Heidingsfeld (bei Würzburg) unter den Besitzungen, welche an dieses von der Klause zu Neunkirchen gekommen waren, auch solche in Dörtel. Schönhuth, Chron. v. Merg. 36.

1581. In einem Streit zwischen DO. und den Herren v. Adelsheim zu Wachbach wird wegen des Ordens bei Hans Dotter, Inhaber des Wildbades und Bronnens zu Türtal, hergebrachten Zinsen das Herkommen bestätigt. (Bauer).


Der Weiler Schönbühl, fast eine Stunde nordöstlich vom Mutterort gelegen; bis vor 25 Jahren bestand der Weiler aus 6 gleich stark begüterten Bauernhöfen je mit 85 Morgen Grundbesitz; in letzter Zeit wurden 2 Höfe vertheilt, so daß es jetzt deren 8 sind.

Schönbühl, der schöne Bühl = Hügel, kam noch früher als Roth von den Hohenlohe an den Deutschorden. Gerichtbar war der Ort nach Wachbach, centbar gen Mergentheim.

1219. Andreas v. Hohenlohe erhält durch den mit seinen Brüdern Gottfried und Konrad geschlossenen Theilungsvertrag unter Anderem Sconebuhel mit allen Rechten und dem Zehnten, und schenkt es bei seinem Eintritt in den DO. diesem; desgleichen die Brüder Heinrich und Friedrich v. Hohenlohe, da sie in den Orden treten, 4 Mansen und einen Wald ebendaselbst. U.B. 3, 92. 95.

1453. Mit den Weilern Adolzhausen und Herbsthausen bisher Filial von Hollenbach, wird der Hof Schonbuel mit Herbsthausen bei der Erhebung von Adolzhausen zur Pfarrei dahin eingepfarrt. Wib. 2, 351. (Später nach Ailringen und nach Erhebung von Roth zur Pfarrei dahin).

1739. Der Bauer Kaspar Müller erbaut eine Kapelle.


  1. Württemberg. Jahrbücher Jahrg. 1836 Heft II. S. 134.
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