Beschreibung des Oberamts Stuttgart, Amt/Kapitel A 3

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III. Einwohner.
1. Bevölkerung.
A. Stand der Bevölkerung.

a. Seelenzahl. Das Oberamt enthielt:

am   1. November 1812      24.069 Ortsangehörige.
"
  1.  " 1822 25.688 "
"
  1.  " 1832 28.099 "
"
15. December 1842 30.553 "
"
  3.  " 1822 31.654 "

Von der angehörigen Bevölkerung der Zählung von 1846 waren abwesend 2.814; dagegen Fremde anwesend 1.939. Die ortsanwesende Bevölkerung betrug also 30.779. [1]

Auf eine geographische Quadratmeile kamen, nach dem Stande vom 3. December 1846 8.437 Angehörige und 8.203 Anwesende. Die Dichtigkeit der Bevölkerung ist weit stärker , als die mittlere des Landes [4.947 Angehörige und 4.874 Anwesende auf eine Quadratmeile] und übertrifft diese also um res. 71 und 68 Procent. Der Morgenzahl nach fallen auf 1 Angehörigen 21/16 Morgen Flächenraum.

b. Geschlechtsverhältniß. Bei der letzten Zählung auf den 3. December 1846 waren vorhanden

15.723
männliche, und
15.931
weibliche,
zusammen 31.654
Angehörige.
| Der Überschuß der weiblichen über die männliche Bevölkerung betrug daher 208, oder es kamen auf 1000 männliche 1013 weibliche. Dieser Überschuß belief sind
in dem Jahre 1812 auf   37
"     " " 1822 " 428
"     " " 1832 " 613
"     " " 1842 " 415

c. Altersstufen. Von der Bevölkerung unseres Bezirks standen am 3. December 1846 in einem Lebensalter:

auf
10.000 10.000
männl. weibl. männl. weibl.,0
 unter 6 Jahren   2.563 2.572 1.630 1.614,0
von 06. bis   14 " 2.683 2.817 1.706 1.768,0
" 14 "   20 " 1.701 1.722 1.082 1.081,0
" 20 "   25 " 1.413 1.352   899   849,0
" 25 "   40 " 3.363 3.493 2.139 2.1931,0
" 40 "   60 " 2.896 2.961 1.842 1.858,4
" 60 "   70 "    747    746    475    468,0
" 70 "   80 "    324    243    206    153,0
" 80 "   90 "      33      24      21      15,0
" 90 " 100 "        0        1        0        0,6
15.723 15.931 10.000 10.000
31.654


Von der Bevölkerung des Jahres 1822 (1. November) kamen

auf 10.000 Männer: auf 10.000 Weiber:
unter 14 Jahren            3.337      unter 14 Jahren            3.388
von 14–18   " 903      über 14    "   6.612
  "   18–25   " 1.326 10.000
  "   25–40   " 1.923
  "   40–60   " 1.841
    über 60   "      670
10.000


d. Familienstand der Angehörigen am 3. December 1846.

 Verehelichte 10.088   oder  5.044  Ehen.
 Wittwer   660,
 Wittwen 983,
 Geschiedene 54,
 Unverehelichte 019.869,

Die Familienzahl betrug zu gleicher Zeit 7078. Es kamen daher auf 1 Ehe 6,27 , auf 1 Familie 4,57 Personen, während sich der Landesdurchschnitt auf 6,27 und 4,67 berechnet.

Die Familienzahl betrug 1837 : 6.341
" " " 1840 : 6.358
" " " 1843 : 6.489
| e. Kirchliches Verhältniß  im Jahr
1822 1846
 Christen:
α. evangelisch-lutherische 25.611 31.545
α. evan"elisch- reformirte 3
β. römisch-katholische 70 102
γ. von andern christlichen Bekenntnissen
 Israeliten         4         7
25.688
31.654


f. Gewerbs- und Nahrungs-Verhältniß im Jahr 1822
[Die neuern Bevölkerungs-Aufnahmen lassen diese Classifikation unberücksichtigt.]

 Bedienstete:
in Königl. Militär-Diensten 381
"      "     Civil-Diensten 122
"   gutsherrschaftl. Diensten 11
"   Commun.-Diensten 365
Ohne bürgerliches Gewerbe (Rentiere)  57
Gewerbsleute 1.678
Bauern und Weingärtner 2.179
Taglöhner 543
In Almosen stehend      241
zusammen 5.577


B. Gang der Bevölkerung.

(Nach zehnjährigen Durchschnitten von 1812/22 und von 1836/46.)

     a. Geboren wurden jährlich:
1812/22 1836/46
 männliche 515,4 717,6
 weibliche   492,3   682,8
zusammen 1.007,7 1.400,4
darunter uneheliche 78,2 113,2
 Todt kamen zur Welt von 1812/22
 männliche 30,4
 weibliche 22,1
52,5 [2]
     b. Gestorben sind jährlich:
 männliche 401,8 523,9
 weibliche 383,9 517,3
zusammen 785,7 1.041.3
|      c. Wanderungen.
Eingewandert sind jährlich:
1812/22 1836/46
männl. weibl. männl. weibl.
     aus fremden Staaten 3,4 3,4 5,4 5,3
     aus andern Orten des Inlandes 66,7 85,5 111,1 156,8
70,1 88,9 116,5 162,1
Ausgewandert sind:
     nach fremden Staaten 45,6 42,2 18,6 17,6
     nach andern Orten des Inlandes 52,0 67,9 130,3 170,5
97,4 110,1 148,8 188,1
also mehr aus- als eingewandert: 27,5 21,2 32,3 26,0


     d. Veränderungen im Stande der Ehen.
Neue Ehen sind jährlich im Durchnitt von 1812/22 geschlossen worden
177,5
      und aufgelöst: durch Tod 168,1
      und aufgelöst: durch Scheidung      2,4
170,5


     e. Wachsthum der Bevölkerung und Verhältnisse des natürlichen Zuwachses und Abganges.

In dem Zeitraum von 1812/22 nahm die Bevölkerung zu: um 614 männliche, 1.005 weibliche Personen [0,672 Procent jährlich], von 1836/46 um 1.559 männliche, 1.298 weibliche Personen [0,992 Procent jährlich].

Im ersten Zeitraum betrug der natürliche Zuwachs durch die Geborenen über Abzug der Gestorbenen 2.220, im zweiten 3.591. Das Verhältniß der Geborenen zu den Lebenden ist von 1812/22 = 1 : 24,5 oder es kamen auf 10.000 Einwohner 408 Geburten; von 1836/46 wie 1 : 21,5 oder auf 10.000 Einwohner kamen 466 Geburten. Für das ganze Land stellt sich dieses Verhältniß in der erstgedachten Periode wie 1 : 26,4; in der zweitgedachten wie 1 : 23,3, es kamen nämlich auf 10.000 Einwohner 379 resp. 428 Geburten, wonach die Fruchtbarkeit des Bezirkes in beiden Perioden verhältnißmäßig größer war, als im Durchschnitt des ganzen Landes.

Unter 100 Geburten zählte man von 1812/22 7,8, von 1836/46 8,1 uneheliche, es verhalten sich hienach die unehelichen zu den ehelichen, wie 1 : 11,8 und wie 1 : 11,4. Dieses Verhältniß hat sich also neuerlich etwas verschlimmert, ist aber immerhin noch weit günstiger als das vom ganzen Lande [1 : 8,1 und 1 : 7,8].

Mit Unterscheidung der Geschlechter kommen auf 1000 weibliche Geburten von 1812/22 1.046,9 und von 1836/46 1.051 männliche Geburten. Das Verhältniß der Todtgeborenen zur Gesammtzahl der Geburten war hier von 1812/22 wie 1 : 19,2 und im ganzen Lande wie 1 : 25,9.

Gestorbene kommen auf 10.000 Lebende, von 1812/22 313,8 | [1 : 31,4 Lebende], von 1836/46 346,3 [1 : 28,8 Lebende]. Verglichen mit dem Landes-Durchschnitt [1 : 31,5 und 1 : 29,9] zeigt sich dieses Verhältniß für den ersten Zeitraum nahezu übereinstimmend, für den zweiten aber etwas ungünstiger.

Mit Rücksicht auf die verschiedenen Altersstufen waren durchschnittlich von 1812/22:

Unter 10.000 Gest. männl. Geschl.   unter 10.000 Gest. weibl. Geschl.
 Todgeborene 756 576
unter   1 Jahr 3.960 3.241
von   1 –   7 Jahren 1.322 1.539
"
  7–14     " 299 370
"
14–25     " 361 432
"
25–45     " 712 1.016
"
45–60     " 776 1000
"
60 u. darüber 1.814 1.826
10.000 10.000

Mit Unterscheidung der Geschlechter kommen auf 1000 weibliche Gestorbene von 1812/22 1.047, von 1836/46 1.012 männliche Gestorbene.

Auf 1000 Sterbefälle kommen von 1812/22 1.283, von 1836/46 1345 Geburten; und nach den Geschlechtern: auf 1000 Gestorbene männlichen Geschlechts von 1812/22 1283, von 1836/46 1.370 Geborene gleichen Geschlechts, und auf 1000 Gestorbene weiblichen Geschlechts von 1812/22 1.283, von 1836/46 1.319 Geborene desselben Geschlechts.

Unter 1000 Menschen des natürlichen Zuwachses befanden sich von 1812/22 männliche 512, weibliche 488; von 1836/46 männliche 540, weibliche 460. – Unter 1000 Menschen der Abnahme durch Wanderung waren von 1812/22 männliche 565, weibliche 435; von 1836/46 männliche 554, weibliche 446. – Unter 1000 Menschen des gesammten Zuwachses befanden sich von 1812/22 männliche 379, weibliche 621; von 1836/46 männliche 546, weibliche 454.

In dem Zeitraum von 1812/22 kamen im Durchschnitt jährlich 178 Trauungen vor; es kam hienach jährlich 1 Trauung auf 139,2 Menschen, während im ganzen Lande gleichzeitig 1 Trauung auf 143 Menschen kam.[3]

Unter den einzelnen Gemeinden des Oberamts zeichnen sich nach dem Durchschnitt der 10 Jahre von 1836/46 folgende durch bemerkenswerthe Verhältnisse aus, und zwar:

Durch geringere Sterblichkeit: Ober-Sielmingen, wo unter 1000 Einwohnern 26,2, Leinfelden 26,3, Musberg 26,6, Rohr 27,2, Steinenbronn 28,3, gestorben sind.

Durch größere Sterblichkeit: Gaisburg, auf 1000 Seelen | 40,3 Sterbefälle, Degerloch 40,2, Vaihingen 39,2, Waldenbuch 38,6, Hardthausen 38,3.

Die meisten alten Leute [mehr als 70 Jahre zählende] fanden sich i. J. 1846 zu Ober-Sielmingen, auf 1000 Einwohner 33; zu Degerloch 31,3; zu Unter-Sielmingen 30,6; zu Leinfelden 30,4; zu Steinenbronn 24,9 und zu Waldenbuch 24,5.

Die wenigsten waren zu Ruith, auf 1000 Angehörige nur 8,3; zu Bonlanden 8,7; zu Gaisburg 8,8; zu Bothnang 9,4; zu Stetten 11,7; zu Scharnhausen 13,7.

Die meisten Geburten hatten: Bothnang, auf 1000 Einwohner 55,4; Ruith 51,8; Kaltenthal 50,7; Degerloch 50,6; Hardthausen 50,0.

Die wenigsten zählten: Heumaden, auf 1000 Einwohner 35,4; Leinfelden 37,2; Kemnath 40,2; Plattenhardt 40,8; Rohr 41,2.

Durch die niedrigsten Ziffern der unehelichen Geburten zeichneten sich vortheilhaft aus: Ober-Sielmingen, unter 100 Geburten nur 2,0; Heumaden 2,3; Leinfelden 2,9; Rohr 3,1 und Unter-Sielmingen 3,3.

Die meisten unehelichen Geburten hatten: Gaisburg, unter 100 Geburten 14,5; Bothnang 12,7; Steinenbronn 12,5; Hardthausen 12,4 und Feuerbach 11,7.


2. Stamm und Eigenschaften der Einwohner.


Die Einwohner unseres Bezirks gehören, mit Ausnahme einiger Eingewanderten, dem schwäbischen Volksstamme an. Im Allgemeinen ist der Menschenschlag wohlgebildet, kräftig und ausdauernd, besonders zeichnen sich die Bewohner der Filder von denen der tiefer gelegenen Orte durch körperliche Beschaffenheit aus; sie sind größer, aufrechter und haben regelmäßigere Gesichtsformen, als die zusammengedrängten, gebückter gehenden, übrigens dennoch kräftigen Thalbewohner. Die Ursache dieser Verschiedenheit wird theils in den klimatischen Verhältnissen, besonders aber in der Art der Arbeit zu suchen seyn. Die Bewohner der Hochebene haben bei reiner, gesunder Luft ein beinahe ebenes Land zu bauen, das ihnen reichlichen Ertrag liefert, während in den Thälern, wo Nebel und feuchte Luft häufiger sind, die Bewohner meist Weinbau treiben, und durch unablässige Arbeit die Erträgnisse ihres bergigen Bodens steigern, wobei besonders das von Jugend auf angewöhnte Tragen schwerer Lasten, bei den Männern auf dem Rücken, bei dem weiblichen Geschlechte auf dem Kopfe, die körperliche Ausbildung beeinträchtigt. Die mittlere Größe der Conscriptionspflichtigen im Bezirk Stuttgart beträgt nach einer 5jährigen Durchschnittsberechnung (württ. | Jahrbücher 1833 S. 384 ff.) 5’ 8,62”, was dem Oberamtsbezirk Wangen, so im Durchschnitt die meisten großen Männer vorkommen nur um 0,25” nachsteht, und das Oberamt Maulbronn, welches in dieser Beziehung die ungünstigsten Resultate lieferte, um 0,55” übertrifft. Unter 1000 Conscriptionspflichtigen hatten 221 eine Größe von 6’ und darüber. Untüchtig wegen Gebrechlichkeit erscheinen nach der durchschnittlichen Berechnung unter 1000 Pflichtigen 426, was gegen das Minimum 250 (O.A. Mergentheim) ein ungünstiges Verhältniß liefert; günstiger ist die Zahl der wegen allgemeiner Körperschwäche und Kränklichkeit Untüchtigen, indem der Bezirk unter 1000 nur 31 zählte (das Maximum Ulm mit 157, das Minimum Saulgau mit 26).

Endemische Krankheiten kommen im Allgemeinen nicht häufig vor. Kretinenartige Erscheinungen zeigen sich auf den Fildern bei der hohen und freien Lage der meisten Ortschaften nur ausnahmsweise. In Gaisburg dagegen sind Kröpfe und Kretinismus nicht selten; auch in Scharnhausen, welches in dem Körschthale liegt, das hier, weil das Thal eine Biegung macht, von Winden nicht durchstrichen werden kann und kalten Nebeln ausgesetzt ist, kommt der Kretinismus vom Kropf bis zum ausgebildeten Blödsinn vor; hier sieht man auch manche verwachsene, zwergartige Gestalten und bei der Conscription können häufig nur wenige zum Militärdienst Tüchtige ausgehoben werden. Unter der ärmsten Klasse der Bewohner von Echterdingen, Plattenhardt und Plieningen gibt es Blödsinnige und einige sehr ausgebildete Kretinen. Wechselfieber waren in Gaisburg vor Austrocknung des verlassenen Neckarbetts heimisch. In Bonlanden war diese Krankheit, ehe der See an der Westseite des Orts trocken gelegt wurde, ebenfalls endemisch. Die in höher gelegenen Filderorten am häufigsten vorkommenden Krankheiten sind der Typhus, rheumatische Fieber und Entzündungen der Athmungswerkzeuge. Der Typhus zeigt sich am häufigsten in Plattenhardt, Bonlanden, Echterdingen, Plieningen und Bernhausen. Innerhalb acht Jahren sind drei sehr bedeutende Typhus-Epidemien in Bonlanden, Bernhausen und Plattenhardt, im Ganzen mit 1000 Kranken, davon in Plattenhardt allein 500, vorgekommen. Früher waren Kemnath und Plieningen von ausgedehnten und perniciösen Epidemien heimgesucht, deren man sich heute noch mit Schrecken erinnert.

In fast epidemischer Ausbreitung kam der Typhus innerhalb 8 Jahren auch in Sielmingen, Scharnhausen, Musberg, Plieningen, Echterdingen und Birkach vor. Eigenthümlich ist, daß diese Krankheit bis jetzt in den drei Orten Plattenhardt, Bernhausen und Birkach, in welchen sie in epidemischer Ausbreitung auftrat, an dem nordwestlichen Ende der Orte anfing und von da ganz nach den Häuserreihen sich weiter verbreitete. An diesen | drei Orten sind die nordwestlichen Seiten von Bäumen frei und somit den Winden zugänglich, was der Entstehung und Entwicklung der Krankheit Vorschub geleistet haben mag. Die rheumatischen Fieber, welche auf der Filder-Hochebene, wo beständig starke Luftzüge statt finden, beinahe immer mit Friesel-Eruption verbunden sind, die große Neigung hat chronisch zu werden, zeigen sich am häufigsten in Bonlanden, Plattenhardt, Sielmingen und Bernhausen. Der Friesel wird zum Theil durch die Lebensweise und die Unreinlichkeit der Bewohner begünstigt; da mit den Kranken sich Gesunde zusammenlegen, so kann es nicht fehlen, daß sich die Krankheit immer mehr verbreitet. In Bonlanden und Plattenhardt sieht man Männer, Weiber und Kinder, die mit Friesel behaftet sind, und unter diesen Personen, die ihn schon mehr als 20mal gehabt haben. Als Folgekrankheit dieser rheumatischen Krankheiten und des Friesels kommen sehr häufig Wassersuchten vor, während der Krankheit selbst wird die nöthige Diät selten beobachtet, besonders ist dieß bei den Wöchnerinnen der Fall, denen nach althergebrachter Sitte die Gevatterinnen öfters Speise kochen, wobei Wein-und Mostsuppe mit Milch, Eiern, Safran, Zimmt, Muskatnuß etc. nicht fehlen dürfen. Entzündungen der Luftwege sind auf den Fildern sehr häufig, besonders werden die Einwohner von Plieningen, Hohenheim, Bernhausen, Birkach, Kemnath und Heumaden und das hoch und frei gelegene Weidach hievon heimgesucht. In Bonlanden, Harthausen und Plattenhardt sind Brust- und Lungenentzündungen nicht selten. Dagegen kommt in Harthausen die sogenannte Halsbräune sehr häufig vor, was auch in Sielmingen und Ruith der Fall ist. Die Scropheln sind unter den Handwerkern, welche eine sitzende Lebensweise führen, besonders den Webern, ziemlich verbreitet; auch sind Hämorrhoiden nicht selten.

In Feuerbach, wo die Nordostwinde freien Zutritt haben und die Einwohner wegen der hohen Lage der Weinberge und Steinbrüche vielfachen Erkältungen ausgesetzt sind, zeigen sich in Folge dieses häufig entzündliche Lungenkrankheiten, Auszehrung und Wassersucht. Die Hauptbeschäftigung der Bothnanger, welche in Bleichen und Waschen besteht, ist mit vielen Erkältungen verbunden und führt bei den Frauen nicht selten schwere Geburten und Fehlgeburten herbei.

Der Volks-Charakter ist im Allgemeinen gut und spricht sich durch Offenheit, Redlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit und Religiosität vortheilhaft aus. Die sogenannten Marktleute, welche beinahe täglich mit Stuttgart verkehren, wie die Bewohner der Orte, welche der Residenzstadt näher liegen, haben freilich zum Theil die einfachen Sitten der Landbewohner abgelegt und dafür nur die Schattenseiten des Städters aufgefaßt und angenommen. Mit dieser Veränderung geht Hand in Hand auch die | Umwandlung der ländlichen Tracht, die in neuerer Zeit von dem modernen, städtischen Anzug immer mehr verdrängt wird. In den Weinorten ist sie beinahe schon gänzlich verschwunden, während sie sich auf den Fildern noch mehr erhalten hat. Ein Dreispitz, unter diesem eine runde schwarzlederne Kappe, ein blauer oder dunkel melirter tuchener Oberrock oder ein Wams von gleicher Farbe, eine runde oder herzförmige silberne Hemdschnalle auf der Brust, eine schwarze oder dunkelblaue Manchester-Weste, hie und da noch mit großen weißen metallenen Knöpfen besetzt, kurze schwarze, seltener gelbe oder weiße Lederhosen mit hohen Stiefeln oder mit weißen Strümpfen und Bundschuhen machen noch in den meisten Orten die gewöhnliche Sonntagskleidung der Filderbauern aus, welche bei den ledigen Burschen nur darin abweicht, daß diese statt der Röcke Wämser von blauem Tuche, häufig mit weißen Metallknöpfen, schwarze Manchester-Westen und Kappen mit Pelz verbrämt tragen. Die frühere eigenthümlichere Fildertracht findet man nur noch in den Orten Echterdingen, Leinfelden, Ober- und Unter-Aichen, Stetten, Musberg, Rohr. Sie besteht in einem gewöhnlichen einreihigen Oberrocke von gebleichtem Reusten, 2 silbernen über der schwarzen Halsbinde vorn am Hemdkragen befestigten Kugelknöpfen, einem das Hemd zusammenhaltenden silbernen Herze unter dem Halse, scharlachrothem Brusttuch mit einer Reihe silberner Rollknöpfe, weißen oder gelben Lederhosen, unter den Knieen mit schwarzen herabhängenden Bändern gebunden, weißen Strümpfen und s. g. Bundschuhen, statt der in früherer Zeit getragenen Schuhe mit großen weißen Schnallen.

In der neuesten Zeit findet in den Orten nahe bei Hohenheim, die Tracht der Hohenheimer Landbaumänner, in einer Blouse und in einer sogenannten Cerevismütze bestehend, manche Nachahmung. Bei dem weiblichen Geschlecht ist das deutsche Häubchen, welches junge Mädchen recht gut kleidet, noch ziemlich üblich. In die zwei über dem Rücken hängenden stattlichen Zöpfe werden an Sonn- und Festtagen lange Taffent- oder Seidenbändel geflochten, die bis zum Saum des Kleides herabhängen. Die Kleider selbst sind meist von dunkler Farbe, aus Barchent oder Zeuglen gefertigt und haben in ihrem Zuschnitt gerade nichts Eigenthümliches, aber etwas Ernstes und Solides. Übrigens findet auch bei dem weiblichen Geschlecht die städtische Kleidertracht täglich mehr Eingang, die namentlich durch Mädchen, welche in Städten dienen und nach Jahren in schmucke Stadtjungfern umgewandelt, in die Heimath zurückkehren, dahin verpflanzt und von Manchen nachgeahmt wird.

Eigenthümliche Gebräuche und Volksbelustigungen finden sich nicht mehr; das früher übliche Eierlesen am Ostermontag hat in den meisten Orten schon vor 30–40 Jahren aufgehört, und ist vor 6 Jahren in | Feuerbach letztmals vorgekommen. Die allgemeinste Volksbelustigung, der Tanz, ist im Oberamtsbezirk, namentlich in den Filderorten seltener als irgendwo. Nur selten wird bei Hochzeiten und Kirchweihen und in Plieningen und Waldenbuch an den Jahrmärkten noch getanzt.[4] In den Orten Bernhausen, Heumaden, Kemnath, Leinfelden, Musberg, Ruith, Scharnhausen, Steinenbronn, Stetten und Ober- und Unter-Sielmingen findet diese Belustigung schon lange gar nicht mehr Statt. Ein alter Gebrauch ist das Pflanzen von Linden auf erhabene Punkte, an Scheidewegen oder an Stellen, wo sich irgend etwas Wichtiges ereignete. Eine schöne Sitte, die nie abgehen sollte. Bei mehreren Gemeinden des Bezirks findet man noch in der Mitte des Dorfs oder sonst auf einem ausgezeichneten Platz desselben eine Linde, unter der sich Abends nach vollbrachter Arbeit und an Sonntagen Alt und Jung versammelt. Besondere Ehre ist diesem Ortsbaum in Heumaden angethan, wo man ihn erst in neuerer Zeit mit einem gemauerten Käse umgeben hat. Andere Gemeinden, die ihn noch besitzen, sind: Möhringen, Plieningen, Bonlanden, Musberg und Weidach, hingegen hat ihn Ober-Sielmingen vor Kurzem abgehauen, zu Ruith ist er in Folge von Vernachlässigung und Mißhandlung abgestorben, und in Kemnath wurde ein nutzbringender Birnbaum an seine Stelle gesetzt. Löblich ist die Sitte, daß man noch in den Dörfern beim Grauen des Tags und am Ende der Abenddämmerung Ave Maria läutet; jenes bezeichnet die Mahnung zur Arbeit, dieses ist Vielen noch eine Aufforderung zum Gebet, wobei gewöhnlich die Worte dienen:

„Ach sei bei uns, Herr Jesu Christ,
Dieweil es Abend worden ist.“

Die Mundart steht zwischen der oberschwäbischen und fränkischen mitten inne. Sie ist nicht so kräftig , aber auch nicht so hart wie jene, und nicht so weich und marklos wie diese. Der Oberschwabe betont z. B. au stets mit vortönendem u öfters so sehr, daß das a gänzlich verschwindet. Der Mittelschwabe spricht einzelne Worte mit vortönendem u, andere mit vortönendem a, der Franke hingegen betont das au durchgängig mit a und zwar häufig so stark, daß das u gar nicht mehr gehört wird. So wird in unserem Bezirk Braut, Kraut, trauen, bauen mit vortönendem u ausgesprochen, was sich ganz dem oberschwäbischen Dialekt nähert, | während Frau, Gau, schauen, thauen mit a betont wird und sich somit der fränkischen Sprechweise anschließt. Im Allgemeinen ist die Mundart die breite schwäbische; sie hat etwas gemüthlich Kräftiges und ist reich an eigenthümlichen, bezeichnenden Ausdrücken.



  1. Die Bevölkerung nach dem Stand vom 3. December 1849 ist ortweise in der Tabelle Nro. I. angegeben.
  2. Über die Todtgeborenen, sowie über die neugeschlossenen und aufgelösten Ehen geben die neuern Listen keine Auskunft.
  3. In den neuern Listen fehlt die Angabe der Trauungen.
  4. Die Kirchweihe wird gehalten am 1. Trinitatissonntag in Heumaden, am Sonntag vor dem 25. Juli in Gaisburg, am Sonntag vor dem Mattheusfeiertag in Bothnang, am 2. Sonntag im Septbr. in Feuerbach, am 17. Trinitatissonntag in Kaltenthal, am 3. Sonntag des Monats Oktober in Echterdingen, Kemnath, Möhringen, Musberg, Plattenhardt, Plieningen, Rohr, Scharnhausen, Steinenbronn, Ober- und Unter-Sielmingen, Stetten, Vaihingen, Waldenbuch, Leinfelden, am Sonntage nach Gallus, Mitte Oktober, in Bernhausen, Bonlanden, Harthausen, am 1. Sonntag im Novbr. in Ruith, an Martini oder am Sonntag nachher in Degerloch, am Sonntag nach dem Karlstag, im Nov., in Birkach.


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