Beschreibung des Oberamts Stuttgart, Amt/Kapitel A 7

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VII. Geschichtlicher Überblick.


1. Politischer Zustand.
Nach den Zeiten der Römer, die in ihren Heerstraßen, welche den Bezirk durchschneiden (s. unten), die hauptsächlichsten Spuren ihres Daseins hinterlassen haben, tritt unser Bezirk in der beurkundeten Geschichte verhältnißmäßig ziemlich spät an’s Licht in der deutschen Zeit, nachdem die Alemannen gegen den Schluß des 3ten Jahrhunderts die Römerherrschaft | in Schwaben gänzlich vernichtet hatten, aber um’s Jahr 536 (in dieser Gegend, in einer nördlicheren schon 496) selbst wieder gegenüber von dem glücklicheren Stamme der Franken in Abhängigkeit gerathen waren.

In der Periode der deutschen Geschichte, in welcher Land und Leute nach Gauen gruppirt wurden, wird nur ein Ort dieses Bezirkes mit ausdrücklicher Zutheilung zu einem bestimmten Gau erwähnt, und zwar Stetten als gehörig zum Fildergau (Steten in pago qui dicitur vf Vildern. Urk. von 1267 im Salemer Schenkungsb. in Carlsruhe 1, 321). Manche Ortschaften des Bezirks mochten wohl unter dem ausgedehnten Neckargau begriffen werden und beim nordwestlichen Theil des Bezirkes kommt der Glemsgau ins Spiel; der nur einmal erwähnte Unterbezirk (Huntare) genannt Glehuntra, in welchen im Jahr 1007 der Ort Holzgerlingen (O.A. Böblingen) gesetzt wird, mochte wohl auch mehrere Schönbuchorte des jetzigen Oberamts Stuttgart begreifen.

Unser Bezirk gehörte zum Herzogthum Alemannien, und zwar zum nördlichsten Theile desselben; denn die Nordwestgrenze dieser Provinz gegen Franken zog sich unterhalb Böblingen und Canstatt; der benachbarte Theil Frankenlands war zwar ursprünglich auch alemannisches Land, welches aber, im Jahr 496, verglichen mit den südlicheren Gegenden, in größere Unterwürfigkeit unter die Franken gerathen war und sogar seinen Namen hatte ablegen müssen.

Die am frühesten auftauchenden Orte des Bezirkes sind Bothnang (Botenanch) und Biberbach, heutzutage Feuerbach, in einer Kl. Hirschauer Originalurkunde von 1075; folgen dann, wenn gleich nicht in gleichzeitigen Originalurkunden, so doch in den nach solchen gemachten Abschriften und Auszügen des Zwiefalter Geschichtschreibers Ortlieb: Bernhausen um 1089, – des Hirschauer Schenkungsbuches die Orte: Degerloch und Vaihingen um 1100, Möhringen um 1105, Riedenberg um 1110, Hohenheim um 1120, Kaltenthal um 1125, Birkach, Gaisburg, Plieningen, Ruith um 1140. Echterdingen wird in gleichzeitiger Urkunde im Jahr 1185 erstmals genannt.

Die Grafschaft über unsern Bezirk, verbunden mit ausgebreiteter Lehens- und Dienstherrlichkeit und reichem Allodialbesitz, gehörte in ältesten Zeiten den mächtigen Grafen von Calw. Bei dem Mangel an Urkunden aus dem frühern Mittelalter kommen zwar nur einzelne Orte vor, wo diese Grafen ausdrücklich im Besitz von Rechten und Gütern erscheinen (Bothnang 1075, Plieningen, Echterdingen, Möhringen, Dienstherrlichkeit über die Herren von Bernhausen, s. Stälin Wirt. Gesch. 2, 375); allein es ist bekannt, daß nach Ableben Gottfrieds, Grafen von Calw und rheinischen Pfalzgrafen († um 1131), der Gemahl seiner Tochter Uta, | Herzog Welf VI. († 1191), in das reiche Gut des Schwiegervaters und somit in einen Haupttheil der Calw’schen Besitzungen eintrat, weßhalb aus den Gütern und Rechten genannten Welfs in diesen Gegenden (s. z. B. bei Echterdingen) sich bestimmte Rückschlüsse auf urspünglich Calw’schen Besitz machen lassen. Jenem Welf wird ein Comitat, wozu namentlich Möhringen gehörte, zugeschrieben (s. d. Stelle im topogr. Theil unter M.), diesen Comitat hatte Welf an Pfalzgraf Hugo von Tübingen gegeben; aus letzterem Umstande erklären sich wohl viele der Besitzungen, welche wir im 13ten Jahrhundert und in der folgenden Zelt in den Händen der Tübinger Pfalzgrafen finden; diese hatten Güter und Rechte namentlich in Birkach, Echterdingen, Möhringen, Plieningen, Stetten, Vaihingen. Möglich indeß, daß einzelne dieser Besitzungen doch ursprünglich tübingisch waren; jedenfalls war dieß, unter Lehensoberherrlichkeit des Reichs, der nördliche Theil des Bezirks, z. B. die Orte Waldenbuch, Steinenbronn; diese Orte gehörten zu dem ausgedehnten Schönbuch, welchen bekanntlich die Pfalzgrafen von Tübingen vom Reiche zu Lehen trugen. Bei dem frühen Sinken dieses Pfalzgrafengeschlechts machte solches schon am Ende des 13. Jahrhunderts namhafte Veräußerungen, namentlich im Jahr 1295 von Möhringen, im Jahr 1297 von Vaihingen an den Spital von Eßlingen. Rechtsnachfolger von all diesen Herren wurden in der ganzen Herrschaft dieses Bezirkes durch allmälige Erwerbung die Grafen und Herzoge von Württemberg (s. bei den einzelnen Orten); Möhringen und Vaihingen sind allein erst in diesem Jahrhundert, im Jahr 1803 (in Folge des von Württemberg am 27. März 1702 zu Paris geschlossenen besonderen Friedensvertrags, durch den Reichsschluß vom 25. Februar 1803), von dem Eßlinger[1] Spital an Württemberg, welches im Jahr 1378 auf Ansprüche an dieselben verzichtet hatte, gekommen. In großer Anzahl angesessen waren mehrere Vasallen und Ministerialenfamilien, welche unter den bereits genannten Grafenhäusern, – denen, was die Gegend von Echterdingen und Plieningen betrifft, die Grafen von Berg und Markgrafen von Burgau noch beizufügen sind – in Lehens- und Dienstabhängigkeit stunden; es treten, zum Theil schon sehr frühe hervor die Herren von Bernhausen (1089), Echterdingen (1200), Frauenberg (bei Feuerbach 1251), Hohenheim (um 1120), Kaltenthal (um 1125, 1270), Möhringen (um 1120), Rohr, Ruith (um 1140), Plieningen (1142) und Scharnhausen (1280). Von Geschlechtern, deren Stammburg außerhalb des Bezirkes lag, und welche hier in zeitweisem | Besitze von Gütern und Rechte waren, sind unter anderen zu nennen: die Herzoge von Urslingen, die Herren von Blankenstein, Gundelfingen, Stammheim, Stoffeln.

Das Amt Stuttgart umfaßte ursprünglich nur die Stadt mit Heslach, Böhmisreut und Gablenberg, ferner die Orte Berg und Gaisburg; neue Erwerbungen bildeten seine allmählige Vergrößerung. Heumaden, Ruith und Scharnhausen gehörten nebst Plochingen zur Vogtei Nellingen (1386. Steinhofer 2, 459), welche jedoch frühzeitig dem Vogt in Stuttgart untergeordnet wurde. Ein anderes Unteramt war das Leinfelder Amt, wozu Leinfelden, Musberg, Ober- und Unter-Aichen, Stetten, Hof und Weidach gehörten. Waldenbuch und Steinenbronn gehörten im Jahr 1480 zum Amt Böblingen. Der Bestand des Amtes nach dem Landbuch von 1623 entsprach den Bezirken der jetzigen Stadtdirection und des Amtsoberamts Stuttgart, nur daß im altwürttembergischen Amt die Orte Plochingen, Nellingen, Obereßlingen mit Hegensberg noch hinzugenommen waren, die neuwürttembergischen Orte Möhringen und Vaihingen aber natürlich fehlten. Genannter Bestand blieb bis zum Jahr 1807 mit der vorübergehenden kleinen Änderung, daß Feuerbach von 1718–1736 dem Canstatter Amte zugetheilt war.

Nachdem von 1606 bis 1608 schon einmal wegen „Vielheit der täglichen Malefizgeschäfte“ das Amt einen besonderen Vogt gehabt hatte, erhielt im Jahr 1675 das Amt abermals einen eigenen Vogt in der Person des damaligen Klosterhofmeisters in Nellingen; schon im Jahr 1689 erfolgte aber die Wiedervereinigung der Amtsvogtei mit der Stadtvogtei, und erst von 1694 an ward mit Ausnahme der kurzen Periode von Georgii 1698 bis Martini 1699, in welcher der Stadtvogt die Verweserei der Amtsvogtei versah, unausgesetzt ein eigener Amtsvogt angestellt, welchem im Jahr 1699 auch eine Wohnung in der Stadt Stuttgart erkauft wurde (s. oben Oberamts- und Gemeindehaushalt), wo sich jetzt noch der Amtssitz befindet.

Der erste eigene, der Schreiberei erfahrene Stuttgarter Amtspfleger wurde im Jahr 1699 gewählt, bis wohin zwei Schultheißen als Amtspfleger bestellt waren, welche die bis zu dieser Zeit an Stadt und Amt gemeinschaftlich ausgeschriebenen landschaftlichen Steuern und Anlagen einzuziehen und an das Bürgermeisteramt in Stuttgart abzuliefern hatten, bei dem auch die Ausstände des Amts zur Verrechnung kamen.

Die Amtsschreiberei blieb mit der Stadtschreiberei bis 1759 vereinigt, in welchem Jahr ein eigener Amtsschreiber bestellt wurde.

Neben dem Amtsschreiber haben übrigens im Stuttgarter Amte bis zur neuen Organisation von 1826 mehrere selbstständige Amtssubstitutionen bestanden, die von dem Oberamte und der Amtsdeputation | mit Substituten besetzt wurden, welche nur von gewissen Geschäften einen Verdienstantheil an den ersteren abzugeben halten und im Übrigen in fast gänzlicher Unabhängigkeit von demselben waren.

Die Verbindung des Amtsdekanats mit dem Stadtdekanat hat unausgesetzt bis zum Jahr 1819, sowie die des Amtsphysikats mit dem Stadtphysikate bis zu der im Jahr 1814 erfolgten Aufstellung eines eigenen Amtsoberamtsarztes bestanden.

Einzig in Beziehung auf die altlandständische Repräsentation und auf die Rechtspflege dauerte die Verbindung des Amtes mit der Stadt Stuttgart auch nach Trennung der übrigen Behörden noch längere Zeit fort. Es blieb nämlich bis zur Aufhebung der altwürttembergischen Verfassung bei dem Herkommen, wornach die Landtagsdeputirten für Stadt und Amt gemeinschaftlich aus der Mitte des Stadtmagistrats gewählt wurden. Ebenso war es bei peinlichen Vergehen im Bezirke das Stadtgericht Stuttgart, an welches die Inquisiten zur Einleitung des peinlichen Prozesses und zur Exekution übergeben werden mußten, und in gleicher Weise war das Stadtgericht Stuttgart in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten Instanz für den Amtsoberamtsbezirk Stuttgart. Diese Einrichtung dauerte für die Criminalfälle bis zu der allgemeinen Justizorganisation von 1811, in deren Folge die Specialuntersuchungen an den in Eßlingen wohnenden Criminalrath der damaligen Landvogtei Rothenberg, zu welcher das Amt Stuttgart gehörte, übergingen; für die Civilrechtspflege aber wurden in Folge besonderer königlicher Entschließung von 1812 unter Aufhebung der Verbindung des Amtsbezirks mit dem Stadtgericht Stuttgart für ersteren wie in anderen Oberämtern die Bildung eines eigenen Oberamtsgerichts angeordnet, welches in Plieningen unter dem jeweiligen Vorsitze des Amtsoberamtmanns aus drei Mitgliedern des Gemeinderaths von Plieningen, vier aus der Mitte des Bezirks gewählten Beisitzern und dem Amtsschreiber als Aktuar bis zur Einführung der jetzigen Oberamtsgerichte im Jahr 1819 fortbestand. Die Amtsvogtei Stuttgart war, so lange das im Jahre 1755 aufgehobene Institut der Obervogteien bestund, der Obervogtei in Stuttgart untergeordnet, das spätere Amtsoberamt wurde bei Errichtung der Kreisämter im Jahr 1806 dem Kreisamte Stuttgart und bei Errichtung der Landvogteien 1810 der Landvogtei am rothen Berg, welche gleichfalls in Stuttgart ihren Sitz hatte, zugetheilt, und steht seit der Errichtung der Kreisregierungen vom 1. Januar 1818 an unter der Regierung des Neckarkreises in Ludwigsburg.

In dem Bestande des Amtsoberamts, das schon unter dem Herzogthume eines der größten Oberämter im Jahr 1789 mit 15.031 Eiwohnern gebildet hatte, sind bei den mehrfältigen Organisationen weitere Veränderungen | nicht eingetreten, als daß im Jahr 1807 die vormaligen Gebietsorte der Reichsstadt Eßlingen, Möhringen und Vaihingen, welche, nach dem Übergange der ersteren unter die württembergische Landeshoheit, im Jahr 1803 dem neu gebildeten Oberamte Eßlingen zugetheilt worden waren, von diesem getrennt und mit dem Amtsoberamte vereinigt, dagegen die alten Stuttgarter Amtsorte Plochingen und Obereßlingen, im Jahr 1808 und Nellingen im Jahr 1811 (zusammen von ungefähr gleich großer Seelenzahl wie Möhringen und Vaihingen) dem Oberamte Eßlingen einverleibt wurden.

Bemerkenswerth ist übrigens, daß die Gemeinde-Organisation des Jahres 1819 in dem Bezirke nur Schultheißen und nicht einen der Schreiberei kundigen Unteramtmann antraf, was daher rührt, daß im Jahr 1762 (in der Zeit des Diensthandels) die von dem Herzog Carl beabsichtigte Aufstellung von Unteramtleuten durch die Bezahlung eines Geschenks in die herzogliche Chatoulle abgewendet wurde, welches in der Summe von 3000 fl. angeboten, in Folge der Unterhandlungen mit dem Herzoge aber auf 4000 fl. festgesetzt und neben dem von der Amtskorporation bewilligten Zuschusse von 1.200 fl. durch verhältnißmäßige, im Wege der Übereinkunft bestimmte Beiträge des Amtsschreibers, der Amtssubstituten und der Schultheißen aufgebracht worden war.

Das Landkameralamt Stuttgart hat erst durch die jüngste Vereinigung und Gleichstellung der Cameralbezirkseintheilung mit den Oberamtsbezirken vom 6. März 1843 seine jetzige Gestalt erhalten, indem das vorher in Weil im Schönbuch bestandene Cameralamt, welches mehrere Orte des Oberamts Stuttgart enthielt, in die Stadt Stuttgart verlegt, die ihm zugetheilt gewesenen Orte der Oberämter Böblingen, Herrenberg und Tübingen davon getrennt und ihm dagegen alle übrigen früher theilweise zu Nellingen und Canstatt gehörig gewesenen Stuttgarter Amtsorte aus den Cameralbezirken Eßlingen, Stadt Stuttgart und Sindelfingen zugewiesen wurden, so daß nun die Bezirke des Amtsoberamts und des Landcameralamts übereinkommen.


2. Kirchliche Verhältnisse.
Daß Klöster sich im Bezirk befanden, hievon findet sich keine Spur; wohl aber waren in demselben begütert nicht nur benachbarte Klöster, wie Bebenhausen (in Aichen, Birkach, Bonlanden, Echterdingen, Feuerbach, Hohenheim, Ittingshausen (s. u.), Kemnath, Musberg, Plieningen, Riedenberg), Denkendorf (in Horw abgegangen bei Ruith, Kemnath), Hirschau (in Birkach, Degerloch, Echterdingen, Feuerbach, Horw, Ittingshausen, Ober-Sielmingen, Riedenberg, Stetten), Zwiefalten (in Horw), sondern auch entlegene, wie Kaisersheim in | Gaisburg, Reichenau in Echterdingen, Salmannsweiler in Möhringen, Plieningen, Steinenbronn, Stetten, St. Blasien in Owen, Horw, Ruith.

Das ganze Oberamt gehörte zum Bisthum Konstanz und zwar 1) zum Archidiaconat an dem Wald: a) Landkapitel Canstatt: Bothnang, und Feuerbach, b) Landkapitel Böblingen: Steinenbronn, Vaihingen und Waldenbuch; 2) zum Archidiaconat Alb und dessen Landkapitel Eßlingen: Bernhausen, Bonlanden, Degerloch, Echterdingen, Heumaden, Kemnath, Möhringen, Plattenhardt, Plieningen, Ruith, Scharnhausen, Sielmingen.

Nach der Reformation bildeten die Ämter Stuttgart und Canstatt mit Nellingen, Berkheim und Denkendorf ein Dekanat (1547. Binder, Württ. Kirchen- und Lehrämter, 105), hierauf (1577) wurde Stuttgart ein eigenes, unter der Generalsuperintendenz Maulbronn stehendes Dekanat (ebend. 111), welches den Bestand des Stuttgarter Amtes, wie er oben nach dem Landbuch von 1623 angegeben ist, umfaßte und mit diesem Amte die in den Jahren 1808 und 1811 eingetretenen Veränderungen theilte. Jetzt ist die Generalsuperintendenz nach Ludwigsburg verlegt. Die Aufstellung des Stadtpfarrers in Stuttgart als Amtsdekan und die Trennung des Amtes von der Stadt in kirchlicher Hinsicht erfolgte den 4. Juni 1819 (s. o.).


3. Besondere Schicksale des Oberamtsbezirkes.

Die bedeutenderen Kriegsereignisse und die damit verbundenen verheerenden Durchzüge, welche diese Gegenden aufregten und zum Theil jämmerlichen Schaden brachten, fallen in die Jahre 1287, 1449, 1525 (s. Degerloch, Plieningen), 1634, 1673 (s. Möhringen), 1693 (s. Vaihingen), 1796 (s. Ruith); sie sind meist mehreren Orten des Bezirks gemein, doch sind sie im topographischen Theile bei den einzelnen Dörfern besonders ausgehoben.


4. Alterthümer.


A. Römische.
In dem Oberamtsbezirke wurden bis jetzt keine Spuren eines bedeutenderen römischen Wohnplatzes aufgefunden, dagegen lagen in der Nähe desselben römische Niederlassungen, wie bei Canstatt, Köngen, Böblingen und Metzingen, von denen wenigstens die zwei ersteren in die Reihe der namhaftesten im Königreich Württemberg gestellt werden dürfen. Von den angeführten Niederlassungen gingen nach verschiedenen Richtungen römische Heer- und Commercialstraßen aus, welche den Bezirk mehrfach | berühren und durchkreuzen. Die wichtigste von diesen ist die römische Consularstraße, welche von Regensburg bis nach Windisch in der Schweiz zog und in neuerer Zeit beinahe in ihrem ganzen Zug wieder aufgefunden und nachgewiesen wurde. Sie führte bei Canstatt über den Neckar, von da unter dem Namen „Steinstraße“ nördlich an dem Pragwirthshause vorüber und erreichte hier den Oberamtsbezirk. Bei der noch außerhalb des Bezirks liegenden Prag, wo schon Grundmauern römischer Gebäude aufgefunden wurden (s. Oberamtsbeschreibung von Canstatt), lief die Straße zwischen dem Wartberg und dem Burgholz durch und weiter bis nach Feuerbach. Auf dem Burgholz wurden schon verschiedene römische Alterthümer zu Tage gefördert, die auf einen römischen Sitz entschieden hinweisen. Von Feuerbach ging die Straße die hohe Warte hinauf und führte weiter auf dem Rücken des Gebirgs fort bis zu der Wohnung des Parkwächters, welche an der Straße von Bothnang nach der Solitude steht. Hier theilte sie sich, während ein Arm über die Solitude, wo sie die Oberamtsgrenze überschreitet, nach Pforzheim führte, zog der andere, die Consularstraße, von der Wohnung des Parkwächters durch den königlichen Park, östlich am Pfaffensee vorüber gegen den Christophsstollen und von da den Pfaffenwald hinauf bis zur sogenannten Kapelle bei Vaihingen auf den Fildern. Nur einige 100 Schritte von der Kapelle entfernt, entdeckte man im Frühjahr 1833 auf dem sogenannten Entelbang Spuren römischer Gebäude und eine Menge Bruchstücke römischer Gefäße von den verschiedensten Formen und Massen, namentlich viele von terra sigillata mit geschmackvollen Verzierungen, Laubwerk, Thierfiguren etc. (s. württ. Jahrb. 1833 I., 193). Von der römischen Niederlassung bei Canstatt bis hieher beträgt die Entfernung 6 römische Millien und von dem Entelbang bis Böblingen eben so viel. Die Gebäude standen demnach auf der Hälfte des Wegs zwischen den römischen Niederlassungen bei Canstatt und Böblingen. An der oben erwähnten, etwa aus einem ursprünglich römischen Wachgebäude entstandenen Kapelle machte die Hauptstraße eine Wendung und zog auf die Anhöhe des Vaihinger Gemeindewaldes bis zur sogenannten Huttenseiche, in deren Nähe sie den Oberamtsbezirk verläßt. Der weitere Zug der Straße ging über Böblingen, Rottenburg u. s. w. Die durchgängig gepflasterte Straße hatte eine 12-14’ breite Fahrbahn und eine wallartige Anlage; sie ist an mehreren Stellen noch sichtbar, übrigens ruht sie meist 1–2’ unter der Oberfläche und wird namentlich auf den Feldern nicht selten mit dem Pfluge erreicht. Die nähere Beschreibung über den Zug und die Structur derselben s. württ. Jahrbücher 1833 I. S. 196 und 1834 II. S. 383. Eine Seitenstraße lenkte zunächst der Kapelle ab, und zog unter den Benennungen „Heerstraße, Heerweg“ auf der Markung Vaihingen | über den Sindelbach, wo die Übergangsstelle noch gegenwärtig die „Heerfarth“ genannt wird; von hier ging sie weiter am Fasanenhof vorbei, über die Poststraße von Degerloch nach Echterdingen, überschritt in der Nähe derselben den Hattenbach, führte gegen Bernhausen, von da über die Gemarkung Unter-Sielmingen und trat zwischen letzterem Ort und Neuhausen aus dem Bezirk; weiter hatte sie ihren Zug südlich an Denkendorf vorüber bis zu der römischen Niederlassung bei Köngen im Oberamt Eßlingen.

Außer diesen führten noch folgende Römerstraßen durch den Oberamtsbezirk. Eine von Aich herkommende, jetzt „Hochsträß, Heuweg (Höweg)“ genannt lief auf dem Bergrücken zwischen dem Aichthal und dem Bonbachthal gegen den Uhlberg, wo sie in den Bezirk eingeht. Von dem Uhlberg hatte sie ihren Zug an Plattenhardt vorüber und allen Anzeigen nach auf dem Gebirgsrücken zwischen der Filderebene und dem Reichenbachthal fort gegen den sogenannten Hairenwald am Fuß der Federlensmad und weiter durch den Schönbuch nach der römischen Niederlassung bei Böblingen. Eine zweite, die ebenfalls von Aich herkommt, zieht 1/4 Stunde südlich von Bonlanden unter dem Namen „Schanzheckle“ später Airenweg in den Bezirk und führt schnurgerade der ehemaligen Burg in Bonlanden zu. Von hier hatte sie ihren geraden Zug gegen den Punkt, der zu Horb genannt wird und wo römische Alterthümer gefunden wurden. Von da wendet sie sich etwas östlich und führt unter dem Namen Reitweg gegen die römische Heerstraße, welche von Köngen über Bernhausen nach Vaihingen zog. Eine dritte, ebenfalls von Aich herkommende alte Straße führt unter der Benennung „alte Heerstraße“, auch „grasiger Weg“ nach Harthausen, von da ganz gerade nach Unter-Sielmingen, weiter bis zur Neumühle, wo sie die Kersch überschreitet und am südlichen Thalabhang als tiefer Hohlweg hinauf nach Kemnath läuft. Von Kemnath hatte sie ihren Zug an dem längst abgegangenen Ort Ow vorüber. Der Name, die zweckmäßige, gerade Führung und die bei Harthausen und Kemnath nahe der Straße aufgefundenen römischen Alterthümer gestatten die Anlage dieser alten Heerstraße ebenfalls den Römern zuzuschreiben.

Aus diesem Allem geht hervor, daß mehrere über die Filderebene ziehende Römerstraßen bei Aich zusammenliefen und gemeinschaftlich über das Aichthal führten. Der Übergangspunkt war trefflich gewählt, da auf ausgedehnte Strecken sowohl thalauf- als thalabwärts die Terrainverhältnisse nirgends sich so günstig gestalteten, wie gerade auf diesem Punkte.

Noch ist einer alten Straße zu erwähnen, deren erste Anlage nach den wenigen von ihr übrig gebliebenen Resten, nach ihrer Richtung und | nach den Benennungen, die ihr streckenweise noch zukommen, in die frühesten Zeiten gesetzt werden darf. Über die Markung Nellingen, Oberamts Eßlingen, soll früher in der Richtung gegen Scharnhausen ein alter Weg gezogen seyn, von dem die an ihm gelegenen Güter noch jetzt „im Heerweg“ genannt werden. Von Scharnhausen führt derselbe auf der Anhöhe rechts der Körsch und wird dort der „Reitweg“, später das „Schelmenwegle“ genannt. Er zieht an dem sogenannten „Schelmenthor“ vorüber und östlich von Plieningen über einen Felddistrict, der „Thurm“ genannt. Sein weiterer Zug, jedoch nur als Fußweg, zieht südlich an Plieningen vorüber in der Richtung gegen Echterdingen. Von Echterdingen scheint die Vicinalstraße nach Leinfelden und Musberg auf ihn gegründet zu sein; bei Musberg führt er über das Reichenbacher Thal und in seiner geraden Verlängerung die alte Häfnersteige hinauf über das „rothe Steigle“ nach Böblingen. Vom rothen Steigle an erhält er den Namen „Heuweg“ (Höweg). Da bekanntlich bei Böblingen eine römische Niederlassung war, und die Reste dieses Wegs mit seinen ominösen Benennungen beinahe schnurgerade dahin führen, so wird die Vermuthung, derselbe verdanke seine erste Anlage den Römern, keine zu gewagte seyn.

Einzelne Spuren römischer Niederlassungen sind:

1) Etwa 1/4 Stunde nordöstlich von Bothnang, auf der Spitze eines Flachrückens zwischen dem Feuerbachthal und dem Gnauppenthälchen, wird eine Stelle „Unter-Bothnang“ genannt, an der man schon öfters beim Pflügen auf Mauerreste und Gebäudeschutt kam, und wo sich auch schon Bruchstücke von römischen Ziegeln, Heizröhren und Gefäßen, letztere zum Theil von terra sigillata, zeigten.

2) Die Überreste eines römischen Wohnplatzes auf dem Entelbang bei Vaihingen (s. oben).

3) Ungefähr 200 Schritte nördlich von Stetten auf den sogenannten Zeil- oder Holderäckern, wo nach der Sage ein Schloß gestanden seyn soll, fand man ausgedehnte Mauerreste, Souterrains, zu denen steinerne Staffeln führten, ferner eine Menge römischer Ziegel, Bruchstücke von Heizröhren und Gefäßen von Glas und Thon, namentlich viele von Siegelerde, die mit Figuren schön verziert waren, bemalte Wandreste u. s. w. Östlich von dieser Stelle führt ein alter Weg, „Reitweg“ genannt, vorüber.

4) Eine halbe Stunde nördlich von Plattenhardt, wo der eben genannte Reitweg den sogenannten Horberweg kreuzt, soll ein Schloß gestanden seyn. Auch hier sind noch Bruchstücke römischer Ziegel und Reste von Estrichboden übrig.

5) Am sogenannten Pfaffenweg, der von Bonlanden nach Plattenhardt | führt, auf einem Vorsprung gegen ein sanftes Wiesenthälchen, stößt man auf Grundmauern, bei denen sich römische Ziegel, Bruchstücke römischer Gefäße u. s. w. vorfinden.

6) Etwa 1/8 Stunde nordwestlich von Harthausen, auf den sogenannten Brandäckern, am Abhange gegen das hier beginnende Wucherbachthälchen bei den Ziegeläckern auf Bonlander Markung, südöstlich von dem auf der Markung Ober-Sielmingen gelegenen Heidenfeld, findet man gleichfalls Mauerreste, römische Ziegel, Fragmente von Heizröhren, Gefäßen u. s. w.

7) Auf den sogenannten Schlößlesäckern, 1/2 Stunde südwestlich von Degerloch, wo ein Schloß gestanden haben soll, fanden sich neben römischen Ziegeln auch noch Gefäßfragmente von Siegelerde mit Verzierungen.

8) Auch in Kemnath stößt man hie und da auf Grundreste römischer Gebäude.

9) Zwischen Waldenbuch und Dettenhausen auf dem sogenannten „Braunacker“ , wo zunächst ein kleiner römischer Altar (jetzt im Königl. Museum der bildenden Künste), dessen Inschrift leider verwittert ist, entdeckt wurde, soll ein Schloß versunken seyn.

Von Resten von Verschanzungen, von denen manche noch römisch seyn mögen, die übrigen dem Mittelalter angehören, sind folgende hervorzuheben:

Der Wachhügel auf der Hohwart bei Musberg (um diesen Hügel lagern 3 sogenannte keltische Grabhügel, auch eine Bronzemünze vom Kaiser Hadrian wurde unfern desselben gefunden), die Riesenschanze oder der Heidengraben auf der Federlensmad bei Echterdingen (viereckig, an vielen Stellen noch 5’ hoch, jede Seite 110 Schritte lang, mit einem Eingang auf der Ostseite, ursprünglich von einem jetzt ziemlich verflachten Graben umgeben; in ihrer Nähe sind, regellos zerstreut, etwa 30 Grabhügel, Württ. Jahrb. 1833 II. 363), die Schanze auf dem alten Kriegs- oder Schelmenacker bei Steinenbronn, der Schloßberg bei Musberg, der Hoheburgstall und der mit einem Graben umgebene Hügel bei Rohr.


B. Deutsche.
Hier kommen zunächst in Betracht die sogenannten celtischen Grabhügel. Außer den bereits erwähnten, welche bei Musberg und bei Echterdingen sich finden, trifft man noch dergleichen, gegen 80 an Zahl, in dem sogenannten Weilerhau oder Bückeleshau bei Plattenhardt; vier von diesen, welche geöffnet wurden, lieferten Ringe, Fibeln, Haarnadeln von Bronze und Bruchstücke von eisernen und thönernen Gefäßen (Württ. Jahrb. 1830, I. 38): ferner sind in dem Wald Bildhau noch gegen 30, | und im Leinfelder Gemeindewald Mittlerer Berg noch 3 Todtenhügel vorhanden.

Mittelalterliche Burgen, von denen vermuthlich einzelne auf den Grund römischer Befestigungen erbaut wurden, waren namentlich: Bernhausen, Bonlanden, Echterdingen, Hohenheim, Kaltenthal, Frauenberg, diese und eine weitere Burg, deren Name unbekannt ist, bei Feuerbach, Plieningen, Rohr, Ruith, Waldenbuch, Leiningsburg bei Scharnhausen und eine zweite, die ob Scharnhausen und dem längst abgegangenen Ort Wernizhausen (Oberamts Eßlingen) lag. Sämmtliche Burgen sind beinahe ganz verschwunden und nur mit Mühe findet man von einzelnen noch Spuren von den ehemaligen Gräben und Wällen.

Abgegangene Orte sind: Büsnau bei Vaihingen, von dem übrigens noch ein kleines Haus steht, Owen zwischen Heumaden und Kemnath, Horw bei Ruith, Reichenbach im Reichenbacher Thal, Rechten und Diemarsweiler bei Plattenhardt, Dachgraben auf der Markung Bernhausen, Hagenbuch zwischen Echterdingen und Möhringen, Nenkersweiler bei Stetten, und Ittingshausen bei Degerloch.



  1. Das Dorf Ober-Sielmingen, sowie Güter und Rechte zu Musberg, Rohr, Bernhausen, Degerloch und Münchingen, welche Eßlingen gehörten, wurden schon am 7. April 1557 von Württemberg eingetauscht.


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