Beschreibung des Oberamts Stuttgart, Amt/Kapitel B 20

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Ruith,
Gemeinde III. Kl. mit 855 Einw., wor. 1 Kath. – Ev. Pfarrei; Kath. nach Neuhausen eingepfarrt.

Das Pfarrdorf Ruith liegt 2 Stunden südöstlich von Stuttgart, der ursprüngliche Ortsname „Rieth“, so viel als nasser Wiesengrund, Sumpf, stimmt mit der Lage des Dorfs insofern überein, als dasselbe gerade am Anfang des Buchenbronnenthälchens in einer weiten, sehr flachen, früher ohne Zweifel sumpfigen Mulde liegt. Durch den Ort führt die nächste Straße von Stuttgart nach Kirchheim, welche Nachbarschaftsstraßen mit Hedelfingen und Scharnhausen verbinden. Ruith hat vorzügliches Trinkwasser in hinreichender Menge, vermöge seiner hohen Lage sehr gesunde, reine Luft und eine ausgedehnte Aussicht, welche durch einen großen Theil der Alp (von Hohenstaufen bis gegen die Lochen) begrenzt ist. Eine besondere Erwähnung verdient der 1/4 Stunde südöstlich vom Ort gelegene Eichelbrunnen, dessen starke Quelle wohl schon seit Jahrhunderten gut in Steine gefaßt und wegen ihres vorzüglichen und heilsamen Wassers berühmt ist. Die Stelle bietet eine überraschende Aussicht nach der Alp und in das nahe gelegene Neckarthal, besonders über die Stadt Eßlingen. Der Brunnen wird von Leidenden häufig besucht, der Ablauf desselben dient zur Bewässerung der nahe liegenden Wiesen.

Am östlichen Ende des Dorfs steht die unansehnliche Pfarrkirche, deren Bau nichts Alterthümliches hat; in ihrem Innern befindet | sich das Bild des Gekreuzigten in Holz geschnitten (etwa aus dem Ende des 15ten Jahrhunderts) und ein Familiengemälde, das zwischen 1611 und 1618 von dem damaligen Schultheiß Bläsius Hörmann und seiner Ehefrau gestiftet wurde. Der viereckige, 1817 neu aus Holz erbaute Thurm enthält zwei Glocken, eine von 1588, die andere von 1782. Der ummauerte, die Kirche umgebende Kirchhof dient, nachdem 1840 der Begräbnißplatz außerhalb des Orts verlegt wurde, nun als Gemeindebaumschule, deren Besorgung dem Schulmeister behufs der Unterweisung der Schulknaben in der Obstbaumzucht übertragen ist. Die Baulast der Kirche hat die Stiftungspflege und bei deren Unvermögenheit die Gemeinde zu tragen. Das gut erhaltene, bequeme Pfarrhaus, welches der Staat zu unterhalten hat, liegt zunächst der Kirche von allen Seiten frei mit reizender Aussicht an den östlichen Theil der Alp.

Die Schule (früher in den unteren Räumen des Rathhauses befindlich) wurde im Jahre 1842 mit einem Aufwand von 3218 fl. neu erbaut; sie enthält zugleich die Wohnung des Schulmeisters, neben dem noch ein Lehrgehülfe angestellt ist. Eine Industrieschule, unterstützt von der Centralleitung des Wohlthätigkeitsvereins, besteht seit 1832. Das alte, übrigens noch gut erhaltene Rathhaus wurde nach einer, über dem früheren Eingang eingeschnittenen Zahl zu schließen, 1598 erbaut. In der Rathsstube befinden sich 8 gute Glasgemälde mit den Jahreszahlen 1628, 1629, welche von Ruither Rathsverwandten und Bürgern dahin gestiftet wurden; erwähnenswerth ist eine Scheibe, auf der ein Mann in stattlichem Costüm, auf einem Schimmel reitend, abgebildet ist, mit der Aufschrift: „Hans Wackher wirdt und gastgeb allhie anno 1628.“ In der Nähe des Rathhauses steht das im Jahr 1840 erbaute Gemeindebackhaus mit einer gleichfalls dem allgemeinen Gebrauche dienenden Dörr- und Branntweinbrennereieinrichtung.

Die Einwohner sind wohlgebaut, kräftig und erfreuen sich einer dauerhaften Gesundheit. Sie schaffen sich durch Sparsamkeit und Fleiß ihr Fortkommen. Feldbau und Viehzucht bilden in Verbindung mit Taglohnarbeiten, hauptsächlich auf den Gütern der königl. Domäne Weil, ihre Hauptnahrungsquelle. Die Summe der auf dem Grundeigenthum versicherten Passivcapitalien der Ortsangehörigen belief sich vor den Theurungsjahren auf 196.500 fl., der Grundbesitz der vier bedeutendsten Güterbesitzer besteht in 44, 36, 28 und 22 Morgen. Die beinahe ganz ebene Feldmarkung hat durchaus einen tiefgründigen, sehr ergiebigen Diluviallehmboden, dem durch verständigen Anbau und durch die Anwendung des auf der Markung vorkommenden Mergels der möglichste Ertrag abgewonnen wird. Die Einwohner sind für landwirthschaftliche Verbesserungen sehr empfänglich und waren unter den ersten im Bezirke, | welche den flandrischen Pflug einführten. Die gewöhnlichen Halmfrüchte werden gebaut und von diesen, unerachtet der im Verhältniß zur Einwohnerzahl nicht großen Markung, ziemlich viel Dinkel und Haber nach Außen, namentlich nach Eßlingen, verkauft. Die Ernte ist bei 1 Schffl. Dinkelaussaat 8–12 Scheffel, bei 4 Simri Gerstenaussaat 6 Scheffel und bei 5 Simri Haberaussaat 7 Scheffel vom Morgen. Roggen wird nur des Bindstrohs wegen gebaut. Die durchaus eingebaute Brache liefert die gewöhnlichen Erzeugnisse; Futterkräuter werden um des namhaften Viehstands willen, sehr viel gebaut. Die Ackerpreise gehen von 400–650 fl. per Morgen. In kleinen Gärtchen werden Gemüse, Salat u. dgl. meistens aber Kraut- und Angersensetzlinge gezogen; auch baut man in eigenen Ländern viel Hanf von guter Sorte, welcher meist auf benachbarten Märkten und auch im Ort selbst zum Verkauf kommt. Die Ortsangehörigen besitzen etwa 60 Morgen Weinberge, welche sämmtlich in die Ortskelter gebannt sind, von denen übrigens nur 8 Morgen auf der Orts-Markung, die übrigen auf der Markung des vormaligen Klosters Weil liegen. Der Morgen wird mit 800–1000 fl. bezahlt und erträgt in mittleren Jahren 41/2 Eimer, welche zu 25–30 fl. verkauft werden. Von der Bedeutung der immer noch zunehmenden Obstzucht zeugen besonders die schönen starken Bäume an den Vicinalstraßen. Es gedeihen namentlich Luiken, Fleiner, Palmischbirnen, Brat- und Weinbirnen; Steinobst findet sich weniger. Die jungen Stämme werden theils von Weingärtnern aus dem Ort selbst, theils von Eßlingen und in neuerer Zeit auch aus der Ortsbaumschule bezogen. Obst wird zum Hausgebrauch gemostet, meistens aber von Fremden aufgekauft. Der jährliche Durchschnitts-Ertrag belauft sich auf 4000–4500 Simri; im Jahr 1847 wurden 8000 Simri gewonnen. Die Wiesen sind ergiebig, alle 2mädig und können meist bewässert werden. Die Preise stehen zwischen 400 und 800 fl. per Morgen. An Waldungen besitzen die Einwohner von Ruith etwa 150 Morgen, die mit Laubholz gut bestockt sind, der Ertrag ist aber weit nicht für das örtliche Bedürfniß hinreichend. Pferde werden nur um des Feldbaues und des Verdienstes mit Fuhrwerk willen gehalten und nicht gezüchtet, dagegen ist die Rindviehzucht durch Kreuzung mit Simmenthalerrace sehr im Emporkommen begriffen; es wird ziemlich Mastvieh gezogen und verkauft. An Schafen werden 2–300 Bastarde, welche den Sommer über auf der Alp weiden, im Ort überwintert. Die Schweinzucht ist so in der Zunahme begriffen, daß für etwa 20 Mutterschweine, welche sich gegenwärtig im Orte befinden, ein Eberschwein zur Zucht aufgestellt wurde. Die Verbindlichkeit, Farren und Eber zu halten, ruht auf einem zum Pfarreinkommen gehörigen Widdumgute. | Das Schafübertriebsrecht, welches der herrschaftlichen Schäferei zu Kemnath zustand, hat die Gemeinde abgelöst. Gewerbe sind wenig vorhanden, nur die Weberei wird Winters von Manchen betrieben. Auch sind 2 Schildwirthschaften und 2 Krämer im Orte.

Die Gemeinde besitzt außer 17 Morgen Waldungen, deren Ertrag für Heizung der Schule und des Rathhauses kaum hinreicht, 91/8 Mrg. Allmand und Weiden, die in neuerer Zeit mit fruchtbaren Bäumen ausgesetzt wurden. Die Schulden der Gemeindepflege betragen über Abzug ihres Activvermögens 4485 fl., so daß jährlich 1300 fl. Gemeindeschaden umgelegt werden müssen, während der Staatssteuerbetreff nur 742 fl. beträgt. Gemeindenutzungen finden aus diesem Grunde nicht statt. Das Geldvermögen der Stiftungspflege besteht nach der Rechnung von 1845/48 in 675 fl., worunter eine Stiftung von 315 fl. sich befindet, welche im Jahre 1825 der Finanzminister v. Weckherlin und der Staatskassier Steinheil in dankbarem Andenken an den Ort, wo ihre Gattinnen, Töchter des verstorbenen Pfarrers Scholl, geboren sind, mit der Bestimmung gemacht haben, daß deren Ertrag zweimal jährlich an den Geburtstagen der genannten Frauen je einer lobenswürdigen Schülerin übergeben werden soll.

Den großen und den Weinzehenten auf der Markung von Ruith, sowie auf der des abgegangenen Weilers Horb, bezog bis zum Jahr 1824 der Staat, welcher diese Rechte im gedachten Jahr der Stiftungsverwaltung zu Eßlingen als Entschädigung für anderwärts entzogene Gefälle abgetreten hat; der kleine Zehente, sowie der Heu- und Öhmdzehente war früher zwischen der Pfarrei und der genannten Stiftungsverwaltung ebenfalls als Nachfolger der Finanzverwaltung nach Distrikten getheilt, in neuerer Zeit wurden diese Rechte, soweit sie der Eßlinger Stiftungsverwaltung zustanden, abgelöst. Den Obstzehnten erhält der Pfarrer in Natur. Die ablösbaren Geldzinse, Fruchtgefälle u. s. w. sind abgelöst.

Von Ruith schrieb sich ein längst ausgestorbenes Adelsgeschlecht, dessen Burg im Weggenthal[1], am Weg nach Eßlingen, aus welcher zu Crusius Zeiten noch Steine ausgebrochen wurden, spurlos verschwunden ist. Sein Wappen, ein aufrecht stehender Löwe, ist ein und dasselbe mit dem der Herren von Neuhausen und Wernizhausen. Trutwin I. von Rieth, der älteste Bekannte seines Geschlechts, ist um 1140 Wohlthäter des Klosters Hirschau (Cod. Hirs. 68), Trutwin II. im Jahr 1228 des | Kl. Bebenhausen (Crus. 3, 20). In späterer Zeit kommen vor: Peter 1313, Trutwin III. 1324, Lutz 1330, Rüdiger 1368 u. a.

Der Ort hatte in Beziehung auf die Oberherrlichkeit den gleichen Wechsel wie die übrigen Filderorte; frühe erscheinen die Grafen von Württemberg im Besitz von Hoheitsrechten; wenigstens bestätigen bereits im Jahr 1277 die Grafen Ulrich und Eberhard von Württemberg dem Ritter Diether von Plieningen und seinem Sohne Schwigger den Verkauf von Gütern um Ruith und Horw (wovon sogleich) an Kl. St. Blasien (Sattler, Grafen 1 Beil. Nr. 7; die hier genannten Güter kamen sofort an die St. Blasische Vogtei Nellingen und durch diese an Württemberg). Im März 1382 wird Ruith nebst Horw unter den Orten aufgeführt, wegen welcher K. Wenzel an mehrere Reichsstädte ein Mandat erließ, dem Grafen Eberhard von Württemberg behülflich zu seyn, daß ihn die Eßlinger an der ihm über dieselben zustehenden Vogtei nicht irren (Steinhofer 2, 433).

Der früheste bekannte Pfarrherr ist Trutwinus plebanus de Rieth, Zeuge in einer Urkunde des Kl. Salem von 1281 Juni 28 (Salemer Schenkungsbuch in Carlsr. 3, 302). Den Pfarrsatz hat die Krone als Rechtsnachfolgerin der Probstei Nellingen (Binder 832). Am 26. April 1173 bestätigte P. Calixt III. dem Kl. Salem die hiesige Kirche.

Im Mutzenreiß, einem Walde, 1/2 Stunde östlich von Ruith, aber schon auf Nellinger Markung, erfocht Graf Ulrich von Württemberg mit seinen Verbündeten im Jahr 1449 einen Sieg über die Reichsstädte. – Im Jahr 1519 wurde Ruith von den Eßlingern im Krieg gegen Herzog Ulrich in Asche gelegt.

Im Juli 1796, während des Gefechts bei Canstatt, drangen die Franzosen von Degerloch aus über Ruith vor, um den österreichischen Feldmarschall Hotze bei Eßlingen anzugreifen; die Österreicher blieben indeß im Besitz der Anhöhen vor Eßlingen; die Franzosen hingegen bezogen eine Stellung bei Ruith und setzten Pikete an den Rand des Waldes. In dieser Verfassung brachten beide Theile den 22. Juli zu. (Erzherzog Karl, Grundsätze der Strategie 2, 239.)

Fünfhundert Schritte südwestlich von Ruith noch auf Ruither Markung, in einem sanft eingeteichten Wiesengrunde, lag der gänzlich verschwundene Ort Horw, von dem so eben unter den Jahren 1277 und 1382 die Rede war.[2] Zu Crusius Zeit bestanden allda noch zwei Maierhöfe. | Waltherus de Horwe beschenkte vor 1138 das Kl. Zwiefalten mit Gütern bei Nellingen (Berthold. Zwif. mscr. S. 43). In Horwe erhielt Kl. Hirschau Güter 1140 und um 1150 (Cod. Hirsaug. 61. 66, 75; dasselbe verkauft 1275 an Kl. Bebenhausen bona in Horwe oppido. Orig. in Karlsr.), deßgleichen das Stift Sindelfingen im Jahr 1302 (Chron. Sindelf. 8). Das Kl. Zwiefalten tauschte seinen dasigen Besitz im Jahr 1233 an Kl. Denkendorf aus (Sulger Annal. Zwif. 1, 190). Im Jahre 1238 erscheint urkundlich villa Horwe sita prope Ezzelingen (Haug zu Chron. Sindelf. 28), im Jahre 1287 ist Wal(ther) villicus in Horwe Zeuge in einer Eßlingischen Urkunde (Gerbert Hist. nigr. silv. 3, 216). Den Herzogen von Urslingen abgekauft, kam Horw im Jahr 1363 an Württemberg (Sattler, Grafen 1, 193; vergl. auch Waldenbuch), welches im Jahre 1366 Sept. 21 von Werner von Neuhausen dessen hiesige Leibeigenen an sich brachte. Das Dorf wurde durch die Eßlinger im April 1519 (O.-A.-Beschreibung von Eßlingen S. 171) verwüstet, und ist wohl in Folge hiervon abgekommen.



  1. Die Benennung Weggenthal ist abgegangen; vermuthlich ist hiemit das südöstlich von Ruith gegen Weil ziehende Thälchen gemeint, welches bei Anlegung des K. Parks Weil unter anderen auch in das Bereich desselben gezogen wurde und somit seine ursprüngliche Benennung mit der nun allgemeinen „im Park“ veränderte.
  2. Ein gerader, mit Gras bewachsener Weg, der von dem Scharnhauser Park her zu dieser Stelle führt, heißt noch jetzt die „Horbergasse“, die dort liegenden Wiesen werden die „Horber Wiesen“ und einige mit Hecken umfriedigten Güterstücke die „Horbergärten“ genannt. In den Horber Wiesen entspringen zwei Quellen, welche die seit ungefähr 40 Jahren abgegangene Wette des ehemaligen Dorfs speisten und den Anfang des Horber Bachs bilden.


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