Beschreibung des Oberamts Stuttgart, Amt/Kapitel B 19

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Kapitel B 18 Beschreibung des Oberamts Stuttgart, Amt Kapitel B 20 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Rohr,
Gemeinde III. Kl. mit 552 Einw., wor. 3 Kath. – Ev. Pfarrverweserei. Die Kath. sind nach Stuttgart eingepfarrt.
Das freundliche, ländlich stille Dorf liegt zwei Stunden südwestlich von Stuttgart am nordöstlichen Abhange des Schönbuchs und wird durch ein hier beginnendes Thälchen gleichsam in zwei Partien abgetheilt, von welchen die eine, nördlich des Thälchens liegende, sich von der Ebene bis in die Mitte des ziemlich steilen Abhangs hinzieht, während die südliche eine Häusergruppe in der Nähe der auf einem Bergvorsprung stehenden Kirche bildet. Beide Theile sind durch eine Häuserreihe, die sich am Fuß des Abhangs hinzieht, verbunden, weshalb Herzog Karl das Dorf Rohr seinen Zwerchsack zu nennen pflegte. Der mit guten, reinlichen Straßen versehene Ort hat Überfluß an gesundem Trinkwasser und auf den Fall der Feuersgefahr zwei künstlich angelegte Weiher. Einer von diesen, der einen breiten Wassergraben um eine ovale Insel bildet, liegt in einer Thalbucht nordwestlich der Kirche. Er nährte bis vor einigen Jahren gute Karpfen, jetzt wächst darin nur noch hohes Schilfrohr. Überhaupt ist der in der ganzen Einteichung sumpfige Grund zum Rohrwuchs sehr geneigt, was Anlaß zur Benennung des Orts gegeben haben mag. Durch gut angelegte Vicinalstraßen ist Rohr einerseits mit Vaihingen, anderseits mit Musberg in Verbindung gesetzt. Unchaussirte Straßen führen nach Möhringen und in westlicher Richtung auf die alte und neue Stuttgart-Böblinger Staatsstraße. Die kleine Kirche mit ihrem ummauerten Kirchhof liegt, wie schon bemerkt wurde, erhaben auf einem Bergvorsprung im südlichen Theile des Orts. Ursprünglich scheint sie nur eine Kapelle gewesen zu seyn, welche zu der ehemaligen Burg (s. u.) gehörte. Sie wurde nach der Jahrszahl über dem breit geöffneten, rundbogigen Eingang, der durch die Kirchhofmauer führt, 1588 erweitert. Das Chor, wenn es so genannt werden darf, ist bedeutend niederer als das veränderte Schiff, dessen Baustyl mit dem untern Theil des viereckigen, massiven, mit spitzbogigen Fenstern versehenen Thurms nicht übereinstimmt. An der südwestlichen Seite des Thurms befindet sich eine metallene Denktafel, auf den Tod eines Martin Sandberger, Bürger und Handelsmann zu Stuttgart, der im Jahr 1594 hier starb. Von den zwei Glocken trägt eine die Umschrift: Ave Maria gratia plena dominus tecum benedicta die andere ist von Pantlion Sidler zu Eßlingen im Jahr 1503 gegossen. Die Baulast der Kirche liegt der Stiftungspflege ob, welche übrigens wegen Mittellosigkeit von der Gemeinde unterstützt werden muß. Das zweckmäßig und schön eingerichtete Rathhaus mit Wasch- und Backhaus | wurde 1838 von der Gemeinde neu erbaut. Das Schulhaus, 1796 erbaut und 1828 erweitert, liegt von allen Seiten frei im untern Theil des Dorfs. An der Schule unterrichtet ein Lehrer, der vor der Aufhebung des Gemeindewahlrechts von der Gemeinde gewählt wurde, und ein Lehrgehülfe. Eine Industrieschule besteht seit 1834 mit gutem Erfolg; sie wird durch Jahresbeiträge von der Centralleitung des Wohlthätigkeitsvereins unterstützt.

Die Einwohner sind gutmüthig, gesetzt, ruhig und vermöge ihrer einsamen Lage den neuen Sitten nur langsam zugänglich. Ihr ausdauernder Fleiß wird, da der Boden ziemlich unergiebig ist, nicht gehörig belohnt, weshalb auch ihre Vermögensverhältnisse manches zu wünschen übrig lassen. Die Summe der auf den Ortseinwohnern haftenden versicherten Passivcapitalien betrug vor den Theuerungsjahren 42.223 fl. Die Feldgüter der Markung liegen theils auf der Filderebene, theils am nordöstlichen Abhange des Schönbuchs und auf dem Plateau desselben. Mit den Lagen wechseln auch die Bodenarten, welche auf der Filderebene aus gelbem Diluviallehm, mit etwas Sand gemischt, am Fuße des Abhangs aus schwerem Thon, am oberen Abhange und auf dem Plateau aus wenig Lehm mit vorherrschendem mageren Sand, eine Auflösung des hier lagernden grobkörnigen Keupersandsteins, bestehen. Im Allgemeinen ist der Boden nicht tiefgründig und humusarm. Die Luft ist rein und scharf, Frühlingsfröste und kalte Nächte schaden zuweilen, dagegen sind Gewitter und Hagelschlag selten, indem im Westen der Markung, auf dem Schönbuch, eine Wetterscheide sich befindet, welche die Gewitter entweder dem Aich- und Neckarthale, oder in nördlicher Richtung, dem Strohgäu zuweist; nur die von Osten kommenden Gewitter, welche sich an dem Höhenzug des Schönbuchs stoßen, sind für Rohr gefährlich.

Die gewöhnlichen Getreidearten werden in dem Dreifeldersystem angebaut; die meistens angebaute Brache liefert Kraut, Hanf, Runkelrüben, Futterkräuter und besonders Kartoffeln, welche hier sehr gut gedeihen. Haber und Kartoffeln werden meist nach Stuttgart abgesetzt. Der erzeugte Hanf wird im Ort selbst gesponnen, gewoben, gebleicht und das gewonnene Tuch größtentheils verkauft. Die Preise der Äcker sind 80–200–400 fl. und die der Baumäcker 200–500 fl. pr. Morgen. Eine Hauptnahrungsquelle bildet die Obstzucht, welche hier in namhafter Ausdehnung und mit gutem Erfolg betrieben wird. Ein großer Theil der Markung besteht aus Baumgütern und überdieß sind noch die Straßen und Allmanden mit Obstbäumen besetzt. Es werden hauptsächlich Luiken-, Fleiner-, Rosen- und Saueräpfel, und neben den Mostbirnsorten noch Reichenecker-, Bergamott-, Haber- und Bratbirnen gezogen. Der Obstertrag in guten Jahren mag 10.000 Simri betragen. Steinobst beschränkt | sich auf Zwetschen und etwas Pflaumen. Im Jahr 1847 wurde eine Obstdörrhütte erbaut; auch wurde vor einigen Jahren eine Gemeindebaumschule angelegt. Die zweimädigen Wiesen können theilweise bewässert werden und erzeugen gutes Futter, welches im Ort selbst verbraucht wird. Die Preise eines Morgens bewegen sich von 200–500 fl. Der Ort hatte früher auch Weinbau, der aber, laut Lagerbuchs schon seit 1702 nicht mehr getrieben wurde. Die Benennung der Grundstücke am Abhange westlich von Rohr „im Weinberg“ und noch vorhandene Staffeln verrathen die frühere Stelle des Weinbaus, auch werden jährlich von dieser Fläche 7 fl. 45 kr. Weinzehenten entrichtet. Pferdezucht findet nicht statt. Der Zustand der Rindviehzucht ist gut; ihre Ausdehnung steht so ziemlich im Verhältniß zu dem Ackerbau und dem Futterertrag; der Schlag ist eine kräftige Landrace, die sich durch Simmenthaler Kreuzung immer noch verbessert. Die Verbindlichkeit zur Faselviehhaltung ruht seit 1833 auf der Gemeinde, früher auf der Staatsfinanzverwaltung. Die Weide, welche lange Zeit der Gemeinde (früher der herrschaftlichen Schäferei in Musberg) gehörte, wurde im Jahr 1850 in Rücksicht auf Schonung der Güter aufgehoben. Die Schweinzucht ist von keinem Belang; Land- und Bayerschweine werden gekauft und gemästet. Gänse werden etwa 200 Stücke auf der Weide gehalten.

Bei der unzureichenden Ergiebigkeit des Feldbaues beschäftigt sich ein Theil der Einwohner zugleich mit Gewerben. Am zahlreichsten sind die Hafner, einer derselben verfertigt Fayenceöfen, wozu er die Erde aus dem Badischen bezieht und mit der hiesigen Hafnererde vermischt. Das Küchengeschirr von Rohr hatte früher einen Ruf; jetzt ist die gute Erde großentheils ausgegraben. Sieben Webermeister arbeiten auf Bestellung für Auswärtige; sonst wird Weberei hauptsächlich als Nebenbeschäftigung getrieben. Flachs und Hanf wird für den eigenen Bedarf und auf Bestellung gesponnen. Zur Erntezeit gehen Unbemittelte in das Unterland, um sich als Schnitter Verdienst zu erschaffen. Im weißen Stubensandstein sind Brüche angelegt, aus denen gute Bausteine gewonnen werden, und in der Ebene bricht man Liaskalksteine zu Unterhaltung der Straßen. Rohr hat nur eine Schildwirthschaft.

Das Activvermögen der Gemeinde beträgt nach der Rechnung von 1848/49 5488 fl. 13 kr., worauf 1425 fl. Schulden lasten. Außerdem besitzt dieselbe ungefähr 440 Morgen Waldungen, aus denen jeder Bürger statt früher 1/2 Klafter, jetzt nur noch 50 Wellen erhält, das übrige Holz aber für 600–1000 fl. jährlich zu Gunsten der Gemeindekasse verkauft wird, da der Bau des Rathhauses und andere außerordentliche Ausgaben sowie die Aufhebung der Schafweide, welche jährlich 400–500 fl. einbrachte, die Gemeindeeinkünfte so geschmälert haben, daß noch eine der Staatssteuer gleichkommende Summe als Gemeindeschaden umzulegen ist. Bei | der Stiftungspflege, welche zunächst die Kirchenkosten zu tragen hat, ist ein Activvermögen von 789 fl. 5 kr. vorhanden, worunter eine Stiftung des verstorbenen Schultheißen Stierle, im Betrag von 260 fl., deren Zinse zur Unterstützung der Ortsarmen verwendet werden.

Rohr, welches früher eine Frühmeß von Plieningen war, gehörte seit 1563 kirchlich zu Musberg, dessen Pfarrer außer den gesetzlichen Stolgebühren von der Gemeinde jährlich 60 fl., 4 Klafter Holz und 200 Stück Wellen und für 1/3 des kleinen Zehenten 28 fl. erhielt. Im Jahr 1848 wurde aber für die Kirchengemeinde Rohr ein beständiger Pfarrverweser bestellt, dem nun die Einkünfte, welche der Pfarrer von Musberg von der hiesigen Gemeinde bezog, zukommen.

Den großen und 2/3 des kleinen Zehenten zieht der Staat; Heuzehnten wird nicht gereicht. Die Hellerzinse, Küchengefälle, Fruchtgülten und Landachten, welche auf der Markung ruhten, sind im Jahr 1840 gegen den Staat mit einem Kapital von 2410 fl. abgelöst worden.

In Rohr war ein längst erloschenes Adelsgeschlecht, welches unter pfalzgräflich tübingischer Lehensoberherrlichkeit stand, angesessen. Sein Wappen war ein offener Flug. Im Jahr 1262 kommt vor Sophia von Rohr, welche mit Gutheißen ihres Gemahls Konrad von Schanbach und ihres Bruders Heinrich von Rohr das Kloster Bebenhausen mit Gütern in Bondorf bedachte. (Annal. Bebenh. bei Hess. Mon. Guelf. 258. Crus. Annal. 3, 104). Friedrich von Rohr hatte um dieselbe Zeit das Vogtrecht über die Güter des Stiftes Sindelfingen zu Vaihingen, bedrängte aber das Stift selbst, worüber er in den Kirchenbann kam. Mit diesem Banne belastet starb er und sollte des kirchlichen Begräbnisses entbehren. Um ihm ein solches zu verschaffen, verglich sich sein Sohn Wolpoto mit dem Stift, welches Schadensersatz erhielt (1271 Aug. 8). Dieser Wolpoto wurde Kanonikus in Denkendorf und am 21. Juli 1295 mit der Kirche in Bietigheim durch einen Speyrer Domprobst investirt. Spätere Herren von Rohr sind: Schwigger und Rugger 1295, Friedrich von Rore im Jahr 1312 Zeuge in einer Urkunde Graf Gottfrieds von Tübingen für St. Gallen, Osterbron I, welcher im Jahr 1348 Burgstall, Garten und kleinen Zehenten in Rohr dem Grafen Konrad von Vaihingen zu Lehen macht und hiefür den Widdumhof in Maichingen geeignet erhält, Fritz 1342, Osterbron II. 1369, Konrad, Reinhard und Wolpot 1365, Diez 1392 mit seinem Bruder Wolf 1406 (vergl. auch Musberg).

Im Jahr 1279 beschenkte Schwigger von Blankenstein das Kloster Bebenhausen mit hiesigen Zehenten. Württemberg erwarb den Ort in den Jahren 1366–1406 und 1557, nämlich im Jahr 1366 Sept. 21 Graf Eberhard der Greiner von Werner von Neuhausen seine hiesigen Leibeigenen, im Jahr 1400 Dec. 8 Graf Eberhard der Milde von Diez | von Rohr hiesige Güter und Rechte (Scheffer 38), im Jahr 1406 derselbe Graf von Diez und Wolf Gebrüdern von Rohr Güter allda, im Jahr 1557 Febr. 15 Herzog Christoph von der Stadt Eßlingen des dortigen Spitals Antheil am großen und den ganzen kleinen Zehenten nebst dem Kirchensatz, einem Lehen, dem Widdumhof (Sattler, Herzoge 4, 113).

Die Burg der Herren von Rohr stand hinter der Kirche; sie war mit einem ziemlich großen, mit Lehm wasserdicht ausgeschlagenen Graben umgeben, in welchen man eine Quelle leiten konnte, um ihn mit Wasser anzufüllen. Auf der Burgstelle selbst wurden in neuester Zeit eine Menge Hohlziegel, ein Marienbild, eine Pfeilspitze, eiserne Schnallen, eine steinerne Kugel, mehrere schön behauene Steine und 4–5′ dicke Mauern ausgegraben; an den aufgefundenen Resten zeigten sich häufig Brandspuren, die auf eine gewaltsame Zerstörung hindeuten. Von der Burg führte eine gepflasterte Straße auf den hohen Burgstall, einen westlich von Rohr gelegenen hohen Punkt, von dem man eine reizende Aussicht über die Fildergegend und an einen großen Theil der Alp (von Hohenzollern bis Hohenstaufen) genießt.


« Kapitel B 18 Beschreibung des Oberamts Stuttgart, Amt Kapitel B 20 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).